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Artikel von Benny Morris in „Le Monde“ vom 3. Januar 2009 Morris ist Historiker für die Region des Nahen Ostens an der Ben Gurion-Universität in Beer Sheva, Israel „Israel hat das Gefühl, dass der Schraubstock, der Ring, immer enger wird.“ Die Bedrohungen, die auf dem jüdischen Staat lasten, nähren die panische Angst seiner Bevölkerung. Eine Bodenoffensive in Gaza wird daran nichts ändern. Viele Israelis haben das Gefühl, dass die Wände des Schraubstocks der Geschichte (immer) enger werden - eine Situation, die sie schon Anfang Juni 1967, kurz vor dem Sechs-Tage-Krieg, durchlebt hatten. Die Israelis von heute – sagen wir eher die jüdische Bevölkerung von Israel – beginnen intensiv zu empfinden, was ihre Eltern in jenen apokalyptischen Tagen durchlebt haben. Gewiss, Israel ist heute mächtiger und wirtschaftlich erfolgreicher. 1967 lebten nur 2 Mio Juden hier gegenüber 5,5 Mio heute, und die Armee besaß damals keine Atomwaffe. Das alles hindert die Mehrheit der Bevölkerung nicht daran, eine tief sitzende düstere Vorahnung bezüglich der Zukunft zu haben. Dieser Pessimismus wird zunächst gespeist von der unleugbaren Tatsache, dass die arabische Welt, und im weiteren Sinne die islamische Welt, es niemals akzeptiert hat, den israelischen Staat als legitim anzusehen. Sie (= die arabische Welt) fährt fort, sich seiner Existenz zu widersetzen, trotz der von Israel seit 1948 genährten Hoffnungen und trotz der Friedensverträge, die Ägypten 1979 und Jordanien 1994 unterzeichnet haben. Zweitens muss erwähnt werden, dass die westliche öffentliche Meinung immer weniger Verständnis gegenüber den israelischen Anliegen hat und dass Politiker demokratischer Regierungen auf die Dauer (dieser Meinung )nicht hinterherhinken können. Der Westen betrachtet missbilligend die Art und Weise, wie Israel mit seinen palästinensischen Nachbarn umgeht, die es unter seiner Kontrolle hat. Allmählich verblasst die Erinnerung an die Shoah und verliert entscheidenden Einfluss, während die arabischen Staaten ihre Macht verstärken und sich mehr und mehr behaupten. Um präziser zu sein: Israel ist einer Vielzahl von Bedrohungen ausgesetzt, wobei eine unheilvoller als die andere ist. Im Osten beschleunigt der Iran die Entwicklung seines Atomprogramms. Die meisten Israelis sind sich mit Mitgliedern des Geheimdienstes darin einig, dass dieses Atomprogramm die Herstellung von Atomwaffen zum Ziel hat. Fügen wir dem noch die öffentlich verkündeten Drohungen des iranischen Präsidenten Mahmoud Ahmadinejad zur Zerstörung Israels hinzu, sowie seine wiederholte Leugnung des Holocausts - so werden Sie verstehen, warum die politisch Verantwortlichen und das Militär in Israel sich in äußerster Anspannung befinden. Im Norden hat sich die Hizbollah seit dem Krieg gegen Israel im Jahre 2006 wieder neu bewaffnet. Nach Informationen des israelischen Geheimdienstes verfügen sie inzwischen über 30 000 bis 60 000 Raketen russischer Bauart, die Syrien und der Iran ihr geliefert haben. Ihr Waffenarsenal hat sich gegenüber 2006 verdoppelt. Einige dieser Raketengeschosse können Tel Aviv und Dimona erreichen, wo sich die israelische Atomanlage befindet. Im Süden muss Israel sich mit der Hamas auseinandersetzen, die Gaza kontrolliert und auf deren Charta das Tilgen Israels von der Landkarte geschrieben steht und die stattdessen jeden Quadratzentimeter Palästinas unter ihre Fuchtel und unter das Gesetz des Islams stellen will. Im Augenblick verfügt die Hamas über eine Armee (Miliz) von mehreren tausend Mann und eine große Anzahl von Raketen: Kassamraketen aus eigener Herstellung nach russischem Vorbild, sodann Katjuschas, die vom Iran bezahlt werden oder Granaten. All dies wird durch die Tunnel vom Sinai -, mit nachsichtiger Billigung der Ägypter – (nach Gaza) geschleust. Im Monat November und auch Anfang Dezember 2008 hat die Hamas ihre Raketenangriffe erhöht, um schließlich offiziell den einseitigen Bruch des Waffenstillstands zu deklarieren. Der Verteidigungsminister Ehud Barak hat also seitens der Regierung und der öffentlichen Meinung „ grünes Licht“ erhalten. Seine erste Entscheidung war die Anordnung von sehr wirkungsvollen Luftangriffen. Die meisten offiziellen Gebäude der Hamas sind zerstört worden und Hunderte von Kämpfern wurden getötet. Aber diese Angriffe werden keineswegs das Grundproblem regeln, dass nämlich im Gazastreifen 1,5 Mio Menschen leben, die des Nötigsten entbehren und verzweifelt sind und die unter dem Joch eines fanatischen Regimes leben, zusammengepfercht in einem „Verschlag“, umgeben von Barrieren , die von israelischen und ägyptischen Grenzposten kontrolliert werden. Falls Israel eine Bodenoffensive beginnen sollte, um Gaza einzunehmen und die Hamas zu eliminieren, ist es sehr wahrscheinlich, dass diese Offensive in den kleinen Straßen der Flüchtlingslager „ versinkt“, bevor sie ihr Ziel erreicht hat. Und selbst wenn die Offensive erfolgreich ist, würde die Rückführung Gazas unter israelischer Herrschaft für alle unerträglich sein. Es ist eher wahrscheinlich, dass Israel mit Panzern für eine begrenzte Zeit einfällt, um das Abschießen von Raketen zu verringern und um die Reihen der Hamas zu dezimieren. Aber diese Art von Intervention wird nicht ausreichen, um die Organisationen zu zerschlagen. Der Druck, der so ausgeübt wird, kann mit Hilfe der Vermittlung durch die Türkei und Ägypten zu einem erneuten zeitlich begrenzten Waffenstillstand führen. Das ist das, was Israel im besten Fall erhoffen kann, selbst, wenn man sicher sein kann, dass die Hamas, sobald sie ihre Kräfte wieder gesammelt hat, ihren Raketenbeschuss wieder aufnehmen wird. Ein weiterer Risikofaktor, der Israels Existenz bedroht, ist innenpolitischer Art. Es handelt sich um die arabische Minderheit, die im Lande lebt. Augenblicklich zählt man 1,3 Mio arabische Bürger in Israel, die sich in den letzten 20 Jahren immer stärker radikalisiert haben. Im Jahre 2006 haben die meisten von ihnen mehr oder weniger stark Partei für die Hezbollah ergriffen. Falls sich die aktuellen statistischen Angaben bestätigen sollten, könnten die Araber 2040 oder 2050 die Mehrheit der israelischen Bevölkerung darstellen. In einer noch näheren Zukunft, in 5 oder 10 Jahren, werden die Palästinenser - die sich aus den arabischen Israelis und den Arabern zusammen setzen, die in Cisjordanien oder in Gaza leben - die Mehrheit „in Palästina“ ausmachen , in dem Gebiet, das sich vom Jordan bis zum Mittelmeer erstreckt. Der Antagonismus, der zwischen den arabischen Israelis und den Juden besteht, ist bereits eine unsichere politische Größe der israelischen Politik. Im Jahr 2000, als die zweite Intifada begann, haben tausende junger Araber auf den großen Straßenachsen Aufstände inszeniert, sowie in den Städten mit gemischter Bevölkerung, um ihrer brüderlichen Unterstützung gegenüber den Arabern in den besetzten Gebieten Ausdruck zu verleihen. Ähnliche Aufstände haben sich in den letzten zwei Wochen ereignet, jedoch in geringerem Ausmaß. Alle diese sehr präzisen Bedrohungen bewegen sich nicht mehr im herkömmlichen konventionellen Rahmen, sondern sind nicht kalkulierbar. Zwischen 1948 und 1982 hatte es Israel im Wesentlichen mit der klassischen Gefahr zu tun, die die arabischen Armeen für das Land darstellten. In der Tat sind diese mehrere Male vernichtend geschlagen worden. Aber seitdem es die nukleare Bedrohung durch den Iran gibt, seitdem Organisationen wie Hamas oder Hezbollah an Macht gewonnen haben, die unter Missachtung der Grenzen und sogar aus der Mitte der Zivilbevölkerung heraus kämpfen, und wenn man noch zusätzlich die wachsende Abwendung der israelischen Araber von Israel im Innern berücksichtigt, so ist festzuhalten, dass der Umgang und die Reaktion auf diese Art von Herausforderungen für einen politisch Verantwortlichen viel schwieriger sind als für einen normalen israelischen Bürger, der die Lage mit Maßstäben der liberalen westlichen Demokratie beurteilt. Nachdem Israel auf diese Weise fühlt, wie der Schraubstock, der Ring, in dem es sich befindet, immer enger wird, hat die Regierung in der letzten Woche so scharf reagiert. Wenn man die Entwicklungen, die gegenwärtig im Gange sind, betrachtet, sollte es nicht überraschen, wenn sich andere gewaltsame Explosionen ereignen. Übersetzung von Annegret Mielke
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