|
Grußwort von S.E. Botschafter Shimon Stein anläßlich des 40-jährigen Bestehens der Deutsch-Israelischen Gesellschaft am Dienstag, den 21. März 2006, im Auswärtigen Amt
Sehr geehrter Herr Bundesaußenminister Steinmeier, sehr geehrter Herr Montag,sehr geehrter Herr Prof. Lahnstein, verehrte Gäste,
In der Tat bieten Jubiläen immer Anlaß zur Rückschau und zur Bilanz. Da der Außenminister in seiner Rede ausführlich auf die deutsch-israelischen Beziehungen eingehen wird und ich davon ausgehe, daß Herr Präsident Lahnstein in seiner Festrede die 40 Jahre Tätigkeit der DIG umreissen wird, möchte ich meinen Beitrag zur Reduzierung der Wiederholungen leisten und werde mich kurzfassen.
Ohne Vergleiche zu anderen bilateralen Gesellschaften ziehen zu wollen, bin ich sicher, daß diejenigen, die sich in der Stunde Null und darüberhinaus entschieden haben der DIG beizutreten, sich darüber im klaren sind und waren, daß die Mitgliedschaft eine spannende, interessante, anspruchsvolle, aber über weite Strecken auch frustrierende Aufgabe sein würde. Gleichzeitig ist die Mitgliedschaft aber eine Herausforderung, die es sich für einen historisch bewußten Deutschen lohnt aufzunehmen.
Angefangen hat die DIG mit 545 Mitgliedern und 55 Korporativmitgliedern in einer Zeit, in der es nicht unbedingt salonfähig war, sich für Israel einzusetzen - in einer Zeit, in der auch die Politik es sich mit der Frage der Aufnahme der diplomatischen Beziehungen schwer gemacht hat und am Ende in die Entscheidung, die Beziehungen aufzunehmen, „hineingestolpert“ ist.
Heute sind in 50 bundesweiten Arbeitsgemeinschaften über 5000 Mitglieder organisiert, die Farbe bekennen und sich zur Aufgabe gemacht haben, ich zitiere aus der Satzung: „die Beziehungen zwischen Deutschland und Israel in allen Fragen des öffentlichen und kulturellen Lebens zu vertiefen“. Was aber verbirgt sich hinter den Worten „öffentliche und kulturelle Fragen“?
Die Antwort finden wir in den Leitsätzen, in denen die Ziele definiert sind. Dort heißt es unter anderem: „ ...alle Bestrebungen zu unterstützen und zu fördern, die darauf gerichtet sind, dem Staat Israel und seinen Bürgern ein Leben in anerkannten und sicheren Grenzen in wirtschaftlicher und sozialer Sicherheit zu gewährleisten“.
Genauso anspruchsvoll ist die Aufgabe nicht nur für die Gründungszeit, sondern auch für die Zukunft in den Leitsätzen definiert: „ Auch in Zukunft wird die Arbeit der DIG von dem Wissen um die von Deutschen zu verantwortenden Verbrechen an den Juden während der Jahre 1933 bis 1945 ausgehen." Insofern bleibt der Auftrag der Aussöhnung zwischen den beiden Völkern für die DIG eine Verpflichtung und ist deshalb mit der Notwendigkeit verbunden, den Aussöhnungsgedanken auch an die nachwachsende Generation zu vermitteln.
Obwohl 40 Jahre vorbei sind - Jahre, in der die Welt sich verändert hat - haben die oben erwähnten Aufgaben an Aktualität nichts verloren.
Über die Unterstützung des Existenzrechts des Staates Israel spreche ich nicht, weil ich mich, wenn ich das ununterbrochene Bekenntnis zum Existenzrecht höre - auch nach 57 Jahren noch - frage, ob man auch in Deutschland diese Tatsache in Abrede stellt, da man sie sonst nicht ständig wiederholen müßte. Meine Damen und Herren, um das Existenzrecht geht es gerade nicht. Es geht heute um die längst überfällige Anerkennung der Legitimität des jüdischen Staates. Die Antwort auf diese Frage wird klar und unmißverständlich von den Ahmadinedschads in dieser Welt beantwortet und etwas verschleiert und vage formuliert auch von sogenannten „aufgeklärten Europäern“, die Israel als Versuchslabor für die Überwindung des Nationalstaates empfehlen.
Auch über die neuen Herausforderungen, die die Fragen der Fortsetzung oder Wiederaufnahme des politischen Prozesses nach dem Wahlsieg der Terrororganisation Hamas an uns stellen, wollen wir heute nicht sprechen. Eine demokratische Entscheidung der israelischen Gesellschaft bezüglich des politischen Kurses in Anbetracht dieser Herausforderung wird am 28. März fallen.
Ich freue mich über die keinen Zweifel zulassenden Äußerungen der Bundeskanzlerin und des Außenministers über die deutsche Haltung bezüglich der Bedingungen, die die Hamas erfüllen muß, um als Gesprächspartner gewertet zu werden, um das gemeinsame Ziel der Zweistaatenlösung zu realisieren.
Obwohl Sie alle - liebe Freunde - und mit Ihnen zahlreiche andere Verbündete sich mit Leidenschaft und Überzeugung angestrengt haben, um Ihre Ziele in der Politik und der Zivilgesellschaft zu vermitteln und Sie dabei zweifelsohne auch Erfolge erziehlt haben, muss festgestellt werden, daß das Israelbild der Deutschen leider kritisch geworden ist. Heute ist nicht der Tag, um sich intensiv mit den Ursachen für diesen Trend auseinanderzusetzen - genauso wenig wie mit den neuen Formen der alten Krankheit, nämlich des Antisemitismus.
Soll man aber nun, weil die Rahmenbedingungen sich verändert haben und die Arbeit schwieriger geworden ist, resignieren oder sogar aufgeben? Auf keinen Fall, denn Sie, liebe Mitglieder der DIG, setzen sich für eine gerechte und für eine noble Sache ein.
Deutschland ist für Israel ein strategischer Partner. Und zwar nicht nur was die bilateralen Beziehungen anbelangt, sondern auch innerhalb der EU.
Ist aber Israel auch für die Zukunft Deutschlands wichtig? Muss es, nur weil wir in den ersten 40 Jahren der diplomatischen Beziehungen so weit vorangekommen sind, auch so bleiben?
Gibt es diesbezüglich einen Automatismus? Mit einer Ausnahme ist nichts selbstverständlich!
In der globalen Welt stehen Israel und Deutschland als Demokratien vor gemeinsamen Herausforderungen, die wir nur gemeinsam bewältigen werden. Deshalb ist meine Antwort auf die von mir angesprochenen Fragen: Ja, die Beziehungen haben eine Zukunft!
Um diese Botschaft der deutschen Gesellschaft zu übermitteln, sind wir auf Partner angewiesen - nämlich auf Sie, liebe Mitglieder der DIG!
Die DIG ist erfreulicherweise keine „Gutwetterlage-Organisation“ und wir danken Ihnen für Ihre unermüdliche Unterstützung. Ich freue mich, daß Sie unsere Partner sind und hoffe sehr, auch zu Ihrem 70sten Jubiläum eingeladen zu werden.
Vielen Dank.
|