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Rede von Jerzy Montag, MdB und Vorsitzender der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe, anlässlich der Feierstunde zum 40-jährigen Bestehen der Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Meine sehr verehrten Damen und Herren,

ich danke Ihnen für die Einladung zum heutigen 40sten Geburtstag der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Ich freue mich, an diesem Festtag zu Ihnen sprechen zu dürfen und bin mir der damit verbundenen Ehre sehr bewusst.

Am 21.3.1966 wurde die Deutsch-Israelische Gesellschaft gegründet, einige Monate, nachdem im Mai 1965 die Bundesrepublik Deutschland und Israel diplomatische Beziehungen aufgenommen hatten.

Die Leitsätze der Deutsch-Israelischen Gesellschaft fassen zusammen, was diese von ihrer Gründung an bis heute als ihre Aufgabe beschreibt und auf welchen Grundlagen ihre Arbeit fußt.

Bis heute und sicher noch sehr lange in die Zukunft bestimmt die Arbeit der DIG das Wissen um die Verbrechen an Juden, die in den Jahren 1933 bis 1945 von Deutschen und in deutschem Namen verübt wurden. Die Deutsch-Israelische Gesellschaft sieht sich deshalb der Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen verpflichtet. Auch nach 60 Jahren ist dies eine Zukunftsaufgabe, für die die DIG die nachwachsenden Generationen in Deutschland gewinnen will.

Die Deutsch-Israelische Gesellschaft tritt für eine Verständigung zwischen allen Völkern der Region des Nahen Ostens ein, ganz sicher also auch für eine Verständigung zwischen Palästinensern und Israelis. Sie engagiert sich für einen Frieden, der die Existenz und Lebensfähigkeit Israels dauerhaft sichert.

Die DIG bekämpft den Antisemitismus, stellt sich allen entgegen, die Israels Lebensrecht bestreiten und stellt Vorurteilen gegenüber Juden Informationen und Fakten über Juden und das Leben der Menschen in Israel entgegen.

Das alles ist richtig und wichtig. Am schönsten aber finde ich persönlich, dass die Deutsch-Israelische Gesellschaft sich als eine Organisation versteht, in der sich Freunde Israels zusammenfinden, um in Solidarität mit Israel und seinen Menschen zu wirken. Nicht zuletzt war dies für mich der Beweggrund, Mitglied der DIG zu werden.

An der Gründung der Deutsch-Israelischen Gesellschaft 1966 haben sich viele Frauen und Männer beteiligt, denen die Beziehungen zwischen Deutschen und Juden wie zwischen Deutschland und Israel seit dem Ende der Hitlerbarbarei ein Herzensanliegen waren.

Ich will statt vieler nur an einen erinnern: An Heinrich Grüber, der der Gründungsversammlung vorsaß und erster Ehrenpräsident der Deutsch-Israelische Gesellschaft wurde.

Heinrich Grüber war evangelischer Geistlicher in Berlin. 1938 gründete er in der Oranienburgerstraße das „Büro Pfarrer Grüber“, das sich als Hilfsstelle für sog. rassisch Verfolgte einsetzte. Das Büro wurde im Dezember 1940 von der GeStaPo geschlossen und Grüber musste die KZ-Lager Sachsenhausen und Dachau durchleiden. Heinrich Grüber war der erste nichtjüdische Zeuge, der in Jerusalem im Eichmann-Prozess aussagte.

An ihrem 40sten Geburtstag kann die Deutsch-Israelische Gesellschaft stolz sein, dass Menschen wie Heinrich Grüber ihre Geburtshelfer waren.

Die DIG ist in den 40 Jahren ihres Bestehens gewachsen, sie hat ca 5.000 Mitglieder, die in 48 örtlichen Arbeitsgemeinschaften tätig sind. Sie hat eine Schwester bekommen, seitdem es eine Israelisch-Deutsche Gesellschaft in Israel gibt.

Die vielen Aktivitäten der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in den vergangenen Jahrzehnten darzustellen maße ich mir nicht an. Aber ich will daran erinnern, dass die DIG seit 2001 einen Friedenspreis vergibt. Und es sagt so viel aus über den Geist der Verständigung, der in der Deutsch-Israelischen Gesellschaft herrscht, dass beide bisher vergebenen Preise arabisch/jüdische Projekte des zivilgesellschaftlichen friedlichen Zusammenlebens ausgezeichnet haben.

Die Beziehungen zwischen der Bundesrepublik Deutschland und Israel könnten, nunmehr 41 Jahre nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen, eigentlich fast nicht besser sein.

Rudolf Dressler, die letzten sechs Jahre Botschafter Deutschlands in Israel, hat letztes Jahr dazu geschrieben:

„Die bilateralen Beziehungen haben heute eine Breite, eine Dichte und Tiefe, die beeindruckend sind.“ Aber niemandem, der sich im deutsch-israelischen Verhältnis wirklich auskennt, würde einfallen, diese Beziehungen deshalb als „normal“ zu bezeichnen.

Es ist nur 70 Jahre her, da haben Deutsche, die in Deutschland die Macht an sich gerissen hatten und im deutschen Namen sprachen und handelten, allen Menschen jüdischen Glaubens und jüdischer Herkunft das Existenzrecht abgesprochen und Millionen Juden ermordet.

Avi Primor, in den 90er Jahren Botschafter Israels in Deutschland, hat die Haltung der meisten Israelis zu den Deutschen Anfang der 50er Jahre in Israel so beschreiben:

„Der Widerstand gegen jeglichen Kontakt war allgemein und unerbittlich. Mit den Deutschen werden wir keine unmittelbaren Beziehungen entwickeln, keine zwischenmenschlichen Beziehungen, keine kulturellen und wissenschaftlichen Kontakte aufnehmen.“

Heute aber gibt es ein dichtes Netz politischer, kultureller, wissenschaftlicher Verbindungen zwischen Deutschland und Israel.
Es ist ein politisches Wunder, ein Geschenk, für das wir dankbar sein sollten, dass sich die Beziehungswüste zwischen Juden und Deutschen, zwischen Israel und Deutschland in nach historischen Zeitmaßen so erstaunlich kurzer Zeit so begrünt hat.

Diese Entwicklung wurde auf deutscher Seite von Anfang an von Menschen geprägt, die die Shoah weder leugneten noch relativierten, die die Verantwortung Deutschlands für das den Juden angetane Unrecht übernahmen, die an die Möglichkeit der Aussöhnung glaubten.

Diese Menschen haben die Deutsch-Israelische Gesellschaft gegründet und haben ihre Arbeit seit ihrer Gründung geprägt. Damit hat die DIG seit 1966 jetzt 40 Jahre lang einen ganz besonderen Beitrag geleistet, die gänzlich „unnormalen“, einzigartigen, immer noch hoch fragilen Beziehungen zwischen Deutschen und Juden, zwischen Deutschland und Israel, zu knüpfen.

Dafür gebührt der Deutsch-Israelischen Gesellschaft Dank, darin liegt aber auch eine große Verantwortung für die Zukunft.

Die politische Lage im Nahen Osten, besonders in Israel und den palästinensischen Gebieten, der West-Bank und Gaza, ist angespannt und gefährlich. Unerträglich sind die nun jahrelang anhaltenden Selbstmordattentate gegen Zivilisten. Kinder und Erwachsene auf Märkten, bei Feiern, mitten im zivilen Leben werden Opfer solchen blindwütigen Terrors.

Das Existenzrecht Israels in sicheren Grenzen ist immer noch nicht von allen Nachbarn anerkannt. Ganz im Gegenteil, aus den Wahlen im Iran und in den palästinensischen Gebieten sind Feinde des Staates Israel als Sieger hervorgegangen. Auch wenn beide Wahlen viel mit der Korruption der eigenen abgewählten Machteliten und mit der desolaten sozialen Lage in ihren Heimatländern zu tun haben, die Sieger nutzen ihre gewonnenen Machtpositionen zur Bedrohung der Existenz Israels.

Für mich ist es keine Frage, wo in dieser Situation mein Platz ist: an der Seite Israels. Dies ist für mich eine ganz persönliche Entscheidung. Aber es ist auch das Fundament der deutsch-israelischen Beziehungen, mit einem sehr weitgehenden Konsens in der deutschen Politik.

Wahr ist aber auch, dass die Zahl der Menschen in Deutschland – aber nicht nur bei uns - wächst, die die Politik der israelischen Regierung gegenüber Israels nächsten Nachbarn, den Palästinensern nicht mehr verstehen und deshalb kritisieren.

Das kann Israel und den Israelis nicht gleichgültig sein.

Wir sollten deshalb als Freunde Israels den kritischen Dialog nicht scheuen und die Elemente der israelischen Politik benennen, die – ich zitiere nochmals die Leitsätze der Deutsch-Israelische Gesellschaft – „einem Frieden im Nahen Osten und einer Verständigung zwischen allen Völkern der Region“ vielleicht nicht förderlich sind.

Viele Menschen, die Israel wohl gesonnen sind, empfinden einen Diskurs mit unterschiedlichen, auch gegensätzlichen Auffassungen zur Siedlungspolitik, zu den rechtsstaatlichen Grenzen bei der Terrorabwehr und zur Trennung der Völker durch Mauerbau als legitim und notwendig. In der israelischen Gesellschaft wird diese Debatte vor einem völlig anderen Erfahrungshorizont, aber deshalb nicht weniger heftig und weniger kontrovers als bei uns in Deutschland geführt.

Ich meine, dass auch und gerade die Deutsch-Israelische Gesellschaft diesen Diskurs in Zukunft aktiver als bisher mitgestalten könnte. Damit würde sie den Beweis erbringen, dass sich unverbrüchliche Freundschaft zu Israel mit einer auch kritischen Diskussion über eine friedliche Zukunft im Nahen Osten für alle dort lebenden Menschen wohl verträgt.

Wir blicken gespannt auf den 28. März. Heute in einer Woche wird in Israel gewählt. Wer auch immer gewinnt und Verantwortung für die Politik Israels übernimmt, Israel bleibt eine starke Demokratie, eine offene Gesellschaft und ein demokratischer Rechtsstaat.

Die deutsch-israelische Parlamentariergruppe des Bundestages, deren Vorsitz ich von der nunmehrigen Staatsministerin im Kanzleramt, der Kollegin Hildegard Müller übernommen habe, wird wieder Kontakte zu unseren dann neu gewählten Kolleginnen und Kollegen der Knesset aufnehmen.

Die Sicherheit Israels in anerkannten Grenzen und eine wirklich friedliche Zukunft, die heute noch nicht sichtbar ist, aber sicher einmal kommen wird, ist das Ziel der Arbeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaft in der Zukunft – und ich wage nicht vorauszusagen, ob dazu noch einmal 40 Jahre ausreichen werden.

Ich wünsche jedenfalls der Deutsch-Israelischen Gesellschaft dabei eine glückliche Hand und jeden nur möglichen Erfolg.

Berlin, den 21.03.2006

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