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Ruth Recknagel erhielt Bundesverdienstkreuz am Bande Ein Bericht von Meggie Jahn Am 25. August nahm unser langjähriges Mitglied Ruth Recknagel, von der Berliner Justizsenatorin, Frau Karin Schubert, das durch den Bundespräsidenten verliehene "Bundesverdienstkreuz am Bande" entgegen. Die Feierstunde fand im Nordsternsaal der Berliner Senatsverwaltung in Berlin Schöneberg statt. Für diese hohe Auszeichnung vorgeschlagen hatte sie der Berliner Justizsenat sowie die Jüdische Gemeinde zu Berlin aufgrund ihrer Verdienste als langjährige Direktorin der Berliner Wiedergutmachungsämter und Richterin. Sie füllt diese Aufgaben bis heute aus und ist mit 73 Jahren Deutschlands älteste aktive Richterin.
Wir gratulieren ihr alle sehr herzlich, zumal Frau Recknagel zu den treuesten BesucherInnen unserer Veranstaltungen gehört!
 Senatorin Karin Schubert steckt Ruth Recknagel das "Bundesverdienstkreuz am Bande" ans Revers

Ruth Recknagel und Senatorin Schubert freuen sich über die Auszeichnung
Senatorin Schubert hob in ihrer Würdigung hervor, dass ohne Frau Recknagel viele der bis heute zugänglichen Akten nach der Vereinigung vernichtet worden wären, hätte diese sie nicht vor dem Reißwolf bewahrt. Damit konnten und können viele ehemalige NS-Opfer noch eine Entschädigung erhalten. In ihrer Rede ging Frau Schubert aber auch darauf ein, dass Ruth Recknagel als sog. Halbjüdin in der NS-Zeit selbst Repressalien ausgesetzt war, viele Familienangehörige im KZ verlor und dass sie dabei war, als ihre Mutter den jüdischen Vater bei der sog. Fabrikaktion in der "Rosenstraße" am 27. Februar 1943 vor der Deportation bewahrte. Die Frauen der "Rosenstraße" seien für Frau Recknagel bis heute ein Beispiel für Zivilcourage.
 Meggie Jahn, Stellv. Vorsitzende, gratulierte Frau Recknagel im Namen des Berliner DIG-Vorstands
Unter den Gästen waren nicht nur enge Familienmitglieder, MitarbeiterInnen und Senatsmitglieder, sondern auch der Gesandte an der Israelischen Botschaft, Morchechay Lewy (7. v. rechts), und Dr. Hermann Simon, Direktor der Stiftung Neue Synagoge - Centrum Judaicum (6. v. rechts), als Vertreter der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Es folgt die Rede von Frau Senatorin Schubert:
Ansprache von Frau Senatorin der Justiz, Karin Schubert, anlässlich der Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Frau Ruth Recknagel am 25. August 2003, 14.00 Uhr im Nordsternsaal der Senatsverwaltung für Justiz
(Es gilt das gesprochene Wort) Anrede es ist mir eine große Freude, Sie alle hier im Nordsternsaal zur Verleihung des Verdienstordens der Bundesrepublik Deutschland an Frau Ruth Recknagel begrüßen zu dürfen. Wir haben uns heute zusammengefunden, um mit Frau Recknagel eine Persönlichkeit zu ehren, die durch ihren besonderen persönlichen Einsatz im Rahmen ihrer langjährigen Tätigkeit für die Berliner Wiedergutmachungsämter einen wertvollen Beitrag für die Völkerverständigungen und für das internationale Ansehen der Bundesrepublik Deutschland geleistet hat. Frau Recknagel, ihr Lebensweg ist ebenso außergewöhnlich wie beeindruckend: Sie wurden am 26. April 1930 in Berlin-Neukölln geboren. 1936 wurden Sie in die 28. Volksschule in Berlin-Neukölln eingeschult. Schon früh mussten Sie am eigenen Leibe erfahren, welchen Diskriminierungen die Menschen jüdischen Glaubens im Deutschland Hitlers und der NSDAP ausgesetzt waren. Im Herbst 1938 wurden Sie gezwungen, die Schule verlassen, da Ihr Vater jüdischen Glaubens war. Nach halbjähriger Unterbrechung Ihrer Schulausbildung besuchten Sie sodann die Joseph-Lehmann-Schule und wurden 1940 in die private höhere Schule der jüdischen Gemeinde zu Berlin aufgenommen, der Sie bis zu deren Auflösung im Jahre 1942 angehörten. Obwohl Sie durch die Nationalsozialisten als sogenannter "Mischling ersten Grades" eingestuft wurden, wurde es Ihnen dennoch nach mehreren Gesuchen gestattet, die Luise-Henriette-Schule in Berlin-Tempelhof bis zum Abschluss der 4. Klasse zu besuchen. Danach wurde Ihnen wegen Ihrer jüdischen Herkunft durch die Nationalsozialisten ein weiterer Schulbesuch untersagt. Trotzdem ließen Sie sich nicht entmutigen und lernten durch Privatunterricht Stenografie und Schreibmaschine. Doch nicht nur Sie, auch Ihre Familie musste unter den Repressalien der Nationalsozialisten leiden. Ihre Großeltern und Ihr onkel wurden deportiert; auch Ihr Vater wurde im Jahr 1942 zusammen mit anderen Männern jüdischen Glaubens im Gefängnis in der Rosenstraße inhaftiert. Dank des mutigen Protestes der Angehörigen der Inhaftierten, den sog. "Frauen aus der Rosenstraße", zu denen auch Sie und Ihre Mutter gehörten, wurde er und viele andere von den Nazis wieder freigelassen.
Im September 1944 erhielten Sie sodann infolge günstiger Umstände eine kaufmännische Lehrstelle bei der Gräflich Lippe`schen Steinbruchverwaltung. Nach dem Zusammenbruch 1945 setzten Sie dann Ihre unterbrochene Schulausbildung fort und nahmen zum Wintersemester 1948/49 an der FU Berlin das Studium der Rechtswissenschaft auf .
Im Anschluss an den juristischen Vorbereitungsdienstes begannen Sie dann Ihre berufliche Tätigkeit als Richterin bei den Wiedergutmachungsämtern von Berlin, wo Sie vom 1. März 1958 bis zum 31. Dezember 1970 tätig waren. Es schlossen sich dann Tätigkeiten beim Landgericht Berlin von 1971 bis 1975 und bei dem Amtsgericht/ Familiengericht Charlottenburg, zunächst als Richterin am AG, später als weitere aufsichtsführende Richterin an. Am 1. Juni 1983 wechselten Sie schließlich an das Kammergericht, wo Sie bis zu Ihrer Pensionierung am 31. Mai 1995 tätig waren. Doch damit nicht genug, kehrten Sie am 9. Juli 1981 zu Ihren beruflichen Wurzeln zurück, nämlich als Direktorin der Wiedergutmachungsämter von Berlin. Auch nach Ihrer Pensionierung üben Sie dieses Amt im Rahmen eines Honorarvertrages bis heute aus. Dafür möchte ich Ihnen ganz herzlichen danken.
Trotz aller beruflichen Belastungen fanden Sie aber dennoch die Zeit zu heiraten und eine Familie zu gründen. Ich freue mich sehr, ihre Tochter, Frau Christiane Birger, heute unter den Gästen begrüßen zu können. Als Direktorin der Wiedergutmachungsämter von Berlin repräsentieren Sie eine Behörde, die die von der Bundesrepublik Deutschland übernommene Verantwortung für das von dem NS-Regime begangene Unrecht verkörperte. Durch Ihre ausgleichende und vermittelnde Art sowie durch Ihre Fähigkeit, sich nicht zuletzt wegen Ihrer eigenen Familiengeschichte in die Schrecken, die die vom Holocaust Betroffenen erlebt hatten einzufühlen, schafften Sie es, die durchaus bestehenden Vorbehalte gegen die Arbeit der Wiedergutmachungsämter abzubauen. In Gedenken an Ihre verfolgten und ermordeten Familienangehörigen und Freunde trugen Sie mit Ihrer Arbeit dazu bei, etwas von der großen Schuld, die alle Deutschen wegen des Verfolgungsunrechts in den Jahren 1933 bis 1945 zu verantworten haben, abzubauen. Obwohl die meisten Verfahren der Wiedergutmachungsämter inzwischen abgeschlossen sind, sind Sie nach wie vor Gegenstand weltweiten Interesses, was Anfragen von internationalen Institutionen und Betroffenen bzw. deren Hinterbliebenen bis heute belegen. Sie haben sich daher unermüdlich dafür eingesetzt, dass die Verfahrensakten nicht vernichtet werden sondern, und das ist ein großer Erfolg, seit Ende 2002 im Landesarchiv Berlin aufbewahrt werden.
Frau Recknagel, Sie haben durch Ihr außerordentlich großes Engagement, das weit über die Anforderungen Ihres Amtes hinausreichte, einen wertvollen Beitrag für die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen geleistet. Sehr verehrte Frau Recknagel,
Bundespräsident Johannes Rau hat Ihnen in Anerkennung Ihrer großen Verdienste den Verdienstorden der Bundesrepublik Deutschland verliehen. Ich darf Ihnen diese hohe Auszeichnung nunmehr überreichen und Sie zur Verlesung der Urkunde zu mir bitten.
(Fotos von Fritz Zimmermann)
Ruth Recknagel erinnert sich: Tagesspiegel am 27.2.2003
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