|
Wie Israel auch unter Beschuss funktioniert von Jochen Feilcke, Vorsitzender der DIG Berlin
Am Anfang stand ein Brainstorming in der Berliner Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Wie können Freunde Israels in der aktuellen Kriegssituation helfen? Uns war schnell klar, dass wir eine Demonstration der Freundschaft und der Solidarität organisieren müssen. Eine Demonstration der ungewöhnlichen Art, nämlich eine Reise in das angegriffene Land. Innerhalb weniger Tage stand fest, wir fahren mit einer sechsköpfigen Delegation in den Norden Israels, dorthin, wo täglich Hunderte von Raketen einschlagen. Wie sieht der „Alltag“ in Haifa aus, welche Auswirkungen haben die Angriffe aus dem Libanon einerseits und die Militäraktionen der israelischen Streitkräfte (IDF) andererseits auf die Menschen im Norden Israels? Wie können wir ein objektives Bild über die aktuelle Situation in Deutschland vermitteln?
Fünf Tage nach unserem Beschluß, nach Israel zu reisen, saßen wir in der EL AL Maschine nach Tel Aviv’: Gitta Connemann MdB, stellv. Vors. der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, Jochen Feilcke MdB a. D. und Vizepräsident der Deutsch-Israelischen Gesellschaft (DIG), zugleich ihr Berliner Vorsitzender, Volker Heidmann, Vorstandsmitglied der DIG Hamburg, designiertes Mitglied des Präsidiums, Jerzy Montag, MdB und Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, Dr. Klaus Riemer, stellv. Vorsitzender der DIG Potsdam und Knut Teske, Vorsitzender der DIG Hamburg.

Über den Dächern von Haifa: Von links Volker Heidmann, Knut Teske, im Hintergrund: Dr. Klaus Riemer und Raphael Karpel (Reiseleiter), Jerzy Montag, Jochen Feilcke und Gitta Connemann.
Ein festes Programm hatten wir noch nicht, aber den festen Willen, möglichst viele Gespräche mit möglichst vielen Menschen zu führen. Zunächst fuhren wir mit einem Kleinbus nach Haifa. Beim Betreten des Hotels wurden wir von Sirenen „begrüßt“, wussten aber nicht recht, wie wir uns zu verhalten hatten. Uns wurde schlagartig klar, dass zuhause Sirenen nur zu Übungszwecken heulen. Niemand nimmt sie bei uns wirklich ernst. Jerzy Montag brachte es auf den Punkt: Heute musste ich nach 59 Lebensjahren zum ersten Mal Schutz in einem Bunker suchen! Wir waren nach vier Flugstunden in einem Land, in dem Meinungen über gut und böse nicht über das Fernsehen, sondern von der Lebenswirklichkeit gebildet werden, in einem Land, in dem der Bunker seit seiner Staatsgründung häufiger Aufenthaltsraum der Familien ist.
 Oben Bilder von den Zerstörungen in Haifa, unten: Die Notverwaltung der Stadt im Bunker
Dank einer Terminänderung saßen wir unmittelbar nach unserem Eintreffen bereits im Keller, wo die IDF ein Pressebüro unterhält. Ein Oberstleutnant briefte uns: Bis Sonntag habe es 17 zivile Todesopfer und 20 getötete Soldaten sowie 450 Verwundete gegeben. Aus dem Norden Israels seien inzwischen etwa 400 000 Menschen evakuiert worden, weitere Orte würden zum Schutz der Bevölkerung geräumt (hier wird fast nur über entsprechende Maßnahmen und ihre Folgen für die betroffenen Menschen im Libanon berichtet!!). Wir erfuhren, dass in Haifa seit dem 12. Juli – dem Tag, an dem Hisbollah-Terroristen eine israelische Patrouille überfielen, dabei mehrere Soldaten erschossen und zwei verschleppten, ständige Alarmbereitschaft gilt und dass die Sirenen dann ertönen, wenn konkrete Raketenabschüsse vom Radar erfasst werden. Dann blieben 20 bis 30 Sekunden Zeit, um in einen südlichen Gebäudeteil oder in den Bunkerkeller zu gelangen. Nach wenigen Minuten sei die akute Bedrohung vorüber. Tatsächlich waren wir in den 48 Stunden unserer Kurzreise immer wieder gezwungen, unsere Gespräche zu unterbrechen, um „ohne Panik“ (das wurde uns eingeschärft) in den Bunker des jeweiligen Gebäudes zu eilen.

Der zur Zeit wichtigste Hinweis in Israel ....
Dieser Krieg ist zwar nicht erklärt, aber dennoch ein Krieg. Es geht nicht um „Nadelstiche“ von Seiten der Hisbollah, es geht vielmehr darum, dass Israel aus den vor sechs Jahren freiwillig geräumten Gebieten pausenlos angegriffen wird und sich so wehrt, dass künftige Angriffe unmöglich gemacht werden. Täglich feuert die Hisbollah-Armee Hunderte von tödlichen Raketen auf Wohnhäuser und Zivilisten in Israel ab. Ziel der Hisbollah ist es, das „Zionistische Gebilde“ (Sie vermeiden den Namen Israel) und die Menschen zu treffen, inzwischen gibt es Drohungen auch gegen Tel Aviv. Unser Oberstleutnant dazu: „Wir geben Land und bekommen Raketen!“ Auf der anderen Seite unternimmt Israel alles, um Zivilpersonen zu schonen. Die IDF warnt die Bevölkerung sogar per SMS ausdrücklich vor bevorstehenden Angriffen. Die Direktorin der Abteilung Westeuropa im Außenministerium, Frau Osnat Bar Yosef, äußerte in einem späteren Gespräch in Jerusalem „Libanesen halten in ihren Häusern Raketen wie andere ihre Haustiere.“ Das ist auch der Grund dafür, dass die israelische Armee gezwungen ist, Wohnbereiche zu attackieren und das ist auch der Grund für leider immer wieder vorkommende „Kollateralschäden“. Diese kann Israel nur bedauern, aber nicht vermeiden.

Jochen Feilcke mit der Direktorin der Abteilung Westeuropa im Außenministerium, Frau Osnat Bar-Yosef.
Es handelt sich bei den Angriffen auf Israel um einen Stellvertreterkrieg im doppelten Sinn, nämlich eigentlich um den Kampf extremistischer islamistischer Gruppen gegen westliche Demokratien im Auftrage und finanziert von Syrien und dem Iran. Also stellvertretend für Iran und Syrien kämpft die Hisbollah gegen Israel, um die westliche Wertegemeinschaft zu treffen. Frau Osnat Bar Yosef wörtlich: „Dieser Krieg macht uns bitter!“ Die Führer der demokratischen westlichen Welt und der arabischen Welt seien jetzt gefordert. Es gebe zwar gewisse Übereinstimmungen - ebenso wie die Hamas macht die Hisbollah der Bevölkerung soziale Angebote, deshalb habe sie 20% der Parlamentssitze errungen, aber im Unterschied zur Hamas sei die Hisbollah gegenüber Israel nicht der „Underdog“. Zwischen dem politischen und dem militärischen Flügel der Hisbollah gebe es keinen Unterschied mehr. Die Hisbollah sei Herr im Hause Libanon, und wie die Abgeordnete der Knesset, Frau Colette Avital, Labour Party und zugleich Vorsitzend der Israelisch-Deutschen Parlamentariegruppe, sagte, ist die Hisbollah keine Marionette, auch wenn sie am langen Arm vom Iran geführt werde.

Colette Avital, Vorsitzende der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, traf die deutsche Delegation in der Knesset.
Unser Besuch in Haifa im Norden Israels umfasste das Hauptquartier des „Magen David Adom“ MDA, des israelischen „Roten Davidstern“, das Hauptquartier der Feuerwehr, das Hauptquartier der Stadtverwaltung, das während der Kriegshandlungen in den Keller verlegt wurde und das große Krankenhaus Rambam.

Der Einsatzleiter von Magen David Adom, rechts Volker Heidmann und Jerzy Montag

Jochen Feilcke am Krankenbett des einzigen überlebenden Soldaten der Patrouille an der Grenze zum Libanon, die am 12. Juli von der Hisbollah überfallen wurde. Drei seiner Kameraden starben, zwei wurden entführt.
Alle Einrichtungen sind rund um die Uhr in ständigem Einsatz, die Familien sind zum großen Teil in den sicheren Süden geschickt worden, die Kinder des Krankenhauspersonals spielen im Bunker, der als Kindergarten hergerichtet worden ist. Immer wieder die Aussage, wir brauchen uns keine Sorgen um unsere Familien zu machen, wir sorgen uns um Haifa. Überall Zustimmung zum militärischen Engagement Israels trotz schwierigster Arbeitsbedingungen, überall eine gewisse selbstbewusste Gelassenheit in einem Land, das seit seiner Staatsgründung im Konflikt mit den Nachbarn lebt. Ein Bewohner des Seniorenheimes von MISHAN auf die Frage, warum nur sehr wenige alte Menschen vom Angebot der Evakuierung Gebrauch gemacht haben: „Wir sind in 60 Jahren abgehärtet“. Selbst die Eltern und die Freundin vom Tomer Feinberg, des einzigen geretteten überlebenden, aber verwundeten Soldaten aus der am 12. Juli überfallenen Patrouille, äußern keine Kritik, sondern Zuversicht. Die Grundstimmung im Lande ist einerseits Bitternis, weil Raketen der Hisbollah im Landesinnern Israels schwerste Schäden anrichten, andererseits aber der unbeugsame Wille , für die Zukunft derartige terroristische Überfälle aus dem Libanon ein für alle mal auszuschließen.

Im Beit Ben Yehuda, der Jugendbegegnungsstätte von ASF in Jerualem, traf ein Teil der Delegation mit Mitarbeitern des Hauses zusammen: v.l.: Co-Leiterin Katharina von Münster, Dr. Klaus Riemer, Magdalena Bayer, ASF-Freiwillige, und der Leiterin des Freiwilligen-Programms, Ingrid Lavie. Im Rahmen der Rabin-Gedenkkonzerte haben wir mehrfach für das Beit Ben Yehuda gespendet, was auf einer Tafel im Hause nachzulesen ist.
Der Oberbürgermeister von Haifa, Jona Yahav, dankt Jochen Feilcke am 7. August für den Solidaritätsbesuch der DIG in Haifa. Mehr ....
Hier finden Sie Bilder von der letzten Reise der DIG Berlin im Jahr 2004
|