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Niels Hansen eröffnete am 12. Januar 2004 die gemeinsame Reihe von DIG Berlin und Auswärtigem Amt mit ehemaligen deutschen Botschaftern in Israel Ein Bericht von Meggie Jahn mit Fotos von Fritz Zimmermann

Dr. Wolfgang Vorwerk, Auswärtiges Amt, Botschafter a.D. Dr. h.c. Niels Hansen und Jochen Feilcke
Im Mai 2005 steht ein wichtiges Jubiläum an: 40 Jahre diplomatische Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland. Grund genug für die DIG Berlin, schon jetzt eine gemeinsame Reihe mit dem Auswärtigen Amt zu starten, bei der ehemalige deutsche Botschafter zu Wort kommen sollen. Den Anfang machte am 12. Januar 2004 Dr. h.c. Niels Hansen - geboren 1924 und seit langem im "Unruhestand" - mit der Vorstellung seines Buches "Aus dem Schatten der Katastrophe - Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad Adenauer und David Ben Gurion". Der ehemalige Diplomat - 1981 bis 1985 Botschafter in Israel - beschreibt in ihm den Wandel von der "tiefen Sprachlosigkeit" zwischen Deutschen und Israelis nach der Shoah (hebr. "Katastrophe") hin zu einer langsamen Annäherung beider Staaten und konzentriert sich dabei auf die beiden Nachkriegsjahrzehnte. Als sei er selbst schon in den frühen Jahren dabei gewesen, beleuchtete Hansen in seinem Vortrag die beeindruckenden Persönlichkeiten Konrad Adenauers und David Ben Gurions, die konsequent und couragiert die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen betrieben hatten und dabei in Deutschland, aber vor allem in Israel auf zahlreiche Widerstände getoßen waren.

Dr. Wolfgang Vorwerk, Leiter des Nahostreferats des A.A., Botschafter a.D., Niels Hansen, Jochen Feilcke, Vorsitzender der DIG Berlin Dr. Wolfgang Vorwerk, Leiter des Nahostreferats im Auswärtigen Amt, schilderte in seiner Begrüßung die Verblüffung, die er mit der Erwähnung der Botschafterreihe kürzlich bei der Israelischen Botschaft ausgelöst hatte, als diese sich mit ihm über mögliche Veranstaltungen anlässlich des Jubiläumsjahres 2005 beraten wollten. Man war der Zeit also weit voraus. Die große Beliebtheit, der sich Botschafter a.D., Niels Hansen noch heute in Israel erfreue, habe er selbst 1998 beobachten können, als er anlässlich der Verleihung der Ehrendoktorwürde an Bundespräsident Herzog in Begleitung früherer deutscher Botschafter in Israel war: Die israelischen Gesprächspartner seien auf ihren "alten Freund" Niels Hansen zugestürmt und hätten sofort "in alten Erinnerungen geschwelgt". Der Diplomat habe sich in Israel vor allem dadurch Ansehen erworben, dass er vorzüglich hebräisch gelernt habe, was ihn jetzt auch dazu befähigt hatte, für sein Buch Quellen in der israelischen Landessprache heranzuziehen. Mit dieser Reihe im Vorfeld des 40jährigen Jubiläums der Aufnahme diplomatischer Beziehungen, so Dr. Vorwerk, wollten die Veranstalter dazu beitragen, dass die guten und erfolgreichen deutsch-israelischen Beziehungen wieder in den Fokus der Öffentlichkeit rückten, insbesondere vor dem Hintergrund des Generationenwechsels in Deutschland. Jochen Feilcke ergänzte in seiner Begrüßung der Gäste, dass die Idee zu dieser Reihe am Rande der Bundesverdienstskreuzverleihung für Botschafter a.D., Avi Primor, im Auswärtigen Amt geboren wurde. Er dankte Dr. Vorwerk für die spontane Bereitschaft des A.A., seinen Vorschlag aufzugreifen und als Mitveranstalter zu fungieren, was uns dieses "wunderbare Ambiente" beschert habe.
"Zugegeben", so Niels Hansen zu Beginn seiner Ausführungen, "das Buch ist nicht gerade billig, aber für das, was drin steht, ist es geschenkt". Es behandle eines der "faszinierendsten Kapitel der Nachkriegsgeschichte", das nicht nur sein historisches Interesse geweckt habe, sondern ihm auch ein Herzensanliegen gewesen sei. Der "Großbürger aus Köln" und Katholik Konrad Adenauer habe in dem zionistischen Arbeiterführer David Ben Gurion einen ebenbürtigen Partner gefunden. Beide seien mit Durchsetzungskraft und Zivilcourage ihrer Überzeugung gefolgt und hätten die Aufnahme der diplomatischen Beziehungen vorbereitet. Bei seinem Einsatz für den Luxemburger Vertrag, der die sog. Wiedergutmachung zwischen Deutschen und Israelis, Deutschen und Juden regelte, sei Adenauer von einer "doppelten Motivation" geleitet worden: Zum einen von der moralischen Verpflichtung gegenüber den Juden (s. sein Interview in "Allgemeinen Wochenzeitung der Juden in Deutschland" vom 11. November 1949 und seine Rede vor dem Deutschen Bundestag 1951), zum anderen von der realpolitischen Überlegung, der Bundesrepublik Deutschland als Rechtsnachfolger des Deutschen Reiches wieder ein "Rentrée-Billet in die europäische Gesellschaft" (frei nach Heine) zu verschaffen. Hansen verwies auf einen Brief des damaligen SPD-Fraktionsvorsitzenden Kurt Schumacher, der kurz vor Verabschiedung des Antrags zum Abschluss des Luxemburger Abkommens im Deutschen Bundestag Adenauer die geschlossene Zustimmung der SPD zugesichert hatte. Mit diesem Schreiben habe der Bundeskanzler in der Fraktionssitzung seiner Partei "gewedelt", um den Kritikern des Vertrages zu signalisieren, dass er nicht auf ihre Unterstützung angewiesen sei. Tatsächlich habe der Luxemburger Vertrag, in dem Israel eine Globalentschädigung von 3 Mrd. DM und der Claims Conference als Dachorganisation aller jüdischen Organisationen 450 Mio DM zugesagt wurden, 1953 nur mit den Stimmen der SPD den Deutschen Bundestag passiert. Eine Meinungsumfrage im selben Jahr hatte ergeben, dass nur 10 % der deutschen Bevölkerung damals hinter dem Abkommen standen. Dennoch habe sich Adenauer nicht von seinem Kurs abbringen lassen.
Von 1917 bis 1933 Oberbürgermeister von Köln, habe dieser schon früh beste Kontakte zur Jüdischen Gemeinschaft gepflegt, so Hansen, deren Beiträge für Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur er hoch geschätzt habe. Auch sei Adenauer Mitglied des sog. Pro-Palästina-Kommittees gewesen, in dem sich prominente Juden und Nichtjuden zusammen gefunden hätten, um den jüdischen Aufbau in Palästina zu befördern. Die Nazis hätten Adenauer auf Grund seiner Haltung von Anfang an verachtet und ihn gleich nach der Machtübernahme als Oberbürgermeister von Köln abgesetzt. Was sicher nur wenige im Publikum wüssten: In dieser für ihn schwierigen Zeit hatte Adenauer finanzielle Unterstützung von jüdischer Seite erhalten, was ihn später zu der Kommentierung veranlaßt habe: "Ihre Handlungsweise mir gegenüber hat mich daran erinnert, dass die Worte 'Du sollst Deinen Nächsten lieben wie Dich selbst' im Alten Testament steht", so der ehemalige deutsche Botschafter.

Der Saal im Besucherzentrum des Auswärtigen Amtes war mit ca 100 Gästen bis auf den letzten Platz gefüllt, v.l.: Vorstandsmitglied Maya Zehden
Ungleich stärkeren Widerständen als Adenauer hätte sich aber David Ben Gurion in Israel gegenüber gesehen, wo die Kritik von rechts und links artikuliert wurde. Nach anfänglicher Skepsis sei dieser aber bald davon überzeugt gewesen, "ein anderes Deutschland" vor sich zu haben, so Niels Hansen. Und als Realpolitiker versprach sich Ben Gurion von der deutschen Unterstützung im Zuge der Wiedergutmachung auch eine rasche Besserung der schwierigen wirtschaftlichen Lage des jungen israelischen Staates. Menachem Begin, damals Führer der Cherut-Partei, gehörte zu seinen größten Widersachern, der deutsches "Blutgeld" aus den sog. Wiedergutmachungszahlungen ablehnte und überall verbreitete: "Jeder Deutsche ist ein Mörder, jeder Helfershelfer ist ein Mörder und jetzt erteilt das Außenministerium diesen ein Mandat." Hansen verwies auf die stürmische Knessetdebatte im Januar 1952, bei der die Knesset drei Tage lang belagert wurde. Doch auch Ben Gurion habe allen Widrigkeiten zum Trotz am Weg der Verständigung mit Deutschland festgehalten und dabei zwei Regierungskrisen, letztlich sogar seinen Rücktritt, in Kauf genommen. Hansen ließ in seinem Vortrag noch einmal die Begegnungen zwischen Adenauer und Ben Gurion in Wassenaar bei Den Haag (1952) und im Waldorf-Astoria in New York (1960), aber auch das Treffen in Sde Boker (1966) Revue passieren, als die "beiden Alten" sich noch mal als Privatleute gegenüberstanden. Er beleuchtete nicht nur die positive Rolle der Geheimdiplomatie zwischen den Verteidigungspolitikern Shimon Peres und Franz-Josef Strauss. Letzterer hatte sich noch 1953 bei der Abstimmung über die Wiedergutmachung der Stimme enthalten. Hansen ging auch auf die deutsche Unterstützung der Israelis in der Suezkrise ein, als diese so dringend nötig war. Die Drohung der Araber mit der Anerkennung Ostberlins sei vor dem Hintergrund des gesamtdeutschen Alleinvertretungsanspruchs (Hallstein-Doktrin) schließlich entscheidend gewesen für das Zögern Bonns, die von Israel im Paradigmenwechsel bereits 1956 gewünschte Formalisierung der Beziehungen vorzunehmen. Als 1964 bekannt wurde, dass Deutschland Waffen an Israel geliefert hatte, drohte Ägypten mit der Anerkennung der DDR. Adenauers Nachfolger Ludwig Erhard habe daraufhin "den Knoten zerschlagen", die Waffenlieferungen an Israel gestoppt und diplomatische Beziehungen mit Israel aufgenommen. Nur 10 der 13 arabischen Staaten hätten aber tatsächlich die Beziehungen zu Deutschland abgebrochen und nur drei davon am Ende die DDR als zweiten deutschen Staat anerkannt. Deutschland hatte in den Jahren zuvor nicht nur Rüstungskontakte mit Israel betrieben und im Rahmen der Wiedergutmachungsleistungen Waren geliefert, sondern auch zinsgünstige Kredite für den Negev vergeben. Nach Aufnahme der diplomatischen Beziehungen verstärkten sich auch die Wissenschaftskontakte z.B. zwischen dem Max-Planck- und dem Weizmann-Institut, die bald auch auf die Geisteswissenschaften ausgedehnt wurden. 1975 sorgte Deutschland dafür, dass Israel im Rahmen der EWG einen bevorzugten assoziierten Status erhielt, was beim Essener Gipfel des Europäischen Rats 1994 auf Initiative von Bundeskanzler Helmut Kohl festgeschrieben wurde, so Botschafter Hansen.

Das Publikum lauschte gebannt den Ausführungen von Niels Hansen, v. r.: M. Jahn, R. Recknagel, H. Bernhard, Isi Kitai, M. Friedländer, C. Schunke
In einem Exkurs ging Hansen auch auf die Kollektivschulddebatte der 50er Jahre ein. Der israelische Finanzminister Horowitz hatte die Anerkennung einer "deutschen Kollektivschuld" gefordert, was von Adenauer, Schumacher, Carlo Schmid und Kurt Schumacher entschieden zurückgewiesen wurde. Der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Nahum Goldmann, federführend an den Wiedergutmachungsverhandlungen beteiligt, hatte stattdessen ein Bekenntnis der Deutschen zu einer "kollektiven Verantwortung für das Schicksal Israels und der Juden vorgeschlagen. Bundespräsident Theodor Heuss schließlich führte den Begriff der "Kollektivscham" ein, der von der deutschen Bevölkerung wohl am ehesten akzeptiert werden konnte, so Niels Hansen.
Diskussion:
Die anschließende Diskussion zeigte, dass auch die Beziehung zwischen der DDR und Israel einen eigenen Vortrag wert wäre. Im Buch von Niels Hansen findet sich ein Kapitel dazu, im Vortrag konnte das Thema zugegebenermaßen nur kurz gestreift werden. Nachfragen aus dem Publikum gab es zur Hallstein-Doktrin - z.B. ob Deutschland damals ernsthaft damit gerechnet habe, dass die Arabische Liga die DDR anerkennen würde, oder ob man sich vorstellen konnte, dass die DDR nach Abbruch der diplomatischen Beziehungen mit der BRD für die arabischen Länder die wirtschaftliche Rolle der Bundesrepublik übernehmen könnte. Ein Bürger aus der ehemaligen DDR kritisierte die Übernahme ehemaliger Nazis in das bundesdeutsche System (z.B. Globke) und stellte kritische Fragen zur Höhe der Entschädigungszahlungen an jüdische Opfer, die bis heute anhielten.
In der Tat habe die westdeutsche Regierung hoch gepokert, so Niels Hansen, letztlich sei man aber davon überzeugt gewesen, dass die arabischen Staaten aus ganz eigennützigen Gründen auf eine Anerkennung der DDR verzichten würden, da diese - schon wegen der sowjetischen Demontage - nie die wirtschaftliche Rolle der Bundesrepublik hätte übernehmen können. Das DDR-Regime habe sich auf Grund des "verordneten Antifaschismus" nie für die Folgen der Shoah verantwortlich gefühlt, da nach ihrer Lesart die Kommunisten ja die ersten "Opfer" der Nazis gewesen seien. Dass in der NS-Zeit nicht alle späteren DDR-Bürger Kommunisten waren, habe man einfach ausgeblendet. Auch wenn einige ehemalige Nazis härter bestraft worden seien als in der Bundesrepublik, so habe es doch auch das Phänomen der "Wendehälse" gegeben, die nun gern bereit waren, der zweiten deutschen Diktatur zu dienen. Niels Hansen verwies darauf, dass ehemalige Funktionsträger der Nazis in der Entwicklung der Bundesrepublik nie eine tragende Rolle gespielt hätten, zumindest sei es ihnen unmöglich gewesen, beim Aufbau der Republik nationalsozialistisches Gedankengut zu tradieren. Adenauer habe sich nicht nur vor Globke gestellt, da er ein exzellenter Verwaltungsfachmann und nie ein erklärter Nazi gewesen sei, sondern auch, weil die DDR ihm in Abwesenheit einen Schauprozess gemacht hatte. Den Kommunisten habe er auf keinen Fall nachgeben wollen.
Hansen wertete die Israel-Politik Adenauers als klares Zeichen der Absage an restaurative Kräfte in der Bundesrepublik Deutschland. Er verwies zugleich auf den Misserfolg rechter Parteien auf Bundesebene, auch wenn der Zulauf zur NPD in den 60er Jahren und die Schändung jüdischer Friedhöfe den Druck auf die deutsche Regierung zu engeren Beziehungen mit Israel verstärkt hatte. Was die Höhe der Entschädigungsleistungen an jüdische Opfer angehe, so meinte Botschafter Hansen klarstellen zu müssen, dass es sich bei den Zahlungen an ehemalige Zwangsarbeiter nur zu 10, bestenfalls 20% um jüdische Opfer handele, die bis zum Ende des Kalten Krieges nie einen Ausgleich für ihre Arbeit bzw. ihre Leiden erhalten hatten. Maya Zehden, DIG-Mitglied und Geschäftsführerin der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, hielt dem Fragesteller entgegen, ob eigentlich schon mal jemand ausgerechnet hätte, wie hoch das Vermögen war, dass den jüdischen Opfern durch die Nazis geraubt wurde, diese Zahlen sollte man mal gegenüberstellen. Der Abend klang aus mit einem kleinen Empfang im Foyer des Besucherzentrums, bei dem der Vortrag ausreichend Stoff für vertiefende Gespräche geliefert hatte. Wir meinen, der 12. Januar war ein hervorragender und vielversprechender Auftakt für die gemeinsame Reihe mit ehemaligen deutschen Botschaftern in Israel.

Niels Hansen signiert für Dr. Ulrich Bassier, Mitglied der DIG Berlin
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Auch die Autorin läßt sich ihr gerade erstandenes Buch durch den Autor signieren.
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Niels Hansen und Jochen Feilcke bei dem anschließenden Empfang im Gespräch
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Gisela Siebourg, frühere Leiterin des Sprachendienstes im A.A., heute Vorsitzende der Deutsch-Palästinensischen Gesellschaft Berlin.
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Sehr zu empfehlen:
Niels Hansen, Aus dem Schatten der Katastrophe - Die deutsch-israelischen Beziehungen in der Ära Konrad Adenauer und DavidBen Gurion, Ein dokumentierter Bericht, mit einem Geleitwort von Shimon Peres, Düsseldorf 2002, 49.80 Euro Mehr ...
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