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Ulrich W. Sahm, Israelkorrespondent von ntv, bei der Veranstaltung "Antisemitismus, deutsche Medien und der Nahost-Konflikt" am 26. Juni im Paul-Löbe-Haus (Regierungsviertel):


Meine Damen und Herren,

Bei Medienuntersuchungen werden nur die Endprodukte geprüft, Zeitungen,
Zeitschriften, Nachrichtensendungen von ARD oder ZDF. Da werden Erbsen
gezählt. Wenn Arafat exakt so viele Sekunden über den Bildschirm flimmert
wie Scharon, bestätigen sich die Fernsehmacher eine TV-Gemäße
Ausgewogenheit. Manchen Forschern scheint der rechte Maßstab zu fehlen, weil
sie keine Ahnung von den subtileren Formen des Antisemitismus haben. Es ist
legitim, Israel zu kritisieren und Scharon nicht zu mögen. Das ist kein
Antisemitismus. Aber wie Herr Faber es schon andeutete, die verwendeten
Klischees, historisch belastete Worte, Bilder aus dem klassischen
Antisemitismus bis hin zu antijüdischen Vorurteilen aus dem Repertoire der
christlichen Kirchen verwandeln legitime politische Kritik in eine
gefährliche antisemitische Polemik.

Ohne den Apparat eines Forschungsinstituts mit volontierenden Erbsenzählern,
veranstaltete ich meine eigenen Studien.

Dem Publikum entgeht, wer in Wirklichkeit unseren Nachrichtenalltag
bestimmt. Das sind nicht die Tagesschau, der Spiegel oder die FAZ. Es sind
Weltmächte, die im Hintergrund arbeiten und alle Redaktionen beeinflussen.
Das klingt wie eine Verschwörungstheorie. Ich meine Reuters, ap, dpa oder
afp. Für den Glauben an ihren Wahrheitsgehalt gibt es sogar einen
Fachbegriff: Agenturgläubigkeit.

Ein Problem sind politische Wertungen. So fügen die Agenturen den Namen
gewisser Politiker Adjektive bei, die allein der Weltanschauung der Reporter
entsprechen. Monatelang las ich vom Hardliner Arafat, vom gemäßigten Scharon
und vom Extremisten Mahmoud Abbas... Wie wäre es, wenn wir bei der
Rentendiskussion über den Hardliner Schröder und den gemäßigten Stoiber
redeten. Lächerlich.

Abstrus ist baffes Erstaunen der Agenturreporter: "Der als Hardliner
bekannte Ariel Scharon erklärte sich zur Räumung von Siedlungen bereit." Es
fragt sich, wer eigentlich Scharon zum Hardliner gemacht hat. Bei nüchterner
und unvoreingenommener Betrachtung ist seine Politik eher pragmatisch und je
nach Situation mal hart, mal nachgiebig und in jedem Fall konsistent und
wechselhaft zugleich. Ich persönlich würde mir jedenfalls kein simples
pauschalisierendes Urteil über keinen einzigen der nahöstlichen Politiker
erlauben, zumal sie alle in einer unberechenbaren Wirklichkeit auch immer
wieder unberechenbar reagieren.

Als tunlichst neutraler Beobachter, erwarte ich auch von den
Nachrichtenagenturen eine wertfreie Berichterstattung, ohne Adjektive und
ohne politische Hochstapelei, als wüssten die Agenturreporter besser als die
Politiker, wo es lang geht.

Ein anderes Phänomen ist reine Propaganda für die Redakteure. Seit dem
ersten Tag der Intifada fügen Reuters und ap jeder Meldung aus Nahost eine
Statistik an.

Neutral formuliert lautet sie: Seit dem 28. September 2000 sind x
Palästinenser und y Israelis getötet worden.

Von rund 5000 solcher Ministatistiken habe ich für meine Analyse einige
hundert herauskopiert.

Das Wort "Intifada" kommt übrigens nicht vor, weil erklärungsbedürftiges
Fremdwort. Ich hatte den 28. September 2000 als ersten Tag der Intifada
erwähnt. Damit es nicht langweilig wird, haben sich die Agenturjournalisten
unzählige andere Formulierungen für die Stunde Null ausgedacht: Seit der
Provokation Scharons auf dem Tempelberg, seit Ausbruch des spontanen
Volksaufstandes, der Revolte, des Krieges, seit Beginn dieser Runde der
Kämpfe, der Gewalt, des Blutvergießens, seit Ausbruch des palästinensischen
Kampfes für einen eigenen Staat, Befreiungskampfes, Kampfes zur Beendung
der Besatzung, seit dem Scheitern der Friedensverhandlungen.

Viele dieser Stilblüten sind reine Schuldzuweisungen, zynisch verknüpft mit
vielen palästinensischen Toten und relativ wenigen israelischen Opfern.
Längst ist belegt, dass die Intifada kein spontaner Volksaufstand als
Reaktion auf Scharons Provokation ist, sondern ein Monate im Voraus
geplanter bewaffneter Angriff auf Israel.

Der wahre Auslöser der Intifada war der israelische Rückzug aus Südlibanon.
Gemäß der palästinensischen Wahrnehmung habe die Hisbollah die Israelis
vertrieben. Laut palästinensischen Quellen sollte die Intifada mit Gewalt
die Siedler vertreiben.

Das bemerkenswerteste palästinensische Dokument über den Ausbruch der
Intifada ist ein Interview des wegen Mordes angeklagten Volkstribuns Marwan
Barghouti. Am ersten Jahrestag der Intifada protzte er, Scharon ins offene
Messer laufen gelassen zu haben. Barghouti behauptet, die Provokation
Scharons als letzte Chance genutzt zu haben, um die Intifada ausbrechen zu
lassen und Israel zu beschuldigen.

Es ist schwer mit neutralen Worte ohne Schuldzuweisung den Beginn der
Intifada darzustellen. Sogar das Datum ist problematisch. Begann sie etwa
mit dem ruhigen Besuch Scharons auf dem Tempelberg? Einige Tage zuvor, mit
dem vorsätzlichen Mord an israelischen Soldaten oder aber am blutigen
Freitag, einen Tag nach der Provokation Scharons? Die Frage wäre
irrelevant, wenn das nicht bis Heute entscheidende Folgen für die
Wahrnehmung und Beurteilung der Intifada hätte. Dabei widersprechen sich
jene, die einerseits Scharon zum Schuldigen machen und andererseits den
Palästinensern ein legitimes Recht auf gewalttätigen Widerstand zubilligen.

Nächster Punkt sind die Totenzahlen und die Identität der Opfer. Jeder
israelische oder palästinensische Tote wird mit Altersangabe beim Namen
genannt. In anderen Weltregionen bin ich nicht bewandert. Aber ich vermute
mal, dass Reuters und ap mit eben solchem Fleiß die Namen und Altersangaben
der drei Millionen Todesopfer im Kongo, der 2 Millionen Toten im Südsudan,
der 250.000 europäischen Toten im ehemaligen Jugoslawien gesammelt und
veröffentlicht haben. Ganz gewiss wurden auch die Namen der Hunderttausenden
Toten des Irakkriegs publiziert. Ich habe sie trotz intensiver Suche nicht
gefunden. Nicht einmal die Namen der Erfurter Schüler nach dem Amoklauf
wurden von den internationalen Agenturen mit derart akribischer Genauigkeit
nach Neuseeland, Japan, Argentinien und Südafrika vermeldet. Mir ist klar,
dass 3000 Tote nach drei Jahren Krieg in Nahost ungleich schwerer wiegen als
die amorphe Masse der 3000 Toten des 11. September. Zweifellos erzeugt jeder
tote Palästinenser, dessen Leiche sogar aus dem Kühlschrank hervorgeholt
wird, um für alle Welt sichtbar gefilmt zu werden, mehr Mitgefühl und
Empathie als die Toten von New York, Tel Aviv oder Jerusalem. Niemand hat
sie jemals gesehen, weil sie aus Pietätsgründen nicht gefilmt werden.
Amerikaner wie Israelis halten eine derartige Leichenschau für geschmacklos
und ekelerregend.

Bei der nationalen Identität der Toten gerieten die Agenturen ins
Schleudern, sowie deren Schubladendenken ins Wanken geriet. Wer mehr Tote
hat, ist Opfer. Wer weniger Tote hat, ist Täter oder Übeltäter.

Monate lang lautete die Statistik X Palästinenser, Y Israelis und 13 Andere.
Irgendwann verschwanden diese Ufos wieder. "Andere", das waren 13
israelische Araber, bei Unruhen im Kernland Israels umgekommen. Jüdische
Israelis, bei der gleichen Gelegenheit umgebracht, wurden nicht mitgezählt.

Bald gab es neue Komplikationen. Harry Fischer, deutscher Chiropraktiker,
wurde von einer israelischen Rakete getroffen. Der wurde als Ausländer
angeführt. Ebenso ein erschossener griechischer Mönch. Stillschweigend und
posthum wurden sie später zu Palästinensern gemacht. Auch auf der
israelischen Seite bürgern die Agenturen posthum die Ausländer ein. Ich
denke da an Amerikaner, Franzosen, Philipinos und Chinesen, die bei
Selbstmordattacken in Jerusalem oder Tel Aviv getötet wurden und in den
Statistiken zu getöteten Israelis gemacht werden.

2331 Palästinenser sind tot. Aber wurden sie tatsächlich "von den Israelis
getötet", wie manche Ministatistiken behaupten?

Das Institut für Konter-Terrorismus in Herzlija zählte am 19. Juni zudem 787
tote Israelis. Inzwischen stieg die Zahl auf über 800. Andere Quellen andere
Zahlen. Meines Wissens wendet allein das Institut in Herzlija
wissenschaftliche Methodik an. Dieses makabre Thema hat eine entscheidende
Bedeutung für die Wahrnehmung des Konflikts durch die deutschen Medien, denn
Tote machen die größten Schlagzeilen.

Weit über die Hälfte der palästinensischen Toten waren Kombattanten oder
"mutmaßliche Kombattanten". Bei den Israelis sind es nur 20 Prozent.

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