
|
|
DER MEDIENKRIEG - Die Rolle der Journalisten im Nahostkonflikt Vortrag und Diskussion mit Esther Shapira am 2. Juni 2003 im Centrum Judaicum Ein Bericht von Meggie Jahn

Filmausschnitt: Mohammed al Dura mit seinem Vater im Kugelhagel, Foto von Talal Abu Rachme für Radio France 2
| Esther Schapira, Redakteurin beim Hessischen Rundfunk in Frankfurt, ging in ihrem Film der Frage nach, was sich am 30. September 2000 - zwei Tage nach Beginn der Al-Aqsa-Intifada - an der Straßenkreuzung Netzarim in Gaza abspielte, als Mohammed al-Dura - seitdem bekannt als Symbol für die Intifada - erschossen wurde. Mehrere hundert Palästinenser hatten hier - am Zugang zu einer jüdischen Siedlung - den israelischen Militärstützpunkt angegriffen. Ein Sturm der Entrüstung bis hin zu Drohungen gegen die Autorin entbrannte, als durch den Film deutlich wurde, dass Mohammed nicht von israelischen Scharfschützen, sondern auch von palästinensischen Kugeln tödlich getroffen worden sein könnte. Am Beispiel des Films gelang es der Autorin, das Spannungsfeld zu beleuchten, in dem Journalisten im Nahostkonflikt stehen und die Berichterstattung kritisch zu hinterfragen. Selten war ein Abend bei der DIG Berlin so anregend wie dieser.
|

Vorstandsmitglied Maya Zehden, die den Abend moderierte, mit Esther Schapira (rechts), nachdem zunächst der Film gezeigt worden war.
|
Motivation für den Film
Es sei nicht ihre Absicht gewesen, so Esther Shapira, mit dem Film eine "Reinwaschungsaktion für das israelische Militär" vorzunehmen, vielmehr sei sie selbst am Anfang von der Schuld der Israelis überzeugt gewesen. Zugleich aber wußte sie, dass die israelische Armee kein "Verein von eiskalten Kindermördern" ist. In diesem Konflikt stünden sich ungleiche Partner gegenüber, nicht Soldaten zweier feindlicher Staaten, sondern Soldaten - oft selbst noch Halbwüchsige - steinewerfenden Kindern, aber leider auch bewaffneten palästinensischen Zivilisten. Viele dieser israelischen Soldaten litten an Depressionen, gríffen zu Drogen oder bräuchten psychische Betreuung; die Selbstmordrate im Militär sei hoch, einige Militärs verweigerten ihren Dienst in den palästinensischen Gebieten.
Sie habe interessiert, so Esther Shapira, wie die Israelis mit dem Tod des palästinensischen Jungen, aber auch der täglichen Konfliktsituation und der Konfrontation mit Haß und Elend auf der anderen Seite umgingen. Zugleich wollte sie der Frage nachgehen, wie eine palästinensische Familie den Tod des Kindes verkrafte, wie die Palästinenser auf den Tod des Jungen reagierten. Sie selbst wisse sehr gut, dass nicht alle Palästinenser Terroristen seien, habe mit der Frau des Präsidenten, Suhar Arafat, vor Jahren ein Interview geführt und erst während der Dreharbeiten erfahren, dass der Vater von Mohammed mit seinem früheren israelischen Arbeitgeber gut befreundet war. Geärgert habe sie aber, dass Mohammed al Dura durch die Medienbilder bis heute als Opfer und Symbol der intifada im Bewußtsein der Menschen sei, während die Namen der nur 2 Tage später in Ramallah von Palästinensern gelynchten israelischen Reservisten aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit weitgehend verschwunden seien. Dies habe sie zunächst dazu veranlaßt, in ihrem Film beide Geschichten einander gegenüberzustellen, wobei sie schnell erkannt habe, dass schon eine Geschichte kompliziert genug sei.
Viele Fragen bleiben unbeantwortet
Viele Fragen bleiben offen, doch eines scheint ohne Zweifel: Die Frage nach der Schuld kann nicht eindeutig beantwortet werden. Während die Palästinenser von Anfang an bemüht waren, die Israelis unzweifelhaft als Täter hinzustellen und keinerlei Bereitschaft zeigten, Beweismaterial zu sichern oder gar eine Untersuchung anzuregen, ordnete das israelische Militär eine solche an, die aber leider auf die Armee begrenzt blieb. Auch hier passierten Fehler: Der Untersuchungsbeauftragte - selbst von Anfang an von der Unschuld der Israelis überzeugt - war befangen und beschloss, den Checkpoint Netzarim, Ort des Geschehens, zu sprengen, nach eigener Aussage, um die immer wieder entbrennenden gewalttätigen Auseinandersetzungen zu stoppen. Dabei wurde versäumt, wichtige Spuren an dem Fass zu sichern, hinter dem Mohammed und sein Vater Schutz gesucht hatten. Entscheidende Fragen für sie waren, ob die Schüsse überhaupt von israelischen MIG 16 stammen könnten, der Schusswinkel nicht größer war als aus der Stellung der Scharfschützen möglich und ob Mohammend und sein Vater hinter dem Faß überhaupt gesehen worden sein könnten. Dabei wurde versäumt, auch die von Palästinensern eingesetzten russischen Kalaschnikows zu verwenden, um die Einschusslöcher auf Mauer und Fass vergleichen zu können. Tatsache ist, dass der hohe Stein auf dem Fass später durch einen flacheren ausgetauscht worden war. Wahrscheinlich klingt auch, dass die beiden durch Streubomben, verursacht durch Schüsse von dem Twin-Gebäude gegenüber, wo sich Palästinenser aufhielten, getroffen worden sein könnten. Dafür spräche auch der aufgewirbelte Staub. Tatsächlich wurden dem Vater von Mohammed - wie er seinem israelischen Freund später erzählte - in Gaza und Jordanien insgesamt 9 Geschosse entfernt, doch niemand machte sich die Mühe, die Herkunft der Kugeln zu untersuchen. Die von Israel angebotene Versorgung in einem israelischen Krankenhaus wurde abgelehnt. Was noch schlimmer wiegt: Mit dem Geld des palästinensischen Erziehungsministeriums (unterstützt auch mit EU-Geldern) wurde ein Video produziert, in dem Mohammed al Dura als Vorbild für alle "Shahids" (Märtyrer) hingestellt wird und ein fiktiver Selbstmordaufruf von ihm zitiert wird. Der Vater reiste als Referent zu verschiedenen internationalen Konferenzen, u.a. zu der Anti-Rassismus-Konferenz in Durban, um Israel anzuprangern. Seine Mutter äußert in dem Film die Meinung, Gott habe Mohammed bewußt an diesen Ort geführt, damit er bald ins Paradies aufsteigen könne.
Tatsache ist auch, dass der Kameramann Talal Abu Rachme 45 Minuten der gewalttätigen Auseinandersetzungen, davon 6 Minuten Kugelhagel, gefilmt hat, von seinem Auftraggeber Radio France 2 aber nur wenige Sekunden gesendet wurden. Das Bild des auf Mohammed und seinen Vater zielenden israelischen Soldaten stammt nachweislich aus einem ganz anderen Zusammenhang. Charles Enderlin, der Chef von Radio France 2, verweigert bis heute die Herausgabe des vollständigen Videobandes, um die Situation rekonstruieren zu können, und weist alle Vorwürfe zurück, droht sogar mit einer Verleumdungsklage.

Vorstandsmitglied Annegret Mielke bei der anschließenden Diskussion. Es waren bis zu 70 Gäste ins Cenrum Judaicum gekommen. Nachfragen und Fazit
Die lebhafte Diskussion zeigte, dass die meisten Journalisten vor Ort sich hauptsächlich über Agenturmeldungen informieren (rühmliche Ausnahme u.a.: Gisela Dachs von der "Zeit"). Viele stützen sich auf Berichte von palästinensischen Informationszuträgern, deren Neutralität bezweifelt werden darf. Schon allein wegen der fehlenden Landessprachkenntnisse gelingt es ihnen kaum, sich ein umfassendes Bild zu verschaffen. Auch wenn sich in Israel und Palästina mehr Journalisten tummelten als irgendwo sonst auf der Welt, so Esther Shapira, sei gerade dies nicht förderlich für eine gründliche Recherche, da jeder die schnellste und aufregendste "News" bringen wolle. Jeder Journalist bemühe sich, der Erste zu sein. Die Frage, warum nicht gegen Charles Enderlin vorgegangen werden und dieser mit einer Verleumdungsklage drohen könne, beantwortete die Referentin mit dem Hinweis auf die journalistische Gepflogenheit, dass sich niemand gern zwingen lasse, seine Quellen preiszugeben. So lautet denn das Fazit des Abends: Mißtraue dem, was Du siehst. Bilder können lügen oder zumindest die Wahrheit verkürzen, sie können nur ein Ausschnitt der Realität sein. Versuche dich immer über unterschiedliche Kanäle und durch Originalquellen zu informieren. Nicht alle Bilder würden absichtlich tendenziös ausgewählt, so Esther Shapira, die Verwendung sei häufig "Ergebnis der Hektik des Alltags". Sie lobte in dem Zusammenhang die website www.memri.de, denn hier fänden sich Übersetzungen arabischer Texte, die nicht für den Westen, sondern für die arabische Bevölkerung gedacht seien, und auch differenzierte Stimmen aus der arabischen Welt.
Interesse an dem Film
Bleibt nachzutragen, dass der Film beim "Law and Society Festival" in Moskau kürzlich für die gute Recherche und die Förderung eines besseren Verständnisses des Terrorismusproblems ausgezeichnet wurde. Der Film wurde in 9 Länder - darunter Polen und Ägypten - und an verschiedene Sender verkauft, darunter Al Djasira. Israel hat dagegen kaum Interesse an dem Film gezeigt, er wurde nur ein einziges Mal im Rahmen eines Symposiums an der Hebrew University in Jerusalem gezeigt. Die Ereignisse und die antiisraelische Kampagne von damals sind den Israelis wohl eher unangenehm und man will sie nicht noch einmal in die Medien bringen, zumal der Film keine eindeutige Schuldzuweisung vornimmt. Bemerkenswert die Einschätzung der Referentin, dass die israelische Medienlandschaft in ihrer Mehrheit links eingestellt und deshalb eher an "Stoff" gegen die Regierung interessiert sei. (Fotos von Meggie Jahn) Mehr Infos:
|
|
nach oben
|