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Beer Sheva, 31.8.2004 – Der Terror erreicht den Süden Israels
von Florian Heinhold

Am 31. August 2004 erreicht der palästinensische Terrorismus den bis dahin als sicher geltenden Süden Israels. Bei zwei Selbstmord-Attentaten auf vollbesetzte Stadtbusse sterben 16 Menschen, über hundert weitere werden verletzt. Der Tag des Terrors aus der Perspektive eines deutschen Austauschstudenten.

Das Schlimmste sind die ersten Minuten, die erste Stunde danach. Das ist die Zeit der Falschmeldungen und Gerüchte, die Zeit der Unsicherheit, vor allem aber die Zeit der Sorge und Angst um Freunde und Verwandte. Ich stehe vor dem Einkaufszentrum, die Luft ist erfüllt vom Geheul der Sirenen, Einsatzwagen rasen an mir vorbei. Ein paar Teenager laufen hektisch die Straße hinunter, doch die meisten Menschen um mich herum wirken gefasst. Es herrscht keine Panik, keine Hysterie, nur angespannte Sorge. Sorge, die im nervösen Geflüster der vielen hundert Handygespräche ihr Echo findet, die in diesem Moment überall in der Stadt, in jedem Café, an jeder Straßenkreuzung, in jedem Geschäft geführt werden. Jedes Kind versucht seine Mutter zu erreichen, jeder Mann seine Frau, jeder Bruder seine Schwester. Und aus dem Stimmenwirrwarr der vielen Telefonate hebt sich ein Wort immer wieder deutlich ab: Pigua!

Pigua - das ist hebräisch und bedeutet Anschlag. Pigua – das ist das eine Wort, unter dem die Menschen in Israel seit nunmehr vier Jahren leiden, das Wort, das von einer Sekunde auf die nächste Lockerheit und Lebensfreude in Angst, Entsetzen und Trauer verwandelt. Pigua – das Wort, das Schicksale besiegelt, Biografien zerstört, Familien zerreißt.

Und mit jedem neuen Telefonat gelangt auch ein neues Gerücht in Umlauf. Zuerst eine, dann zwei, schließlich vier Explosionen soll es gegeben haben. Zuerst soll ein Anschlag in der Nähe der Universität, dann bei und letztlich in der Universität stattgefunden haben. Auch ich greife jetzt zum Handy und versuche Martin zu erreichen, einen Freund, mit dem ich das Auslandsstudium in Israel geplant hatte. Er ist nach der Vorlesung nicht mit zum Einkaufszentrum gekommen, sondern auf dem Campus geblieben. „The person you’ve called is temporarily not available!“

Wie so viele israelische und ausländische Studenten sitzt Martin auf der großen Liegewiese im Schwimmbad auf dem Universitätscampus. Hier trifft man sich, um die glühende Hitze des Nachmittages in Beer Sheva zu überstehen, bevor dann am Abend das Leben in der Wüstenstadt erwacht und die Restaurants und Discos sich zu füllen beginnen. Der Lärm der spielenden Kinder und der schnulzigen Balladen, die aus dem Ghettoblaster des stets schlecht gelaunten Bademeisters dröhnen, übertönt den Knall der Explosionen, die sich nur wenige hundert Meter entfernt ereignen. Bald hat sich jedoch auch hier die Nachricht vom ersten Selbstmordanschlag im bislang als sicher geltenden Negev, der südlichen Wüstenregion Israels, herumgesprochen. Der Fernseher in der kleinen Bar neben dem Schwimmbad läuft. CNN sendet Breaking News. Die Sprecherin hält einen Moment inne und meldet dann: „We’re just getting in reports about a third explosion, that occured in the town’s shopping mall…“

Rahel steigt in einen Bus zusammen mit ihrem dreijährigen Sohn Aviel. Lange hatte Rahel warten müssen bis sie endlich, mit 39 Jahren, ein Kind bekommen konnte. Jetzt ist sie auf dem Weg nach Hause. Ihr Bus fährt von dem Einkaufszentrum, in dem sie Windeln für Aviel besorgt hat, vorbei an der Universität in Richtung Norden. Es ist ein heißer Tag, man spürt die Hitze besonders stark, wenn man aus der Kühle des klimatisierten Einkaufszentrums kommend in einen voll besetzten Bus steigt. Mit in dem Bus sitzt auch ein junger Mann aus Hebron. Er hat die sogenannte Grüne Linie, die das israelische Kernland vom Westjordanland trennt, im Süden überschritten. Dort ist die umstrittene Sperranlage, die die Regierung in Jerusalem zur Abwehr palästinensischer Terroristen errichten lässt, noch nicht fertiggestellt. Um kurz vor drei die Explosion. Rahel überlebt schwer verletzt. Sie wird wie über hundert andere Verletzte aus den beiden Bussen, die die Attentäter für ihre Anschläge auserkoren hatten, in das Universitätsklinikum eingeliefert. Die Klinik liegt - Glück im Unglück - direkt gegenüber des Anschlagsortes, wodurch viele Menschenleben gerettet werden können. Viele, aber nicht alle. Der mit Nägeln gefüllte Sprengstoffgürtel des Attentäters raubt Rahel ihren Aviel. Mit ihm sterben 15 weitere Menschen an diesem 31. August in Beer Sheva. Mit ihm stirbt die Illusion vom sicheren Süden Israels. Mit ihm stirbt auch ein weiteres Stück Hoffnung auf Frieden im Nahen Osten.




Der Sicherheitszaun, der Teile des Westjordanlandes von Israel trennt, hat zu einem drastischen Rückgang der palästinensischen Terroranschläge geführt. Die Attentäter von Beer Sheva konnten ihren Mordplan ausführen, weil die Anlage im Süden Israels noch nicht fertiggestellt war.



Quelle: DIG-Magazin, Nr. 3/Oktober 2005, S. 21

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