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Rede von Rabbiner Prof. Dr. Walter Homolka

zur Eröffnung der 33. ordentlichen Hauptversammlung der

Deutsch-Israelischen Gesellschaft

Potsdam, 2.11.08

 


Sehr geehrter Herr Präsident,

sehr geehrte Damen und Herren,

 

Ich freue mich sehr, dass Sie heute in Potsdam zusammenkommen zu Ihrer 33. ordentlichen Hauptversammlung 2008. Sie kommen in ein Bundesland, in dem die DVU im Landtag vertreten ist und Rechtsradikale ein fester und bedrohlicher Bestandteil der Gesellschaft geworden sind. Latenter oder offener Antisemitismus ist uns nicht mehr fremd, - wir rechnen damit.

 

Knapp 60 Jahre nach Gründung der Bundesrepublik Deutschland und 20 Jahre nach der Euphorie der Wiedervereinigung ist die Zunahme von Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in Deutschland eine ernüchternde Feststellung.  Ebenso ernüchternd muss es für uns alle sein, dass nach all den Feiern in Deutschland zum 60. Jahrestag der Gründung des Staates Israel die Bedrohung Israels weiterhin groß ist und jegliche Normalisierung der Lage im Nahen Osten in weiter Ferne gerückt scheint.

 

Ihre Aufgabe ist nicht leichter geworden, in Deutschland für ein besonnenes und herzliches Miteinander zwischen Deutschen und Israelis zu werben. Deshalb vielen Dank von uns Juden in Deutschland, dass Sie diesem Brückenschlag so viel Engagement und Motivation widmen!

 

Wir gehen auf den 70. Jahrestag der Reichspogromnacht von 1938 zu. In dieser Lage muss die Deutsch-Israelische Gesellschaft im Rahmen ihrer heutigen Hauptversammlung über eine „Potsdamer Erklärung“ beraten, die zunehmende Geschichtslosigkeit bedauert, ein Zunehmen anti-israelischer Haltungen konstatiert und Antisemitismus als Phänomen unserer Gesellschaft anprangert.

 

Antisemitismus und Judenfeindschaft sind nicht mehr an eine bestimmte religiöse, politische, soziale oder anderweitig definierte Bevölkerungsgruppe gebunden. Sie sind ein Querschnittsthema geworden, das die gesamte deutsche Gesellschaft durchdringt. Und sie fängt im Detail an. Wer etwa, wie Ministerpräsident Roland Koch, im Bundesrat das Verbot der Schechita durchsetzen will, der koscheren Schlachtung, der will auch religiöse Juden in Deutschland ganz massiv in ihrer Lebensführung beeinträchtigen, selbst wenn er gleichzeitig die finanziellen Zuwendungen für die jüdischen Gemeinden in seinem Bundesland erhöht.

Wer der Evangelischen Allianz nicht widerspricht, wenn sie wie im August in Berlin beschließt, dass „Christen Juden die Botschaft von Jesus Christus nicht vorenthalten“ dürfen, der zeigt keinerlei Respekt vor dem Judentum als „Gottes erster Liebe“. Und wer, wie Norman Paech von der LINKEN einseitig alle Schuld am Nahostkonflikt bei Israel sieht, der gehört zu den Brunnenvergiftern in diesem Land, die die historische Verantwortung Deutschlands für ein lebendiges zeitgenössisches Judentum in seiner Vielfalt und die Existenz des Staates Israel nur zu leichtfertig abstreifen wollen.

 

Es wäre ein besonders wichtiges Zeichen gewesen, wenn sich alle Bundestagsfraktionen zum 70. Jahrestag der Reichspogromnacht auf eine gemeinsame Position zur Antisemitismusbekämpfung in Deutschland hätten einigen können. Dass dies nun nicht geschieht, ist eine verpasste Chance für unser Land. Denn Einigkeit und Eintracht beim Thema Antisemitismus und Israel hätte uns gut zu Gesicht gestanden.

 

Im Jahr 2007 wurden insgesamt 1.541 politisch rechts motivierte Straftaten mit extremistischem und antisemitischem Hintergrund registriert. Eine Riesenzahl, wenn auch 5,8% geringer als 2006. Dieser leichte Rückgang ist ein schwacher Trost. Denn antisemitische Stimmungsmache kommt auch ohne Tätlichkeit aus. Wenn unter türkischen Kids  „Du Jude“ zum banalen Schimpfwort wird, dann muss uns das ebenso zu denken geben wie wenn Spitzenmanager deutscher Unternehmen beim Frühstücksbüffet über vermeintlich endlose Wiedergutmachungsforderungen von jüdischer Seite und Kollektivschuld-zuweisungen schwadronieren. Seit der Zwangsarbeiterentschädigung wird es immer schwieriger, für jüdische oder israelische Belange Spenden bei deutschen Unternehmen zu bekommen. Fragen sie die Jerusalem Foundation, das Israel Museum, auch das Abraham Geiger Kolleg hat diese Erfahrung gemacht.

 

Zu den Ursachen, die Stereotypen und Feinbilder begründen, gehören nach Erkenntnis der Experten die immer spürbarer werdenden Auswirkungen der Globalisierung auf die wirtschaftlichen und kulturellen Anforderungen: der Druck auf dem Arbeitsmarkt und dem Bildungsmarkt sowie die andauernden Diskussionen über den Umbau des Sozialstaates, über Bildungsreformen und so weiter, die zu einer Verunsicherung großer Teile der Bevölkerung führen.

 

Angst vor der Moderne und vor einem Statusverlust sind altbekannte Phänomene. Die Verunsicherung durch den spürbaren Wandlungsdruck hat immer wieder die Übernahme antisemitischer Einstellungen begünstigt.

 

In eine ganz ähnliche Richtung wirkt die Verunsicherung durch den islamistischen Terrorismus und den Irak-Krieg, die in den westlichen Ländern zu einem verstärkten Glauben an Verschwörungstheorien geführt hat. Diese Theorien haben erstaunlicherweise oft eine antijüdische Färbung. Aus vielen Statements spricht ein Fortwirken des alten antijüdischen Stereotyps von der latenten Macht der Juden und von einer jüdischen Weltverschwörung. Dass die israelische Politik seit der Zweiten Intifada wieder im Mittelpunkt einer öffentlichen Kritik steht, die nicht immer frei von antisemitischen Untertönen ist, brauche ich Ihnen wohl nicht zu sagen. Sie kennen die Hinweise auf Menschenrechtsverletzungen, Besatzungspolitik und Rassismus des Staates Israels, die den Opferstatus der europäischen Juden relativieren sollen, sicherlich aus Ihrer eigenen Arbeit.

 

Auf immer weniger Akzeptanz stößt es in Deutschland, wenn offizielle Vertreter des Judentums unter Bezug auf die Shoa politische Interventionen setzen oder Kritik am gegenwärtigen Deutschland üben. In Deutschland stimmten 2002  immerhin 58% diesem Statement zu: Die Juden sprechen immer noch zu viel über das, was ihnen im Holocaust geschehen ist.  

Fast 70% der Befragten gaben 2003 sogar an, sich darüber zu ärgern, „dass den Deutschen auch heute noch die Verbrechen an den Juden vorgehalten werden“. Hier deutet sich an, dass die deutsche Bevölkerung weit jenseits eines rechten Randes das ablehnen, was die Rechte  die „Dauerrepräsentation unserer Schande“ nennt.

Es ist keine Randgruppe, die sich wünscht, was Alfred Dregger vor nun schon 25 Jahren forderte: „dass Deutschland endlich aus Hitlers Schatten heraustreten müsse und wieder normal werden solle.“

 

Dabei sind sich Jugendliche heute des besonderen Stellenwerts des Erinnerungsdiskurses um die Geschichte des Nationalsozialismus sowie des Themas Antisemitismus sehr bewusst. Sie wissen genau, dass dies ein Themenfeld ist, mit dem sie Lehrkräfte und Pädagogen sehr gut und schnell provozieren können. Manch einer von Ihnen kann ein Lied davon singen. Diese problematischen Äußerungen von Jugendlichen oft nichtdeutscher Herkunft, aber häufig auch von bildungsbenachteiligten Jugendlichen deutscher Herkunft,  sind zumeist eine Reaktion auf das Gefühl des Nichtakzeptiertseins durch die Mehrheitsgesellschaft.

 

Eine Vielzahl von Konfliktstoffen baut sich hier auf, wir müssen mit ihnen umgehen. Dazu gehört eine „Pädagogik der Anerkennung“, die den Jugendlichen vermittelt, dass wir auf ihre speziellen Bedürfnisse eingehen. Dazu gehört die persönliche Begegnung, z.B. durch Austauschprogrammen mit Israel. Wir müssen soziale Distanz überwinden.

 

Dazu gehört das Gespräch mit den jüdischen Nachbarn von nebenan, und Gott sei Dank gibt es sie wieder, diese jüdischen Nachbarn, und zwar nicht nur in den großen Städten.

 

Allein hier in Brandenburg haben wir acht jüdische Gemeinden, die von russischsprachigen Zuwanderern gegründet worden sind. Damit sie zu selbstbewussten Juden und Partnern im Dialog werden können, brauchen diese Gemeinden aber Erzieher, Kantoren und Rabbiner, die sie mit ihrer jüdischen Tradition im Einklang mit der Moderne vertraut machen.

 

Deshalb finde ich es beschämend, wenn in der täglichen politischen Auseinandersetzung Argumente fallen wie: Rabbinerausbildung in Deutschland wäre zu teuer, oder wir hätten zu wenige Studenten, damit sich das lohne. Im politischen Alltag muss man dann darauf verweisen, die jüdische Gemeinschaft habe leider einen „demografischen Rückgang in den dreißiger und vierziger Jahren des 20. Jahrhunderts zu verzeichnen gehabt“. Dann kann man die Sekunden zählen, bis auf der anderen Seite der Groschen fällt. Und man muss Politikern ihre Worte von der ersten Ordinationsfeier 2006 in Dresden vorhalten, wo unsere Rabbinerausbildung als „Geschenk für Deutschland“ oder als „Wunder von Potsdam“ bezeichnet wurde. Und es ist auch ein Wunder, wenn „auf der Asche der 6 Millionen“ – so ein ausländischer Kollege von mir - wieder das „Licht der Wissenschaft des Judentums entzündet“ werden konnte.

Wenn es aber aktuell darum geht, dass sich die Bundesländer an den Kosten des Rabbinerkollegs beteiligen sollen und damit dem Vorbild des Bundes folgen, sind diese vollmundigen Sonntagsreden und Einsichten für Jubelfeiern vergessen.

 

Es ist beschämend, kann ich Ihnen sagen, für die Belange einer lebendigen jüdischen Infrastruktur um jeden Cent feilschen zu müssen, weil niemandem einsichtig zu machen ist, dass unsere Studierenden ein Jahr in Jerusalem verbringen sollen, was natürlich teuerer ist, als ein Jahr in Deutschland. Es ist beschämend, dass wir uns über Jahre hinweg nur durch amerikanische Solidarität jüdischer Spender über Wasser halten konnten, die Ausbildung katholischer und evangelischer Geistlicher an deutschen Universitäten aber zu 100 % vom Staat getragen wird. Warum müssen Juden aus dem Ausland Geld sammeln, damit es in Deutschland wieder ein Rabbinerseminar gibt? Und dann liest man im Internet, dass sich die „Potsdamer Judenschule“ wieder an das Säckel des Steuerzahlers hänge. Das finde ich beschämend.

 

Wenn wir nicht wollen, dass die neuen jüdischen Gemeinden über kurz oder lang zu russischen Kulturvereinen werden, dann müssen wir die vielen neuen Synagogen in Deutschland mit Leben füllen helfen. Ein lebendiges Judentum in Konstanz und Kiel, in Düren und Dresden ist mir persönlich noch wichtiger als ein Bundesexpertenteam und sein regelmäßiger Bericht zur Frage des Antisemitismus in Deutschland. Denn ohne Verständnis für die Bedürfnisse eines breit aufgestellten und lebendigen Judentums in der Breite unserer Gesellschaft ist der Antisemitismus in Deutschland eine Kathederfrage. Lebendiges Judentum in Deutschland ist Teil der Lösung der Frage nach Bekämpfung von Antisemitismus, nicht Teil des Problems. Das ist meine persönlicheHandlungsempfehlung.

 

Andere Handlungsempfehlungen dürfen wir durch das in Planung befindliche Expertengremium auf Bundesebene erwarten. Es wird der Arbeit vor Ort eine andere Aufmerksamkeit, Wertschätzung und Qualität geben können. Das finde ich gut.

 

Um dem Antisemitismus angemessen begegnen zu können bedarf es nämlich einer genauen und präzisen Kenntnis über seine Dimensionen, seine vielen Erscheinungsformen, aktuellen Trends und mittelfristigen Entwicklungen. Symbolsetzungen auf Bundesebene können da verstärken, ermuntern und Aufmerksamkeit bündeln.

 

Um meinen Potsdamer Kollegen Julius H. Schoeps zu zitieren: ein solcher Antisemitismusbericht auf Bundesebene „sollte zugleich auf allen Ebenen, auf denen der Bund als Akteur oder als Anreger aktiv werden kann, Handlungsempfehlungen entwickeln.

 

Handlungsempfehlungen also ebenso für den Bereich der politischen Bildung, wie der Innen- und Sicherheitspolitik, der Außenpolitik und Entwicklungshilfe, der Kulturpolitik.

 

Wenn Antisemitismus ein Querschnittsthema durch alle unsere gesellschaftlichen Schichten geworden ist, dann muss seine Bekämpfung und Abwehr auch eine Querschnittsaufgabe sein. Hier kann der Bund nur da aufsetzen, wo konkret und vor Ort Arbeit geleistet wird und Engagement gegen Rechts markante Ergebnisse zeigt.

 

Wir dürfen uns nicht allein auf Gremien und Experten verlassen. Wir müssen alle zivilgesellschaftlichen Kräfte unterstützen, die sich gegen Extremismus und Antisemitismus einsetzen.

 

Es bleibt eine wichtige Aufgabe, in Deutschland mehr Verständnis für Israel in seiner ganzen Vielfalt und auch Widersprüchlichkeit zu wecken. Hier hebe ich die Arbeit der Deutsch-Israelischen Gesellschaften besonders hervor: als wichtigen Beitrag für flächendeckende Überzeugungsarbeit in unserem Land.

Zugleich können Sie aber auch auf Ihre israelischen Partner hinwirken, wenn es darum geht, Pluralismus und soziale Gerechtigkeit in der dortigen Gesellschaft voranzutreiben. Erfreulich ist, dass Ministerpräsident Oettinger gestern in Stuttgart angekündigt hat, dass in Baden-Württemberg im kommenden Jahr eine Gastprofessur für Israelstudien eingerichtet werden soll. Wir müssen gemeinsam alles tun, damit Israel eine offene Gesellschaft bleibt. Auch das ist eine Herausforderung, um blinder Kritik von links wie rechts wirksam zu begegnen.

 

Dass Israel heute in Deutschland so viele Freunde hat, gehört zu Ihrem Erfolg, die Sie sich in mehr als fünfzig Arbeitsgemeinschaften. engagieren, Für uns Juden in Deutschland ist Ihr Engagement eine große Ermutigung.

 

Mit Ihrer Potsdamer Erklärung werden Sie erneut ein besonderes Zeichen setzen: in der deutschen Öffentlichkeit, aber auch in Israel. Noch wichtiger ist Ihr beständiges Tun. Dass Sie an diesem Wochenende hier in Potsdam zusammen gekommen sind, um etwas zu tun, dafür danke ich Ihnen sehr.

Am Israel Chai - Schabbat Schalom.

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