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Ester Golan sprach am 22. September 2008 im Rahmen einer gemeinsamen Veranstaltung von Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF) und DIG Berlin und Potsdam über ihre bewegende Familiengeschichte

Bericht von Stefan Krikowski, Fotos von Meggie Jahn



Esther Golan mit ihren Enkeln Ido (links) und Jonathan. Dazwischen Bernhard Krane von ASF, der für sie ins Englische übersetzte.


Am 01. Dezember 2008 jährt sich der erste Kindertransport mit 196 Kindern aus Berlin nach London zum 70. Mal. Bis zum Beginn des 2. Weltkriegs wurden etwa 10 000 jüdische Kinder vor dem Zugriff der Verfolger gerettet. Die 15-jährige Ester wurde im März 1939 von Berlin aus mit ihrer Schwester nach England verschickt. Heute lebt Ester Golan in Jerusalem.

Anlässlich des 60-jährigen Bestehens des Staates Israel hat die Bundesregierung u.a. Ester Golan und ihren Enkelsohn Ido nach Berlin eingeladen. Obschon fast 85 Jahre alt, unternahm Ester deshalb die Strapazen der Reise von Jerusalem nach Berlin auf sich. Am 22. September lauschten an die 50 Zuhörer im Jüdischen Gemeindehaus ihrer Lebensgeschichte. Ein zweiter Enkelsohn, Yoni, machte aus diesem Anlass auf seiner Weltreise von Asien nach Afrika Zwischenstation in Berlin.



Stefan Krikowski, Mitglied des Vorstands der DIG und seit Jahren mit Ester befreundet (links), moderierte den Abend.


Ester Golan wurde 1923 als Ursula Dobkowsky in Glogau (Schlesien) geboren. Ihre Eltern, Arno und Elsbeth Dobkowsky, zogen 1937, durch die Weltwirtschaftkrise ruiniert, mit ihren drei Kindern nach Berlin, in die Courbière Straße 16. Krampfhaft suchten sie für sich und die Kinder einen Ausweg aus Deutschland. Ob Adoptiveltern in den USA oder Jugendaliyah nach Palästina, alles schlug fehl. Schließlich gelangte Ester im März 1939 mit einem der von Recha Freier initiierten Kindertransporte nach Schottland. Unterkunft fand sie in einer Villa von Lord Balfour, bekannt als der britischer Außenminister, der den Juden 1917 eine "jüdische Heimstätte in Palästina" versprach.

Wenn von Helden die Rede ist, sollten nicht nur die Kämpfer des Warschauer Ghettos gemeint sein, sondern auch Eltern, wie die ihren, so sagte Ester. Eltern, die den Mut hatten, ihre Kinder in fremde Hände zu übergeben, damit sie eine Überlebenschance erhielten. Ihnen selbst jedoch blieb jeder Ausweg versperrt. Am 05.11.1942 wurden sie mit dem 72. Alterstransport nach Theresienstadt deportiert. Dort starb Aron Dobkowsky am 10.02.1943. Elsbeth Dobkowsky wurde nach Auschwitz deportiert und dort ermordet. Das genaue Datum ist unbekannt.

Ester und ihre Eltern unterhielten einen engen Briefkontakt. Die Briefe ihrer Eltern, in denen der Kampf um einen Weg raus aus Deutschland geschildert wird, hat Ester in ihrem Buch „Auf Wiedersehen in unserem Land“ veröffentlicht. Mit dieser Hoffnung und Sehnsucht hatte sich Elsbeth von ihrer Tochter verabschiedet.


Zu dem Vortrag fanden rund 100 Interessierte in die Gemeinde. In der Diskussion interessierte vor allem, wie man mit einer solchen Familiengeschichte leben konnte.


Am 2. Juni 1945 kam Ester in Haifa an. Seitdem nennt sie sich Ester. Sie heiratete und bekam eine Tochter und zwei Söhne. Sie hat 13 Enkel und mittlerweile schon 9 Urenkel. Ihre Identität umschreibt sie als Jüdin, Zionistin, Israeli und Shoa-Überlebende. Obwohl sie nur 7 Jahre Volksschule vorweisen konnte, studierte sie im Erwachsenenalter u.a. Sozialpädagogik. Die kleine resolute Frau verträgt keine Untätigkeit. Im fortgeschrittenen Alter lernte sie den Umgang mit Computer, hat ihre eigene Homepage und unterhält in regem E-mail Verkehr Kontakt zu den vielen, vielen Bekannten in Israel, Europa und Amerika. In Israel engagiert sie sich in interreligiösen und interkulturellen Begegnungen. In Jerusalem ist sie eine gefragte Anlaufstelle für Deutsche Volontäre.



Ester liest aus einem Brief ihrer Mutter vor.


Am Holocaust-Gedenktag im April 2002 nahm Ester als Referentin an einem Workshop der Gedenkstätte Yad-VaShem teil, als sie erfahren musste, dass Eyal Yoel, Sohn von ihrer Tochter, beim Einsatz in Jenin in eine Falle geraten und getötet worden war.


Foto: Meggie Jahn
Auf dem Bild oben ihre Eltern, rechts Auschwitz, links Ester in Yad Vashem und rechts ihr Enkelsohn Yoel, den sie bei dem Einsatz gegen palästinensische Terroristen in Jenin verlor.

Ido Golan wurde 1985 als jüngstes von 3 Kindern in Jerusalem geboren. Er zeigte nach dem Vortrag seiner Großmutter Bildern aus seinem Alltag, von Ausflügen in Galiläa, in den Negev, von seinen Kunstwerken. Er schweißt Eisenteile zu wunderschönen Figuren zusammen. Gefragt nach seiner Identität antwortete Ido „Ich bin an erster Stelle Israeli und Jude“. Er fühle sich als Israeli, wie wir uns als Deutsche fühlen. Eines der Bilder zeigt ihn mit gleichaltrigen in Uniform beim Begräbnis von Uri Grossmann, Sohn des bekannten Schriftstellers David Grossmann, der kurz vor dem Ende des Libanon-Krieges durch eine Rakete der Hisbollah getötet wurde.

Le Dor Dor, von Generation zu Generation, heißt das Programm, im Rahmen dessen Ester mit ihren Enkeln ein generationenübergreifendes Gespräch führen konnte. Durch diesen Abend erhielt der Titel des Begegnungsprogramms eine besondere Dimension.


Stefan Krikowski erhält von Ester Golan eine Urkunde über die Pflanzung eines kleinen Hains für ihn in Israel für seine jahrelange Freundschaft uns sein Engagement für Israel.



Ester freut sich mit ihren Enkelsöhnen und Stefan Krikowski über einen gelungenen Abend.



Mehr Infos:


  • "Bezirk übernimmt Kindermahnmal" - Bericht in WELT o­nLINE vom 15. August zum gleichen Thema
  • Am 30. November - am Vorabend des ersten Kindertransports nach England - soll am Bahnhof Friedrichstraße ein Denkmal von Frank Meisler, der selbst als 10jähriger im August 1939 von dort verschickt wurde, aufgestellt werden. Lesen Sie dazu einen Bericht im Berliner TAGESSPIEGEL vom 18. August. Mehr ... .
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