Natürlich darf man Israel hierzulande kritisieren

Kritik an Israel muss auch in Deutschland erlaubt sein. Die Kaltschnäuzigkeit, mit der das passiert, und der Mangel an Einfühlung in die israelische Notlage sind der eigentliche moralische Skandal. Von Clemens Wergin

In der Causa Günter Grass haben sich viele blamiert. In erster Linie der Dichter selbst, dessen Drang nach Entlastung von der Schuld der Nazizeit offenbar im Alter so stark geworden ist, dass für ihn Werte wie moralische Integrität und intellektuelle Aufrichtigkeit dagegen verblassten. Aber Grass ist bei Weitem nicht der Einzige, der sich nach diesen Tagen der aufgeregten Debatte ein paar Fragen stellen sollte.

Fangen wir bei der „Süddeutschen Zeitung“ an. Die druckte das grasssche Machwerk am Mittwoch kommentarlos auf ihrer ersten Kulturseite, nachdem das Pamphlet als „Ein Aufschrei“ groß auf Seite eins der Zeitung angekündigt worden war.

Die Macher der „SZ“ hatten offenbar nicht das Gespür ihrer Kollegen von der „Zeit“, die nach Lektüre auf einen Abdruck verzichtet hatten. Auch der italienischen „Repubblica“ muss man zugutehalten, dass sie eine Hetzschrift erkennt, wenn sie sie sieht. Sie druckte das Gedicht am selben Tag wie die „SZ“ – allerdings flankiert von einem Artikel, der nachwies, dass Grass‘ Behauptungen keinem Faktencheck standhalten. Dazu stellte das italienische Blatt einen Kommentar, der sich deutlich von Grass distanzierte.
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„Was gesagt werden muss“

Ihren Lesern offerierten die Münchner erst am Folgetag eine Einordnung. Die stellte Grass einen Persilschein aus: So seien Künstler eben, sie übertrieben und könnten auch mal irren. Der Text von Thomas Steinfeld windet sich und weicht aus, um nicht das Offensichtliche feststellen zu müssen: dass Grass ein Propagandastück abgeliefert hatte. Stattdessen versteht der Leser vor allem eins: Weil der Dichter der Zeitung einen exklusiven Coup ermöglicht hatte, brachte diese es dann nicht fertig, sich in angemessener Schärfe zu distanzieren. Der Überbringer der grassschen Botschaft blieb mitgefangen und damit befangen.

Auch die ARD ohne faktensichere Einordnung

Blamiert hat sich auch die ARD. Die mit etlichen Gebührenmilliarden finanzierte Anstalt verfügte offenbar nicht einmal in ihrem Hauptstadtbüro über einen  Kommentator, der in Sachen Israel und Iran faktensicher genug gewesen wäre,  um zu erkennen, wie Grass die Realität für seine ideologischen Zwecke hingelogen- und -gebogen hat.

Kommentator Thomas Nehls  hatte jedenfalls genauso wenig wie Grass verstanden, dass Israel Iran nicht mit Auslöschung droht (sondern dass es sich umgekehrt verhält), und dass deutsche U-Boote für Israel nicht dem Erstschlag dienen, sondern zur Bereitstellung einer atomaren Zweitschlagkapazität, also zur klassischen Abschreckung eines Angriffs mit Massenvernichtungswaffen gegen das israelische Volk. Stattdessen entblödete sich Nehls nicht, Grass für den Friedensnobelpreis vorzuschlagen.

Dass die ARD am Folgetag Günter Grass noch einmal ein Forum offerierte, seine Hetzschrift vor Millionenpublikum vorzutragen und danach nicht einmal wirklich kritisch nachfragte, rundet dieses Bild nur ab. Es ist jedenfalls bezeichnend, dass Beifall für Grass  ansonsten vor allem  von der radikalen Linken, der radikalen Rechten und aus dem Iran kam.

Ein immer noch nicht verarbeiteter Schuldkomplex

Trotz der Fehlleistungen einiger Medien könnte man beruhigt sein. Die wichtigsten Publikationen des Landes – von „Spiegel“, „Zeit“ und „taz“ bis zu „FAZ“, „Welt“ und „Bild“ – haben einen Cordon des Anstandes gegen Grass gebildet.

Wirklich beunruhigend aber ist, was sich jenseits dieser Elitendiskurse abspielt. Dazu muss man nur in die Kommentarspalten der Nachrichtenwebseiten der Republik schauen. Der Hass auf Israel und auf Juden allgemein in den vielen Leserkommentaren zeigt, dass es in diesem Land Aufnahmebereitschaft für Grass-Thesen gibt. In den meisten Fällen ist es gar nicht mehr möglich, das Gemisch aus Antizionismus und Antisemitismus politisch eindeutig links oder rechts außen zu verorten. Hier wächst zusammen, was beim Thema Israel schon lange zusammendrängt.

Und wegen eines offenbar immer noch nicht verarbeiteten Schuldkomplexes scheint es weiter das dringende Bedürfnis in der deutschen Gesellschaft zu geben, die historische Schuld von sich zu weisen, indem man die Israelis als Verbrecher hinstellt. Als neue Nazis, die zu allem fähig sind, auch zu einem atomaren Erstschlag gegen den Iran.

Die Medien sind Mitschuld an der Israel-Abneigung

Es wäre allerdings auch zu einfach, sich mit der Erklärung zufriedenzugeben, die pöbelnden Internet-User da draußen hätten ihre Geschichtslektion eben nicht gründlich genug gelernt. Baut die tiefe Abneigung gegen Israel doch letztlich auf der Berichterstattung vieler Medien auf, die gerne die Schuld an allem, was in Nahost falsch läuft, Israel zuschieben und kaum ein gutes Haar am jüdischen Staat lassen. Für solche Zuschreibungen gibt es hierzulande eine Nachfrage beim Publikum, die von manchen Medien bereitwillig beliefert wird.

An dieser Stelle fällt meist das Argument, man werde Israel doch wohl noch kritisieren dürfen. Natürlich darf man. Aber in dem Deutschland, für das Günter Grass stellvertretend steht, geschieht das oft mit einer Kaltschnäuzigkeit und einem Mangel an Empathie, die gruseln machen.

Israelkritik als Sport, um unsere Seelen abzuhärten

Es gibt sehr gute Gründe gegen einen israelischen Militärschlag auf das iranische Nuklearprogramm, der, das sei noch einmal angemerkt, mit konventionellen Mitteln und nicht mit einer Nuklearwaffe erfolgen würde. Es gibt allerdings auch sehr gute Gründe, die für solch einen Angriff sprechen.

Man muss Israels Premier Benjamin Netanjahu auch nicht mögen und seine Siedlungspolitik. Aber was für eine Dickfelligkeit muss man eigentlich besitzen, um sich nicht von der Tatsache berühren zu lassen, dass das jüdische Volk mehr als 60 Jahre nach dem Ende Nazideutschlands wieder mit Auslöschung bedroht wird?

Eine Bedrohung, die deutsche U-Boote helfen zu begrenzen, weil sie Israel – das mit wenigen Atombomben gänzlich vernichtet werden könnte – eine abschreckende Zweitschlagkapazität ermöglichen?

Man wird den Eindruck nicht los, dass der so eilfertig betriebene Sport der Israelkritik in Deutschland letztlich dazu dient, unsere Seelen abzuhärten. Abzuhärten gegen den moralischen Skandal unserer Zeit: dass abermals ein Regime aufgestanden ist, welches dem jüdischen Volk mit Vernichtung droht. Und welches bald auch die Waffen in der Hand haben könnte, die Arbeit Hitlers zu vollenden, wenn es ihm denn gefällt.

Das Original finden Sie in der WELT vom 7. April 2012.

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