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"40 Jahre Deutsch-Israelische Gesellschaft"
Vortrag von DIG-Präsident Prof. Manfred Lahnstein beim Festakt der DIG im Auswärtigen Amt am 21.03.2006


Exzellenzen, verehrter Herr Außenminister,

sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde,

vor genau 40 Jahren - am 21.März 1966 - ist im Bonner Bundeshaus die Deutsch-Israelische Gesellschaft gegründet worden, ein Jahr nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen zwischen beiden Staaten. Die öffentliche Gründungsversammlung hat dann am 19. Mai 1966 in der Berliner Akademie der Künste stattgefunden.

In unseren Leitsätzen heißt es: „Die DIG ist die zentrale Organisation in der BRD, in der sich Freunde Israels in überparteilicher Zusammenarbeit zusammenfinden.“

Vorher gab es Bemühungen einzelner Persönlichkeiten und Gruppen. Ich nenne nur Propst Grüber, Walter Hesselbach oder Erich Lüth, Aktion Sühnezeichen, Jugendverbände, Gewerkschaften oder „Arbeit und Leben“.

Dem ersten Vorstand gehörten an:

  • Gerhard Jahn
  • Ernst Benda
  • Walter Hesselbach
  • Rolf Rendtorff.

40 ist nicht 50, aber immerhin Anlass, mit Dankbarkeit zurück- und mit Entschlossenheit nach vorn zu blicken.



DIE BEIDEN ERSTEN JAHRZEHNTE: DER AUFBAU

  • Schwierige und komplizierte Jahre des Aufbaus der Beziehungen und erste Schritte zu einer umfassenden Verständigung.
  • DIG: Unterstützung dieses Prozesses im Bereich der „Zivilgesellschaft“. Wir setzten auf den Wunsch der Deutschen und der Israelis, sich trotz allem, was zwischen uns stand, auch unmittelbar und persönlich zu begegnen.

Unsere ersten Präsidenten: Gerhard Jahn (1966-67 Gründungspräsident), Ernst Benda (1967-1971); Heinz Westphal ( ab 1971), jeder einzelne von ihnen ist unvergessen.

  • 1967 und der „Sechstagekrieg“: Aufrufe zur humanitären Hilfe. Wir zeigten, dass wir da sind und warum.
  • 1967-1973: die ersten Arbeitsgemeinschaften werden gegründet. Sie leisten heute - jede auf ihre Weise und mit mehr oder weniger Mitgliedern - phantastische Arbeit.
  • 1969: Auf Initiative unserer Mitglieder im Deutschen Bundestag bildet sich erstmals eine deutsch-israelische Parlamentariergruppe.
  • 1971: „Woche der deutschen Kultur“ in Tel Aviv: israelischer Widerstand.
  • 1973 und der „Yom Kippur Krieg“: Aufrufe zur humanitären Hilfe. Aber auch Kritik innerhalb der DIG an der Politik Israels (besetzte Gebiete). Heftige Diskussion: Was sollte eine reflektierte Solidarität (Ernst Benda 1967: „Kritische Solidarität“) mit Israel für die DIG bedeuten? Durfte sie Kritik einschließen? 1977 hat deshalb eine Gruppe von Mitgliedern die DIG verlassen und den Deutsch-Israelischen Arbeitskreis für den Nahen Osten (DIAK) gegründet. Auch diese Debatte ist bis heute nicht abgeschlossen, wird es wohl nie sein.

Der nächste Präsident: Erik Blumenfeld (1973-1991). Unvergessen auch er.

  • ab 1978: Deutsch-Israelische Konferenzen unter Beteiligung von Parlamentarierdelegationen des Bundestages und der Knesset. Gleichzeitig: Kontaktaufnahme mit den Schwestergesellschaften in der Schweiz und in Österreich.
  • 1984, offiziell 1985: Gründung des Jugendforums (nach Parallelgründung in Israel 1983).


DIE BEIDEN NÄCHSTEN JAHRZEHNTE: DEUTSCHE VEREINIGUNG UND KONSOLIDIERUNG


Natürlich blieb es auch politisch weiterhin spannend:

  • Der „Historikerstreit“ des Jahres 1986.
  • Die „Intifada“ und ihre vielfältigen Konsequenzen.
  • Der 1. Golfkrieg 1991: Breite Solidarität mit Israel; Besuche im Schatten der irakischen Scud-Raketen.

In Deutschland aber war die Vereinigung das beherrschende Thema.

  • Befürchtungen und Skepsis in Israel.
  • Kontakte zu Einzelpersonen in der DDR, dann zu der neu gegründeten Gesellschaft DDR-Israel.
  • 1991 (inzwischen war Hans Koschnick Präsident der DIG geworden) werden die Mitglieder dieser Gesellschaft in die DIG aufgenommen.
  • Ab 1991: Aufbau von Arbeitsgemeinschaften in den neuen Bundesländern. Spezifische Schwierigkeiten (Geschichtsbild, Freunde finden, Finanzen).
  • Der „Oslo-Prozess ab 1992: Jahre des Optimismus.
  • 1994: Manfred Lahnstein (bislang Schatzmeister) löst Hans Koschnick ab, der EU-Administrator in Mostar wird.
  • 2000: die „El Aqsa Intifada“ und der rasche Niedergang des Friedensprozesses. Israel und der „Krieg der Bilder“. Neuer „Antizionismus“. Aufgabe der DIG (bis heute): Unverbrüchliche Solidarität mit Israel, aber auch Beharren auf einer eigenständigen und vielfältigen Meinungsbildung. Persönlich bin ich dankbar dafür, dass wir diese notwendige Diskussion offen, aber auch ohne nachhaltige Spannungen geführt haben


HEUTE:

  • knapp 5.000 Mitglieder; 48 örtliche Arbeitsgemeinschaften in allen Bundesländern; Jugendforum
  • „DIGmagazin“ und Website
  • seit 2001: „Friedenspreis der DIG“

Es sind 40 Jahre voller Ereignisse und Spannung gewesen!

Wir können nicht ohne innere Bewegung und auch mit ein wenig Stolz auf diese Jahrzehnte zurückblicken, verbunden mit dem tiefen Dank an all diejenigen, die allüberall in Deutschland unsere Arbeit begleitet und gefördert haben. Worauf wir noch stolz sein können - die DIG ist die DIG geblieben! Sie hat sich ihrem Wesen nach und in ihren Überzeugungen nicht verändert, auch wenn Inhalte und Arbeitsmethoden natürlich dem Wandel unterworfen waren und bleiben.

Noch immer gilt:

Die DIG ist die zentrale Organisation in der Bundesrepublik Deutschland, in der sich Freunde Israels in überparteilicher Zusammenarbeit zusammenfinden.“

Noch immer gilt:

Die DIG engagiert sich für einen Frieden im Nahen Osten, der die Lebensfähigkeit Israels dauerhaft sichert.“


Noch immer gilt:

„Die DIG wendet sich entschieden gegen alle Kräfte, die Israels Lebensrecht als jüdischer Staat bestreiten.“

So steht es seit Jahrzehnten in unseren Leitsätzen, und wie aktuell das alles immer noch ist, machen die Entwicklungen der letzten Monate mehr als deutlich. Der Kampf ist alles andere als bestanden!

Noch immer gilt aber auch, was der unvergessene Adolf Arndt in seiner Festrede bei der Gründungsversammlung 1966 gesagt hat:

“Es hat in den 20 (40) Jahren viele Versuche gegeben, die Saat des Vertrauens auszustreuen. Manches ist auf Steine gefallen und verdorrt. Manche Körner aber sind aufgegangen, und sie haben reiche Frucht getragen. Wir freuen uns der Ernte, und wir machen uns geduldig und ohne Aufhebens an die immer neue Saat. Wir bitten, dass sie aufgeht und eine neue Ernte bringt“.



DIE ZUKUNFT

  • Zum Stand der Beziehungen: ungeheuer dicht, gut, aber nicht „normal“.
  • Zum Beitrag der „Zivilgesellschaft“ und damit auch dem der DIG: 2005 und 2006: Weit über 500 Veranstaltungen.
  • Vor welchen Herausforderungen stehen wir?

1. Die geostrategische Ausgangslage

  • Der Nahe Osten als zentraler Schauplatz der Weltpolitik. Das geht über den israelisch-palästinensischen Konflikt hinaus: Der islamistische Terror, der Irakkrieg und die Konsequenzen, das Streben des Iran nach Atomwaffen, das europaweite Problem der Immigration aus der islamischen Welt und die damit verbundenen vielfältigen Fragestellungen.
  • Bindung Israels an den Westen (USA und Europa) festigen! Mitgliedschaften in Europarat, OECD, EU und NATO werden überlegt.

2. Die wissenschaftliche, kulturelle und ökonomische Zusammenarbeit

  • Was bilateral zu tun ist: Vertiefung, Vertiefung, Vertiefung!
  • Die spezifische Verantwortung der Europäer für die Palästinensischen Autonomiegebiete (Wie mit einer Hamas- geführten Regierung umgehen?)

3. Die (latente) Gefahr des Antisemitismus bei uns

  • Der Landrat von Halberstadt. Zivilcourage als Kernthema unserer Arbeit.
  • Offensiv für unsere Werte eintreten!

4. Bewusstsein für die geschichtliche Verantwortung immer wieder wecken!

An diesen Herausforderungen müssen wir unsere Arbeit immer wieder ausrichten:

  • Mitglieder gewinnen! Insbesondere jüngere Menschen!
  • In die Öffentlichkeit hineinwirken (Möglichkeiten und Grenzen)
  • Politik aufmerksam verfolgen.
  • Den Freunden in Israel zeigen, dass wir zu ihnen stehen. Nach Israel reisen! Jeder von uns sollte überlegen, wann er in diesem Jahr nach Israel reisen kann.

Adolf Arndt mahnt uns: Ernten morgen wird es nur geben, wenn wir heute säen! Und an diese Arbeit des Säens sollten wir uns machen: unverdrossen im Tun, ehrlich und standfest in der Haltung, differenziert im Urteil. Auf also ins nächste Jahrzehnt - bis wir dann nach 50 Jahren die nächste Bilanz ziehen können!

Vielen Dank.

Der Vortrag wurde frei gehalten. Hier handelt es sich lediglich um das Grundgerüst, auf dem die Rede des Präsidenten basierte.

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