Einführung von Dr. Michael Jenne zu dem Vortrag von Hellmut Stern am 17. Dezember 2007
Hellmut Stern ... ist ein Berliner mit Unterbrechung. Die Unterbrechung wurde ihm – gemeinsam mit seinen Eltern – aufgezwungen; sie dauerte 23 Jahre, von 1938 bis 1961, und umfasste die Jugend und die Lebensphase, in denen Menschen zu sich selbst finden. Diese Jahre verbrachte H.S. im Fernen Osten, im Nahen Osten und in Amerika. Diverser geht es kaum – angesichts all dessen, was ihm in dieser Zeit widerfuhr, was er erlebte und lernte, aufnahm und bewältigte, könnte man auch sagen: Viel dicker kann’s nicht kommen. Wenn einer Russisch, Chinesisch, Hebräisch und Englisch sicher beherrscht - neben Deutsch, das er besser spricht als viele andere ohne Unterbrechung in ihrer deutschen Biographie, dann ist er schon reich an Wissen und an Fähigkeiten. Sprachen aber sind nicht nur Mittel zum Sprechen, so überwäl-tigend diese Weisheit auch klingt, durch die Sprache erschließt sich auch jeweils eine Kultur, mit der Beherrschung der Sprache entsteht Zugehörigkeit zu einer Kultur, objektiv wie subjektiv empfunden. Und deshalb kann Hellmut Stern von sich sagen, dass er sich an vielen Orten der Welt zu Hause fühlt. Die aufgezwungene Odyssee hat Helmut Stern zweifellos auch positiv geprägt, anders gesagt: er hat für sich das beste daraus gemacht. Und er hat sie an ihrem Ausgangspunkt wieder enden lassen, in Berlin! Ausgerechnet 1961, als es hier enger wurde und viele das Weite suchten, ist er aus den USA nach Berlin zurückgekehrt. Er landete freilich an musikalisch allerhöchster Stelle, bei den Berliner Philharmonikern, in der Gruppe der Ersten Violinen. Da hat er sich dann noch zusätzlich profiliert, nämlich künstlerisch als „Vorspieler“ – eine Position gleich hinter den Konzertmeistern - und später auch viele Jahre lang als Mitglied des nur zweiköpfigen „Vorstands“ in dieser verhältnismäßig demokratisch organisierten Musikerschaft. Das wiederum Besondere an dieser Musiker-Biographie ist, dass er ja nicht „ordnungsgemäß“ studiert hat, auch, dass in seiner „unordentlichen“ musikalischen Ausbildung Geige und Klavier nahezu gleichrangig waren. Um das sehr reiche Duo-Repertoire für Violine und Klavier allein zu bewältigen, fehlten ihm tatsächlich nur zwei Hände. Und dann noch der enorme Sprung – aus den damals musikalisch eher chaotischen Verhältnissen in China, mit 21 Jahren aber wenig Orchestererfahrung schaffte es Hellmut Stern gleich ins Israel Philharmonic Orchestra, das bei seiner Ankunft 1949 noch fast ausschließlich ein „europäisches“ Orchester war; 1936 von und mit vor allem aus Deutschland vertriebenen und geflohenen Musikern gegründet, erlebte es also gerade seine Bar-Mizwa. So, nun habe ich genug vorweggenommen und jedenfalls hinreichend belegt, dass es ebenso spannend wie unterhaltsam ist, wenn Hellmut Stern aus dem autobiographischen Nähkästchen plaudert – und dass dieser „Jiddel mit der Fiddel“ wie kaum ein anderer die personifizierte DIG darstellt.
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