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„Antisemitismus im Rampenlicht"

Dr. Juliane Wetzel sprach bei DIG Berlin und GCJZ am 3.5.2004 im Jüdischen Gemeindezentrum über die zurückgehaltene EU-Studie des ZfA zum Antisemitismus in Europa

Bericht und Fotos von Meggie Jahn


Foto: Meggie Jahn

Dr. Juliane Wetzel (links) mit Maja Zehden in Kleinen Saal der Jüdischen Gemeinde


Maja Zehden, DIG-Vorstandsmitglied und damals Geschäftsführerin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) freute sich im Namen beider Veranstalter, am 03. Mai 2004 Frau Dr. Juliane Wetzel bei uns begrüßen zu können. Von 1987 bis 1991 Mitarbeiterin am Institut für Zeitgeschichte in München, ist Wetzel seit 1991 als Wissenschaftlerin am Zentrum für Antisemitismusforschung (ZfA)/TU Berlin tätig und kann zahlreiche Publikationen zu den Themen Antisemitismus, Rechtsextremismus, Erinnerungskultur, jüdisches Leben in Deutschland und zur Holocaust-Forschung vorweisen.

Gemeinsam mit ihrem Kollegen Prof. Werner Bergmann hatte sie im Januar 2003 für das ZfA im Auftrag der Wiener EU-Behörde European Monitoring Center o­n Racism und Xenophobia“ (EUMC) die Ergebnisse ihrer Studie „Manifestations of Antisemitism in the European Union - First Semester 2002“ vorgelegt. Darin werden die Ereignisse im Zusammenhang mit der antisemitischen Welle im Frühjahr 2002 in 15 EU-Staaten beleuchtet und einer kritischen Analyse unterzogen.

Aufsehen hatte die Studie vor allem dadurch ausgelöst, dass sie von der Auftraggeberin Beate Winkler, damals Leiterin des EUMC, mehrere Monate unter Verschluss gehalten worden war. Erst ein Artikel in der "Financial Times", später in der israelischen Zeitung „Haaretz“ und in der FAZ ("Unter Verschluss") brachte diesen Skandal im November 2003 ans Licht. Dank der Website des grünen EU-Parlamentariers Daniel Cohn-Bendit tauchte die Studie dann aber schnell im Internet auf. Wenige Wochen danach fand sie sich auch auf der Website des EUMC, wobei sich dieses in einem Vorwort nachdrücklich von den Ergebnissen distanziert.

Wie es dazu kam, welche Ergebnisse die Studie zutage brachte, weshalb die Untersuchung dann doch im Internet veröffentlicht wurde und was die jetzt vorgelegte neue Studie des EUMC von der damaligen unterscheidet, diesen Fragen widmete sich die Referentin in ihrem ca. 1-stündigem Vortrag vor rund 70 interessierten Gästen im Jüdischen Gemeindezentrum.


Foto: Meggie Jahn

Rund 70 Gäste hatten den Weg ins Jüdische Gemeindezentrum gefunden.



Antisemitismus läßt sich nicht einfach unter Rassismus und Fremdenfeindlichkeit einordnen

Noch ganz unter dem Eindruck der erst wenige Tage zurückliegenden OSZE-Konferenz zum Antisemitismus in Berlin begrüßte Juliane Wetzel, dass diese im Gegensatz zu der ersten im Jahr 2003 stattgefundenen OSZE-Konferenz in Wien durch den Ort - das Auswärtige Amt - und die Präsenz von Politprominenz in den Medien mehr Aufmerksamkeit gefunden hatte. Dies zeige, dass viele internationale Institutionen das Thema jetzt auf ihre Agenda gesetzt hätten. Sie bedauerte zugleich, dass bei der Abschlussdeklaration nur ein Minimalkonsens gefunden werden konnte. So seien beispielsweise radikalisierte muslimische Jugendliche als mögliche Multiplikatoren für antisemitische Propaganda nicht explizit als Gruppe genannt worden.

Ihre damalige Studie habe zu Tage gefördert, dass genau hier das Problem liege: Antisemitismus könne eben nicht anderen Formen von Rassismus und Xenophobie untergeordnet werden. Das Spezifikum beim Antisemitismus seien lange verinnerlichte Verschwörungstheorien, die – jeweils durch äußere Anlässe – neu mobilisiert werden könnten. Die Wiener EU-Behörde kümmere sich seit Jahren um Diskriminierung, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit, doch die Leiterin des EUMC selbst habe zugegeben, sich mit dem Phänomen des Antisemitismus nur wenig beschäftigt zu haben.

In der Studie des ZfA werde auch auf die unsägliche Verbindung von Islamisten und Rechtsextremisten - wenn auch vorerst nur im Internet - verwiesen, worauf sie schon vor 2 Jahren hingewiesen hätte und dafür von der Berliner Islamwissenschaftlerin Gudrun Krämer scharf kritisiert worden sei. Von einer Wissenschaftlerin, die erst kürzlich Hamas als eine „Widerstandsgruppe“ bezeichnet habe, könne man allerdings auch nichts anderes erwarten, so Wetzel.

Mit ihrer Einordnung des Antisemitismus unter allgemeine Phänomene der Fremdenfeindlichkeit und Diskriminierung übersehe das EUMC, dass viele der jugendlichen „Täter“ ja gerade aus Migrantenkreisen kämen, die oft selbst Opfer von Diskriminierung geworden seien. Hier handele es sich also um die "Ausgrenzung einer Gruppe als solcher".

Vor dem Hintergrund der antisemitischen Welle in 15 europäischen Ländern sei Aufgabe der Studie gewesen, so Wetzel, die dortige Entwicklung des Antisemitismus zu untersuchen. Das Ergebnis wurde im Januar 2003 vorgelegt, dann aber unter Verschluss gehalten. Offenbar habe man damals befürchtet, sie könne weitere Xenophobie fördern.


Die Studie hatte sich auf die wesentlichen Motive des Antisemitismus konzentriert, so z.B. den Vorwurf der angeblichen „jüdischen Weltverschwörung“ und den vermeintlichen Einfluss der Juden in der Finanz- und Medienwelt. Forschungsgegenstand seien die Verbreitungsmechanismen dieser Theorien z.B. im Internet gewesen. Jüngstes Beispiel dafür sei die auch unter Intellektuellen verbreitete Behauptung, hinter den Terroranschlägen vom World Trade Center am 11. September 2001 steckten in Wahrheit die Juden, schließlich seien viele von ihnen an diesem Tag nicht zur Arbeit gekommen.


Foto: Meggie Jahn

"Antisemitismus kann nicht einfach als ein Phänomen von Rassismus und Fremdenfeindlichkeit charakterisiert, sondern muss in seiner Besonderheit erkannt werden"


Wichtigste Ergebnisse der Studie des ZfA zum Antisemitismus in Europa

Als wichtigste Ergebnisse der damaligen Studie des ZfA nannte die Referentin:

  • Vernetzung zwischen Rechtsradikalismus und islamischem Antisemitismus im Internet. Eine ideologische Vernetzung sei auf jeden Fall gegeben. Selbst der Europakandidat der Grünen Cem Özdemir hat kürzlich eingestanden, dass angesichts der Begeisterung für Multi-Kulti bei der Integrationspolitik zu spät darüber nachgedacht worden sei, „wer da mit im Boot“ sitze.

  • Der religiöse Antisemitismus ist nicht nur in Polen, Weißrussland, Rumänien oder in anderen ehemaligen Ostblock-Staaten präsent. Westeuropa liefert erschreckende Zahlen, wobei Schweden Spitzenreiter ist. Die Wiederkehr alter antisemitischer Stereotypen hat erst jüngst eine Karikatur in der italienischen Zeitung „La Stampa“ belegt, bei der israelische Soldaten vor einer Jesuskrippe standen, die mit den Worten unterschrieben war: „Ihr wollt uns doch nicht schon wieder umbringen?“ (Juden als Christusmörder).

  • Antiamerikanismus und Antisemitismus gehen oft miteinander einher, wobei dies gerade auch bei „radikalen Muslimen" zu beobachten ist.

  • Im Beobachtungszeitraum kam es zu einer Eskalation der Ereignisse in Nahost, z.B. mit Dschenin (die Medien sprachen lange von einem „Massaker“, später wurde aber selbst von Human Rights Watch eingeräumt, dass es sich um kriegerische Auseinandersetzungen gehalten habe, bei denen 50 Opfer zu beklagen gewesen seien – Palästinenser wie Israelis) oder mit der Belagerung der Geburtskirche in Bethlehem. Die Studie kritisiert in dem Zusammenhang die „unausgewogene Presseberichterstattung“ in einigen europäischen Ländern, z.B. in Frankreich, Belgien, Großbritannien und in Schweden, die antisemitische Stereotypen befördert hätten.

Foto: Meggie Jahn

"In Deutschland hat man sich zu lange geweigert anzuerkennen, dass es sich hier um ein Einwanderungsland handelt."


Kriterien zur Unterscheidung zwischen Antisemitismus und Kritik an Israel

Sicher sei es manchmal schwer, zwischen Antisemitismus und Kritik an der israelischen Regierung zu unterscheiden, so Wetzel. Sie nannte aber folgende Kriterien als entscheidend für die Qualifizierung als Antisemitismus:

  1. Infragestellung des Existenzrechts Israels,
  2. Gleichsetzung von israelischen Soldaten mit Nazis,
  3. Umkehr der Täter-Opfer-Rolle,
  4. Anwendung von sog. „double standards“ bei der Beurteilung des israelisch-palästinensischen Konflikts, niemand rege sich hier z.B. über Tschetschenien auf,
  5. Aufbau eines „künstlichen Tabus“, das es nicht gebe. So wird immer wieder behauptet, es sei in Deutschland verboten, Kritik an Israel zu üben, was unsere Medien täglich widerlegten.

Im Rahmen der Studie konnte beobachtet werden, dass es eines äußeren Anlasses bedürfe, um Antisemitismus zu regenerieren. Nach Dschenin und Bethlehem sei es zu einem Anstieg von Übergriffen gegen Juden gekommen, so in Italien, Dänemark, Großbritannien, Belgien, den Niederlanden und in Österreich. In Griechenland seien Friedhöfe geschändet worden. In Spanien sei eine „starke Präsenz neonazistischer Gruppen“ nachzuweisen.

Die Tätergruppen seien - mit Ausnahme der Neonazis – aber nicht neu. Linke Globalisierungsgegner habe es bereits im Libanon-Krieg 1982 gegeben. In den letzten Jahren erhalte der Antisemitismus aber Zuspruch aus der muslimischen Zuwanderergesellschaft, vor allem von Jugendlichen. In Frankreich finde er sich vor allem in den sozial schwierigen Banlieues. Auch werde der Nahostkonflikt zwischen den maghrebinischen Einwanderern in Frankreich ausgetragen. Hier vor allem, aber auch in den anderen europäischen Staaten, habe die bisherige Integrationspolitik versagt. In Deutschland habe man sich viel zu lange geweigert anzuerkennen, dass die Bundesrepublik seit langem ein Einwanderungsland ist.

Was die türkischen Migranten anginge, deren Kinder in deutsche Klassen gingen, so erweise sich die seit den 80er Jahren begonnene Holocaust-Erziehung zunehmend als schwierig. Diese fragten sich, was sie denn mit der deutschen Vergangenheit zu tun hätten. Es müssten deshalb neue Formen der Erziehung zu Toleranz, Mitmenschlichkeit und Verständnis füreinander entwickelt werden. Nötig seien mehr Informationen über die Gründe für Antisemitismus, mehr Infos über die Ursachen des Nahost-Konflikts, wobei das Thema auch in seiner Aktualität diskutiert werden könne.

Diskussion:

Was wir gegen Antisemitismus tun können, wurde vor allem in der Aussprache mit dem Publikum deutlich:

Die Referentin plädierte dafür, die Integrationsbemühungen ausländischer Migranten in Deutschland zu verstärken: Nur durch die Schaffung von Begegnungsmöglichkeiten zwischen Einwanderungsgruppen und deutscher Bevölkerung könne man einander kennen lernen und erfahre, was dort verbreitet werde und könne dies zur Diskussion stellen. Dabei müsse auch das Erlernen der deutschen Sprache bei den Einwanderern mehr als bisher gefördert werden.

Frau Dr. Wetzel begrüßte die positiven Ansätze bei Migrantengruppen, aus der „eigenen Communitiy“ Initiativen zu Toleranz und Verständigung zu entwickeln. So nannte sie eine Initiative von jungen Türken, die sich zusammen mit dem Bündnis gegen Antizionismus“ und anderen Organisationen gegen Islamismus in Deutschland engagierten. (KIGA, Kreuzberger Initiative gegen Antisemitismus, s. z.B. die Demonstration in Kreuzberg nach den Terroranschlägen von Al Quaida gegen zwei Synagogen in Istanbul).


Foto: Meggie Jahn

Ein Diskutant fragte nach den Wurzeln des Antisemitismus. Diese zu erklären, würde einen eigenen Vortrag erfordern, so Frau Wetzel.


Frau Dr. Wetzel zitierte den Islamwissenschaftler Tarik Ramadan, der öffentlich die Meinung vertrete, die Islamophobie habe den Antisemitismus in Deutschland inzwischen abgelöst. Eine solche Behauptung weise sie entschieden zurück, denn sie lenke von Problemen im eigenen Lager ab. Ihrer Meinung nach sei es Sache der Muslime, sich klar und lautstark von Islamisten in ihren Reihen abzugrenzen, damit auch die deutsche Bevölkerung hier differenzieren lerne.


Vor dem Hintergrund der Informationen aus dem Internet, die jedem – auch Kindern und Jugendlichen – zugänglich sind, sei oberstes Gebot, Kinder zu Kritikfähigkeit zu erziehen, damit nicht alles für bahre Münze genommen und statt dessen kritisch geprüft wird.

In dem Zusammenhang gilt es auch, Einfluss auf die Provider zu nehmen, was leider nur in begrenztem Maße möglich sei.

In der eigenen Community dürfe die selbstkritische Auseinandersetzung nicht gescheut werden. In Antirassismus-Gruppen kann der Antisemitismus auch zum eigenen Problem werden. Die Vorurteile müssen aber benannt und diskutiert werden.

Vor dem Hintergrund der guten Erfahrungen mit den vom Land beaufsichtigten Religionslehrern in Bayern sprach sich Dr. Wetzel auch bei den Islamschulen in Deutschland für eine staatliche Kontrolle aus.

Das ZfA fordere in seiner Antisemitismus-Studie eine Zusammenarbeit und Vernetzung mit ähnlichen Institutionen, aber auch mit Pädagogen, um gemeinsam Strategien gegen Antisemitismus entwickeln zu können.

Befragt nach der jüngst vorgelegten neuen Studie des EUMC als Ersatz für die eigene wies die Referentin darauf hin, dass diese auf dem gleichen empirischen Material basiere. Das Steven-Ross-Institute in Jerusalem erhebe sogar den Vorwurf des Plagiats. Das Ergebnis basiere in Wahrheit auf ihrer Studie, neuere Daten seien nicht mit einbezogen worden. Sicher bediene sich die neue Studie einer „vorsichtigeren Sprache“. Als Haupttäter würden jetzt „young white men“ (Neonazis) genannt, die Opfer dagegen würden beschrieben als von „arab, north-african origin“. Nun heißt es, die Täter hätten „arabisch ausgesehen und es sei zu vermuten, dass sie arabischer Herkunft seien“, eine klare Benennung der Tätergruppe finde nicht statt. Erwähnenswert sei, dass sich an die Studie ein 48seitiger „Extra-Bericht“ von Interviews mit Vertretern europäischer jüdischer Gemeinden anschließe, der merkwürdigerweise aber nicht in die Abschlussbewertung eingeflossen sei. Dies lasse vermuten, so Wetzel, dass die neue Studie damit „kosher“ gemacht werden sollte.

Auf die Frage nach dem Urteil von Wissenschaft und Medien über die zurück gewiesene Studie des ZfA wies die Referentin darauf hin, dass diese die Kritik des EUMC, ihre Studie sei "wissenschaftlich nicht glaubwürdig" einhellig als „unfairen Vorwurf“ zurückgewiesen hätten. Das sog. Management Board der Wiener EU-Behörde sei weniger mit Experten zum Thema, sondern vor allem politisch besetzt. Dies erkläre seine einseitige Parteinahme zuungunsten der ZfA-Studie, offenbar hätten einige EU-Länder Druck auf das Board ausgeübt, damit sie sich gegen eine Veröffentlichung der Studie aussprechen.

Meggie Jahn dankte Dr. Wetzel in ihrem Schlusswort für den aufschlussreichen und anregenden Vortrag, der den Zuhörern viel Stoff zum Nachdenken mit auf den Heimweg geben würde.


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