
Jochen Feilcke, Helmut Donat, I.E. Ruth Jakoby, Sts. André Schmitz, Ulrich Schürmann mit Sonja Sonnenfeld
Am 22. März erzählte die ehemalige Berlinerin und heutige Schwedin Sonja Sonnenfeld, 97 Jahre jung, vor rund 200 Gästen im Louise-Schroeder-Saal des Roten Rathauses auf Einladung von DIG Berlin und Potsdam, Berliner Senat und GCJZ aus ihrem Leben. Der Kulturstaatssekretär des Berliner Senats, André Schmitz, sprach ebenso wie Jochen Feilcke ein Grußwort. Während ihr Verleger Helmut Donat sie auf sehr persönliche Art vorstellte, sprach der Evangelische Vorsitzende der GCJZ, Ulrich Schürmann, das Schlußwort. Ehrengast des Abends war die Botschafterin von Schweden, I.E. Ruth Jakoby, deren Vater aus Berlin-Schöneberg stammt. Wenn Sonja heute in Berlin ist, wohnt sie bei ihr im Haus.
Mit viel Charme, Witz und Souveränität erzählte die “Jahrhundertzeugin” zahlreiche Anekdoten aus ihrem Leben, einige davon mit viel Hintersinn. Ein Jahr vor seiner Ermordung 1922 hatte sie auf dem Schoß von Walther Rathenau gesessen und später um “Onkel Rathenau”, den damaligen Außenminister, geweint. Deutlich wurde, dass sich die Jüdin zeitlebens nie gescheut hatte ihre Meinung zu sagen. Die Nazizeit hat sie dennoch überlebt. Ihre Eltern waren rechtzeitig nach Schweden geflohen, Sonja verließ Deutschland in der Reichspogromnacht am 9. November 1938. Offenbar fand sie in ihrem späteren Mann einen ebenbürtigen Partner. Als sie in einem Klinikum ihre Tuberkulose auskurierte, kündigte ihr dieser bereits beim ersten Kennenlernen an, dass sie ein Jahr später heiraten würden. Ihrer Wahlheimat Schweden hat Sonnenfeld nie verziehen, dass sich die Regierungen nicht ausreichend um die Freilassung von Raoul Wallenberg gekümmert hatten. Diesem fühlte sie sich von Anfang an geistig und menschlich verbunden, obwohl sich beide nie kennengelernt hatten. Bis heute kämpft sie um die Aufklärung seines Verschwindens.
Rede von Helmut Donat für die Veranstaltung mit Sonja Sonnenfeld vom 22. März 2010 im Louise Schröder-Saal des Berliner Rathauses:
Ich habe Sonja Sonnenfeld im März 2001 kennengelernt. Wir waren uns auf Anhieb sympathisch. Ich kannte damals schon einen Teil ihrer Erinnerungen. Wir kamen überein, ihr Manuskript zu überarbeiten und in meinem Verlag herauszubringen. Das Buch sollte im November 2001 herauskommen, und sie sollte es dann in Bremen der Öffentlichkeit und an Schulen vorstellen. So ist es dann auch geschehen.
Längst sind wir sehr gute Freunde geworden. Am besten läßt sich unsere Beziehung vielleicht durch eine kleine Anekdote charakterisieren. Als Sonja im November 2001 in Bremen war, sagte ich ihr einmal im Überschwang: „Wenn Sie nicht über dreißig Jahre älter wären als ich, könnte ich Ihnen glatt einen Heiratsantrag machen!“ Woraufhin Sie sogleich entgegnete: „Warum nicht? Ich kann ja die dreißig Jahre warten!“
Damit sind wir bei einer der hervorstechenden Eigenschaften einer Schwedin, die auch noch stolz darauf ist, so gar nicht wie eine Schwedin auszusehen oder gar eine gefühlte Schwedin zu sein: Ihr Humor, den sie nie verloren und den sie offenbar von ihrer Mutter „geerbt“ hat. Und wenn man mit Sonja eine Weile zusammen ist und mit sich ihr unterhält, wird man spätestens gewahr, was es mit dem sogenannten und viel gerühmten Berliner Mutterwitz auf sich hat. In Berlin ist sie aufgewachsen – und Berlin ist weiterhin ihre Stadt. Auch heute noch. Sie sagt und begründet das, und wie sie es begründet, offenbart eine zweite ihrer Charaktereigenschaften: ihre Authentizität. Sie redet nicht über Dinge, die sie nicht selber erlebt hat – und die Menschen merken das, ob Männlein oder Weiblein, ob alt oder jung. Und kaum einer kann sich ihrem Charme und der Ausstrahlung ihrer Energie entziehen. Ein Junge, der zu Hause überaus begeistert vom Schulbesuch Sonjas erzählte, wurde schließlich von seinem Vater unterbrochen und gefragt: „Nun sag einmal, wie alt ist denn die Dame?“ Die Antwort des Jungen: „Wenn Du Dir den Kopf wegdenkst, dann ist sie zwölf!“
Und damit sind wir bei einer dritten Eigenart Sonjas. Sie wirkt auf ihre Zuhörer, als sei sie eine von ihnen. Mit anderen Worten: Sie versteht es außerordentlich gut, sich in andere hineinzuversetzen. Oder anders ausgedrückt: Sie hat sich die selten gewordene Gabe erhalten zuzuhören. Und da sie das kann und tut, nimmt man es ihr auch gar nicht übel, wenn sie lange redet und andere ihr zuhören. Sie haben es gern, sie sprechen und erzählen zu hören.
Im letzten September ist Sonja 97 Jahre alt geworden. Sie selber sagt: „Das ist doch kein Alter.“ Vorträge an Schulen und anderen Orten will sie bis zum 100. Lebensjahr weiter halten. Es ist ihr zuzutrauen, und es ist ihr zu gönnen. Was sie dann machen wird, ist noch nicht ganz klar. Eines ist aber jetzt schon. Zusammen mit ihrer Enkelin werden wir eine Firma gründen, die aus sogenannten Pensionären bestehen soll. Jede oder jeder, der sich berufen fühlt, ist eingeladen mitzumachen. Sollten sie also bis dahin, in den Unruhestand getreten sein und Lust haben, noch etwas auf die Beine zu stellen, melden sie sich doch einfach bei uns. Sonja hat also noch viel vor, schont sich nicht und wird nicht aufhören mitzureden.
Eine Bremer Zeitung titelte einmal: „90 Jahre – und kein bißchen leise!“ Nein, leise ist sie nicht, mit ihren inzwischen 97 Jahren, aber deshalb ist sie noch lange nicht laut in einem schlechten Sinne. Im Gegenteil. Sie reist mit ihren 97 Jahren von Stockholm nach Berlin und Bremen, absolviert an Schulen und sonstigen Veranstaltungsorten ein immenses Programm – und fühlt sich dabei auch noch pudelwohl. Nur Treppensteigen, das mag sie nicht. Und wenn es ihr zu schnell geht, kann es passieren, daß sie sich umdreht und erläuternd hinzufügt: „Ich bin leider etwas langsamer geworden. Ihr müsst bitte bedenken, ich bin doch keine 90 mehr.“ Und damit wären wir bei einer vierten Eigenschaft angelangt: der Vitalität. Woher sie kommt? Ich weiß es nicht, denke mir aber, es hat damit zutun, dass sie sich nie aufgegeben hat und immer in Bewegung geblieben ist. Sie alle wissen: Bewegung ist Leben. Und das wünsche ich Dir, liebe Sonja, und uns allen: Immer schön in Bewegung bleiben und leben. Und Ihnen wünsche ich einen ebenso unterhaltsamen wie zum Nach- und Weiterdenken anregenden Abend. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.
Sonja Sonnenfeld : Es begann in Berlin – Ein Leben für Gerechtigkeit und Frieden, Donat-Verlag, Bremen 2005
Sonja Sonnenfeld sprach am 22. März 2010 im Roten Rathaus
Auf Einladung von DIG Berlin und Potsdam, dem Berliner Senat für kulturelle Angelegenheiten und der GCJZ war sie zu Gast im Rahmen der "Woche der Brüderlichkeit" — Zur Großansicht bitte auf das einzelne Bild klicken.
Rede von Sonja Sonnenfeld zur Gedenkveranstaltung am 9. November 2005 im Rathaus von Delmenhorst
Vor 67 Jahren, am 9. November 1938, lebte ich in Berlin. Ich war damals 26 Jahre alt und sah, was sich in der Nacht abspielte. In der Fasanenstraße brannte die Synagoge. Die Feuerwehr und Polizei kamen, aber nicht um das brennende Gebäude zu retten, sondern um zu verhindern, daß die Flammen auf die umliegenden Häuser übergriffen. Ich sah, wie man Juden verfolgte und schlug, in jüdische Geschäfte einbrach und sie demolierte. Mein späterer Mann Wolfgang Sonnenfeld hielt sich ebenfalls auf der Straße auf. Als er in seine Wohnung zurückkehrte, fand er sie in einem Zustand vor, als seien dort die Wandalen
Bild Berlin: Mit 97! Berliner Zeitzeugin auf Lesereise
Lesen Sie einen Artikel bei “Bild Berlin” über Sonja Sonnenfeld. Artikel [...] Mehr…
Berliner Morgenpost: Humorvolle Mahnerin
Lesen Sie einen Artikel über Sonja Sonnenfeld in der Berliner Morgenpost vom 23.03.2010: “Humorvolle Mahnerin” [...] Mehr…
Bericht und Fotos von Meggie Jahn
Lesen Sie im folgenden ihre Rede anläßlich des 9. November 2005 im Rathaus von Delmenhorst , in der Sonja Sonnenfeld über ihre Erlebnisse am 9. November 1938 in Berlin berichtet:
eingefallen. Seine Geige und sein Klavier lagen zertrümmert auf der Straße. Alles war kurz und klein geschlagen – und er konnte froh sein, nicht zu Hause gewesen zu sein. Wer weiß, was man mit ihm gemacht hätte. Nach der Nacht des “Mordens und Zerstörens” schämte ich mich, noch in Berlin zu sein und wollte nichts als weg. Drei Wochen später ging ich zu meinem Vater nach Lund in Südschweden.
Der 9. November 1938 markiert einen Einschnitt in der Geschichte der Judenverfolgung in Deutschland und Europa. Doch bereits in den Jahren zuvor waren die Juden in einer beispiellosen Weise behandelt worden. Was ich in den Jahren von 1933 bis 1938 in Berlin erlebt und gesehen habe, war widerlich, demütigend und erniedrigend. Es fällt mir schwer für die Maßnahmen, die man zur Schändung der Juden ergriff, Worte zu finden. Ich erinnere mich zum Beispiel an eine Beziehung zwischen einem jüdischen Mann und einer “arischen” Frau. Beide wurden gezwungen, sich ein Schild umzuhängen. Auf dem des Mannes stand: “Ich bin eine Judensau, vergewaltige eine deutsche Frau!” Analog dazu trug das Schild der Frau die Aufschrift: “Ich bin ein deutsches Schwein, lasse mich mit ‘nem Juden ein!”
So der Öffentlichkeit ausgesetzt, mußte sich das Paar von einem lachenden Publikum mit Steinen bewerfen und bespucken lassen. Der Einfallsreichtum der Peiniger schien dabei unbegrenzt. Als ich kürzlich ein Foto mit einer solchen Szene der Demütigung sah, wurde mir übel. Es gab so viele Paare, die sich ob der von ihnen begangenen “Blutschande” schämen mußten. Und das Unglaubliche daran: Man war auch noch stolz auf die Fotos, die der Welt zeigen sollten, daß man keine Mittel scheute, um Deutschland vor den Juden zu retten. Und das alles ist lange vor dem 9. November 1938 auf dem Kurfürstendamm in Berlin geschehen.
Am gleichen Ort erlebte ich folgende Szene. Etwa zehn jüdische Professoren von der Berliner Universität mußten sich an einem Sonntag morgen auf der Berliner Prachtstraße versammeln. Ihre Bewacher gaben ihnen Zahnbürsten, mit denen sie, auf Knien rutschend, die Straße reinigen mußten. Wie immer bei solchen erniedrigenden Szenen hatte man für einen großen Zuschauerkreis gesorgt. Und natürlich lachte und applaudierte das Publikum. Später dann, nach dem Zweiten Weltkrieg, wollte niemand etwas gesehen haben.
Was ich in Berlin nach 1933 erlebte, machte mir Angst. Aber diese Angst war nichts im Vergleich zu der Angst der Berliner Juden. Bei ihnen ging es ums nackte Überleben. Wenn es zum Beispiel zu ungewohnter Zeit an der Tür läutete und sich das Klingeln wiederholte, weil man nicht schnell genug geöffnet hatte. Und dann das sichere Gefühl, daß gleich mehrere vor der Tür standen und die Schritte im Treppenhaus ganz anders klangen als normalerweise. “Mir ist das Herz stehen geblieben” lautet so ein Ausdruck, der dieses Gefühl wohl trifft. Und leider bewahrheitete er sich bei einer Nachbarin in der Gervinusstraße 5. Ihr blieb wirklich das Herz stehen, als sie “Besuch” bekam. Manche hielten das damals für einen Segen und glaubten, der Frau sei dadurch vieles erspart geblieben.
Später blieb es nicht beim Klingeln. Mitten in der Nacht schlug man die Türen ein, zu viert drangen sie in Wohnungen ein, nahmen die Menschen mit und transportierten sie weg. Da wurde nicht viel Federlesens gemacht. “Zur Gestapo zum Verhör geladen”, nannten sie es. Uns gefror schon bei dem Gedanken daran das Blut in den Adern. Als Schweden waren wir selbst zwar nicht gefährdet, doch mußten wir Tag für Tag mit ansehen, was man den Menschen um uns herum zufügte.
Die Juden verloren nach 1933 allmählich alles – ihre Wohnung, ihren Beruf, das ganze Leben gestaltete sich für sie immer schwerer. Man isolierte sie immer mehr von der übrigen Bevölkerung, und sie waren schon lange, bevor man sie zu Zwangsarbeit, Deportation und Vernichtung zusammenpferchte, von einem unsichtbaren, undurchdringlichen Netz umgeben. Die Opfer der amtlichen Diskriminierung wären vielleicht weniger gelähmt gewesen, wenn ihre deutschen Freunde und Kollegen ihnen mit mehr Mut und Charakter beigestanden hätten. Das Betreben solcher Kollegen, Bekannten und Nachbarn, sich dem Standpunkt der Nationalsozialisten anzupassen, als solche “Gleichschaltung” noch gar nicht gefordert war, traf die Opfer tiefer als alle Regierungserlasse. Was sie nicht erwartet hatten, waren der Wankelmut und die Prinzipienlosigkeit unter ihren Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen, die sich eilends den Antisemiten anschlossen. Es war dieser Verrat, der so schmerzlich verletzte und die Opfer, lange bevor der Terror seine volle Stärke entfaltete, in ein gesellschaftliches Vakuum mit allen seinen Begleiterscheinungen von Verzweiflung und Selbstmordneigungen rückte.
Es fing alles ganz harmlos an. Sogenannten “Ariern” war es untersagt, jüdische Ärzte zu konsultieren. Irgendwann durften Juden nur noch zu bestimmten Zeiten auf die Straße, der aufgenähte Judenstern stellte später ein weiteres und untrügliches Zeichen für die Gefahr dar, in der man schwebte. Und wo sollten die Juden einkaufen? Vor ihren Geschäften standen SA-Leute, An ihren Schaufenstern hingen Schilder mit der Aufschrift: “Deutsche, kauft nicht bei Juden!” Vor Restaurants warnten Tafeln: “Nicht für Hunde und Juden!” Und an Parkbänken stand zu lesen: “Für Hunde und Juden verboten!” Doch wozu das alles aufzählen? Juden hatten einfach nicht zu existieren.
Den absoluten Tiefstand aber markierte die Nacht vom 9. auf den 10. November 1938. Der äußere Anlaß ist schnell erzählt. Es hatte in Frankreich als Folge einer Schießerei durch einen jüdischen Jungen namens Grynszpan angefangen. Seine Eltern waren am 29. Oktober 1938 nach Polen abgeschoben worden. Durch die Trennung von ihnen fühlte er sich verletzt und verzweifelt. Als Vergeltung für das Unrecht an seiner Familie hatte er in Paris einen deutschen Beamten, Ernst vom Rath, erschossen. Nun sannen die Deutschen auf Rache.
Die Juden waren vogelfrei. In Städten wie Hamburg, Bremen, Berlin sowie in vielen anderen Orten wurden in jener Nacht jüdische Bürger, zuweilen noch in ihren Betten, erschossen, niedergestochen oder zu Tode geprügelt; andere wurden halbnackt durch die Straßen gehetzt, über die Dächer gejagt oder in die Flüsse getrieben. Manchmal fiel die SA auch noch über die Juden her, wenn sie bereits in Kellern, Spritzenhäusern oder Gefängnissen eingesperrt waren. In der Nacht vom 9. auf den 10. November wurden in Hamburg, Bremen, Berlin, Frankfurt und anderen Städten zahlreiche Juden ermordet. Die genaue Zahl der Ermordeten und derer, die in den Selbstmord gehetzt wurden, ist unbekannt. Niemand hat die Schwerverletzten gezählt. Unbeschreiblich das Entsetzen und das Elend, in das unzählige Familien über Nacht hineingestoßen wurden. In einer vorläufigen Bilanz meldete der Nationalsozialist Heydrich am 11. November: “An Synagogen wurden 191 in Brand gesteckt, weitere 76 vollständig demoliert. Ferner wurden 11 Gemeindehäuser, Friedhofskapellen und dergleichen in Brand gesetzt und weitere 3 völlig zerstört.”
Wo die Nachbarhäuser zu gefährdet erschienen, steckten SA-Gruppen die Synagogen nicht an, sondern demolierten sie nur. Die Eindringlinge zerrissen die Thorarollen und heiligen Schriften oder warfen sie auf die Straße, wo sie unter dem Geheul der Menge verbrannt wurden. Der Wiederaufbau der Synagogen war verboten; die jüdischen Gemeinden mußten für die Räumung der Grundstücke aufkommen.
Diese Vorgänge in einem zivilisierten Land des 20. Jahrhunderts waren einzigartig in der europäischen Geschichte. Sicherlich war es bei Judenpogromen, etwa in Rußland, auch zu Übergriffen gegen Synagogen gekommen, aber niemals von Staats wegen. Ehrwürdige Stätten einer traditionsreichen Kultur wurden am 9. November 1938 in einer einzigen Nacht zerstört, und das deutsche Volk, das sich auch im Zeichen des Hakenkreuzes noch als ein christliches verstand, ließ es ohne Aufschrei zu. Seine christlichen Kirchen hüllten sich ebenso in Schweigen wie seine christlichen Ober- und Unterhirten.
In ganz Deutschland begann die Gestapo damit, jüdische Männer zu verhaften. Wer nicht von alten ordentlichen Polizeibeamten abgeholt wurde, sondern in die Hände von SA und SS fiel, sah sich der entwürdigsten Behandlung ausgesetzt. Beschimpft und verhöhnt, bespuckt und verprügelt, mußten sie nach übelster Kasernenhofmanier exerzieren und vor ihren Peinigern wie Würmer auf dem Boden kriechen. Stundenlang ließ man sie in Reih und Glied strammstehen und versagte ihnen Essen und Trinken. Bei helllichtem Tage wurden sie auf Lastwagen weggefahren oder – wie es in Bremen geschehen ist – von SA und SS eskortiert durch die Straßen zum Bahnhof oder anderen Sammelplätzen geführt. Aus den Gefängnissen wurden sie in die Konzentrationslager Dachau, Sachsenhausen und Buchenwald verschleppt, wo SS-Schergen mit Knüppeln und Eisenruten auf sie warteten und jeden Neuankömmling bis aufs Blut prügelten.
Bereits in der ersten Nacht sollen nach der Erinnerung von Eugen Kogon in Buchenwald 68 Juden wahnsinnig und “wie tolle Hunde” erschlagen worden sein. Als man die Mißhandelten nach sechs oder acht Wochen entließ, hatten sie sich verändert, waren zu ängstlichen, verschlossenen Individuen geworden, die nur noch darüber nachdachten, wie sie mit ihren Familien Deutschland verlassen könnten. Die meisten der im November 1938 verschleppten Männer kamen zurück – mit geschorenen Köpfen, herausgeschlagenen Zähnen, Menschen an Geist und Kraft gebrochen.
Was zwischen 1938 und 1945 geschehen ist, hat die menschliche Geschichte noch nie erlebt. Wo waren die anständigen Deutschen? Wo war ihre Zivilcourage? Und wo war die Menschlichkeit? In Bremen zum Beispiel sind – anders als in Berlin oder Frankfurt – keine Juden versteckt worden. Hat in Delmenhorst jemand Juden versteckt? Gibt es in Deutschland inzwischen ein öffentliches Klima, in dem Rassismus, Rechtsextremismus und Nationalismus keinen Boden mehr finden?
Reden werden heute viel gehalten. Sie sind so geduldig und so viel Wert wie das Papier, auf denen sie geschrieben stehen. Wichtiger ist, was einer tut, was Sie tun – als Einzelne oder als Volk. Wenn das Handeln nicht dem Reden folgt, bleibt alles beim Alten, und das Ewig-Gestrige schwelt unter der schön geredeten Decke weiter – unter welchen Vorzeichen auch immer. Vor allem den jungen Menschen möchte ich zurufen:
Schweigt nicht, wenn in Eurer Umgebung rassistische oder fremdenfeindliche Äußerungen fallen.
Seht nicht weg, greift ein, wenn Menschen bedroht oder diskriminiert werden.
Mischt Euch lieber einmal mehr als einmal zu wenig ein.
Respektiert andere Religionen und Kulturen so, als seien es Eure.
Entsagt jeder Selbstüberhebung und dünkt Euch nicht besser als andere.
Habt Ehrfurcht vor dem Leben und vor allem, was da ist und Euch fremd ist.
Laßt Euch nicht abstumpfen von den Meldungen über zunehmende Gewalt und engagiert Euch für eine Welt ohne Waffen, für eine Welt des Friedens, der Toleranz, Freiheit und des Mitgefühls.
Wehrt Euch gegen die Gewöhnung an die alltägliche Gewalt in Euren und unseren Köpfen und Herzen durch Filme, Videos, Comics und Computer-Spiele.
Ich bin viel in deutschen Schulklassen, um über meine Erlebnisse im Dritten Reich zu sprechen. Ich halte es für wichtig, daß die Schüler erfahren, was damals geschehen ist, so schmerzlich das für sensible Jugendliche auch sein mag. Sie müssen wissen, was geschehen ist. Verglichen mit den Tränen, die jüdische Kinder vergossen haben, halte ich ihren Schmerz für zumutbar. Oftmals zeigen meine jungen Zuhörer Schuldgefühle, die ich ihnen jedoch sogleich nehme. Es gibt keine Kollektivschuld über Generationen hinweg. Dieser Gedanke ist töricht, und das habe ich ihnen stets gesagt. Allerdings sage ich ihnen auch, daß es ihre Aufgabe ist, dafür zu sorgen, daß sich so etwas nicht wiederholt.
Ebenso wenig wie einen neuen Hitler kann ich mir als Staatsform in Deutschland noch einmal eine Diktatur vorstellen. Die Nazis? Ja, leider. Es heißt immer, Geschichte wiederhole sich nicht. Und an sich glaube ich auch an diesen Grundsatz. Alles vergeht. Nur die Nazis nicht. Die bleiben. Und auch die Gefahr, die sie darstellen. Daher bin ich der Meinung, daß wir uns etwas gegen sie einfallen lassen und sie bekämpfen müssen, jeder auf seine Weise.
Generationen später gedenkt man heute der Verbrechen und Mordtaten, zu denen die Pogromnacht vom November 1938 nur ein Vorspiel gewesen ist. Haben wir aus der Vergangenheit gelernt? Ich möchte es hoffen, und die Menschen, die heute hier stehen, bedauern zumindest die Vergangenheit. Ich danke Ihnen für das Gedenken an die Opfer der Pogromnacht des Jahres 1938 und für das Gedenken an die sechs Millionen umgebrachten Juden.
Sonja Sonnenfeld starb im Frühsommer 2010 – wenige Monate nach ihrem Auftritt in Berlin.



