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Presseschau:

Berliner Zeitung vom 01.12.08

Ein Denkmal für Überlebende und Deportierte
Erstmals wird in Deutschland an die Rettung 10 000 jüdischer Kinder mit Zugtransporten nach England erinnert
von Marlies Emmerich

Irene Schmied ist aus New York angereist, James Elster aus Österreich. Die anderen rund 70 Zeitzeugen kommen aus London, Jerusalem, der Schweiz und anderen Gegenden. Gemeinsam ist ihnen, dass sie vor 70 Jahren als jüdische Kinder Deutschland noch rechtzeitig in Richtung Großbritannien verlassen haben. Das erste Denkmal in Deutschland, das an diese Kindertransporte erinnert, steht seit gestern an der Friedrichstraße, geschaffen vom israelischen Künstler Frank Meisler, selbst ein Teilnehmer der Kindertransporte. "Für mich ist das das wichtigste Projekt meines Lebens", sagt Meisler. Der Künstler hat das Denkmal Berlin geschenkt.

Insgesamt rund 10 000 Kinder im Alter von bis zu 17 Jahren sind bis September 1939 diesen Weg gegangen, meist vom Anhalter Bahnhof, vom Bahnhof Friedrichstraße oder vom Lehrter Bahnhof. Viele wurden im Königreich in Flüchtlingslagern untergebracht, manche in Pflegefamilien. Über das Schicksal ihrer Eltern, die überwiegend in Konzentrationslagern umkamen, haben viele Kinder erst nach Ende der Nazizeit erfahren.

Die gestern eingeweihte Skulpturengruppe besteht aus sieben Figuren. Die Skulptur zeigt auf einer Fläche von sechs Quadratmetern eine Gruppe von sieben fast lebensgroßen Figuren. Zwei Kinder stehen symbolisch für die durch die Transporte Geretteten. Fünf Zurückbleibende symbolisieren Angehörige und Freunde, die später deportiert wurden, darunter 1,5 Millionen Kinder. Die Jungen und Mädchen in der Skulpturengruppe tragen Zöpfe, Schulranzen, Schiebermütze und aufgenähte Davidsterne. "Züge in das Leben - Züge in den Tod" heißt die Skulpturengruppe in Anspielung an die unterschiedlichen Schicksale. Ein ähnliches Denkmal steht seit Jahren an der Londoner Station Liverpool Street, ein anderes seit diesem Jahr in der österreichischen Hauptstadt Wien.
Für Irene Schmied ist das Denkmal wichtig. "Ich habe schließlich zehn Jahre meines Lebens in Berlin verbracht", sagt die alte Dame. Sie fühlt sich vom Schicksal "begünstigt". Zum Glück seien ihre Eltern noch rechtzeitig aus Deutschland ausgereist. Sie selbst ist über Hamburg nach England gekommen.

Die Überlebenden freuen sich, dass sie heute im Bundestag von Vizepräsidentin Petra Pau (Linke) empfangen werden. "Eine große Ehre", sagt Irene Schmied. Für sie ist die "dramatische Rettungsaktion" bestimmend für ihr Leben. "Heute finden wir hier die Beachtung, die man uns früher nicht gewährt hat", sagt Schmied.

Auch für Hauptkommissar Detlef Thiele von der Landespolizeischule ist es ein persönliches Anliege, sich zu engagieren. So werden sich angehende Polizisten auf seine Initiative hin mit den Kindertransporten beschäftigen und einzelne Lebenswege recherchieren.
Entstanden ist das Denkmal durch die Privatinitiative von Lisa Schäfer. Die ehemalige Lehrerin hat inzwischen zusammen mit Dirk Stegemann von der Initiative "Zug der Erinnerung" die Kritik von Berliner Überlebenden, dem Centrum Judaicum und der Stiftung Topographie des Terrors an der künstlerischen und historischen Darstellung angenommen. Im Frühjahr sollen zwei Ergänzungstafeln die Hintergründe erläutern.

"Die Berliner interessieren sich heute endlich für die damaligen Ereignisse." Irene Schmied, New York, durch den Kindertransport Gerettete.

Tagesspiegel, 01.12.2008

Abfahrt ins Leben
Gedenkskulptur für die Rettungstransporte jüdischer Kinder aus Nazi-Deutschland präsentiert
Zur Erinnerung. Fast 10 000 jüdische Kinder wurden 1938 und ’39 nach Großbritannien gebracht
.
von Rita Nikolow

Viel durfte Heinz Kallmann damals nicht mitnehmen: ein Foto, einen Koffer und zehn Reichsmark. Dafür fuhr er in die Freiheit. Der Weg zurück in ein Leben ohne Demütigung und Verfolgung begann für viele jüdische Kinder gestern vor 70 Jahren. An diesem Tag starteten die ersten Transporte nach Großbritannien, die zwischen 1938 und 1939 fast 10 000 Kinder aus Nazi-Deutschland herausbrachten, organisiert von der britischen Regierung, finanziert von der jüdischen Gemeinde in Großbritannien.

„Es war nicht leicht für uns damals, aber wir konnten ein neues Leben beginnen“, sagte er am Sonntag während der Präsentation der ersten Gedenkskulptur, die in Deutschland an die Kindertransporte erinnert. An der Friedrich-, Ecke Georgenstraße stehen jetzt sieben Bronzefiguren, fast menschengroß. Kinder mit ernsten Gesichtern, fünf schauen auf die Friedrichstraße, zwei in die Gegenrichtung. Diese beiden Figuren sind braun, sie stehen für die geretteten Kinder. Die anderen fünf sind schwarz und sollen an die 1,5 Millionen Kinder erinnern, die später in andere Züge einsteigen mussten, mit denen sie nicht in die Freiheit, sondern in die Vernichtungslager gebracht wurden.

Zu jenen, die gerettet wurden, gehört auch der Mann, der die Skulptur geschaffen hat: Frank Meisler stieg im August 1939 am Bahnhof Friedrichstraße in einen der letzten Züge. „Ich hoffe, dass Berlin mit dieser Arbeit zufrieden sein wird“, sagte er. Ähnliche Bronzeskulpturen hat der Künstler bereits in London und Wien aufgestellt. Zu Gast waren am Sonntag neben rund 50 Zeitzeugen unter anderem Polizeipräsident Dieter Glietsch und Bundestagsvizepräsidentin Petra Pau (Linke).

Das Denkmal hat in Berlin nicht nur Befürworter: Hermann Simon etwa, der Leiter des Centrums Judaicum, kritisierte gegenüber dem Tagesspiegel das Verfahren. Der Aufstellung sei kein demokratischer Prozess vorausgegangen. Unverständlich findet er auch, dass eine der Figuren einen Judenstern trägt. Der wurde erst 1941 eingeführt.
Rita Nikolow

Berliner Morgenpost, 01.12.2008

GEDENKEN: Züge ins Leben und in den Tod
von Rainer L. Hein und Anemi Wick

Es hat lange gedauert. Und erst durch die Initiative des Bezirks Mitte und allen voran seines Bürgermeisters Christian Hanke (SPD) ist ein Mahnmal an authentischem Ort errichtet worden.

Gestern, am 70. Jahrestag der Transporte jüdischer Kinder nach England, enthüllte Berlins Polizeipräsident Dieter Glietsch zusammen mit Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) die Skulptur des israelischen Künstlers Frank Meisler vor dem Südwesteingang des Bahnhofs Friedrichstraße.

Meisler selbst gehörte zu den 10 000 Kindern, die ab dem 30. November 1938 bis zu Kriegsbeginn der Massenvernichtung der Nazis entfliehen konnten. Ihnen gilt das Denkmal, gleichzeitig stelle die Skulptur laut der Initiative "Kindertransporte: Züge ins Leben - Züge in den Tod" den Zusammenhang zwischen der Rettung durch die Kindertransporte und der Deportation vieler jüdischer Kinder dar. So zeige das Denkmal insgesamt sieben Kinder. Zwei Figuren stehen dabei symbolisch für die geretteten Kinder, fünf für die, die zurückbleiben mussten und dann deportiert wurden.

Neben Frank Meisler nahmen knapp 100 ehemalige Transportkinder aus aller Welt an der Zeremonie an der Ecke Georgen-/Friedrichstraße teil. Sie kamen aus New York, Jerusalem, London und Wien an den Ort zurück, der für sie Weiterleben bedeutete. "Ich hatte das große Glück, mit dem ersten Kindertransport Berlin verlassen zu können", sagte der Zeitzeuge Leslie Brent aus London. Seine Eltern hätten ihn unter großem Kummer gehen lassen. Sie wurden später ermordet.
Für die Initiatorin der Mahnmalaktion "Kindertransporte", Lisa Schäfer, geht ein langer Kampf glücklich zu Ende. "Während die Stadt Berlin immer wieder die Aufstellung des Kunstwerks für die Holocaust-Opfer mit für mich fadenscheinigen Argumenten verschleppte, war der Bezirk die Rettung", sagte sie. Hier schloss man sich den Befürwortern der Bronze-Erinnerungsskulptur an.
Neben Innensenator Ehrhart Körting und der stellvertretenden Präsidentin des Abgeordnetenhauses, Karin Seidel-Kalmutzki (beide SPD), hatte auch die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, Lala Süsskind, zum Bau des Mahnmals gedrängt. Auch das Internationale Auschwitzkomitee und der Trägerverein "Zug der Erinnerung" waren dafür.

Eine wesentliche Antriebsfeder für das Aufstellen der Skulptur waren auch die Polizeianwärter der Landespolizeischule Ruhleben. Zusammen mit ihren Ausbildern Detlef Thiele und Dieter Herrig sowie der Initiatorin Lisa Schäfer hatten sie mehrfach in London das Imperial War Museum besucht. Dort informierten sie sich in der Holocaust-Abteilung durch Zeitzeugen über die Kindertransporte und besuchten die Meisler-Skulptur, die in London steht, dem damaligen Ziel der Transporte. Ihre einhellige Meinung war: "Das Pendant muss unbedingt am Bahnhof Friedrichstraße stehen, denn hier begannen die Transporte." Bei der Berliner Polizeispitze erhielten sie die nötige Unterstützung. Daher übernahm auch Polizeipräsident Dieter Glietsch die Einweihungszeremonie. Die Gespräche mit den Zeitzeugen würde den Polizeianwärtern helfen, "nie zu vergessen, dass wir in erster Linie der Menschlichkeit verpflichtet sind", sagte Glietsch. Baustadtrat Ephraim Gothe sagte, er halte diesen Ort mitten im Zentrum der Hauptstadt als sehr geeignet, um an dieses Kapitel der Verfolgung zu erinnern.

Zur Feier hatten sich die Polizeischüler etwas Besonderes ausgedacht: Je ein Schüler übernahm die Patenschaft eines der anwesenden Zeitzeugen. "Auf persönlicher Ebene soll so ein Kontakt mit jungen Menschen aus Deutschland aufgebaut werden", erklärte Lisa Schäfer.

Das Pendant der Bronzeskulptur des Künstlers Frank Meisler steht bereits als Erinnerung an die Kindertransporte mitten in London. Am U-Bahnhof Liverpool Street Station wurde im September 2006 das Mahnmal enthüllt - vom Schirmherrn selbst, dem britischen Thronfolger Prinz Charles. Es zeigt fünf Kinder hinter einem Bahngleis. Nach Vorstellung des Künstlers soll das die Rettung vor der Vernichtung bedeuten. "Die Bahngleise als Endpunkt", so Frank Meisler.

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