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Etgarim - Vom Sieg des Geistes über den Körper Am 29.09.2006 stellte Joel Sharon, Präsident und Gründer von "Etgarim", die Arbeit der israelischen Non-Profit-Organisation vor. Bericht und Bilder von Meggie Jahn

v. links: Andreas Kleine-Kraneburg, Stellv. Leiter der Akademie der KAS, Noa Szusdziara, Jochen Feilcke und vorne Joel Sharon.
Es war ein außergewöhnlicher Abend - der auf den ersten Blick wenig mit den Konflikten im Nahen Osten zu tun hatte, der aber die Politik dort, ja überall verändern könnte, wenn seine Botschaft verstanden wird. Bei mir führte er zu der Frage, wer denn nun die wahren Behinderten seien, - diejenigen, die durch körperliche Einschränkungen, z.T. auch psychische Schäden, gehandikappt sind und dennoch ihre Träume verwirklichen oder diejenigen, die stressgeplagt und oft "blind" für ihre Umwelt, durch den Tag hetzen, ohne einen Moment inne zu halten und sich zu fragen, welchen Zielen sie eigentlich hinterher laufen und was wirklich wichtig ist im Leben. Genauso gut könnte man an diejenigen hierzulande denken, die täglich über ihre Situation klagen, statt ihr Schicksal als Herausforderung anzunehmen und etwas daran zu ändern.
Es war Joel Sharon, Gründer und Präsident der israelischen Non-Profit-Organisation "Etgarim", der mich auf diese Weise zum Nachdenken brachte. Noa Szusdziara, zuständig für die Öffentlichkeitsarbeit von "Etgarim", hatte Maja Zehden erst wenige Wochen zuvor angesprochen und von den behinderten israelischen Sportlern erzählt, die Ende September am Berlin-Marathon teilnehmen wollten. Wir erklärten uns spontan bereit, die Delegation von "Etgarim" einzuladen, in Konrad-Adenauer-Stiftung und GCJZ waren dankenswerterweis schnell Kooperationspartner für die Veranstaltung gewonnen.

von links: Willem Luyckx, Beza Nebaba, Noa Szusdziara, Maya Zehden, Joel Sharon, Dr. Andreas Kleine-Kraneburg, ein Techniker. Der Film über "Etgarim" wird vorbereitet.
Joel Sharon kam in Begleitung von Noa, in Deutschland aufgewachsen, seit fünf Jahren in Israel und seit einem halben Jahr bei "Etgarim" -, dem 22jährigen blinden Läufer Beza Nebaba, der im Alter von sieben Jahren mit seiner Familie aus Äthiopien nach Israel eingewandert war, seinen beiden "Mitläufern" Ofer und Guy Ben-Dov (Vater und Sohn) sowie ihrem holländischen Trainer Willem Luyckx.

Der stellvertretende Leiter der KAS, Andreas Kleine-Kraneburg, bei der Begrüßung in der Akademie der Adenauer-Stiftung
Andreas Kleine-Kraneburg machte vor ca. 40 Gästen im kleinen Saal der KAS deutlich, dass sich die Akademie auch deshalb so kurzfristig bereit erklärt hatte, als Partner zu fungieren, da er die Chance biete, über die alltäglichen und wenig erbaulichen Meldungen aus Nahost hinaus einmal einen ganz anderen Blickwinkel auf die israelische Gesellschaft zu werfen. Jochen Feilcke ergänzte in seinen Begrüßungsworten, es gebe viele Gründe, sich für Israel zu engagieren: historische, politische, religiöse und sehr persönliche. Mit diesem Abend aber wollten wir den Gästen einen weiteren Grund liefern.
Joel Sharon: "Wir reden nicht von "disability", sondern davon "Was kann ich tun?"
"Etgarim" - zu deutsch "Herausforderung" -, so Joel Sharon, habe es sich zur Aufgabe gemacht, Behinderte - von Geburt an oder infolge von Terroranschlägen und Kriegseinsätzen - durch sportlich höchste Herausforderungen und Abenteuer-Therapie zu rehabilitieren. "Etgarim" sei offen für Kinder und Erwachsene mit jeder Art von Behinderung, unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder religiösem Bekenntnis. In den vergangenen acht Jahren habe "Etgarim" in Israel einen bedeutenden Wandel in der Einstellung zu Behinderten bewirkt. Über 20 verschiedene Sportarten für mehr als 5000 teilnehmende Kinder, Jugendliche und Erwachsene wurden etabliert. Ein Film zu Beginn seiner Ausführungen machte anhand von Beispielen deutlich, zu welchen sportlichen Leistungen gerade junge Menschen durch "Etgarim" befähigt werden.

Die beiden von der KAS gestellten Dolmetscherinnen Monika Wilke und Claudia Koch halfen bei der Übersetzung aus dem Englischen.
"Etgarim" ist aber auch die ganz persönliche Geschichte von Joel Sharon. Er bot an, uns "mit auf eine Reise nehmen":
Der Libanon-Krieg liege erst wenige Wochen zurück. Am dritten Tag des Krieges habe er einen Anruf aus dem Rambam-Krankenhaus in Tel Aviv erhalten. Eine Krankenschwester, so Joel, teilte ihm mit, ein Soldat, dessen rechtes Bein verletzt sei, wolle unbedingt mit ihm sprechen. Es stellte sich heraus, es war Ilan Perry, der Freund seines Sohnes, der mit seiner Familie dessen Bar-Mizwa gefeiert hatte, mit dem er - trotz seiner Behinderung - oft im Garten gespielt hatte. Ilan, zu dem der Kontakt viele Jahre abgebrochen war, erzählte ihm, er habe bei dem Libanon-Einsatz sein rechtes Bein verloren und neun Stunden auf ärztliche Versorgung gewartet. Nur eines habe ihn am Leben erhalten: Der Gedanke an Joel, von dem er wußte, dass man trotz Behinderung im Leben alles erreichen könne und so habe er gewußt: "Ich schaffe es!" Er sei von dieser Erfahrung tief berührt gewesen, so Joel. Gleich nach dem Anruf sei er ins Krankenhaus gefahren, um Ilan wiederzusehen.
Er selbst hatte 33 Jahre zuvor als israelischer Student in London Film und Fotografie studiert, bevor ihn der Yom-Kippur-Krieg zurück nach Israel holte, wo er als Kommandeur einer Fallschirmeinheit diente. Bei einem Einsatz im Suez-Kanal am 24. Oktober 1973 war seine Einheit in einen ägyptischen Hinterhalt geraten, den er mit zwei anderen Soldaten schwerverletzt überlebte, 16 Soldaten starben. Seitdem sitzt er, von der Hüfte abwärts gelähmt, im Rollstuhl. Den Tag des Überlebens feiert er heute als seinen "zweiten Geburtstag". Nach der Rückkehr ins Leben und nötigen Rehabilitationsmaßnahmen hatte man ihm angeboten, als Filmentwickler zu arbeiten - eine sitzende Tätigkeit, die auch im Rollstuhl zu leisten war. Von einer Fortsetzung seines Studiums als Filmemacher und Kameramann dagegen sei keine Rede mehr gewesen. Joel lehnte ab. Er war nicht bereit, sich durch die Behinderung seine Karriere zerstören zu lassen. Tatsächlich arbeitet er heute erfolgreich als Filmproduzent im In- und Ausland, ist verheiratet und hat drei Kinder. Er führe ein "ganz normales Leben", so Joel Sharon. Und so verstehe er die Aufgabe von "Etgarim": Auch anderen zu zeigen: "Ich kann ein ganz normaler Teil der Gesellschaft sein und bin in der Lage, ein unabhängiges Leben zu führen."
Das Modell von "Etgarim" habe inzwischen viele Preise gewonnen und in Israel nach dem Motto "Realize your dream" eine gesellschaftliche Revolution ausgelöst: Heute habe man mehr Verständnis für Behinderte, sie seien nicht mehr mit einem Stigma versehen. Sogar die israelische Armee ehre besonders verdiente Mitglieder von "Etgarim" für ihre sportlichen Leistungen, bei der Luftwaffe gebe es sogar blinde Flieger. Durch das israelische Bildungsministerium erhält die Organisation eine finanzielle Förderung, da auch Studien inzwischen die Effizienz des Abenteuersports bei Behinderten erwiesen haben: Die sportliche Höchstleistung hilft, Ängste zu überwinden und ihr Selbstbewußtsein zu stärken.

"Wir wollen für andere eine Inspiration sein."
Auch die Geschichte von Beza Nebaba, übersetzt von Noa ist eine Erfolgsgeschichte. Durch eine Komplikation von Geburt an blind, habe er nach der Immigration bis zum 10. Lebensjahr die Grundschule in Safed besucht und Hebräisch gelernt. Während seine Familie später nach Netanja zog, ging Beza auf ein Internat in Jerusalem, wo er lernte, sich gegen Rassismus zu wehren, aber zugleich, sich in die soziale Gemeinschaft einzugliedern. Mit 17 verließ er das Internat und ging auf eine weiterführende Schule. Danach habe er im Bereich Telemarketing gearbeitet und sich eine Wohnung gesucht, wo er langsam lernte, Rechnungen zu bezahlen und sein Leben selbst zu organisieren. Mit 18 hat er seine Lehre zum Tontechniker beendet. Zu "Etgarim" kam er über Ofer Ben Dov, den er übers Internet kennengelernt hatte. Zunächst habe er damit angefangen, als zweiter Mann auf dem Tandem zu trainieren, dann aber immer wieder davon geträumt, auch als Blinder zu laufen. Inzwischen hat Beza gemeinsam mit Ofer, seinem "Mitläufer", beim Wettkampf in Ein Gedi und in Tiberias mitgemacht, das Rauchen aufgegeben, um seine Leistungen zu verbessern. Zu Ofer habe er "sofort eine große Verbundenheit" verspürt. Beim gestrigen Berlin-Marathon, hat er - unterstützt durch Guy und Ofer Ben Dov, seinen bisherigen Rekord um 40 Minuten verbessert und damit sein Ziel für dieses Jahr erreicht. Stolz berichtete er von dem gemeinsamen Foto mit Gavriel Haile Geraselassie aus Äthiopien, dem Sieger des Berlin-Marathons. Seine Ziele: Im nächsten Jahr am Marathon in Brasilien und in 4 Jahren am Marathon in Peking teilzunehmen und er wird es schaffen. Bei "Etgarim" hat er gelernt: "Alles ist möglich!"

Noa übersetzt den Beitrag von Beza aus dem Hebräischen.
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Ofer Ben-Dov erzählt, was er durch Beza gelernt hat.
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Danach gab Joel das Wort an Ofer. Während Joel den Yom-Kippur-Krieg schwerverletzt überlebt hatte, war Ofers Bruder 1973 gefallen - "der schwerste Moment in meinem Leben", so Ofer, denn er blieb als einziger Sohn der Familie zurück. Der Yom-Kippur-Krieg, bei dem sein Bruder starb und Joel ein zweites Mal geboren wurde, habe ihn von Anfang an mit Joel verbunden. Seine ganze Familie lebe seit damals im Geiste von "Etgarim", sein Enkelsohn hat den Namen seines verstorbenen Bruders erhalten. Von Beza, den er heute abwechselnd mit seinem Sohn Guy beim Laufen begleite, lerne er jeden Tag Neues, so z.B. dass es auch nach 42 km und drei Stunden Laufen noch gelingen kann, Steine, Schwellen, Löcher und sogar Wasser zu überwinden. Beza sei zwar von Geburt an blind, doch zeige er ihm stets aufs Neue, dass in Wirklichkeit er es sei, der "im Licht lebe und besser sieht als wir alle". Beza zeige ihm jeden Tag, dass wir uns zunächst die Dinge vorstellen müssen, damit sie Realität werden können. Sein Credo: "Nur wenn wir nie aufgeben, unsere Träume zu verwirklichen, können wir für andere Beipiel sein und ihnen die Kraft geben, ihre Wünsche umzusetzen." Für Beza fühle er wie für einen Bruder, auch wenn er anderer Hautfarbe sei. Beza verwirkliche das, was seinem Bruder, der auch ein aktiver Läufer war, nicht möglich gewesen sei, so Ofer. "Etgarim" sei für ihn eine große Familie.
Diskussion:
Eine Teilnehmerin meinte, sie könne gut nachempfinden, was Joel durchgemacht habe. Sie sei 1983 auf der Flucht vor der Stasi in Prag ergriffen und dabei so schwer verletzt worden, dass ihre Wirbelsäule gebrochen wurde. Eine Organisation wie "Etgarim" kenne sie hier in Deutschland nicht. Sie bewundere, was dort für Behinderte getan werde. Eine andere im Rollstuhl sitzende Teilnehmerin dankte Joel für den hoffnungsvoll stimmenden Abend und fragte nach Möglichkeiten der Kontaktaufnahme. Joel verwies auf Internet und E-mail, also auf das "worldwide net".
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Auf die Frage, ob bei "Etgarim" auch geistig Behinderte mitmachten, antwortete Joel, es seien auch Menschen mit posttraumatischen Schädigungen und geistig Behinderte willkommen, hier gehe es um eine Obhut für alle Menschen "mit besonderen Bedürfnissen". "Etgarim" wolle - wie es in der jüdischen Tradition heiße - "ein Licht für die Völker" sein und beispielhaft für andere vorangehen. Inzwischen hätten Studien nachgewiesen, dass die von "Etgarim" betriebene Abenteuer-Therapie Menschen auch mental verändern könne.
Eine Frage bezog sich auf die Trainingsmethoden. Joel verwies auf die Unterschiede zum sportlichen Training bei Gesunden. Hier gehe es darum, dass die Höchstleistungen "aus dem Bauch" kämen. Das Wort "Behinderung" tauche in ihrem Sprachgebrauch nicht auf. Vielmehr stelle man die Frage "Was will und kann ich tun?" Seit drei Jahren führe "Etgarim" auch Sommercamps für Kinder und Jugendliche durch, bei denen die Steigerung des Selbstwertgefühls der jungen Menschen im Mittelpunkt stehe. Gefragt nach den Mitgliedsbeiträgen, antwortete Joel, diese seien sehr niedrig, ihr Budget setze sich hauptsächlich aus Spenden und Sponsorengeldern sowie Beiträgen über Stiftungsgelder und einen Zuschuss vom israelischen Bildungsministerium zusammen. Die meisten Mitarbeiter von "Etgarim" arbeiteten als Freiwillige.
Die Nachfrage, ob "Etgarim" auch mit arabischen oder palästinensern Teilnehmern an ihren Programmen arbeite, ergab, dass "Etgarim" vor der zweiten Intifada auch in den Palästinensischen Gebieten, in Jordanien und Ägypten aktiv gewesen war, was inzwischen allerdings auf Eis liege. Er sei aber von der verbindenden Kraft des Sports zwischen den Völkern und damit für eine bessere Verständigung zutiefst überzeugt, so Joel.
Auf dem Wirtschaftsgipfel in Davos Anfang 2006 habe "Etgarim" als "einzigartiges und meistentwickeltes Projekt auf diesem Gebiet den "social Oscar" erhalten. Bei der Preisverleihung habe man gewünscht, dass "Etgarim" auch in anderen Ländern "Schule mache". Das sei ihr Ziel, so Joel Sharon.
Ein paar Schnappschüsse vom anschließenden Empfang:

Mehr:
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