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Dr. Alexandra Nocke stellte am 18. Juni 2007 ihre Studie „Wo liegt Israel? Diskussionen um Israels regionale und kulturelle Zugehörigkeit“ vor
Fotos von Meggie Jahn, der Text basiert auf einer Vorlage von Dr. Alexandra Nocke

 




Dr. Alexandra Nocke

 

 

Im Rahmen der zweiten Kooperationsveranstaltung von DIG Berlin/Potsdam und Friedrich Naumann-Stiftung im Jahr 2007 stellte die Kulturwissenschaftlerin Dr. Alexandra Nocke im Centrum Judaicum ihre an den Universitäten Potsdam und Tel Aviv erarbeitete Dissertation über Israels Mittelmeerkultur vor. Die Referentin lebt und arbeitet als Kulturwissenschaftlerin und freie Kuratorin in Berlin und hat zu den Themen Identitätskonstruktion im modernen Israel, sowie zu Kunst und Kultur (bes. Fotografie) in Israel publiziert. In Berlin noch gut in Erinnerung ist ihre Ausstellung über den israelischen Fotografen Boris Carmi.

 

Wo liegt Israel? Im Orient oder im Okzident, in Europa, in der Levante oder – wie der formal-geographischen Zuordnung entspricht – gar in Asien? Seit seiner Gründung ist Israel ein Land auf der Suche nach seiner Identität. Der Vortrag beleuchtete den öffentlichen Diskurs um Identitätsformation im modernen Israel und diskutierte die Frage nach Israels geographischer und kultureller Zugehörigkeit. Auf der Suche nach Israels Platz in der Region – ha Makom ha Israeli - wird in den letzten Jahren vermehrt die sog. Mittelmeer-Option (hebr. Yam Tikhoniut) als alternatives Bezugssystem für Israels kulturelle Ausrichtung und als Option im fortdauernden Disput um kollektive Identität eingebracht. Anhand einiger Beispiele aus Alltagskultur, Werbung, Pop-Musik und Literatur stellte Alexandra Nocke diese Diskussion vor und beleuchtete ihr Potential für Israel und den Nahen Osten.

 

Sie findet statt zu einer Zeit, in der die zionistischen Motive der Gründerväter – der ‚Neue Jude ohne Vergangenheit’, der heroische Sabra und der ‚Schmelztiegel’ als Einheitsgesellschaft – angesichts wachsender Diversifizierung und Individualisierung der multiethnischen Gesellschaft zunehmend hinterfragt werden. Yam Tikhoniut (hebr. Mittelmeer, das Meer der Mitte) ist dabei eine Idee unter vielen, die versucht, das ideologische Vakuum auszufüllen und den inner-israelischen Spannungen auf ethnischer, religiöser und politischer Ebene Alternativen entgegenzusetzen. Der geographische Raum des Mittelmeeres dient dabei als Projektionsfläche für divergierende Identitätsentwürfe, als Modell für eine multikulturelle Gesellschaft und sogar als Vehikel für Identitätsbildung.

 

Zahlreiche historische Beispiele zeigen, dass im fortdauernden Disput um Israeliness (einer spezifisch israelischen Identität) der Ortsbezug über die Jahre immer eine wichtige Rolle gespielt hat. Doch während die unterschiedlichen Vorläufer die Region isoliert wahrnahmen oder aber stark elitär geprägt waren, gewinnt die Idee der Yam Tikhoniut als integrative Ortswahrnehmung seit den 1980er Jahren im akademischen Bereich und seit den 1990er Jahren im öffentlichen Diskurs zunehmend an Bedeutung. Yam Tikhoniut knüpft zwar an historische Vorläufer an, bezieht sich aber explizit auf Israels Gegenwart und Zukunft. Grundlage der Yam Tikhoniut-Idee ist die Feststellung, dass Israel mitten im geo-kulturellen Raum des Mittelmeeres liegt, der für das moderne Israel vielschichtige Anknüpfungspunkte bietet. Auffällig ist, dass die Begriffe ‚Mittelmeer-Identität‘, ‚Mediterraneanism‘ und die Zuschreibung ‚mediterraner Charakteristika‘ für verschiedene Aspekte des israelischen Alltags zunehmend populär werden und mediterrane Bezugspunkte täglich in unterschiedlichen Bereichen Verwendung finden: im akademischen Zusammenhang, aber auch in der Werbung, in den Medien, in der Pop-Musik, in der Belletristik und im Alltagsgespräch. Die Konstruktion einer ortsgebundenen Identität – der ‚Mittelmeer-Identität’ – tritt verstärkt in Erscheinung und trifft dabei auf schroffe Ablehnung oder aber enthusiastische Zustimmung.

 

 

 

 

Die Mittelmeer-Idee erfordert nicht, sich zwischen den konträren Visionen zu entscheiden, die das Land als Vorposten Europas im Nahen Osten oder als integralen Bestandteil der Levante sehen wollen. Yam Tikhoniut bedeutet vielmehr einen Bezugsrahmen, in dem alle Elemente der israelischen Identität, zwischen Europa und dem Orient, ihren Platz finden und nebeneinander existieren könnten.

 

Die Mittelmeer-Option hat auch eine Bedeutung jenseits der inner-israelischen Diskussion: Dabei spielt die historische Erfahrung des Mittelmeeres als multiethnischer Raum mit gemeinsamen kulturellen Bezugspunkten eine wichtige Rolle. Ungeachtet des verwirrenden und oftmals inkompatiblen Mosaiks aus Religionen und Ethnien setzt Yam Tikhoniut auf gemeinsame kulturelle Wurzeln, auf Konsens statt Divergenz, auf Dialog statt Kulturkampf. Damit ist die Hoffnung verknüpft, dass die Mittelmeer-Identität – wie eine Art Zauberformel – nicht nur die inner-israelischen Spannungen zu schlichten vermag, sondern auf lange Sicht sogar zur multikulturellen Koexistenz in der Levante beiträgt. Trotz der erschwerten politischen Bedingungen für einen Dialog zwischen Israel und seinen Nachbarn, hofft man, dass die Mittelmeer-Idee zu Frieden und Stabilität in der Region beiträgt und darüber hinaus Israel die Integration in den kulturellen Raum des Mittelmeeres ermöglicht.

 

Der Untersuchungszeitraum ihrer Studien umfasst die 1980er und 1990er Jahre und setzt einen Schwerpunkt auf die Jahre um die 50-Jahr-Feier Israels (1998) und die Jahrtausendwende, in denen die Frage ‚Quo vadis Israel?’ in der Öffentlichkeit nachhaltig diskutiert wurde. Die Datenbasis dieser interdisziplinären Analyse umfasst ca. 75 Experten-Interviews, die öffentliche Diskussion in den Medien, Alltagsbeobachtungen, teilnehmende Beobachtung, Analyse von Alltagsphänomenen, Archivmaterial und eingehende Analyse von Quellentexten. Diese Materialien wurden während verschiedener Forschungsaufenthalte in Israel zwischen den Jahren 2000 und 2005 zusammengetragen.

 

Gegenstand ihrer Analyse ist der öffentliche Diskurs um Yam Tikhoniut in Israel. Empirische Untersuchungen und Feldforschung in Israel haben gezeigt, dass die Mittelmeer-Idee auf der einen Seite als reale Zukunftsperspektive und Hoffnungsträger wahrgenommen wird; auf der anderen Seite wird dem Konzept jedoch auch Skeptizismus und harsche Ablehnung entgegengebracht. Diese diskrepanten Bewertungen von Yam Tikhoniut bewegen sich zwischen Idealisierung und Instrumentalisierung und dokumentieren eine große Unentschiedenheit gegenüber dem Modell. Sie verdeutlichen darüber hinaus, dass der schillernde Begriff Yam Tikhoniut eine im Entstehen begriffene und sich ständig verändernde Idee ist, deren inhaltliche Abgrenzung zu anderen Modellen notwendigerweise unscharf bleibt.

 

Die vielen Fundstücke aus unterschiedlichen Bereichen machten deutlich, dass Yam Tikhoniut zunehmend an Präsenz im israelischen Alltag gewinnt und Israel, wie einige Beobachter feststellen, tatsächlich eine ‚Mediterranean society in the making’ ist. Bei dieser Analyse wurde auch deutlich, dass Yam Tikhoniut in seiner gegenwärtigen Ausprägung eher als eine kulturelle Metapher, denn als ein Modell mit konkretem Handlungsplan für die Gestaltung von Israels Zukunft zu verstehen ist. Die Diskussion um Yam Tikhoniut ist eher der Versuch, neue Zuordnungsmöglichkeiten zu finden und steht repräsentativ für den inner-gesellschaftlichen Wandel, der traditionelle, ideologische und kulturelle Bezugspunkte in Frage stellt und Veränderungen von Werten, Einstellungen und Überzeugungen nach sich zieht. Sie ist aber auch Ausdruck einer gewissen Normalisierung und eines neuen Selbstbewusstseins, das sich in der Region verankert fühlt und nicht mehr immer mit einem Auge nach Europa schielen muss, um seine Selbstkonzeption zu untermauern.

 

Zunächst wurde Yam Tikhoniut als elitäres Konzept in den akademischen Kreisen meist aschkenasischer Intellektueller als gesellschaftliche Utopie gehandelt, wurde aber in den 1990er Jahre zunehmend in der Alltagskultur präsent und populär. Die wachsende Bezugnahme auf ‚alles Mediterrane’ im inner-israelischen Diskurs drückt die Sehnsucht nach einem neuen Selbstverständnis aus, das dem komplexen Gesellschaftsgefüge gemeinsame Bezugspunkte bietet und der fortschreitenden Partikularisierung Alternativen entgegensetzt. Die Diskussion über das Mediterrane der israelischen Gesellschaft ist der Versuch, neue Kategorien zu finden. Es ist die Suche nach Einheit in der Vielfalt, nach einem Modell für die heterogene Gesellschaft die, wie andere moderne Gesellschaften auch, dem Globalisierungsprozess und Individualisierungsschüben ausgesetzt ist. Sie ist aber auch der Versuch, Partikularismus in demokratischen Universalismus und Fragmentierung in Pluralisierung umzuwandeln und der vorherrschenden Melancholie Alternativen entgegenzusetzen.

 

Yam Tikhoniut kann zunächst nicht mehr und nicht weniger sein als ein Podium für die anhaltende Diskussion divergierender Identitätskonzepte. Dabei bietet die Feststellung, dass Israel mitten im geo-kulturellen Raum des Mittelmeeres liegt, vielschichtige Anknüpfungspunkte für die Gegenwart und Zukunft Israels. Trotz der Flüchtigkeit der Mittelmeer-Idee und aller Warnungen vor ihrer Überfrachtung mit unterschiedlichen Inhalten, zeigen die vielfältigen Beispiele aus Israels Alltagskultur und aus dem öffentlichen Diskurs, dass Yam Tikhoniut in Israel lebendig ist und zunehmend an Gestalt gewinnt. Eine Anerkennung der heterogenen Lebenswelten und die Betonung des kulturellen Pluralismus eröffnen dabei neue Chancen für Israel auf dem Weg zu einer multikulturellen Gesellschaft und auf lange Sicht für Frieden und Koexistenz in der Region.

 

 

 

 

Berücksichtigt man den Skeptizismus und die harsche Kritik (die Yam Tikhoniut z.B. als eine Flucht vor der Realität oder als romantisierendes Modell bezeichnet), kann man schnell zu dem Schluss gelangen, das Mittelmeer-Konzept sei zur Hälfte artifiziell konstruiert, überbewertet und der heterogenen Gesellschaft übergestülpt. Was aber ist mit der zweiten Hälfte? Yam Tikhoniut ist im Kern eine unentschiedene Idee; Zweifel und Bedenken sind gerechtfertigt. Doch – die Akzeptanz innerhalb der Gesellschaft ist entscheidend und zeigt, dass es offensichtlich einen Bedarf nach verwässerter orientalischer Identität, nach ‚allem Mediterranen’ gibt.

 

Im Anschluss an die lebhafte Diskussion nach dem Vortrag, an dem sich auch der Kulturreferent der Botschaft des Staates Israel, Dan Golan, beteiligte, lud die Naumann-Stifung noch zu einem kleinen Empfang bei Wein und Brezeln ein. Golan dankte der Referentin für ihre spannenden Ausführungen und machte deutlich, dass er sich selbst dem hier beschriebenen Mittelmeerkonzept verbunden fühle. In der Diskussion wurde auch die nicht unwichtige Frage aufgeworfen, ob die Mittelmeer-Option in Israels nicht-europäischen - sprich arabischen - Nachbarländern ebenfalls Anhänger finde. Die Referentin machte deutlich, dass abgesehen von einigen Ausnahmen (wie z.B. in den Beiträgen des libanesischen Schriftstellers Elias Khoury) die Diskussion um Yam Tikhoniut derzeit (noch) eine inner-Israelische Diskussion darstelle. Die übergeordnete Relevanz des Mittelmeer-Konzeptes werde allerdings in den Aktivitäten der Europäischen Union deutlich (so seien z.B. mit dem Barcelona Prozess 1995 und dem Euro-Mediterranean Partnership Program Israel und seine Nachbarn erstmals als eine regionale Einheit aufgefasst worden.

 

Wir danken der Naumann-Stiftung und dem Centrum Judaicum für die erneut bewiesene hervorragende Gastfreundschaft.





Die Veranstalter freuten sich mit der Referentin über einen hochinteressanten Abend. Von links: Cilla Cohen-Sauerbaum, Dr. Gabriela Reitmeier, Referat Afrika und Mittelmeerländer der FNSt, Dr. Alexandra Nocke, Dr. Martin Kloke, DIG-Vorstandsmitglied und Jeanette Heinemann, FNSt.

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