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Liebe Freunde,
im Folgenden finden Sie einen Schriftwechsel zwischen der Zeitschrift „Chrismon“ und unserem Mitglied Dr. Gesine Palmer. Wir finden beide Texte lesenswert. Er zeigt, dass es im Einzelfall eben doch Sinn macht, durch das Schreiben eines Leserbriefes in einen Dialog mit der Presse einzutreten. Also: In diesem Sinne sollten wir weitermachen!
Jochen Feilcke und der DIG-Vorstand _____
„Sehr geehrte Frau Palmer,
Sie haben uns eine E-Mail zu unserem Beitrag über Yehuda Shaul und seine Mitstreiter in der Januarausgabe 2008 von chrismon geschrieben.
Zunächst möchte ich mich im Namen der Redaktion für Ihr Interesse an unserer Arbeit bedanken. Zu diesem Beitrag hat uns eine große Menge von Briefen und E-Mails erreicht, die meisten davon mit außerordentlich kritischen Anmerkungen und mit dem Vorwurf, chrismon habe sich in diesem Beitrag einseitig gegen Israel bzw. unkritisch für die Sache der Palästinenser engagiert. Wir halten diesen Vorwurf für nicht berechtigt. Es ging in diesem Beitrag nicht darum, mit chrismon eine politische Position im so heiklen und vielschichtigen Nahostkonflikt zu beziehen. Wir haben in einer Reportage einen ehemaligen Soldaten vorgestellt, der auf eindrucksvolle Weise versucht, mit der Traumatisierung aus seiner Dienstzeit umzugehen. Wir haben in den vergangenen acht Jahren bewiesen, dass wir bei der Schilderung von konkreten Menschen in konkreten Situationen nicht parteiisch sind.
Dennoch sind wir freimütig bereit, Schwächen und Fehlleistungen des Beitrags einzuräumen, wie er in unserem Heft erschienen ist. So wurde zu wenig deutlich darauf hingewiesen, dass sich die Art uns Weise, wie der ehemalige Soldat Yehuda Shaul mit seiner Traumatisierung umgeht, nur in einer offenen Gesellschaft leben lässt. Unter einem totalitären System – gleichwo auf der Welt, z. B. im Iran – wäre dies nicht möglich. In zwei unglücklichen Zitaten werden Begriffe verwendet, die in Deutschland so nicht in redaktionelle Beiträge Eingang finden dürfen. Vom Symbol des Staates Israel kann in Deutschland nicht als vom „Judenstern“ gesprochen werden. Seit die Nazimörder den „Davidstern“ so in ihren dienstlichen Vorschriften zur Diskriminierung und Aussortierung der Juden hin zur späteren Ermordung verwendet haben, muss hier mit größtmöglicher Sensibilität agiert werden. Dies haben wir unterlassen.
Dass unsere Hauptfigur Yehuda Shaul den eigenen Staat der „Apartheid“ bezichtigt, ist eine Meinung, die wir aber wenigstens noch einmal hätten hinterfragen müssen. Den Staat der Juden – also der Menschen, die im 20. Jahrhundert millionenfach Opfer eines rassistisch definierten Massenmordes wurden – ausgerechnet mit diesem rassendiskriminierenden Begriff in Verbindung zu bringen, ist nicht angemessen. Der Wall, Zaun oder die Mauer zwischen Israel und den besetzten Gebieten ist sicherlich eine politisch und menschlich nur schwer erklärbare Maßnahme. Eine Analogie hätte durchaus zur innerdeutschen Grenze hergestellt werden können, der Vorwurf des Rassismus ist fehl am Platz. Wir befinden uns Anlass dieses Beitrags in einem sehr angeregten und guten kritischen Dialog mit der israelischen Botschaft in Berlin. Ganz unabhängig von diesem Beitrag planen wir noch im Laufe des Jahres 2008 eine Würdigung des 60jährigen Bestehens des Staates Israel. Darüber hinaus bleibt unser Anliegen – in bester aufklärerischer Tradition – über die Wahrheit in konkreter, höchst menschlicher Weise zu berichten. Dies ist unser christlicher Auftrag.
Ich wiederhole meinen Dank für Ihre kritischen Anmerkungen und schließlich sowohl freundliche Grüße als auch die Bitte an, dass Sie uns bitte als kritische Leserin verbunden bleiben mögen.
Arnd Brummer, Chefredakteur
chrismon – Das evangelische Magazin www.chrismon.de chrismon - Das evangelische Magazin erscheint monatlich in einer Auflage von 1,6 Millionen Exemplaren als Beilage zu verschiedenen Zeitungen.
Leserbrief von Dr. Gesine Palmer vom 8. Januar 2008
Sehr geehrte Damen und Herren in der Redaktion,
in der letzten Ausgabe Ihrer Zeitschrift haben Sie einen hochinteressanten Beitrag von Georg Cadeggianini mit Bildern von Eddie Gerald veröffentlicht. Diese Reportage hat mir "in sich" gut gefallen. Seit Jahren beobachte ich mit tiefem Respekt und großer Hochachtung, wie energisch und selbstkritisch sich viele Israelis verschiedenartigster Herkunft und politischer Orientierung dafür einsetzen, daß ihr Land trotz seiner notorischen Bedrängnis ein demokratisches und selbstbewußtes Gemeinwesen sein und bleiben kann. Daß die Situation in den besetzten Gebieten diesem Projekt enormen Schaden zufügt, ist eine bei vielen Israelis verbreitete Ansicht, aus der die Menschen dort sehr verschiedene Schlüsse ziehen, aber auf allen Ebenen gibt es neben denen, die die Besatzungspolitik glauben fortsetzen zu müssen, Menschen, die vehement dagegen opponieren. Cadeggianinis Reportage macht, indem sie sich eng an die Perspektive eines Mannes anschließt, sehr anschaulich, wie die Konflikte sich im Alltag der Wehrpflichtigen ausnehmen. Es ist gut, darüber zu berichten. Leider habe ich ein bißchen zu oft gesehen, gehört und gelesen, wie leicht es uns Deutschen - und hier gerade den haupt- und nebenberuflichen "Gutmenschen" - fällt, die israelische Besatzungspolitik zu tadeln und die Situation, in der diese Politik stattfindet, auszublenden. Es gibt sie ja, die "unkoschere" Vernarrtheit in das Bild von Israel als dem bösen Täter und den palästinensischen Opfern, und man bedient sie wohl schneller als man denkt. Das Schuldbewußtsein und seine mehr oder weniger umwegige emotionale Abwehr bleiben unsere deutsche Plage, sobald wir auf den Konflikt dort schauen. Das Problem wird nicht weniger komplex, sondern komplexer, wenn wir uns nun mit dem Schuldbewußtsein, das viele Israelis gegenüber den Palästinensern in den besetzten Gebieten entwickeln, befassen. Dabei darf man als Redaktion auch manches streichen. So ist es vielleicht verständlich, aber doch auch sehr traurig, daß Yehuda Shaul von "Apartheid" spricht. Eine deutsche Redaktion sollte diesen Fehler nicht weitertragen. Die israelische Verwaltung betreibt eine Besatzungspolitik mit teilweise brutalen Mitteln. Aber Apartheid ist dann doch etwas ganz anderes. Man kann diesen Problemberiff, der nichts erklärt, aber viel suggeriert, einfach auslassen, ohne der Botschaft des Artikels etwas zu nehmen. Im übrigen gilt: Sicher ist die Idee, einfach einige sehr subjektive Stimmen zu Wort kommen zu lassen, ein gutes Mittel gegen selbstgerechte Belehrungen von hier aus. Ich würde insofern sehr gern in den folgenden Ausgaben von Chrismon Berichte darüber lesen, wie schwer sich ein Iraner nicht nur damit tut, daß es zu wenig Spaß in seinem Land gibt, sondern auch damit, wie in seinem Land gegen Israel gehetzt wird. Oder darüber, wie sich eine gewissenhafte Palästinenserin fühlt, wenn sie ihre Freunde und Verwandten bei der Hatz auf einen sogenannten Verräter oder beim Abbrennen einer Israelflagge beobachtet. Mäßigende Stimmen haben es überall schwer, aber an manchen Orten schwerer als an anderen. Ich vermute, in manchen Ländern würde das Schweigen noch nicht einmal auffallen. Nirgends kann es darum gehen, Verbrechen zu verschweigen. Menschen in einem so exponierten Land wie Israel, die von sich aus wagen, die schwierigen Dinge beim Namen zu nennen, sind zu bewundern. Wir sollten solche Menschen auch in den Ländern suchen, von denen Israel sehr ernste Gefahren drohen.
Mit freundlichen Grüßen
Dr. Gesine Palmer
PS: In diesem Brief hängt alles an der Balance der einzelnen Stücke. Er darf wegen des außerordentlich belasteten Themas deswegen nur ganz oder gar nicht abgedruckt werden. Ein die eine oder andere Tendenz herausstreichender Teilabdruck ist von mir nicht autorisiert. Und hier der Artikel in chrismon, auf den sich der Schriftwechsel bezieht: http://www.chrismon.de/2562.php
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