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8. November 2008: 70 Jahre „Reichspogromnacht“ Gedenken an der Spiegelwand, am ehem. Jüdischen Blindenheim und beim Ökumenischen Gottesdienst Bericht von Jochen Feilcke Fotos von Fritz Zimmermann, Isabelle Weber und Meggie Jahn

Dr. Matthias Walter, Gemeindepastor der Baptistengemeinde Steglitz begrüßte an der Steglitzer Spiegelwand mehrere 100 Menschen, die sich zum Gedenken an die Pogromnacht vor 70 Jahren eingefunden hatten. Eingeladen hatten die Steglitzer Ökumene (Evangelische Matthäusgemeinde, Katholische Rosenkranzgemeinde, Baptistengemeinde Steglitz), die Initiative Haus Wolfenstein, die Deutsch-Israelische Gesellschaft Berlin und Potsdam, die Gesellschaft für Christlich-Jüdische-Zusammenarbeit und das Bezirksamt Steglitz-Zehlendorf.

Bezirksbürgermeister Norbert Kopp
Bezirksbürgermeister Norbert Kopp bezeichnete die schrecklichen Ereignisse der Nacht vom 9. zum 10. November 1938 als "ein Menetekel, ein deutlich sichtbares Zeichen für den Rassen- und Verfolgungswahn sowie die Brutalität der Nazis. Überall in Deutschland gingen Synagogen in Flammen auf, überall wurden jüdische Beträume und Friedhofskapellen, wurden jüdische Geschäfte und Wohnungen verwüstet und geplündert, überall in Deutschland wurden jüdische Männer und Frauen tätlich angegriffen, verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Die Verfolgung traf Menschen, die hier jahrzehntelang unbescholten gelebt hatten; Menschen, die wie alle anderen ihrem Tagewerk nachgingen; Menschen, die sich Verdienste um die kulturelle, wirtschaftliche oder politische Entwicklung erworben hatten.”

An der Spiegelwand in Steglitz wurden Kränze niedergelegt.
Mit Dankbarkeit erwähnte er, dass Jüdinnen und Juden nach dem Holocaust wieder in ihre Heimat, in ihre alten Wohnorte zurückgekehrt seien, ihre Gemeinden wieder aufgebaut und neue Synagogen errichtet hätten. Er wies aber auch darauf hin, dass neue rechte Parteien und „Bewegungen“ entstanden seien, die allesamt den Holocaust leugnen oder relativieren. Als besonders bedenklich bezeichnete er, dass Neonazis Jugendliche zu ködern vermögen - etwa über Musik oder getarnt zum Beispiel als Hausaufgabenhilfe, über das Internet. 2007 seien von Rechtsextremen 17.607 Straftaten und 1.054 Gewaltdelikte begangen worden. Der Bezirksbürgermeister machte aber auch auf ein positives Beispiel aus dem Bezirk aufmerksam. Fünf Schülerinnen und Schüler des Oberstufenzentrums für Bürowirtschaft und Verwaltung hätten im Rahmen der 5. Komponente ihres Abiturs Zeitzeugen des KZ-Außenlagers Lichterfelde befragt. Das Ergebnis ihrer bemerkenswerten und emotional bewegenden Dokumentation sei im Bali-Kino in Zehlendorf gezeigt worden. „Ich würde mir wünschen, dass dieser Dokumentarfilm in allen Steglitz-Zehlendorfer Oberschulen und darüber hinaus jeweils im Unterricht eingesetzt wird“, äußerte Kopp zum Abschluß seiner Rede.

Lala Süsskind
Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin Lala Süßkind erinnerte daran, daß die Steglitzer Spiegelwand 50 Jahre nach der Befreiung von der Hitler–Barbarei eingeweiht wurde. Unter den zahlreichen von den Nazis vertriebenen und ermordeten Steglitzer Juden nannte sie Kurt Tucholsky, dessen Bücher die Nazis 1933 auf dem Berliner Opernplatz verbrannten und der sich 1935 das Leben nahm, weil er keine Chance mehr sah, in sein geliebtes Berlin zurückkehren zu können. Sie erwähnte aber auch andere berühmte Berliner Juden aus Steglitz: den Schriftsteller Georg Hermann Borchard, den Begründer der modernen Stadtplanung Georg Haberland, den Journalisten Alfred Kantorowicz, den Philosophen Ernst Bloch und den Schriftsteller Franz Kafka.
Die Nationalsozialisten hätten das jüdische Leben auch in Steglitz nahezu vollständig ausgelöscht. Das kollektive Wegsehen der Bevölkerung und die „moralische Verwahrlosung eines ganzen Beamtenapparates“ hätten den Mord an 6 Millionen Juden möglich gemacht.

Isaac Sheffer beim Totengebet.
Umrahmt wurde die Gedenkstunde durch den bewegenden Gesang des Kantors Isaac Sheffer, der im abschließenden ökumenischen Gottesdienst zusammen mit dem Shalom Chor (Leitung Regina Yantian) auftrat. Auf dem Weg dorthin hielt der Gedenkzug vor dem ehemaligen Jüdischen Blindenheim in der Wrangelstraße inne. Dem Leiden wurde durch die Schilderung des Schicksals eines früheren Bewohners ein Gesicht gegeben. Pfarrerin Regine Becker stellte ihre Predigt unter das Motto „Unterwegs zum Frieden“.
Schweigemarsch auf dem Weg zum ehemaligen Blindenheim in der Wrangelstraße, heute "Haus Nazareth"

Bilder vom Gottesdienst in der Steglitzer Baptistengemeinde
Links die Vertreter der Ökumene, die den Gottesdienst gestalteten, rechts in der ersten Reihe: v.l.: Isaac Sheffer, Albert Löhr, Shalom Chor, vorne: Norbert Kopp und Jochen Feilcke.

v.l.: Jochen Feilcke, Regina Yantian, Leiterin des Shalom-Chors, der den Gottesdienst mit gestaltete, und Kantor Isaac Scheffer
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