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Grußwort des israelischen Botschafters S.E. Shimon Stein anläßlich der DIG-Gedenkveranstaltung zum 10. Todestag von Jitzhak Rabin am Montag, den 14. November 2005, 19.30 Uhr, Haus der Kulturen der Welt, Berlin

 

Zum zehnten Mal jährt sich der Todestag Jitzhak Rabins und noch immer bleibt dieses Geschehen unfassbar! Wenn Sie mich vor vierzehn Jahren gefragt hätten, ob ein politisches Attentat in Israel möglich wäre, hätte ich mit nein geantwortet. Heute – zehn Jahre danach – glauben Meinungsumfragen zufolge 98 % der Jugendlichen und 84 % der gesamten Bevölkerung, daß sich ein politisches Attentat in Israel wiederholen kann.

 

Eine traurige und nachdenklich machende Aussage, die ich heute nicht kommentieren möchte. Denn der Kommentar zu diesem Ergebnis, wie auch auf die Frage nach den Auswirkungen des Attentats auf die israelische Gesellschaft sind Fragen, die wir Israelis unter uns und für uns beantworten müssen.

Weil wir hier aber heute unter Freunden sind, werde ich als Israeli trotzdem sagen, daß das Attentat nicht zur Reduzierung des Gewaltpegels in allen seinen Formen beigetragen, sondern vielmehr dazu geführt hat, daß man diese Form der Gewalt hinnimmt, als sei sie eine Natur-katastrophe, auf die man keinen Einfluß hat und die man benutzen kann, um politische Ziele zu erreichen. Das Attentat hat leider keine rote Linie markiert, an die man nicht heran kommen sollte.

 

Meine Damen und Herren, wir sind heute zusammengekommen, um Jitzhak Rabins zu gedenken. Ein Mann, der erkannt hat, daß die Zeiten sich Anfang der 90er Jahre geändert und ein Fenster der Möglichkeiten geöffnet hatten, etwas, was sich vielleicht nicht wiederholen wird  für einen Paradigmenwechsel zur Lösung des arabisch-palästinensisch-israelischen Konfliktes und als – wenn Sie so wollen – ein Mittel, um die sicherheits-strategische Lage Israels neu zu gestalten.

 

Seine gemeinsam mit Shimon Peres getroffene historische Einscheidung, die PLO anzuerkennen und einen Prozeß der Verständigung mit den Palästinensern zu beginnen, galt als Tabubruch. Gleichzeitig hat Rabin einen Prozeß eingeleitet, der eine Systemveränderung in der Politik und in der Gesellschaft in Gang gesetzt hat. Er hat begonnen, eine neue Agenda, die manche als Post-Konflikt-Agenda bezeichnen, zu gestalten.

 

Zu unserem tiefsten Bedauern ist er seiner tabubrechenden Politik zum Opfer gefallen, welche die damalige israelische Politik zu befreien schien, die nach 1967 fast im Stillstand verharrte,  und die für manche Menschen in Israel zu weit ging.

 

Alle Fragen, die wir uns seit seinem Tod gestellt haben, und die man zudem nur im Konjunktiv stellen kann, nämlich:

 

„Was wäre, wenn der Friedens-Prozess den Rabin begonnen hat, gesiegt hätte? Wie hätte er gegen den Terror gekämpft? – und: „Wäre es überhaupt zur zweiten Intifada gekommen?“ Auf diese und weitere Fragen werden wir keine Antworten finden.

 

Meines Erachtens sind die Antworten zu diesen Fragen aber auch gar nicht so wichtig. Festzustellen ist vielmehr, daß das Attentat und die sich daraus ergebenden Entwicklungen im Jahr 2000 - nach dem Scheitern von Camp-David - zu einem Paradigmenwechsel in der Einstellung und Wahrnehmung der Mehrheit der Israelis bezüglich der Beilegung des Konflikts geführt haben.

 

Obwohl er die sich verändernde politisch-demographische Realität anerkannt und dement-sprechend mutige Erklärungen abgegeben, historische Entscheidungen getroffen und sie auch durchgesetzt hat, Entscheidungen, die einen wichtigen Beitrag auf dem Weg zur Beilegung des Konfliktes sein könnten, teilt Ministerpräsident Sharon Rabins politische Grundeinstellung zur Lösung des Konflikts nicht. In seiner Politik spiegelt er den Zeitgeist, in dem sich die Mehrheit der Israelis befindet. Ein Zeitgeist, der sich grundlegend von dem Zeigeist Israels während der 90er Jahre unterscheidet.

 

Meine Damen und Herren, mein Respekt und meine Dankbarkeit gelten der Arbeitsgemein-schaft Berlin der Deutsch-Israelischen-Gesell-schaft, die mit uns Israelis die Erinnerung an einen Staatsmann wachhält, der eine neue und bessere Realität für uns, die Region und die Welt zu gestalten versucht hat, und der seine Mission nicht zu Ende bringen konnte.

 

Vielen Dank!

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