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Am 05. März 2008 sprach Bischof Dr. Wolfgang Huber auf Einladung der DIG Berlin und Potsdam in der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung über "Kirche und Israel - 60 Jahre nach der Staatsgründung" Bericht und Fotos von Meggie Jahn

Dr. Gesine Palmer führte in das Gespräch ein.
Unter dem Titel "Kirche und Israel" fand in den vergangenen Jahrzehnten ein Dialog zwischen Christen und Juden statt. Der Dialog hat sich unter dem Schock der Shoah mit besonderer Intensität verändert. Christen haben in größerer Zahl ihr Verhältnis zu Israel revidiert. Im Jahr 2008 feiert nun der Staat Israel seinen 60. Geburtstag. Geschichte und Gegenwart des Landes sind voller Probleme. Christen in Europa sehen dem teils ratlos, teils engagiert, teils wohl auch mit einer neuen Tendenz zur alten Selbstgerechtigkeit zu. Dies war - nicht zuletzt nach den Irritationen um die Israel/Palästina-Reise des Rats der EKD im Frühjahr 2007 - Grund genug, den amtierenden EKD-Ratsvorsitzenden Bischof Dr. Wolfgang Huber einzuladen, um mit uns über „Kirche und Israel – 60 Jahre nach der Staatsgründung“ zu diskutieren.
Dr. Andreas Kleine-Kraneburg, inzwischen Leiter der Akademie der Konrad-Adenauer-Stiftung in Berlin, begrüßte die rund 120 Gäste und wies darauf hin, dass sich die heutige in eine Reihe weiterer Veranstaltungen der Stiftung zum 60jährigen Jubliäum Israels einreihe. Für ihn sei es eine große Ehre, dass Bischof Huber durch die Vermittlung der DIG Berlin und Potsdam heute in ihrem Hause zu Gast sei. Ohne den BVG-Streik hätten sicher noch mehr Besucherinnen und Besucher den Weg in die Akademie gefunden. Mit einem Gespräch zwischen der evangelischen Religionsphilosophin und Judaistin Dr. Gesine Palmer, Mitglied der DIG, und Dr. Wolfgang Huber wurde diesmal ein neues Veranstaltungsformat gewählt. Daran schloss sich eine angeregte und streckenweise sogar leidenschaftlich ausgetragene Diskussion an. Gefragt nach seiner persönlichen Haltung zu Israel und zum Nahost-Konflikt verwies Bischof Huber auf die "innere Zerreißprobe", vor die er und die EKD sich oft gestellt sähen: Einerseits müsse die Kirche ihrer Verantwortung für die immer weniger werdenden Christen im "Heiligen Land" gerecht werden, andererseits sehe er die historische Verantwortung Deutschlands und der Kirche für die Existenz des Staates Israel und die Sicherheit seiner Bürgerinnen und Bürger. Für ihn sei Israel "kein Staat wie jeder andere", vielmehr empfinde er angesichts der Gründung des Staates Israel nach der Shoah, zu der auch christlicher Antijudaismus mit beigetragen habe, "Dankbarkeit und innere Bewegung". Gleichzeitig fühle er sich durch seinen Glauben den dort lebenden christlichen Palästinensern tief verbunden. Die EKD verstehe sich im Nahost-Konflikt als Vermittler und Interpret für beide Seiten, und bemühe sich, der jeweils anderen Seite die Position ihres Gegenübers zu erklären und verständlich zu machen. Entscheidend sei dabei für ihn, dass man nicht "mit gespaltener Zunge" rede, sondern keinem Gesprächspartner etwas sage, was man der anderen Seite nicht genauso sagt oder sagen würde.
 "Patentlösungen gibt es im Nahen Osten nicht."
Dies habe die EKD auch bei ihrer umstrittenen Reise 2007 so gehalten, erläuterte Huber. Dabei zögerte der Bischof nicht, auf die Problematik des israelischen Sicherheitszaunes für die Palästinenser hinzuweisen, der diesen das Leben "nicht gerade leichter" mache. Der EKD sei aber andererseits bewußt, dass der Zaun für die Israelis angesichts der dadurch verhinderten Terroranschläge von existentieller Bedeutung sei. Er gebe deshalb gerne zu, dass er von der damaligen Reise, die erste, "die die EKD über Brüssel hinaus geführt" habe, mit einer "tiefen Ratlosigkeit" zurückgekehrt sei. Angesprochen auf die Frage, warum die EKD just vor der Gedenkveranstaltung zum Holocaust-Gedenktag in Israel die Heimreise angetreten habe, was von vielen in Deutschland und Israel als unpassend empfunden wurde, konterte der Bischof mit der Bemerkung, dass sie keine Einladung zur Teilnahme erhalten habe. Eigentlicher Anlass der Reise sei in jenen Tagen eine ordentliche Ratssitzung der EKD gewesen und das Gespräch mit den dort lebenden Christen, die ihre Sorgen vor Ort, auch im Zusammenhang mit von der Kirche betreuten Projekten, vortragen wollten. Die anschließende Diskussion zeigte, dass sich im Publikum zwei Positionen unversöhnlich gegenüberstanden: Während die einen auf die Menschenrechtsverletzungen durch "die Israelis" (gemeint war wohl die israelische Armee) verwiesen, die es der EKD verbieten sollte, "ein solches Israel" zu unterstützen, verwiesen die anderen mit Sorge auf den heutigen Zeitgeist in Deutschland, der nur wenig Verständnis für Israels Sicherheitsbedürfnisse zeige und die tägliche Bedrohung der Bürgerinnen und Bürger in Israels Süden durch Kassam-Raketen aus dem Gazastreifen oder ganz Israels (und schließlich auch Europas) durch die aufstrebende Atommacht Iran verkenne. Sahen die einen das heute gute Verhältnis zwischen den ehemaligen Erzfeinden Frankreich und Deutschland als Hoffnungsschimmer für den Nahen Osten, kritisierten die anderen einen solchen Vergleich als naiv, da er die völlig unterschiedlichen Mentalitäten in Europa und im Nahen Osten ignoriere.
 "Es gibt nur eine gemeinsame Zukunft für beide Völker."
Huber machte deutlich, dass es für den Nahen Osten „keine Patentlösungen“ gebe und warnte zugleich davor, mit Besserwisserei die Probleme lösen zu wollen. Hier bedürfe es großer Sensibilität auf allen Seiten. Er wisse sehr gut, dass Israel sich nicht nur mit den Problemen im Verhältnis zu den palästinensischen Nachbarn und der palästinensisch-israelischen Bevölkerung auseinandersetzen müsse, sondern sich auch immer stärker vom Iran bedroht sehe. Zum Frieden in Nahost gebe es „keine Alternative“, so Huber; die Palästinenser müssten begreifen, dass sie die jüdischen Israelis nicht mehr aus der Region vertreiben könnten. Die Israelis dagegen müssten die kollektiven „Rechte der Palästinenser“ in der Region anerkennen. Die EKD wolle ihren Beitrag dazu leisten, dass diese Einsicht auf beiden Seiten wachse. Schließlich gebe es nur eine „gemeinsame oder keine Zukunft für beide Völker“.
 Dr. Martin Kloke bei der Diskussion.
Eine Frage bezog sich auf die immer noch virulente kirchliche Ignoranz und Arroganz gegenüber Israel, die den Eindruck wachsender Beliebigkeit erweckten: Einerseits gebe es unter evangelikalen und fundamentalistischen Christen eine unkritische Israelbegeisterung; andererseits machten sich im kirchlichen Kontext auch wieder antijudaistische Stereotypen bemerkbar. Ausgerechnet in der Karwoche, wenige Tage vor der Nahostreise der EKD-Delegation in Israel, seien auf der Website der EKD – unter Missachtung des internationalen Forschungsstandes – wieder einmal „die Juden“ für den Tod Jesu verantwortlich gemacht worden. Im Rahmen einer Tagung in der Evangelischen Akademie Bad Boll habe eine Arbeitsgruppe angesichts des israelischen Vorgehens in Gaza sogar einen „Boykott gegen Israel“ gefordert.
Ohne auf die konkreten Vorwürfe einzugehen, wies Huber den Vorwurf der Beliebigkeit der Kirchen vehement zurück. Er beobachte vielmehr eine Polarisierung, denn Christen identifizierten sich oft mit der einen oder anderen Seite. Hier gebe es aber Fortschritte. Während man früher auf Kirchentagen auf der einen Seite den „Arbeitskreis Christen und Juden“ und in entsprechender Entfernung ein Forum zur Anprangerung der israelischen Untaten gegenüber den Palästinenser gefunden habe, gebe es solche klaren Trennungen heute nicht mehr in der früheren Schärfe, worum sich auch die EKD seit langem bemüht habe. Deutliche Worte fand der Bischof allerdings zu den "christlichen Zionisten", die einer friedlichen Lösung im Nahen Osten seiner Auffassung nach eher abträglich seien.

Im Anschluss an die angeregte und kontroverse Diskussion lud der Berliner Vorsitzende der DIG Jochen Feilcke im Namen der Konrad-Adenauer-Stiftung die Gäste zur Fortsetzung des Gesprächs bei Wein und Salzgebäck ein, was von den meisten im Foyer der Akademie gern genutzt wurde. Als Fazit des Abends bleibt festzuhalten: Es war gut und richtig, dass wir miteinander geredet haben.
Links: Der israelische Gesandte, Ilan Mor, mit Maya Zehden, Stellv. DIG-Vorsitzende und Geschäftsführerin der GCJZ, die ebenfalls zu dem Abend eingeladen hatte, und Prof. Ernst Cramer, der als "Ehrengast" besonders herzlich begrüßt wurde. Rechts: Hermann Gröhe, CDU-MdB und Mitglied der Deutsch-Israelischen Parlamentariergruppe im Gespräch mit einem Journalisten.
 Ilan Mor im Gespräch mit Dr. Wolfgang Huber
Links: Das Publikum lockten Wein und Blätterteiggebäck. Rechts: Simoné Okaj-Braun, FNSt für die Freiheit, im Gespräch mit Christel Gimbel.
 Maya Zehden im Gespräch mit Wolfram Schenk, früher Lehrer an einer Berliner Schule.
Lesen Sie zum Thema Kirche und Israel auch ein epd-Interview mit Dr. Wolfgang Huber vom 12. April 2007 während der Reise der EKD nach Israel:
EKD sieht sich als Dolmetscher zwischen Israel und Palästinensern - Bischof Huber beklagt Lage der Christen im Westjordanland Jerusalem (epd). Der Rat der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) besucht zurzeit das Heilige Land. Die EKD-Delegation bewegt sich im Spannungsfeld zwischen der Solidarität mit Israel einerseits und der Verbundenheit mit den palästinensischen Christen und ihrem Volk andererseits. Mit dem Ratsvorsitzenden, Bischof Wolfgang Huber, sprach Thomas Schiller in Jerusalem über Chancen und Grenzen der sechstägigen EKD-Reise. epd: Herr Bischof, eines der wesentlichen Anliegen bei der Reise des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland durch Israel und Palästina ist die Situation der Christen im Heiligen Land. Wie stellt sie sich dar? Huber: Nach wie vor macht es die politische und soziale Situation den Christen im Heiligen Land sehr schwer, hier auf Dauer Heimat zu behalten, ihr Leben zu entwickeln und zu entfalten. Sie sind eine kleiner werdende Minderheit; in den Autonomiegebieten leben sie in einer überwiegend muslimischen Bevölkerung. Sie sind zum großen Teil überdurchschnittlich gut ausgebildet. Sie haben aber oft keine berufliche Perspektive hier. epd: Wie wirkt sich die israelische Sicherheitspolitik aus? Huber: Die Christen leiden wie alle Palästinenser unter den Einschränkungen der Bewegungsmöglichkeiten. Der politische Konflikt zwischen Israel und den Palästinensern bedrückt sie. Die Sicherheitsmaßnahmen schneiden tief ins palästinensische Gebiet ein. epd: Sind evangelische Einrichtungen im Westjordanland unmittelbar betroffen? Huber: Wir sind mit unseren eigenen Einrichtungen direkt betroffen. Ich bin als Berliner Bischof der evangelischen Schule Talitha Kumi in Beit Dschala in besonderer Verantwortung verbunden, sie wird vom Berliner Missionswerk getragen. Ich habe Zeiten erlebt, in denen die Schule geschlossen werden musste, weil Schüler und Lehrer die Ausbildungsstätte gar nicht erreichen konnten. Auch gegenwärtig sind die Bedingungen sehr erschwert. Es ist unklar, wie sich der weitere Ausbau der israelischen Sicherungsmaßnahmen auf die Schule auswirkt. epd: Auf der einen Seite bekennt sich die EKD zur Solidarität mit Israel und dem jüdischen Volk. Gleichzeitig muss sie Partei ergreifen für die Situation der palästinensischen Christen und auf die schwierige humanitäre Situation ihres Volkes hinweisen. Wie stellen Sie sich diesem Spannungsfeld? Huber: Es ist unsere Aufgabe, jeweils auch für die andere Seite zu interpretieren: Wie wirkt das israelische Handeln auf die Palästinenser? Wie wirken die palästinensischen Aktionen auf Israel? Man kann Frieden überhaupt nur erhoffen in dieser Region, wenn beide Seiten sich wechselseitig besser verstehen. Dabei Dolmetscher und Interpreten zu sein ist der kleine Beitrag, den wir zur Versöhnung und Verständigung leisten können. epd: Wie kann das gelingen? Huber: Es ist wichtig, dass man zu beiden Seiten mit derselben Stimme spricht: dass man gegenüber Israel verständlich zu machen versucht, was die Palästinenser bewegt, und genauso den Palästinensern ganz unzweideutig klar macht, dass das Ja zum Existenzrecht Israels eine Bedingung ist, ohne die es einen Fortschritt nicht geben kann. Die Lösung ist deutlich: Es muss zwei Staaten geben, die im Frieden und in wechselseitiger Anerkennung ihrer Sicherheitsbedürfnisse koexistieren. epd: Wo sind die Chancen dieser Reise des Rates der EKD? Huber: Die Chancen liegen darin, dass wir als evangelische Kirche hier schon seit der Mitte des 19. Jahrhunderts in der Region präsent sind. Ich empfinde gerade bei diesem Besuch, welche besonderen Möglichkeiten darin liegen, dass wir uns auf Institutionen stützen können, die schon seit langer Zeit und unter unterschiedlichen politischen Bedingungen im Heiligen Land gearbeitet haben. Sie sind der Ausgangspunkt unserer Präsenz. epd: Und wo liegen die Grenzen? Huber: Die Grenzen liegen darin, dass wir bei einem kurzen Besuch nur Impulse geben und ermutigen können zu einer Arbeit, die auf Dauer von denen wahrgenommen wird, die hier für die evangelische Kirche präsent sind. Sie liegen zugleich darin, dass ein so tief verwurzelter Konflikt nur sehr schwer aufgelöst werden kann. epd: Sie sind gestern vom jüdischen Oberrabbiner Jona Metzger um Vermittlung gebeten worden für die Sache der entführten israelischen Soldaten. Was kann der Ratsvorsitzende der EKD in einer so schwierigen Angelegenheit überhaupt leisten? Huber: Fürsprecher zu sein ist eine realistische Erwartung - in der Sprache der christlichen Tradition nennen wir das Interzession. Es ist mir umso leichter gefallen, das dem Oberrabbiner zuzusagen, weil ich mich in dieser Frage schon lange engagiert habe. Ich habe mich dazu bereits an Weihnachten 2006 öffentlich geäußert. Wir haben uns für diese Sache im direkten Kontakt zwischen dem Berliner Missionswerk und dem Bundeskanzleramt eingesetzt. Die Bundeskanzlerin hat sich bekanntlich dieses Thema zu eigen gemacht. Ich werde selbstverständlich auch gegenüber dem palästinensischen Präsidenten dieses Thema ansprechen.
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