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.... Fortsetzung des Vortrags von Dr. Julia Brauch am 7. Mai 2007: ZionismusIch komme jetzt zu einem zweiten Grundpfeiler israelischen Selbstverständnisses, dem Zionismus. Der Begriff selbst wirkt vielleicht für manchen schon etwas angegraut. Häufig wurde er schon für tot erklärt. Doch es sind nicht zuletzt die Postzionisten und Postkolonialisten (und auch sie kommen übrigens mittlerweile in die Jahre!), die sich so intensiv mit dem Zionismus beschäftigen, dass allein daraus geschlossen werden muss, dass er so tot nicht sein kann. Der Zionismus war immer schon ein leichtes Opfer von Spott und Ironie, vor allem nachdem er sein wichtigstes Ziel, die Gründung eines Staates, erreicht hatte. Nichtsdestotrotz steht er für den überwältigenden israelischen Konsens, dass Israel nur als jüdischer Staat Bestand hat Den kleinsten gemeinsamen Nenner des Zionismus kann man etwa aus dem wichtigsten hebräischen Wörterbuch von Even-Shoshan entnehmen. Zionismus bedeutet dort kurz und knapp: „Die Renaissance des Volkes Israel, die Errichtung eines unabhängigen, jüdischen Staates im Land Israel und die Sammlung aller Diasporen Israels darin.“ Normalerweise findet dieses zionistische Selbstverständnis in der Formel vom „jüdischen und demokratischen Staat“ seinen Ausdruck. Sie stoßen auf diese Formulierung mittlerweile in allen politischen Zusammenhängen – darunter an prominenter Stelle auch in zwei wichtigen Grundgesetzen Israels und zuletzt auch im Winograd-Bericht. Man mag einwenden, wie sehr sich Israel verändert: der nicht-jüdische Bevölkerungsanteil ist groß wie nie, es gibt Bestrebungen, endlich die Zivilehe und eine Verfassung einzuführen, und es wird nicht länger bestritten, dass im Zuge des Unabhängigkeitskrieges etwa 700.000 Palästinenser teils vertrieben wurden und teils geflohen sind. Erst zum letzten Yom Ha-Atzma’ut rief Amos Schocken, Geschäftsführer von Ha’aretz, in der eigenen Zeitung dazu auf, doch die israelische Hymne zu ersetzen, weil die Palästinenser sich darin nicht wiederfänden (19.4.2007). Und wie schon einmal vor gut zehn Jahren wies Shlomo Avineri diese Forderung mit dem Hinweis zurück, auch die französische und britische Hymne seien national geprägt und würden sicher nicht allen Minderheiten gerecht (Ha’aretz, 30.4.2007). Das sind symbolische Schauplätze, die für das Selbstbild nicht unwichtig sind. Aber an einer Sache ändert das alles vorläufig nichts: Israel ist und bleibt ein jüdischer Staat in zionistischer Kontinuität, und die überwältigende Mehrheit der Israelis ist für die Beibehaltung des jüdischen Charakters ihres Staates. Und doch es ist gerade diese ethno-religiöse Bestimmung, die manchen Deutschen schwer zu schaffen macht. In der Tat gibt es ja genug Probleme, die genau aus dieser Bestimmung des Staates herrühren – das betrifft die nicht-jüdischen Minderheiten, aber auch säkulare jüdische Israelis, die ihr Leben nicht von einem religiösen Personenstandsrecht geregelt sehen möchten. Wie also damit umgehen? Warum nicht den jüdischen Staat durch den von postzionistischer Seite geforderten „Staat aller seiner Bürger“ ersetzen – vorausgesetzt natürlich, dass friedlichere Bedingungen dafür herrschen? Wie also verhält man sich dazu? Das bekannteste Argument gegen einen „Staat aller seiner Bürger“ ist der Hinweis darauf, dass ein solcher Staat auf dem Territorium Israels die Juden mittelfristig schnell zur Minderheit werden ließe. Diese pragmatische Argumentation lässt sich jedoch noch historisch erweitern und stärken. Ich würde aus deutscher und europäischer Perspektive so argumentieren: Israel wird nie ein Staat wie jeder andere sein – und das mit Gründen. In vielen Jahrhunderten christlich-jüdischer Geschichte sind die Juden nachhaltig zu den paradigmatischen Anderen, Fremden, Andersartigen geworden. Lange war es die Kirche, für die die Beständigkeit des jüdischen Volkes eine theologische Herausforderung darstellte. Das Alte Testament blieb Reibungsfläche und Inspiration. Später wurden Juden auch in anderen Bereichen besonders sichtbar, entweder weil sie Herausragendes leisteten oder eine Sonderrolle einnahmen. Sichtbar waren sie immer, und immer setzte sich ihre nicht-jüdische Umwelt mit ihnen auseinander – und in dieser Tradition steht auch die auffällig intensive und überproportionale Beschäftigung mit dem Staat Israel durch die Welt. Diese Kontinuität lebt in tief eingeschriebenen kulturellen Mustern fort, die nicht nur auf den Antisemitismus zu reduzieren sind. Der Historiker Christhard Hoffmann hat in diesem Zusammenhang das Judentum einmal als das Gegenbild oder die Antithese zum eigenen, also nicht-jüdischen Selbstverständnis bezeichnet. Die oft geforderte „Objektivität“ gibt es in dieser Tradition sicher nicht. Wenn Nicht-Juden über Juden sprechen, sprechen sie also immer auch vor allem über sich selbst. Ich denke, es ist genau das, was den nicht-jüdischen Teil der Welt zu schlechten Ratgebern macht, wenn es um die Frage geht, ob ein jüdischer Staat noch zeitgemäß ist oder nicht. *** Ich mache hier eine Zäsur. Ich habe versucht die Wertvorstellungen jüdischer Einheit und des Zionismus als grundlegende Bestimmungsfaktoren des israelischen Selbstbildes deutlich zu machen. Es sind wichtige Faktoren, aber natürlich nicht die einzigen. Im Rahmen meiner Analyse bin ich neben diesen zwei Topoi noch auf ein paar andere gestoßen: Alija – Jüdischer Staat – Erez Israel – Sicherheit – „Feinde Israels“ – Terror. Jeder dieser Topoi war in der Zeit, die ich untersucht habe, nämlich der Zeit der ersten Intifada von entscheidender Bedeutung. Wenn ich mich heute, im Jahr 2007, auf diesen Katalog stütze, dann selbstverständlich im Wissen, dass die Zeiten sich ändern und auch das Selbstverständnis einem Wandel unterworfen ist. Wenn wir uns jetzt der Bundesrepublik zuwenden, gilt dieser Vorbehalt ebenso. Doch bevor ich diesen Wandel reflektiere, geht es mir um die historischen Voraussetzungen auch des bundesdeutschen Selbstbildes. Und dafür ist es erneut hilfreich, normative Fixpunkte aus der politischen Parlamentsdebatte zu gewinnen. Bundesrepublik
Anders als in den Knessetprotokollen sind es in der alten Bundesrepublik abstrakte Werte, die den Diskurs bestimmen, wie zum Beispiel Freiheit oder innere Sicherheit. Es ist die Zeit des Deutschen Herbstes, die RAF verunsichert den westlichen deutschen Teilstaat und der Kalte Krieg bestimmt die politische Agenda.
In den von mir untersuchten Debatten zu Regierungserklärungen findet sich zum Thema nationalen Selbstverständnisses sehr wenig. Ich musste mir zusätzlich die Debatten angucken, die anlässlich des jährlichen „Berichtes zur Lage der Nation“ stattfanden. Hier war der Name schon Programm und zu hoffen, dass sich etwas über das nationale Selbstverständnis findet. Diese schwache Besetzung der nationalen Kategorie im Parlament ist sicher nicht besonders überraschend. Aber auch hier will ich es nicht bei dem Hinweis auf Hitler und seine Diskreditierung alles Nationalen bewenden lassen. Weiterführender ist die Frage, wie die Bundesrepublik mit ihrer mehr oder weniger selbstverantworteten Abkehr vom Nationalsozialismus umgegangen ist. Versucht man einmal, die wichtigsten politischen Debatten der Bundesrepublik zu ihrem nationalen Selbstbild zu rekapitulieren, dann kommen drei Diskussionszusammenhänge in den Blick. Sie sind alle mehr oder weniger akademisch geprägt und haben doch alle ihren Sitz im politischen und gesellschaftlichen Leben des Landes gehabt und gehören damit zu den wichtigen Prägefaktoren deutschen Selbstverständnisses. Der Abgleich mit dem parlamentarischen Gebrauch soll jetzt den kleinsten gemeinsamen Nenner, der sich dahinter verbirgt, hervorholen. Ich beginne mit dem Diskussionszusammenhang, in dessen Zentrum das steht, was Norbert Frei einmal den „antinationalsozialistischen Gründungskonsens“ nannte. Antinationalsozialistischer GründungskonsensDie nationalsozialistische Vergangenheit stellte seit den Anfängen der Bundesrepublik einen wichtigen Bezugsrahmen für politische Debatten dar. Auch ohne den Begriff „Holocaust“, der erst Ende der siebziger Jahre durch die gleichnamige Serie ins Lexikon der Bundesrepublik Eingang fand, wurden viele große Debatten innerhalb und außerhalb des Parlaments mit dem Rückbezug an das „Dritte Reich“ geführt. Wiederbewaffnung, Verjährung von Völkermord, Notstandsgesetze – all diese Fragen wurden im Kontext oder besser gesagt: vor dem Hintergrund des Nationalsozialismus diskutiert. Doch die NS-Zeit blieb seltsam abstrakt – und nur wenige Schlüsselworte wie „Katastrophe“ oder die „schlimme Zeit“ wiesen auf den Kontext hin. Jeder wusste, was gemeint war, aber ausgesprochen wurde dieser historisch-moralische Begründungszusammenhang bis in die siebziger Jahren selten. Heute ist es nichts Besonderes mehr, wenn junge CDU-Abgeordnete „Auschwitz“ als zentralen „Gründungsmythos“ der Bundesrepublik anführen, so als sei dies immer schon so gewesen. In der Endphase der Ära Schmidt war man davon noch weit entfernt. Interessant ist in diesem Zusammenhang ein Blick in die Chronik des Deutschen Bundestages (1981), in der man Abgeordnetenbiographien nachlesen kann. Dort finden sich detaillierteste Informationen zu Wehrmachts-Dienstgraden der Parlamentarier – etwa dass Alfred Dregger als Hauptmann und Bataillonskommandeur gedient hat. Wer aber etwas über das Schicksal von Abgeordneten erfahren möchte, die seinerzeit verfolgt wurden, wird enttäuscht. Über Willy Brandts Exilzeit informiert nur der kurze Hinweis: „1933 bis 1947 journalistische und politische Betätigung in Skandinavien.“ Ein anderes Beispiel ist der CDU-Abgeordnete und ehemalige Vorsitzende der DIG Erik Blumenfeld, bei dem sich unkommentiert der Hinweis findet, er sei in Auschwitz und Buchenwald inhaftiert gewesen. In den Bundestagsprotokollen geht es auf jeden Fall kaum darum, aus der Erfahrung des Nationalsozialismus ein neues, positives deutsches Selbstverständnis abzuleiten. Die Vergangenheit ist präsent, ja, aber nur Andeutungen weisen darauf hin, dass hier ein massiver Einflussfaktor am Werk ist. Im Rückblick wird diese lange Phase der Sprachlosigkeit unterschätzt. Und natürlich hatte sie auch Auswirkungen auf die deutsch-israelischen Beziehungen. Verlässt man einmal den politischen Bereich und fragt, wie in den Familien mit der NS-Vergangenheit umgegangen wurde, dann bekommt diese lange Sprachlosigkeit nochmal eine ganz andere Dimension. Erst in den letzten Jahren gibt es Beispiele, wie sich die Nachkommen der Täter relativ nüchtern mit ihren Familiengeschichten auseinandersetzen. Ich denke da an Wibke Bruhns Buch „Meines Vaters Land“ (2004) oder Malte Ludins Film „2 oder 3 Dinge, die ich von ihm weiß“ (ebenfalls 2004). Deshalb ist vor der retrospektiven Idealisierung der sogenannten Vergangenheitsbewältigung zu warnen. Es gibt ein schönes Zitat des Soziologen Clemens Albrecht, das ich gerne vorlesen möchte, weil es einerseits treffend die Intensität der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit beschreibt, und doch die Widerstände und Tabus vollkommen außer Acht lässt: „Man muß (…) die Geschichte der Vergangenheitsbewältigung auch als Geschichte der Renationalisierung der Bundesrepublik lesen; nicht weil die Bundesrepublik dadurch wieder einen dem Kaiserreich vergleichbaren nationalistischen Habitus entwickelt habe, sondern weil durch die Vergangenheitsbewältigung als Legitimitätsgrund ein neuer nationaler Konsens gesucht und gefunden wurde, ein Konsens darüber, was es heißen kann und soll, ein Deutscher zu sein. Deutsch zu sein aber bedeutet, sich mit der NS-Vergangenheit auseinanderzusetzen.“ Ich würde dieser Deutung widersprechen, weil es am Wichtigsten für so eine Renationalisierung fehlt: nämlich dem Wille einer breiten Mehrheit, die Vergangenheitsauseinandersetzung zum Programm einer Wiederbelebung der Nation zu erheben. Nehmen wir nochmal kurz die Vergleichsposition mit Israel ein: Im jüdischen Staat äußert sich dieser Wille in der starken Wertschätzung jüdischer Einheit. In der Bundesrepublik gab es einen vergleichbaren Willen auf breitenwirksamer Basis zu keinem Zeitpunkt. Nicht einmal am Tag der deutschen Einheit, der irgendwann zur Pflichtveranstaltung wurde. In der Bundesrepublik war auf jeden Fall die These von der Denationalisierung als Konsequenz aus dem Nationalsozialismus populärer als Albrechts originelle These von der Renationalisierung durch Vergangenheitsbewältigung. Ganze Generationen sind durch die Beschäftigung mit der NS-Zeit mit der Vorstellung von der Anrüchigkeit der Idee der Nation sozialisiert worden und waren paradoxer Weise gerade dadurch gezwungen, sich selbst als Teil der nationalen Geschichte zu betrachten. Es könnte sein, dass sich diese Paradoxie schon bei den jetzt nachwachsenden Generationen in einer neuen Unbefangenheit gegenüber dem Nationalen auflöst, die einer ernsthaften Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus durchaus nicht entgegenstehen muss. Auch das wäre zu diskutieren. VerfassungspatriotismusAnders als der anti-nationalsozialistische Gründungskonsens, der ja nur im Rückblick zum Fundament deutschen Selbstverständnisses gemacht wurde, ist die Diskussion eines neu zu begründenden Verfassungspatriotismus ein programmatischer Versuch gewesen, den Verlust nationaler Würde zu kompensieren. Dolf Sternberger, der Schöpfer von Idee und Begriff hat den „Verfassungspatriotismus“ 1959 als Gegenkonzept zum nationalistischen Patriotismus konzipiert. In dem prägnanten Satz: „Das Vaterland ist die Verfassung, die wir lebendig machen“, kommt diese Idee vielleicht am besten zum Ausdruck. Das Konzept des Verfassungspatriotismus steht für die Sehnsucht, das „Nationale“ auf ein Minimum zu reduzieren und es in einem harmonischen Guss mit den universalen Prinzipien des Rechtsstaates zu verschmelzen. Die Attraktivität ist schnell erklärt: Einerseits soll die Verfassung als abstraktes Fundament Gleichheit und Gerechtigkeit stiften. Andererseits vertraut man aber gerade auf die spezifisch deutsche Gestalt und Lesart der Verfassung, um eine stabile politische Identifikation zu schaffen, die dem „nationalen“ Patriotismus vergleichbar ist. Weniger bekannt ist, dass der Verfassungspatriotismus in der alten Bundesrepublik zumindest sehr lebendig war, wenn vielleicht auch nicht unter diesem Namen. Das damals noch provisorische Grundgesetz wurde zum Leitsymbol einer noch unsicheren politischen Kultur. Seit Gustav Heinemann die Sentenz vom Grundgesetz als „Angebot“ geprägt hatte, setzte sich durch, die Verfassung als programmatisches Dokument zu betrachten. Daher rührte dann auch die Redewendung, dass sich die Verfassung „im Leben des Staates und siner Bürger immer von neuem verwirklichen“ müsse – so etwa in einer Formulierung von Jürgen Schmude (9/26, 1208D). Redewendungen, in denen vom „Auftrag des Grundgesetzes“ die Rede ist, den es zu erfüllen oder zu „verwirklichen“ gilt, sind im Bundestag Legion. Die Leidenschaft, mit der die Imperative des Grundgesetzes auch im Bundestag geradezu zivilreligiös interpretiert werden, weist jedoch auf noch tiefere Wurzeln hin. Nach der Zerstörung aller Werte durch die Nazis bot das Grundgesetz einen sicheren Anker, der staatliche Dignität in der Kontinuität der nicht immer glücklichen deutschen Staatstradition gewährleistete. Dieser Geist kommt etwa zum Ausdruck als Helmut Schmidt nach der Schleyer-Entführung Kontinuität versprach: „Wir werden (…) wie gestern und heute, so auch morgen den Befehlen des Grundgesetzes gehorchen.“ (Schmidt 8/50, 20.10.77, 3757A) Man mag sich fragen, was von diesem Verfassungspatriotismus der Vorwende-Zeit übriggeblieben ist. Das Grundgesetz ist in der letzten Zeit ja vor allem dadurch ins Gerede gekommen, dass der Bundestag Gesetze formulierte, die Bundespräsident Horst Köhler für verfassungswidrig hielt, wie zum Beispiel das Luftsicherheitsgesetz. Sind deshalb die Zeiten vorbei, in denen in Deutschland auf das Grundgesetz zur Selbstvergewisserung der eigenen demokratischen Glaubwürdigkeit zurückgegriffen wird? Ich denke, die lange deutsche Staatstradition wird sehr schnell wieder lebendig, wenn es wieder zu krisenhaften Zuständen kommt wie seinerzeit im Deutschen Herbst. Rechtsstaatliche Kontinuitäten bestimmen auf jeden Fall das deutsche Selbstverständnis. Nun, den deutsch-israelischen Dialog wird diese Prägung sicher nicht behindern. In dem Maße, in dem auch Israel eine eigene Rechtskultur hervorgebracht hat – mit einem starken Obersten Gerichtshof und mit wachsender Ambition, bald eine israelische Verfassung zu verabschieden, ist das sogar eine ausbaufähige gemeinsame Grundlage. Die „deutsche Nation“ als IdentitätsstifterWir kommen jetzt zum letzten Diskussionszusammenhang: der Frage nach der „deutschen Nation“. Machen wir zu diesem Zweck einen kurzen Zeitsprung in die Gegenwart. Mittlerweile wird ja überall die Wiederentdeckung der Nation proklamiert, die WM hat einen als fröhlich wahrgenommenen Patriotismus hervorgebracht und eine Flut neuer deutscher Filme zur NS-Zeit fallen vor allem durch ihre Professionalität auf. Und auch die deutsche Opferperspektive ist nicht mehr tabu – spätestens seit dem ZDF-Zweiteiler „Die Flucht“. Vor zwei Jahren schrieb Jürgen Leinemann im SPIEGEL noch einen langen Essay zum Thema „Eine Nation auf der Suche“ (26.04.2005) – eine Überschrift, die auch aus den neunziger Jahren stammen könnte. Im Januar diesen Jahres titelte der SPIEGEL dann in einer Weise, als sei die Suche erfolgreich gewesen: „Deutsche Nation – Ein Volk entdeckt sich selbst“. Die Frage, ob dem tatsächlich so ist oder auch nicht, stelle ich nochmal zurück. Interessant ist die Proklamation eines solchen Revivals vor dem Hintergrund, dass es vor knapp dreißig Jahren, schon mal so eine Wiederentdeckung gab. Den Auftakt bildete 1977 die Stuttgarter Ausstellung über die Staufer, gefolgt von der Preußen-Ausstellung, die 1981 in Berlin großes öffentliches Interesse fand. Schon damals polemisierte Martin Walser übrigens offen gegen die Unerträglichkeit, die deutsche Geschichte „in einem Katastrophenprodukt“ enden zu lassen und rief dazu auf, die „Wunde namens Deutschland“ offenzuhalten. Diese Forderung klang ziemlich national, obwohl sie doch eigentlich nur das Wiedervereinigungsgebot des Grundgesetzes wiederholte. Die damalige Renaissance der Nation hatte noch eine weitere, etwas kuriose Facette: Insbesondere im linken Spektrum und in der Friedensbewegung waren einige davon überzeugt, dass Sicherheit angesichts der Atomkriegsgefahr wieder gesamtdeutsch definiert werden müsse. Deutsche Interessen ließen sich so gegen die beiden Siegermächte der USA und der UdSSR geltend machen. Auch wurden Mitte der siebziger Jahre Stimmen laut, die ein Defizit an „nationaler Identität“ beklagten und vor den negativen politischen Folgen dieses Symptoms warnten. „Nationale Identität“ wurde seitdem von ihren Fürsprechern wie Werner Weidenfeld, Hermann Lübbe, Michael Stürmer oder Arnulf Baring als Mittel zum Zweck propagiert: Sie sollte politisches Selbstbewusstsein schaffen und dadurch Integration stiften. Im Bundestag dagegen wurde die Nation tatsächlich nur anlässlich der Debatten zu den Berichten zur Lage der Nation diskutiert. Übergeordnetes Thema war entsprechend eigentlich auch immer die Deutschlandpolitik. Willy Brandt war es, der dem Topos der „Zusammengehörigkeit“ seinen Stempel aufdrückte – ein vordergründig apolitischer Begriff, mit dem man der DDR nicht allzu weh tat. Die Menschen beider deutschen Staaten sollten sich näher kommen und entsprechend herrschten Begriffe vor wie „Begegnung“, „Annäherung“, „menschliche Erleichterungen“, „Menschlichkeit“ oder einfach nur die Rede von „den Menschen“ in der DDR. Der Glaube an das vorpolitische Gemeinschaftspotential der Deutschen war zwischen den Parteien völlig unstrittig. In ähnlicher Weise erfuhr auch der ebenfalls apolitisch gedeutete Begriff der „Kulturnation“ – im Unterschied zur Staatsnation – ein Revival. Bemerkenswerter Weise stammten besonders emotionale und breit angelegte Ausführungen zu diesem Thema von Rednern der SPD. In ihrem Interesse lag es, die Nation jenseits aller Staatlichkeit als normativen Bezugspunkt zu bewahren und die politischen Aspekte der Nation im Sinne der Entspannungspolitik nicht in den Vordergrund zu stellen. Sicher war diese Rhetorik von der Kulturnation in erster Linie deutschlandpolitisch motiviert. Trotzdem verbirgt sich dahinter auch eine ambivalente deutsche Kontinuitätslinie. Die Überzeugung, dass es die Kultur ist, die die Nation ausmacht und nicht staatsbürgerliche Rechte und Pflichten, gehört zu einem Erbe, das in dem Moment wieder schwierig wird, wo man feststellt, dass die Nationen sich auch im Zeitalter der Globalisierung nicht einfach in Nichts auflösen. Die Leitkultur-Debatte trägt auf jeden Fall noch Züge dieses traditionellen Verständnis der Nation, und ich vermute, dass diese Tradition zwar schwächer wird, aber in der Bevölkerung immer noch sehr präsent ist. In Israel stößt solch eine Vorstellung einer kulturell homogenen Nation mit Sicherheit auf Unverständnis. Nicht die eine jüdische Kultur ist es, die den jüdischen Staat zusammenhält, sondern die jüdische Zugehörigkeit. Diese konstituiert die Nation und sonst erst mal nichts. Unter diesem Dach hat eine Vielfalt verschiedener Kulturen Platz – man muss sich nur an ein paar Spielregeln halten und akzeptieren, dass es bislang immer noch die Orthodoxie ist, die bestimmt, wer jüdisch ist. Fazit
Was folgt aus alldem? Ich habe schon punktuell versucht zu zeigen, dass bestimmte historische Kontinuitäten sich ändern oder auch an ein Ende kommen können. Vielleicht haben Sie an der ein oder anderen Stelle gedacht: „Die Zeiten sind doch längst vorbei! – warum sollen wir uns mit den alten Geschichten noch beschäftigen?“ In der Tat ist es so, dass sich in den letzten zwanzig Jahren viel in beiden Ländern verändert hat. In Israel ging die euphorische Zeit des Friedensprozesses einher mit vielen neuen Ideen einer offenen Bürgergesellschaft. Das Ende des Friedensprozesses hat dann wiederum zur Desillusionierung über die Zukunft des Landes und nebenbei auch zum Zusammenbruch des alten Parteiensystems geführt. Likud und Avoda – das war einmal. Deutschland ist mittlerweile wiedervereinigt, wodurch die oft angerufene „Kulturnation“ schließlich wieder weitgehend mit der „Staatsnation“ identisch ist. – Ost und West verwalten ihre unterschiedlichen Geschichtsbilder und kommen sich dabei nicht immer näher – auch in Bezug auf Israel nicht. Skandale, die im Kontext der NS-Zeit stehen, werden professionell von den Medien begleitet. Ob Oettingers Filbinger-Grabrede oder Günter Grass’ SS-Geständnis, die in der Bundesrepublik eingeübten Mechanismen der Skandalisierung funktionieren gut. Wirklich überraschen tun sie niemanden mehr. Und auch die Voraussetzungen für die deutsch-israelischen Beziehungen haben sich geändert. Das Internet hat dafür gesorgt, dass sich jeder unabhängig von hebräischen Sprachkenntnissen sehr gut aus israelischen Medien informieren kann. Attraktive Studienjahre locken viele deutsche Studenten an israelische Universitäten. Und Deutschland – oder besser gesagt vor allem Berlin – ist mittlerweile für viele junge Israelis zum attraktiven Ort geworden, ein anderes Leben zu führen. Alles wirkt viel offener, leichter und vielleicht auch ein bisschen ungeschichtlicher. Doch man täusche sich nicht. Hinter all diesem Wandel stehen in beiden Ländern politische Kulturen und Biographien, die tief in die Geschichte hineinreichen. Das Leben in Tel Aviv ist ein anderes als in Berlin – auch wenn sich die Cafés und Kinos ein bisschen ähneln mögen. Das hat historisch-politische Gründe, die in der Regel in jedem ernsthaften Gespräch auch ziemlich schnell zur Sprache kommen. Wenn wir diese Prägungen nicht berücksichtigen oder vielleicht nicht einmal mehr kennen, dann werden auch künftig Kollisionen stattfinden, wie sie am Anfang dieses Vortrags standen. Bewähren muss sich der deutsch-israelische Dialog an den großen Fragen der Zeit immer: Wie gehen wir mit den Bedrohungen um, denen Israel ausgesetzt ist? Welche Antwort finden wir auf islamistische Gewalt, Antisemitismus und Antizionismus? Wie positionieren wir uns gegenüber den Palästinensern? Das sind schwierige Fragen, weshalb es entscheidend ist, dass Deutsche und Israelis auf festem Fundament stehen, wenn sie sie gemeinsam diskutieren wollen. Letztlich bildet Vertrauen die einzig Ressource für gelungene Kommunikation. Die altbekannten und dennoch immer noch wichtigen Phrasen, die ja auch die deutsch-israelischen Beziehungen begleiten, beziehen ihre Glaubwürdigkeit nur aus diesem Vertrauen. Wir müssen gar nicht genau die gleiche Sprache sprechen, um uns zu verstehen. Wir haben unterschiedliche historische Prägungen und das führt nunmal häufig zu unterschiedlichen Perspektiven. Nur das Vertrauen, dass der Andere jeweils um die historischen Wurzeln des eigenen Selbstverständnisses weiß, schafft die Grundlage für jedes Gespräch und auch für jeden Streit.
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