| Studieren in … Jerusalem |
| Geschrieben von Alexander |
Juden, Christen, Moslems. In Jerusalem treffen die drei großen Weltreligionen aufeinander. Auch Armenier und Griechen bewohnen die Stadt schon seit Hunderten von Jahren. Außerdem Deutsche, Franzosen und Amerikaner, die in Klöstern leben oder in kirchlichen Organisationen arbeiten. Ein einfacher Spaziergang durch die Stadt endet immer mit unvergesslichen Erlebnissen und Szenen, die kurios erscheinen und dennoch wahr sind. Nach einem Semester ist vieles bekannt, bleibt aber doch merkwürdig exotisch. Die Atmosphäre, die Jerusalem und Israel versprühen und jeden verzaubern, der einmal dort gewesen ist, hatte ich bereits gespürt, als ich meinen Zivildienst in Israel leistete. Während meines Studiums der Sozialwissenschaften wollte ich durch ein Auslandssemester mein Wissen über das politische System Israels und des Nahen Ostens noch weiter vertiefen.
Vor Ort besuchte ich zunächst einen intensiven Hebräisch-Sprachkurs, der zweieinhalb Monate lang lief. Da das Programm, in dem ich studierte, nach amerikanischem System ablief, war sogar der Sprachkurs enorm verschult. Wer fünf Minuten zu spät kam, musste bis zur ersten Pause draußen warten. Wir Studierende, für die Noten im Sprachkurs nicht wichtig waren, hatten immer viel Spaß und waren fast die ganze freie Zeit unterwegs, während die anderen ganz schön büffeln mussten. Und das bei 35 Grad im Schatten! Oft waren wir in der quirligen Jerusalemer Altstadt auf der Suche nach »echten« Souvenirs, die, wie sich später herausstellte, meist in China produziert werden. Ein anderes Mal fuhren wir nach Tel Aviv, um am Strand die Sorgen des Lebens zu vergessen und einfach den Sommer zu genießen. Außerdem besuchten wir auch eine der vielen politischen Veranstaltungen, die sich natürlich meistens um den Konflikt zwischen Juden und Palästinensern drehten. Das Tote Meer und die Wüste waren wegen ihrer Nähe zu Jerusalem auch beliebte Ausflugsziele am Wochenende; an klaren Tagen konnte man das Tote Meer sogar von der Uni aus sehen.
Blick aufs Tote Meer
Die freie Zeit nach dem Sprachkurs nutzte ich, um mit Freunden nach Jordanien zu fahren und am Roten Meer zu entspannen. Innerhalb von fünf Stunden kann man vom Trubel Jerusalems ans Rote Meer fahren, um zwischen Korallen zu schnorcheln, Tee zu trinken und die Ruhe zu genießen, die vom Meer und von den hohen Bergen des jordanischen Hinterlandes ausgeht. Nach den Anstrengungen des Sprachkurses war das wirklich das Beste, was mir passieren konnte. Die Grenzstadt Aqaba ist eine typisch jordanische Stadt: laut und rastlos, mit vielen Straßenverkäufern und einer Menge Verkehr. Fährt man jedoch ca. 20 Kilometer weiter südlich, ist man in einer anderen Welt. Vom Strand aus kann man gleichzeitig vier Länder sehen: Israel, Jordanien, Ägypten und Saudi-Arabien. Im Oktober scheint es den Einheimischen zu kalt zu sein und auch Touristen kommen offenbar zu einer anderen Saison, so dass wir den Strand für uns alleine hatten. Einen Tag haben wir genutzt, um eine Wüstenwanderung zu unternehmen. Die Wüste hat eine schon fast magische Atmosphäre. Die Stille und Abgeschiedenheit lassen einen den Stress und den Alltag vergessen und man taucht unweigerlich in eine andere, fremde Welt ein. Wie schon Lawrence von Arabien gesagt hat: Wer einmal in der Wüste war, den lässt die Wüste nicht mehr los.
Die Kurse an der Uni waren vom Thema her interessant, aber vom akademischen Anspruch nicht wirklich hoch. Dadurch war der Unterricht zwar spannend, aber es musste auch nicht zu viel Zeit in die Aufbereitung des Materials investiert werden. Dies ließ wiederum viel Zeit für Konzerte, Vorträge, Kinobesuche und generell für die Entdeckung Jerusalems. Spannend war auf jeden Fall, dass die Inhalte aus meinen Kursen zum Thema Nahost dann direkt auf der Straße nachzuerleben waren. Israelische Soldaten sind ein normaler Teil des Stadtbildes und Bauwerke wie der arabische Felsendom oder die jüdische Klagemauer sind aus dem Stadtbild nicht wegzudenken. Studieren in Israel heißt natürlich auch, den Konflikt, der dort leider immer noch herrscht, hautnah mitzuerleben, aber anders, als man es sich vorstellt. Konflikt hieß für mich vor allem, selber Grenzen zu übertreten. Es hieß, jüdischen Freunden zu erzählen, dass man im arabischen Teil der Stadt einkaufen war und zu hören: »Du bist doch verrückt, das ist doch gefährlich«. Im Arabischen Stadtteil Jerusalems hörte man dann: »Du lebst im jüdischen Stadtteil, was willst du denn da?« Jerusalem ist trotz aller kulturellen Vielfalt und dem Nebeneinander merkwürdig geteilt. Als Ausländer durch die Stadt zu gehen und Grenzen zu überschreiten, die von Einheimischen selten überschritten werden, ist ein Teil des Lebens dort. Gleichzeitig fühlt man sich als Vermittler zwischen den Welten, wenn man erzählt, was die Menschen »auf der anderen Seite« denken und fühlen.
Auch meine Wohnsituation stellte sich als interessantes Unterfangen heraus. Nachdem ich eine Weile in der Wohnung einer Bekannten untergekommen war, zog ich in ein Wohnheim der Universität. Dort hatte ich das Vergnügen, zuerst mit zwei verrückten Amerikanern und dann mit zwei verrückten Israelis zusammenzuwohnen: Kulturschock pur. Die beiden Amerikaner weigerten sich, normales Besteck zu benutzen, da sie zu Hause ja auch nie abwaschen müssten und kauften sich stattdessen Partybesteck. Währenddessen teilten die beiden Israelis alles miteinander, ihre Zimmer, ihr Essen und anscheinend auch ihre Freundinnen. Da die Wände des Wohnheims relativ dünn waren, nahm man auch gleich Anteil an Freuden und Leiden der Nachbarn, ein weltweites Phänomen von Wohnheimen, wie mir scheint. Da das Internet kostenpflichtig war, es aber auch wohltätige Studenten gab, die ihre Drahtlosnetzwerke nicht verschlüsselten, gab es regelrechte Treffpunkte im Wohnheim. Auf der Wiese vor dem Gebäude mit der Nr. 5 gab es zum Beispiel Internet gratis. Viele Lieb- und Freundschaften unter Studierenden sind hier entstanden.
Minztee und Partybesteck
Die religiösen Feste waren definitiv die Höhepunkte meines Aufenthaltes, wie etwa Palmsonntag, wenn Pilger aus aller Welt nach Jerusalem strömen und die Stadt für ein paar Tage vollständig verwandeln. Obwohl ich nicht religiös bin, war in solchen Momenten die Kraft der Religion und des Glaubens deutlich zu spüren. Bei solchen Anlässen wurde klar, woher die Bezeichnung »Heiliges Land« kommt. Zu religiösen Festen aller drei Religionen versammeln sich tausende Menschen an bestimmten Orten und feiern gemeinsam ihre Religion und ihren Glauben. Ich denke, dies waren die faszinierendsten Momente meiner Zeit in Jerusalem.
So unterschiedlich wie die Kulturen, so unterschiedlich ist auch das Nachtleben. Trifft man im jüdischen Teil der Stadt auf Clubs und Bars, die man auch in Berlin finden könnte, so gibt es dort auch Bars wie das Blue Hole, die einmalig sind. Wo sonst bekommt man deutsches Paulaner, israelisches Goldstar und palästinensisches Taybeh-Bier zu trinken, Hummus und sauer eingelegtes Gemüse zu essen und dazu die Beatles oder die neuesten Hits aus Amerika neben israelischen Stars zu hören? Legendär sind auch die Freitagabende im Jerusalem Hotel im arabischen Teil der Stadt, wo Wasserpfeifen, Minztee und schmachtende arabische Liebeslieder von einer Live-Band gespielt die Stimmung zum Kochen bringen. Dort sitzend weiß man schließlich: Das ist der Nahe Osten.
JuFo Bildergalerie Israel im April 2010
Israel April 2010 von Marc Fielmann — Zur Großansicht bitte auf das einzelne Bild klicken.

