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Gisela Dachs sprach am 3. April 2008 bei DIG Berlin und Potsdam über
„Die aktuelle Lage in Israel und Nahost“

Bericht von Meggie Jahn und Marcus Mohr, Fotos von Meggie Jahn


Foto: Fritz Zimmermann

Meggie Jahn begrüßte die rund 40 Gäste, die sich spontan zu dem kurzfristig angesetzten Treffen eingefunden hatten.


Angesichts ihres Besuchs in der Bundeshauptstadt hatten wir kurzfristig Gelegenheit zu einem Gedankenaustausch mit der ZEIT-Redakteurin Gisela Dachs, die uns aus erster Hand einen aktuellen Einblick in die politische Situation in Israel und Nahost lieferte. Mit der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt war schnell ein zentraler Ort für das Gespräch gefunden, wofür dem Hausherrn Dr. Michael Schneider und Herrn Schnelle von der Veranstaltungsplanung herzlich zu danken ist.

 

Zunächst einige Worte zu der Referentin: Gisela Dachs wurde 1963 in Deutschland geboren. Nach dem Abitur in Weiden studierte sie Literaturwissenschaften und Philosophie an der Sorbonne in Paris. Von 1987 bis 1989 war sie Auslandsredakteurin der französischen Tageszeitung "Libération". Inzwischen auch Publizistin, z.B. des Jüdischen Almanach, schreibt sie seit 1990 für die Wochenzeitung "DIE ZEIT", zunächst für die politische Redaktion, seit 1994 ist sie deren Israel-Korrespondentin in Israel. Seit 1996 schreibt Gisela Dachs auch für den ZÜRICHER TAGESANZEIGER. Sie lebt heute in Tel Aviv und hat zwei Kinder.

 

In der Einführung angesprochen auf die ersten deutsch-israelischen Regierungskonsultationen und den Besuch der Bundeskanzlerin in Israel im März 2008 lag denn auch hier der Schwerpunkt ihres Vortrags. Unabhängig vom Inhalt der Merkel-Rede in der Knesset und des Austauschs mit der israelischen Regierung seien die Israelis vom Auftreten der Bundeskanzlerin tief beeindruckt gewesen. Sie sei authentisch, glaubwürdig und warmherzig bei den Israelis angekommen und jeder habe verstanden, dass sie als ehemalige DDR-Bürgerin keine Lippenbekenntnisse abgegeben, sondern hre Worte zu Freiheit und Demokratie ernst gemeint habe. Merkel konnte „geduldig zuhören“, wodurch ihre mangelnde Rhetorik kaum aufgefallen sei. Selbst der israeliche Oppositionsführer Netanyahu habe sich schließlich für die ferngebliebenen Knesset-Abgeordneten während der Merkel-Rede entschuldigt.

 


Foto: Fritz Zimmermann

Olmert hat sich immer wieder als "Überlebens-Tiger" gezeigt.


Zum Thema Iran habe sich die Kanzlerin weit vorgewagt, aber es bleibe die Frage, was dem eigentlich konkret folge. Dies habe selbst der Linke Yossi Beilin kritisch angemerkt. Merkel habe, so Dachs, einen glasklaren und klugen Eindruck hinterlassen und in ihrer Person vermittelt, was den Menschen in den neuen Bundesländern Vergangenheitsbewältigung der Nazizeit bedeute.

Neben der Schilderung ihres Eindrucks vom Merkel-Besuch in Israel wurden auch in der nachfolgenden Diskussion folgende Punkte angesprochen:

 

 

Foto: Fritz Zimmermann

  • Die Überlebensfähigkeit der Regierung Olmert bleibe fraglich, doch habe dieser sich schon nach der Veröffentlichung des ersten Berichts der Winograd-Kommission, die den Libanon-Krieg untersuchte, als „Überlebenstiger“ erwiesen. Niemand in Israel wolle wirklich Neuwahlen, es sei denn, um ein umfassendes Abkommen mit den Palästinensern absegnen zu lassen. Die Alternative Benjamin Netanjahu vom oppositionellen Likud sei für viele eher abschreckend.

  • Nach dem Libanon-Krieg war die Wut auf die Regierung groß, Olmert sei als schwacher Führer wahrgenommen worden. Die Vorstellung des Militärs, eigene Opfer ließen sich durch den alleinigen Einsatz der Luftstreitkräfte vermeiden, habe sich als Illusion erwiesen: Der jetzt vorgelegte Abschlussbericht der Winograd-Komission habe Olmert aber entlastet, die Armee mit dem Rücktritt von Dan Chalutz u.a. schnell Konsequenzen gezogen und erste Reformen eingeleitet. Der Libanon-Krieg aber habe gezeigt, dass die Armee inzwischen weniger auf Kriegführung als auf die Kontrolle der besetzten Gebiete eingestellt sei.

  • Der Krieg mit der Hizbollah im Norden im Sommer 2006 sei, so Gisela Dachs, eine Art „Wake-up-Call“ gewesen, was deren Befehlsmacht Iran mit Israel alles machen könne. Nach dessen Ende frage man sich verstärkt, wie mit „asymmetrischen Kriegen“ umzugehen sei. Der Libanon-Krieg, der jederzeit neu entflammen könne, zeige wie auch der tägliche Raketenbeschuss Sderods seit 8 Jahren, dass der Krieg inzwischen von der Front in die Heimat vorgedrungen sei, wo die Zivilbevölkerung von ihrer Regierung Schutz einfordere. Verteidigungsminister Ehud Barak habe denn auch deutlich gemacht, dass er erst über einen Rückzug aus der Westbank nachdenken werde, wenn die in Aufbau befindlichen Abwehrsysteme fertig gestellt seien. Die Hizbollah, so Dachs, suche zur Zeit nach Gesinnungsgenossen, um die Kampfhandlungen wieder aufzunehmen. Doch noch befänden sich Hizbollah und Hamas in einem Konkurrenzverhältnis und bildeten auch mit Al Quaida „kein natürliches Bündnis“.

  • Die Lage in Gaza und der Westbank sei prekär: Der Hamas gelinge es weiter, sich als Opfer Israels darzustellen. Bei den Palästinensern gebe es weiter breite Unterstützung für die Anwendung von Gewalt gegen Israel. Im Gegensatz dazu zeigten andere Umfragen, dass eine Mehrheit der Menschen in den palästinensischen Gebieten für ein Abkommen mit Israel sei.

  • Auf die Frage, wie sich die palästinensischen Medien entwickelt hätten und welche Schulbücher verwendet würden, verwies Dachs auf eindeutige Unterschiede zwischen dem Gazastreifen und der Westbank. In letzterer sei die Propaganda gegen Israel inzwischen eingedämmt worden. Welche Schulbücher – und sicher seien die von der Autonomiebehörde vorgelegten ausgewogener als die ägyptischen oder jordanischen – letztlich verwendet würden, hänge aber von den einzelnen Lehrern und deren Opportunismus bzw. Zivilcourage ab. Die Lage in Gaza dagegen sei beunruhigend, die antiisraelische Hetze langfristig fatal.

  • Der Sorge über eine zu freundliche Behandlung und Berichterstattung über den Mörder Itzhak Rabins anlässlich der Taufe seines Sohnes und den Einfluss der Siedler in Israel konnte Dachs nicht bestätigen. Ihrer Meinung nach gebe es eine „typische Panikmache der Tel Aviver vor Religiösen und Siedlern, doch hätten diese sich in Wirklichkeit noch nicht vom Schock des Abzugs von 8 000 Siedlern ausgerechnet durch den „godfahrer of settlements“, Ariel Scharon, erholt. Die Siedlerbewegung befinde sich eindeutig in der Krise, zumal inzwischen auch in der Knesset ernsthaft über Entschädigungszahlungen für abzugbereite Siedler debattiert würde.

  • Auch die Kritik an Merkels Redewendung von „Verbrechen im deutschen Namen“ in ihrer Rede vor der Knesset sah die Referentin mit Gelassenheit. „Die Debatte sei semantisch und "rein deutsch", in Israel finde sie nicht statt, so Gisela Dachs. Israel freue sich dagegen über das Auftreten neuer Freunde wie Kanzlerin Merkel. Sie selbst hätte es schlimmer gefunden, wenn die Kanzlerin von "den Nazis" gesprochen hätte, auf die man in der Bundesrepublik die Schuld früher gerne abgeschoben habe.

  • Angesprochen auf die Wasserproblematik in Israel und im Nahen Osten, so werde diese seit langem als Teil des Konflikts gesehen. Die Frage der gerechten Verteilung von Wasser zwischen jüdischen und arabischen Siedlungen sei nach wie vor nicht gelöst. Erwähnenswert finde sie aber, dass es in Israel inzwischen Ansätze für ein „grünes Bewusstsein“ gebe und man mit Hilfe von „High-Tech" Lösungen“ finden wolle. In Geschäften würden inzwischen sogar Stofftaschen angeboten.

  • Wie steht Israel zum US-Wahlkampf? – Man hat keine positiven Erwartungen an Barak Obama, zumal die Beziehungen zwischen Juden und Afroamerikanern in den USA eher gespannt seien. Die meisten Israelis setzten Hoffnungen in einen Wahlsieg Mc Cains, der am Ende der "lachende Dritte" sein könne.

  • Was die kurzfristigen und langfristigen Entwicklungen in der arabischen Welt angingen, so Dachs, zeichne sich bei einigen gemäßigten Staaten der Arabischen Liga wie Saudi-Arabien,Marokko und Ägypten ab, dass diese möglicherweise gegen den Iran sowie gegen fundamentalistische Tendenzen in der arabischen Welt mehr Bereitschaft zur Kooperation mit Israel zeigten.

Meggie Jahn dankte Gisela Dachs am Ende nochmals für ihr Angebot zu einem Gesprächsaustausch und dem Publikum für die äußerst angeregten Diskussion. Sie hoffe, dass wir sie demnächst auch wieder einem größeren Zuhörerkreis präsentieren könnten.


Foto: Fritz ZimmermannFoto: Meggie Jahn

Links: Gisela Dachs im Gespräch mit Marcus Mohr, der ihr die Zeitschrift "Zenit" überreicht hatte. Rechts: Meggie Jahn mit Gabriele Minzlaff und Anetta Kahane, Geschäftsführerin der Amadeu-Antonio-Stiftung.

Foto: Fritz Zimmermann

Meggie Jahn und Gisela Dachs freuen sich über eine gelungene Gesprächsrunde.

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