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David Witzthum sprach am 12. Dezember 2004 bei der DIG Berlin zum Thema "Die politische Kultur, die Medien und die öffentliche Meinung in Israel" Ein Bericht von Meggie Jahn

Pfarrer Dr. Matthias Loerbroks mit David Witztum und Meggie Jahn
Mit Unterstützung der Israelischen Botschaft konnte die DIG Berlin zum Jahresende 2004 noch einen prominenten Redner aus Israel präsentieren: Den Journalisten David Witztum. Trotz kurzfristiger Ankündigung fanden sich ca. 50 Gäste im Interreligiösen Zentrum der Jerusalemkirche ein, um den Chefredakteur und Moderator des 1. Israelischen Fernsehens zu hören. Die Teilnehmer der Israelreise von DIG Berlin und GCJZ hatten den "israelischen Uli Wickert" bereits im November auf ihrer Reise getroffen. Viele von ihnen waren auch an diesem Abend wieder dabei.
Witzthum, zwischen 1982 bis 1985 als Europa-Korrespondent des israelischen Rundfunks und Fernsehens in Bonn tätig, hatte trotz des deutschen Vaters erst in dieser Zeit sein ausgezeichnetes Deutsch gelernt. Tatsächlich hätten sich sein Vater und die russische Mutter in Israel zwar untereinander in Deutsch unterhalten, mit dem Sohn aber hebräisch geredet. Durch sein Interesse an den deutsch-israelischen Beziehungen und seinem Forschungsschwerpunkt "Politik und Medien" ist der Politologe und Historiker bis heute gern gesehener Gast bei Vortragsveranstaltungen und Seminaren in Deutschland. Erst im Mai veröffentlichte er in der Beilage zum Parlament einen Artikel zum Thema "Die israelisch-palästinensische Konfrontation und ihre Widerspiegelung in der öffentlichen Meinung Israels"; in Kürze folgt ein Buch zur Sicherheitsgefühl der Israelis angesichts des anhaltenden palästinensischen Terrors. Selten hatten wir Gelegenheit, nicht nur ein Bild von der gegenwärtigen Stimmungslage in Israel, sondern aus befugtem Munde auch einen Erfahrungsbericht über die Rolle der Medien im israelisch-palästinensischen Konflikt zu erhalten. Erfrischend war dabei die Offenheit des Referenten und die selbstkritische Haltung gegenüber der eigenen Tätigkeit. Im Gegensatz zu den europäischen Staaten, so Witztum, befänden sich die politischen Gruppierungen in Israel überwiegend in der politischen Mitte. Von dort aus wendeten sie sich nach links, etwa bei der Unterstützung eines palästinensischen Staates oder beim Thema Räumung der Siedlungen und Verhandlungen mit den Palästinensern, gleichzeitig aber nach rechts in Fragen der persönlichen und nationalen Sicherheit. Letzteres gelte auch für die Einstellung zum Terror, die Haltung zum Trennungszaun und seinem Verlauf sowie zu den militärischen Maßnahmen Israels in den besetzten Gebieten. So zeigten alle Umfragen, dass 60-70% der Israelis bereit seien, die Siedlungen zu räumen, zugleich sprächen sich aber 84% für den Trennungszaun bzw. die Mauer aus. Nur 20% der Israelis interessierten sich für den Verlauf der Mauer (auf der sog. grünen Linie oder auf palästinensischem Gebiet). 89% der Israelis meinten, die Maßnahmen gegenüber den Palästinensern seien nicht hart genug, nur 11% glaubten, diese seien bereits jetzt zu hart. Solche Ergebnisse machten keinen Sinn, so Witzthum, es sei denn, man erkenne, dass sich vor dem Hintergrund des seit dem Jahr 2000 anhaltenden palästinensischen Terrors eine "Solidarisierung" innerhalb der israelischen Gesellschaft vollzogen habe. Vor dem Hintergrund der Bedrohung fühle sich die israelische Gesellschaft in einer "totalen Verteidigungshaltung", so eine Hauptthese des Referenten.

David Witzthum mit Meggie Jahn, die den Abend moderierte.
Das Fernsehen habe in den letzten Jahren zunehmend an Bedeutung gewonnen, so seine Analyse. Die Medien in Israel (aber auch andernorts) spielten dabei eine zwiespältige Rolle: Einerseits kooperierten sie mit den globalen herrschenden Kreisen auf Grund ihrer institutionellen und kulturellen Nähe zu Eliten und ihren wirtschaftlichen Interessen. Andererseits seien sie Hauptschauplatz der Terrorereignisse selbst - von den explodierenden Zwillingstürmen in New York über Bilder des Grauens von Anschlägen in Israel und in der Welt, von Bali bis Istanbul und Madrid. Schlimmer noch: Sie dienten den Terroristen als Sprachrohr, so zum Beispiel mittels Kassetten von Osama Bin Laden und seiner Gefährten, oder durch Videobänder von Selbstmordattentätern der Hamas und der Fatah sowie Interviews mit ihren Anführern. Witzthum, selbst in jeder Nacht von Montag auf Dienstag zuständig für den "Anschlagsdienst" im 1. Israelischen Fernsehen, erläuterte dem Publikum, welcher Aufgabe sich die Redakteure bisweilen gegenüber sähen. Es verursache ihm manchmal Alpträume, dass er möglicherweise ad hoc über einen neuen Terroranschlag berichten müsse, nichts sei dabei vorgeplant oder einstudiert. Die Bilder und Kommentare hätten Einfluss auf die Menschen, die politische Kultur und das Lebensgefühl in Israel. In Form eines "religiösen Rituals" laufe vor den Augen des Publikums ein "Anschlagsmarathon" ab, der sich z.B. bei dem kürzlichen Sinai-Anschlag (Israelis waren betroffen) von 2.00 Uhr nachts bis 15.00 Uhr des nächsten Tages hingezogen habe. Die Zuhörer erwarteten von dem Moderator angesichts der schockierenden Bilder Mitleid, verlangten aber zugleich, dass er letztlich die Tagesroutine wieder herstelle. Als guter Journalist müsse er aber auch "eine Story" präsentieren. Bei der "kollektiven Bearbeitung" des Geschehens stünden nicht die Täter, sondern die Opfer bzw. eine bestimmte Opfergruppe im Mittelpunkt. Als Beispiele dafür nannte Witzthum den Anschlag auf das Dolphinarium in Tel Aviv, bei dem viele junge russische Neueinwanderer starben ("russischer Anschlag"), den Anschlag auf ein Hotel in Netanjia zu Pessach, bei dem auch Holocaust-Überlebende umgekommen waren ("Holocaust-Anschlag") oder auf das Restaurant Maxim in Haifa, bei dem jüdische und arabische Opfer zu beklagen waren ("Anschlag auf das Zusammenleben von Juden und Arabern"). Dadurch würde jeder Anschlag einzigartig. Er werde damit als Angriff auf die jüdische Seele, Religion und Geschichte verstanden, so Witzthum. Dieser "Anschlagsmarathon" führe aber nicht zu politischen Handlungen, die Politik rücke vielmehr "in weite Ferne", die persönliche Betroffenheit stehe im Vordergrund. Peace Now, die israelische Linke, sei in den Jahren 2001, 2002 und 2003 denn auch fast gänzlich verschwunden bzw. wirkungslos geblieben. Durch die tägliche Bedrohung sei das Volk zusammen gerückt und in Solidarität vereint. Ähnliches vollziehe sich natürlich auf palästinensischer Seite und im palästinensischen Fernsehen, so der Referent. Auch dort würden Bilder von den Opfern israelischer Gewalt gezeigt, Bilder von laut weinenden Angehörigen, das Einspielen dramatischer Musik und das Skandieren von Racheschwüren dienten der Trauerverarbeitung. Mit Hilfe der Medien werde die "die soziale Ordnung wieder hergestellt". Israelis wie Palästinenser fühlten sich "mehr und mehr allein als Opfer", was zu keiner Lösung des Konflikts führen könne. Dabei gebe es zwischen Israelis und Palästinensern auf verschiedenen Gebieten, vor allem in den niederen Rängen der Armee und bei den Sicherheitskommandeuren Kooperationen. Selbst die fundamentalistischen Organisationen Dschihad und Hamas sprächen sich gegen Anschläge außerhalb "Palästinas" aus. Al Quaida habe in Palästina nie Fuß fassen können; die Beziehungen zwischen Hamas und Hizbollah (Syrien) seien gespannt. Hamas und Dschihad erklärten deutlich, dass es ihnen nicht um die Durchsetzung fundamentalistischer Begehren, sondern um den nationalen Kampf gehe.
Witztum unterstrich, er glaube auch weiterhin an die Möglichkeit einer Zusammenarbeit zwischen Israelis und Palästinensern, Dahlan, Barghouti und Rajub - die kommende Führungsriege der Palästinenser - seien in israelischen Gefängnissen geschult worden (Sprache, Bildung). Man suche Macht, aber auch Ruhe, damit die Wirtschaft aufwärts gehen könne. Die Hoffnung auf Geschäfte mit Israel habe dazu geführt, dass sich z.B zwischen Gilo und Beitjalla, von wo früher auf Gilo geschossen wurde, die Lage inzwischen entspannt habe. Es gebe keinen "totalen Krieg" zwischen Israelis und Palästinensern, der Alltag gehe weiter. Hier wie dort warte man dringend auf "Signale von oben".

Ca. 50 Gäste hatten sich an dem Abend im Interkulturellen Zentrum der Jerusalemkirche eingefunden.
Für die Israelis stelle sich die Frage, wie ernst es Sharon nach der Ankündigung des Gaza-Rückzugplans mit der umfassenden Rückgabe von Siedlungen sei. Einige mutmaßten, dabei handele es sich um ein Täuschungsmanöver und eine Taktik, um auf die Rückgabe weiterer Gebiete in der Westbank verzichten zu können. Dieser Theorie hätten die Äußerungen des Sharon-Beraters Dov Weißglas vor einigen Monaten Nahrung gegeben. Finanzminister Ehud Olmert war deutlicher geworden und hatte den Siedlern in der Westbank angekündigt, der Rückzug aus Gaza sei "nur der Anfang" eines größeren Rückzugs. Den meisten Israelis gelte Sharon als "konzeptlos". Er wirke wie ein "Mann ohne Eigenschaften", orientiere sich nicht am Humanismus oder - wie Peres - an sozialdemokratischen Werten. Immerhin habe er aber trotz der Spannungen im Likud und mit der Siedlerlobby, so Witzthum, "keine Kompromisse gemacht". In der Knesset seien deshalb inzwischen alle Rechtsparteien inklusive der Hälfte seiner Partei gegen ihn. Am Tag der Abstimmung habe sich ein merkwürdiges Bild geboten: Selbst Vertreter von Peace Now hätten vor der Knesset für Sharon demonstriert und seinen Gaza-Abzugsplan demonstriert, auch wenn er sonst ihr größter Feind gewesen sei.
Auch die große Mehrheit der Israelis habe kein politisches Konzept, so Witzthum. Sie seien mehrheitlich für den Rückzug aus den Gebieten, aber politisch nicht aktiv. An Macht gewonnen habe die rechte Siedlerbewegung, die - ideologisch und an Waffen geschult - einen Bürgerkrieg herauf beschwören könne. Peres hätte diesen schon vor acht Jahren prophezeit: "Der schwierigste Kampf wird zwischen Israelis und Juden ausgetragen." Die Wahl Netanjahus zum neuen Ministerpräsidenten im Jahr 1996 war für ihn der Beweis, dass die Juden über die Israelis gesiegt hätten. Die Siedler verstünden sich als die sog. "Wächter von Eretz Israel", seien gut organisiert, gebildet, versuchten in der Armee, an religiösen Schulen und in der Wissenschaft immer mehr Einfluss zu nehmen. In ihrer Jugendbewegung "Noar Hagvaod" fänden sich zum Teil verstörte Idealisten, rechte und ehemalige linke. 5 bis 7 %, d.h. ca. 50 000 der inzwischen über 300 000 Siedler seien bereit, aktiven und bewaffneten Widerstand gegen die Räumung der Siedlungen zu leisten. Nicht übersehen werden dürfe aber auch, dass der Rückzug aus den 1967 eroberten Gebieten für alle Israelis schmerzhaft sei, viele von ihnen seien hier geboren worden und hätten sich jahrelang frei im Westjordanland bewegt.
Was die Bewertung des Sicherheitszauns bzw. die Mauer angeht, so sieht Witzthum darin eine Chance, was vom Ausland kaum verstanden würde. Da die Israelis seit Staatsgründung keine Grenzen, sondern nur Waffenstillstandslinien kennen, werde die Gründung eines Palästinenserstaates für die Israelis immer leichter vorstellbar. Der Oberste Gerichtshof in Israel sei mit seinen Forderungen zugunsten der Palästinenser noch weiter gegangen als der Europäische Gerichtshof. Der Verlauf sei deshalb schon mehrfach geändert worden. Jeder Israeli hatte bisher seine eigenen Vorstellungen von Grenzen. Im Ausland gründeten viele Israelis Kolonien und meinten, mit israelischem Essen und israelischen Gesängen andere begeistern zu können. Man fühle sich "total kosmopolitisch". Dem Armeedienst schließe sich oft eine Weltreise an. Nach Camp David habe Peres eine Wirtschaftskonferenz in Marokko angeregt, zu der die arabischen Länder 4-8 Leute einluden, während aus Israel sage und schreibe 200 Leute angereist seien, die Konferenz wurde darauf hin abgebrochen. Seit dem Bau der Mauer habe sich dieses Denken verändert. Das erste Mal in der Geschichte Israels gebe es eine "physische Grenze", die hoffentlich am Ende dem Verlauf der "grünen Linie" folge, so Witzthum. Erst wenn die Mauer vollendet sei, so Witzthum, könne es eine israelische Identität geben, bei der ethnische, religiöse und kulturelle Unterschiede in der Gesellschaft keine Rolle mehr spiele.
Diskussion:
Vor dem Hintergrund des Gesagten interessierte das Publikum insbesondere der Berufsethos des Journalisten, welchen Einfluss die Medien im Friedensprozess übernehmen könnten und warum in Israel nicht mehr über Friedensprojekte wie das Beispiel der jüngst besuchten "Hand-in-Hand-Schule" in Jerusalem berichteten. Witzthum machte keinen Hehl daraus, dass die Medien und damit auch die Journalisten eine zwiespältige Rolle hätten. Denn sie seien auch "Werkzeuge des Terrors", die Täter spekulierten auf eine ausführliche Berichterstattung über ihre Verbrechen. Al Quaida mache mit den Videos von Enthauptungen ihrer Opfer bewusst Politik. Man befinde sich hier in einem Teufelskreis, da sie zugleich der Aufklärung und der Zurückhaltung verpflichtet seien. In den israelischen Medien würden keine Leichen, sondern nur persönliche Gegenstände wie ein Schuh, eine Puppe oder ein Schulranzen gezeigt, an Hand derer die menschliche Tragödie dahinter ebenso sichtbar werde. Der Einfluss der Medien auf den Friedensprozess sei nur gering, da die Verhandlungen selbst meist hinter verschlossenen Türen stattfänden, die Politiker suchten aber zunehmend Medienexperten als Berater bzw. Redenschreiber (Meir Shalev, Journalist und Schriftsteller habe beispielsweise Reden für Peres geschrieben). Die Kontakte zwischen israelischen und palästinensischen Journalisten seien gut. Letztere hätten inzwischen erkannt, dass es wenig Sinn mache, Lügen über Israel zu schreiben. In Israel gebe es ein breites Spektrum von ganz links (z.B. Amira Hass und Gideon Levi von Haaretz) bis ganz rechts. In den palästinensischen Gebieten dagegen sei es schwer, pro Israel zu schreiben, doch gebe es inzwischen auch hier vereinzelt Stimmen von "Verweigerern". Dass in den Medien nur wenig über linke Friedensinitiativen berichtet werde, läge an der allgemeinen resignativen Stimmung im Land, da bei derartigen Berichten zu leicht der Vorwurf der "Kollaboration" mit dem Gegner erhoben werde. ____ David Witzthum, geboren 1948 in Petach Tikva (Israel), studierte Politikwissenschaft, Philosophie und Geschichte an der Hebräischen Universität Jerusalem, am College d'Europe in Brügge, Belgien, und an der Oxford University in Großbritannien. Er war mehrere Jahre Chefredakteur für Auslandsberichterstattung im israelischen Rundfunk und Fernsehen. Zwischen 1982 und 1985 arbeitete er als Deutschland- und Europakorrespondent für den israelischen Rundfunk und das israelische Fernsehen in Bonn. Seit 1993 ist Witzthum Moderator und Chefredakteur im 1. Israelischen Fernsehen. Er moderiert dort verschiedene Nachrichten- und Kulturmagazine. Seit 1994 lehrt er als Dozent an der Universität in Tel Aviv (Politikwissenschaft) und an der Hebräischen Universität Jerusalem (Deutsche Geschichte und Kommunikation).
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