|
Malte Lehming, Chef der Meinungsseite des Berliner Tagesspiegels, sprach am 16. Juli über das Thema "Wer besetzt die Begriffe? Die mediale Berichterstattung über Israel und Nahost" Bericht von Meggie Jahn, Fotos von Friedrich W. Zimmermann

Mit Malte Lehming präsentierte die DIG Berlin und Potsdam den Leiter der Meinungsseite des Berliner TAGESSPIEGEL. Am 6. Februar 2006 hatte Clemens Wergin, ebenfalls Meinungsredakteur beim TAGESSPIEGEL, über das Thema "Der Nahostkonflikt in der europäischen Medienöffentlichkeit" gesprochen. Meggie Jahn, die den Abend moderierte, stellte den Referenten zunächst vor: 1982/83 Zivildienst in der Jugendbegegnungsstätte "Haus Pax" von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste in Jerusalem, wo er u.a. Besuche von deutschen Gruppen vorbereitete, danach Studium der Philosophie, Geschichte und Literaturwissenschaften in Hamburg, 1988 bis 1991 Persönlicher Referent von Bundeskanzler a.D. Helmut Schmidt bei der Wochenzeitung "Die Zeit". Anschließend Wechsel zum TAGESSPIEGEL, wo er die Ressortleitung der Seite 3 übernahm. Von 2000 bis 2005 war Lehming USA-Korrespondent in den USA und ist seitdem Chef der Meinungsseite.
Das Thema beschäftigte die DIG in den letzten Jahren mehrfach, so Meggie Jahn bei ihrer Einführung zum Thema: Kann Israel den Krieg der Bilder überhaupt gewinnen? Warum erfahren wir so viel von israelischen Angriffen auf den Gazastreifen ("Israel greift wieder Gazastreifen an"), aber so wenig von den Raketen der Hamas aus dem Gazastreifen, die seit sieben Jahren Sderot und den Süden Israels terrorisieren? Warum interessierte sich auch im Libanon-Krieg 2006 hier kaum jemand für die 140 israelischen Toten und hunderten von Verletzten im Norden Israels, darunter viele Traumatisierte, und so viele Deutsche für die Toten im Libanon? Warum sprach man vor einigen Jahren in Dschenin von einem "Massaker", obwohl "Human Rights Watch" später bestätigt hatte, dass palästinensische Terroristen Privathäuser als Waffenlager und die Menschen als "Schutzschilder" benutzt hatten und am Ende etwa gleich viele israelische Soldaten wie Palästinenser umgekommen waren? In der Presse war vorher von 400 Toten die Rede. Bei all diesen Fragen war das Publikum gespannt auf die Ausführungen von Malte Lehming, die wir im Folgenden mit seiner freundlichen Genehmigung in voller Länge abdrucken:
"Sehr geehrte Damen und Herren,
zunächst herzlichen Dank für Ihre Einladung. Gewissermaßen als Einstieg in unsere Diskussion möchte ich Ihnen ganz rasch ein paar Anekdoten erzählen und einige Gedanken unterbreiten. Ich bin sicher, zu dem einen oder anderen wird es Widerspruch geben. Nur zu, jedes offene Wort trägt zur Klarheit und Klärung bei.

Die Sitzordnung mal anders als gewohnt: Rund 60 Leute hatten trotz Beginns der Sommerpause in den Raum "Köpenick" des Hotels Spreebogen in Berlin-Moabit gefunden.
Wer besetzt die Begriffe in der medialen Berichterstattung über Israel und Nahost, heißt die Frage. Zum ersten Mal mir ihr konfrontiert wurde ich im Frühjahr 1982. Als Freiwilliger der Aktion Sühnezeichen lebte ich damals in Israel, in einem Kibbuz. Die Männer mussten an die Front, wir Jugendliche schmissen mehr oder weniger alleine den Betrieb. Zwei Männer aus dem Kibbuz, Israelis, die ich gekannt hatte und die ungefähr so alt waren wie ich, starben bei der Operation „Shalom Ha Galil“. Ich nahm an deren Beerdigungen teil. Krieg, Gewalt, Tod: Das hatte für mich, den jungen, etwas naiven Deutschen, plötzlich eine sehr unmittelbare Dimension.
Deutsche Zeitungen konnten wir Freiwillige damals nur in unserer Zentrale in Jerusalem, dem Haus Pax, lesen. Das Internet gab’s damals noch nicht. Was wir dann lasen, hatte allerdings mit unserer Wirklichkeit nichts oder kaum etwas zu tun. Für deutsche Kommentatoren waren die in Beirut eingeschlossenen Palästinenser zu den „Juden des Nahen Ostens“ mutiert. Ihnen gehörte die Sympathie, Sabra und Schatilla stehen bis heute als Synonyme für Massaker, die Israelis anrichteten. Dabei konnte jeder wissen, dass sie von christlichen Falangisten verübt worden waren. Menachem Begin und Ariel Sharon galten als Kriegsverbrecher. Die deutsche Linke, bis in den Mainstream hinein, empörte sich kollektiv.

Damals, vor 25 Jahren, gab es kaum Persönlichkeiten, die gegen eine solch verzerrte Sicht protestierten. Henryk Broder und Lea Fleischmann galten als übersensibilisiert und nicht ganz ernst zu nehmen. Und das, meine Damen und Herren, ist der entscheidende Unterschied zu heute. Mittlerweile gibt es Studienfächer zum Thema „Israel und die Medien“, es werden Doktorarbeiten dazu verfasst, das „American Jewish Committee“ veröffentlicht jährlich Umfragen, die Internet- und Bloggerwelt wacht mit Argusaugen über jeden möglicherweise antisemitisch angehauchten Faux Pas, in evangelischen und katholischen Akademien finden Tagungen dazu statt, und als sich im Juni 2003 eine hochkarätig besetzte Tagung im Berliner Abgeordnetenhaus mit dem Thema „Antisemitismus, deutsche Medien und der Nahost-Konflikt“ befasste, endete das mit einem leidenschaftlichen Appell der grünen Bundestagsabgeordneten Claudia Roth an die Adresse der Rundfunkräte, die Objektivität in der Berichterstattung zu gewährleisten. Um die Veränderung auf eine kurze Formel zu bringen: Vor 25 Jahren war der Antisemitismus, getarnt als Antizionismus, in der deutschen Öffentlichkeit angekommen – nun ist es die Kritik am Antisemitismus, der sich als Antizionismus tarnt, die gewissermaßen zum guten Ton gehört.
Den neudeutschen Wächtern entgeht nichts und niemand. Jeder Möllemann und Hohmann wird sofort registriert, seziert und skandalisiert. Und wenn Jimmy Carter, Udo Steinbach oder Ludwig Watzal sich allzu betroffen vom Los der Palästinenser zeigen, oder wenn Hans-Christian Ströbele, ein Tagesthemen-Kommentator oder ein Bischof, der sich angesichts des Sicherheitszaunes zur Westbank an die Berliner Mauer erinnert fühlt, offenkundig den Ton verfehlen, wird das ebenfalls aktenkundig gemacht. Damit Sie mich richtig verstehen: Und das ist auch gut so, wie man hier in Berlin so schön sagt.
Denn verschwunden sind die alten Neigungen und Ressentiments keineswegs. Noch immer werden, wenn es um Israel geht, historisch belastete Parallelen bemüht, die freilich wenig mit Israel zu tun haben, sondern damit, die deutsche Vergangenheit zu entsorgen. Diese Perfidie hat an Raffinesse sogar noch zugenommen. Erst sagt der Antisemit, die Israelis seien wie die Nazis, dann wird er dafür gerügt, dann wiederum wendet er gegen die Rüge ein, sie belege die Macht der „zionistischen Lobby“, gegenüber unliebsamen Gegnern eine Art Zensur durchzusetzen. Frei nach dem Motto: Wer meine Unverschämtheiten kritisiert, beweist nur, wie recht ich hatte. Aber auch dieser Trick ist längst durchschaut und oft und klug analysiert worden. Das Unangenehme am aktuell immer noch grassierenden Antisemitismus, der sich als Antizionismus tarnt, ist, wie dumm, langweilig und unoriginell er geworden ist. Nicht jeder Quatsch, der von Peter Scholl-Latour verbreitet wird, hat es verdient, überhaupt noch widerlegt zu werden.

Doch es gibt Ausnahmen. Einige Mythen über den Nahen Osten halten sich nicht nur beharrlich, sondern haben sich dermaßen fest in den Köpfen der Leute festgesetzt, dass man sie bereits als Dogma bezeichnen kann. Ein Beispiel dafür ist der Glaube an die Relevanz des Problems. Kofi Annan und Tony Blair sagen es seit Jahren, Angela Merkel hat sich ihnen angeschlossen: Im Zentrum der Auseinandersetzung zwischen Okzident und Orient steht der Nahostkonflikt. Stimmt das? Einmal angenommen, Israelis und Palästinenser würden friedlich in zwei Staaten nebeneinander leben, hätte es dann nie einen Krieg zwischen Iran und Irak gegeben mit mehr als einer Million Toten? Hätte Saddam Hussein darauf verzichtet, Kuwait zu überfallen? Wäre die Analphabetenrate unter ägyptischen Frauen niedriger als 56,4 Prozent? Hätte Osama bin Laden darauf verzichtet, Al Qaida zu gründen?
Die Reihe ließe sich beliebig verlängern, um einzusehen, dass eine Lösung des Nahostkonflikts kaum ein anderes Problem in der Region beseitigt. Außerdem sind die Aussichten nicht gerade gut. Israels Regierung steckt in einer tiefen Krise. Wie lange und ob überhaupt Ministerpräsident Ehud Olmert sich halten kann, weiß keiner. Mögliche Nachfolger bringen sich bereits in Stellung. Und die Palästinenser zerfleischen sich selbst. Wer meint, der Nahe Osten lasse sich erst dann reformieren, wenn der Nahostkonflikt gelöst wurde, will nicht, dass sich der Nahe Osten reformiert.

Die Verzerrung in der Israel-Berichterstattung, das Tendenzielle, die Aufrechnungslust, die Täter-Opfer-Verschiebung – all das ist spätestens seit dem Sechstagekrieg eine Konstante in deutschen Medien. Allerdings glaube ich, dass die Intensität seitdem sukzessive nachlässt. Drei Faktoren tragen dazu bei. Erstens, das Verblassen der deutschen Vergangenheit. Je länger die Nazizeit zurückliegt, desto schwächer ist das Bedürfnis, sich auf dem Israel-Umweg aus der Verantwortung zu stehlen. Anders gesagt: Wer nicht mehr darunter leidet, Deutscher zu sein, dem fehlt irgendwann die Entsorgungsmotivation, der braucht nicht mehr die Missetaten Israels, um eigene Schuldgefühle zu kompensieren. Und in der Tat gibt es für das Verblassen der deutschen Vergangenheit viele Belege. Das Holocaustmahnmal ist beliebt, keinen stört es mehr, ob Günter Grass in der Waffen-SS war oder Dieter Hildebrandt in der NSDAP.

Zweitens, die zunehmende Kompliziertheit des Problems. Vor 25 Jahren standen sich in der allgemeinen Wahrnehmung ein militärisch starkes Israel und ein drangsaliertes palästinensisches Volk gegenüber. Damals hatten noch keine Terrororganisationen wie Hamas, Dschihad oder Hisbollah auf sich aufmerksam gemacht. Es war relativ leicht, für die Palästinenser und gegen Israel zu sein. Das ist nach dem 11. September 2001, den Anschlägen von London und Madrid und dem knapp vereitelten Anschlag der Kofferbomber in Deutschland schwieriger geworden. Das Islamisch-Arabische ist auch uns Europäern fremd geworden. Wir streiten über Kopftücher und Moscheebauten. Und just der Intellektuelle, der früher, von eigener Erfahrung ungetrübt, sich aus Solidarität ein Palästinensertuch umband, gerät plötzlich ins Grübeln und denkt: Na, die – gemeint sind die Araber - möchte ich auch nicht als Nachbarn haben.
Und drittens tragen zur nachlassenden Intensität des deutschen Israelbashings die höchst effizienten Ablenkungsmanöver aus Washington und Warschau bei. Was ist ein Ariel Sharon gegen George W. Bush? Kein Volk hat unendliche Hasspotenziale, also muss es sich entscheiden. Wer Israel kritisiert, kann sich schnell die Finger verbrennen. Bequemer und angesehener ist es, auf Bush und die Kaczynskis einzudreschen. An denen tobt sich die neudeutsche Spottlust aus. Blättern Sie mal die deutschen Zeitungen und Magazine der letzten Wochen und Monate durch. Wenn der „Stern“ mit seiner Titelgeschichte über Sex in Israel nicht gewesen wäre, könnte man fast den Eindruck gewinnen, nicht die verzerrte Darstellung Israels ist das Problem, sondern die fehlende Darstellung, die Interesselosigkeit des Publikums, das quälende Gefühl, im Nahen Osten ändere sich ohnehin nichts, ob Friedensprozess oder nicht. Dazu passt eine Plauderei aus dem Nähkästchen: Wenn bei uns im Tagesspiegel, in der Redaktionskonferenz, keiner eine zündende Leitartikelidee hat, heißt es so regelmäßig wie ironisch: „Gibt’s denn gar nichts Neues, nicht einmal im Nahen Osten?“
Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Das ist zunächst alles, was ich sagen wollte."
Diskussion:
Die Diskussion verlief kontrovers, nicht alle waren damit einverstanden, dass die "Political Correctness" heute generell besser funktioniere. Warum gelinge es trotz eines "funktionierenden Kompasses" in der "veröffentlichten Meinung" heute nicht, dass dieser auch die Mehrheit der Bevölkerung erreiche? Belegten nicht Umfragen der letzten Jahre eher, dass Israel weitgehend negativ, ja gar als "größte Gefahr für den Weltfrieden" wahrgenommen werde? Gehöre es nicht inzwischen schon zum "guten Ton", gegen Israel zu sein? Lehming verwies auf sein Mißtrauen gegenüber Umfragen, da die Fragestellungen oft zu undifferenziert seien, so unterscheide man beispielsweise nicht zwischen Regierung und Bevölkerung.

Angesprochen auf die Verwendung von Bildern, die heute fast ausschließlich von palästinensischen Fotografen stammten und sich dann und wann auch schon als Fälschungen bzw. in falschen Zusammenhang gestellt herausstellten, bestätigte der Referent die Problematik. Wenn diese Tendenz zunehme, müsse man künftig im dazugehörigen Text darauf verweisen, dass die Quelle auch zweifelhaft sein könne. Prinzipiell aber habe jede Zeitung ein Interesse daran, dass man sich auf ihre Fotografen verlassen könne, denn ihr Ruf stünde auf dem Spiel. Lehming schloss sich auch der im Publikum geäußerten Kritik an der häufigen Übernahme von Agenturmeldungen an, die aus Zeit- und Kostengründen oft nicht überprüft würden. Auch er bedaure, so Lehming, dass es kaum noch Hintergrundberichte gebe und Berichte über Gewalt und Terror im Zusammenhang mit Nahost begehrter seien als differenzierte Reportagen. Befragt nach den Wirkungen des Internets räumte Lehming ein, dass hier in den letzten Jahren eine "neue veröffentlichte Meinung" entstanden sei, die sich als "Tummelplatz" erschreckender Meinungsäußerungen offenbare. Clemens Wergin hatte allerdings auch auf die gegenläufige Tendenz aufmerksam gemacht, denn in Diskussionsforen im Netz wird oft kräftig dagegengehalten, auch auf bewußt aus dem Zusammenhang gerissene oder gefälschte Bilder wird man hier hin und wieder aufmerksam gemacht. Passend zum Thema des Abends bezog sich ein Einwand auch auf den selbstverständlichen Gebrauch des Begriffs "Nahost-Konflikt", obwohl man doch eigentlich den israelisch-palästinensischen oder gar israelisch-arabischen meine. Insbesondere durch den ständigen Gebrauch des bestimmten Artikels werde assoziiert, dass "der Nahost-Konflikt" zu lösen sei, wenn sich Israelis und Palästinenser nur endlich einigen würden. Dem hatte Lehming ja in seinem Vortrag heftig widersprochen. Der Redner räumte ein, dass die Kritik berechtigt sei, er werde darüber nachdenken.
Auch wenn am Ende des Abend kein Konsens gefunden werden konnte, hat der Vortrag uns allen doch viele neue Denkanstöße mit auf den Heimweg gegeben.
Jochen Feilcke überreichte dem Referenten nach seinem Vortrag ein Buch im Gedenken an Yitzhak Rabin, den er im Rahmen seiner journalistischen Tätigkeit noch persönlich kennen lernen durfte.
|