Diesmal war die Eröffnung im Rathaus Schöneberg ein besonderes Ereignis: Dank des Einsatzes des Bezirks Tempelhof-Schöneberg, zahlreicher Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens, des Fördervereins “Frag doch! Verein für Erinnerung und Begegnung e.V.” und der persönlichen Verdienste von Katharina Kaiser, Leiterin des Kunstamts Schöneberg, wird die inzwichen zum 6. Mal gezeigte Ausstellung mit stets erweiterten Biographien jüdischer Zeitzeugen in Schöneberg künftig dauerhaft gezeigt werden. Dies wurde von allen Rednern ausdrücklich begrüßt. Kulturstaatssekretär André Schmitz, hob hervor, dass die Senatsverwaltung für Kultur in diesem Jahr eine Anschubfinanzierung bereit gestellt habe. Eine besondere Würdigung ging an Katharina Kaiser, ohne deren jahrelangen und intensiven Einsatz eine solche Lösung nicht möglich gewesen sei.
Blick in die Ausstellung


v.l.: I.E. Frau Ruth Jacoby, Botschafterin von Schweden, mit ihrem Mann, das Album von Rabbiner Leo Baeck sowie die Schöneberger Zeitzeugen Rahel Mann und Hellmut Stern.
Rahmenprogramm und Ausstellung
Lesen Sie im folgenden die Rede von Jochen Feilcke, Vorsitzender der DIG Berlin und Potsdam, der sich mit allen anderen Kooperationspartnern des Abends freute.
Grußwort von Jochen Feilcke aus Anlaß der 6. Eröffnung der Ausstellung WIR WAREN NACHBARN am 24. Januar 2010 :
“Sehr verehrte Damen und Herren, liebe Freunde,
im Juni 1925 gab es im Deutschen Reich 564 379 Juden. Das waren 0,9% der Gesamtbevölkerung. In Preußen war ihr Anteil etwas höher, aber rückläufig. Hatte man 1871 z.B. in der Provinz Posen 62 000 Juden gezählt, waren es 1910 nur noch 26.000. Ihr Wanderungsziel war zumeist Berlin. In Berlin waren 4,3% der Bevölkerung Juden, hier lebten 31% aller deutschen Juden. 1933 wohnten in Schöneberg mehr als 16 000 jüdische Bürger, ein Großteil von ihnen im Bayerischen Viertel.
Dieses Viertel entstand vor 100 Jahren. Seine Straßennamen – z.B. Münchener, Passauer, Regensburger Straße und Bayerischer Platz – gaben ihm die Bezeichnung. Das Entstehen des Bayerischen Viertels ist eng mit dem Namen Haberland verbunden. Der Sohn des Mitgründers Salomon, Georg Haberland schrieb 1931 über die Gegnerschaft gegenüber der Schaffung dieses Wohnviertels von offenem und verhülltem Antisemitismus. So habe ihn der Schöneberger Kommunalpolitiker Fritz Heyl durch die Brechung eines mündlich geschlossenen Vertrags um 50.000 Mark betrogen und freimütig geäußert, »einem Juden brauche man sein Wort nicht zu halten«.
Der Anteil jüdischer Bürger war bis 1933 ungewöhnlich hoch. Kein Wunder daher, dass es auch als »Jüdische Schweiz« bezeichnet wurde. Ende Februar 1943 kam es im Viertel zu Razzien und Verhaftungen, im Juni 1943 waren das Bayerische Viertel und ganz Schöneberg, wie Göring verlangte, »judenfrei«.
Alles olle Kamellen!!?? Mit kleinen und immer größer werdenden Gemeinheiten, frechen Pöbeleien und Schikanen begann es…
Auch im Jahre 2010 müssen wir auf der Hut sein! Wir sind noch längst nicht »Antisemitismus-frei«. Wir begegnen der Diskriminierung von Juden, weil sie Juden sind. »Du Jude« ist längst wieder gängiges Schimpfwort auf deutschen Schulhöfen! Natürlich darf man einen bösen Menschen böse nennen, sei er Christ, Muslim oder Jude. Darf man ihm auch seine Existenzberechtigung absprechen? Darf man alles Unheil dieser Welt auf „zionistische Verschwörung“ zurückführen? Seit den Anschlägen vom 11. September 2001 treten weltweit und vermehrt antisemitische Verschwörungstheorien auf (z.B. hinter den Anschlägen stehe eigentlich der Mossad). Es ist ja leider wahr, dass selbst der Tsunami vor 5 Jahren, weil er überwiegend Regionen getroffen hat, die eine muslimische Bevölkerungsmehrheit haben, also angeblich Juden genutzt habe, folgerichtig von diesen verschuldet gewesen sein müsse. Sicher wird es bald Stimmen geben, die herausfinden werden, daß auch das schreckliche Erdbeben in Haiti im jüdischen Interesse liegt, schließlich waren Israelis als erste Helfer ins Land gekommen. Also Erdbebenhilfe im Sinne der staatlichen PR???
Wie oft werden vor allem hierzulande Israel oder “die Juden” selbst für Antisemitismus verantwortlich gemacht! Schließlich müßten die Juden doch nach allem was geschehen sei am besten wissen, was man von ihnen erwarte. So, als ob Verfolgung und Ermordung erzieherischen Zielen gedient hätten …
Häufig findet sich Antisemitismus auch im Deckmantel der Israel- oder Zionismus-Kritik, etwa:
wenn 1. gerade in Deutschland, Vergleiche von Aktionen des Staates Israel mit den Untaten des Naziregimes vorgenommen oder entsprechende Andeutungen gemacht werden (z.B. Israel betreibe die “Endlösung der Palästinafrage”). Denn diese Vergleiche zielen tendenziell oder eindeutig fast immer darauf, die Opfer von einst zu den Tätern von heute zu machen. Sie gründen sich zumeist in einer Erinnerungs- und historischen Verantwortungsabwehr (”Schlussstrich”) in Bezug auf die Untaten der NS-Vergangenheit.
wenn 2. die Staatsgründung Israels durch UN Beschluß als widerrechtlicher, kolonialistischer Akt diffamiert und Israels Existenzrecht in Frage gestellt wird.
wenn 3. Juden in Deutschland kollektiv für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht werden oder Kritik an Israel sich in eine generelle Kritik an allen Juden oder Juden in anderen Ländern wandelt.
Auch wenn es richtig ist, dass Vorurteile immer Verurteilungen ohne Beurteilung sind, also aus fehlendem Beurteilungsvermögen, aus Ignoranz und Bösartigkeit erwachsen, auch wenn es richtig ist, dass Antisemitismus in Deutschland Ausdruck ganz besonderer Bösartigkeit und Dummheit ist: Wir dürfen uns niemals damit abfinden nach dem Motto „Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens“. Nein, wir müssen klären, aufklären und erklären, wir müssen unsere Geschichte – gut und böse, glänzend leuchtend und düster, stolz und beschämt – annehmen. Auch und gerade deshalb ist diese Ausstellung im Rathaus Schöneberg unverzichtbar!
In einer Pressemitteilung des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg vom 9.12.09 heißt es:
„Eine Vorlage des Stadtrates für Schule, Bildung und Kultur, Dieter Hapel, die die Verstetigung der bisher nur sporadisch präsentierten Ausstellung „Wir waren Nachbarn“ zum Inhalt hatte, ist in der gestrigen Beizirksamtssitzung beschlossen worden. Er zeigte sich über diese Entscheidung sehr erfreut…“
Weiter unten heißt es „Neben Dieter Hapel zeigt sich auch Bezirksbürgermeister Ekkehard Band erfreut, daß es dank einer zugesagten Anschubfinanzierung durch die Senatsverwaltung für Kultur in Höhe von € 100.000 möglich sein wird, diese Ausstellung dauerhaft im Rathaus Schöneberg zeigen zu können. Bezirksbürgermeister Band dankt insbesondere Staatssekretär Schmitz für sein Unterstützung bei der finanziellen Hilfestellung.“
Ich gebe hiermit zu Protokoll: „Der Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in Berlin und Potsdam, Jochen Feilcke, zeigt sich ebenfalls sehr erfreut und auch er dankt Staatssekretär André Schmitz aus- und nachdrücklich.“
Ich bin sicher, ich darf uns alle in die Freude und Dankbarkeit einbeziehen!!!
Der Ausstellung wünsche ich viele Besucherinnen und Besucher!
Vielen Dank.”

