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Grußwort von Jochen Feilcke bei der Ausstellungseröffnung "Wir waren Nachbarn - 120 Biographien jüdischer Zeitzeugen" im Rathaus Schöneberg am 27.01.2008

Jochen Feilcke im Foyer des Schöneberger Rathauses bei seinem Grußwort, gerichtet an rund 250 Gäste.
Am 27. Januar wurde inzwischen zum vierten Mal die Intervallausstellung "Wir waren Nachbarn - 120 Biographien jüdischer Zeitzeugen" im Rathaus Schöneberg eröffnet. Bei der Eröffnung fungierten die DIG Berlin und Potsdam sowie die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit" als Mitveranstalter. Nach den Grußworten folgte ein Zeitzeugengespräch sowie am Ende ein wunderbares Konzert mit dem Berliner Shalom-Chor.
Lesen Sie hier das Grußwort von Jochen Feilcke, Vorsitzender der DIG Berlin und Potsdam: "Sehr verehrte Damen und Herren,
seit zwei Jahren gibt es in München einen Faschingsumzug, in diesem Jahr fand er ausgerechnet am heutigen Internationalen Holocaust-Gedenktag statt. Schirmherr und Teilnehmer war Oberbürgermeister Ude.
Als Begründung nannte der veranstaltende Verein, der Gedenktag sei erst 2005 von den Vereinten Nationen festgelegt worden. Allerdings findet der Münchener Umzug erst seit 2006 statt. Zudem erklärte Bundespräsident Roman Herzog schon 1996 diesen Tag in Erinnerung an den NS-Völkermord und Rassenwahn zum nationalen Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Heute, am 27. Januar, jährt sich die Befreiung der Überlebenden des Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau durch die Rote Armee 1945. In einem zynischen Kommentar der SZ vom 23. Januar heißt es dazu: „Warum hat die Rote Armee 1945 Auschwitz nicht an einem Tag befreit, der in die Passionszeit fällt? Dann wäre keine Kollision möglich zwischen dem in der Nachkriegszeit Schritt für Schritt etablierten Gedenkkalender zur Erinnerung an die NS-Verbrechen und dem alteuropäisch-christlichen Festkalender, an den das bunte Treiben der Karnevalisten gebunden ist…“ (Hier finden Sie den ganzen Kommentar von Johan Schloemann mit dem Titel "Fasching und Faschismus" in der SZ vom 23.01.2008.)
In den Leitsätzen der Deutsch-Israelische Gesellschaft heißt es: "Die Arbeit der DIG geht von dem Wissen um die von Deutschen zu verantwortenden Verbrechen an den Juden während der Jahre 1933 bis 1945 aus. Die DIG wird deshalb der Aussöhnung zwischen unseren beiden Völkern verpflichtet bleiben. Diesen Auftrag gilt es, an die nachwachsende Generation in der Bundesrepublik Deutschland zu vermitteln." Als konkreter Beitrag ergibt sich für die DIG daraus, Vorurteilen gegenüber Juden in der deutschen Bevölkerung entgegenzuwirken sowie Antisemitismus und Antizionismus entschieden zu bekämpfen. Deshalb begrüßen und unterstützen wir die Arbeit des Bezirksamtes Tempelhof-Schöneberg, die Verbrechen in der Nachbarschaft aufzuarbeiten und im Gedächtnis zu halten. Die Ausstellung macht deutlich, mit welchen Gemeinheiten gegenüber unseren Nachbarn alles begann, was die Mordmaschinerie erst möglich machte. Wir müssen sehr wachsam bleiben, damit sich Schreckliches nicht wiederholt! „Nachbarlich ist alles Leid der Welt“, hat Albrecht Goes einmal gesagt. Ich füge hinzu, das Leid der Nachbarn zu ignorieren, nicht zu lindern war und ist des Menschen, des Deutschen, des Berliners, des Schönebergers unwürdig." 
Kuratorin Katharina Kaiser beim anschließenden Zeitzeugengespräch mit Vera Ansbach und Hans Gerhard Cheim. Eva Ansbach schaffte es als 19jährige nach England zu flüchten. Ihre Mutter und ihr Bruder sowie die Eltern ihres späteren Ehemannes wurden in Raga ermordet. Hans Gerhard Cheim überlebte mit seiner Mutter in Berlin. Mit 17 mußte er in den letzten Kriegsjahren in der Organisation Todt Zwangsarbeit leisten.
 Das Foyer und beide Treppen im Rathaus Schöneberg waren voll mit Menschen
Nach dem Gespräch mit den Zeitzeugen luden die Veranstalter zu einem Konzert mit dem Berliner Schalom-Chor ein, mit dem die DIG Berlin und Potsdam schon früher erfolgreich zusammen gearbeitet hatte. Er wurde 1994 von dem langjährigen und legendären Oberkantor der Jüdischen Gemeinde, Estrongo Nachama, und der Leiterin des Gemeindechors der Steglitzer Baptistengemeinde gegründet. Inzwischen ist er durch viele gemeinsame Veranstaltungen und Begegnungen zu einer festen Institution geworden.
Nach dem Tod von Nachama im Januar 2000 übernahm zunächst die Kantorin der Synagoge Oranienburger Straße Avital Gerstetter und 2004 Isaac Scheffer - heute Oberkantor der Jüdischen Gemeinde - dessen Rolle. Er setzt die Tradition der deutschen Synagogalmusik des 19. Jahrhunderts fort.
Regina Yantian fungiert seit dem Ausscheiden von Elisabeth Liebig im Jahr 2004 als Chorleiterin. Wertvolle Anregungen im Umgang mit dem hebräischen Repertoire erhielt der Chor vor allem durch die Zusammenarbeit mit Harry Foß, dem früheren Organisten der Jüdischen Gemeinde zu Berlin und Orgelbegleiter von Estrongo Nachama. Der Chor hat heute 35 Sängerinnen und Sänger, die aus verschiedenen Kirchengemeinden und der Jüdischen Gemeinde zu Berlin kommen. Am Klavier begleitete Wolfgang Aldag. Das Repertoire des Abends umfaßte u.a. die Lieder "Sim Shalom", "Lecha dodi", "WSchamru", W'hagen Baadenu"L'dor vador" sowie - für viele sicher der Höhepunkt - "Jerushalayim shel zahav" der legendären Nomi Shemer, das mit besonderer Inbrunst vorgetragen wurde.
Der Chor stieß auch diesmal wieder große Begeisterung beim Publikum.
 Der Applaus war grandios. Links Pastor i.R. Thomas Day, der modierte, rechts Isaac Sheffer und Regina Yantian (rechts).

Im Anschluss an das Programm konnten die Gäste bis 21.30 Uhr die seit 2007 um 11 neue Biografien verfolgter jüdischer Bürgerinnen und Bürger aus Berlin-Schöneberg gewachsene Ausstellung besichtigen, darunter auch der berühmte und vor rund zwei Jahren verstorbene Fotograf Helmut Newton.
Mehr zur Ausstellung und zum Begleitprogramm:
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