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Am 22. Januar 2007 lud die Freie Universität Berlin (FU) zur Präsentation des Visual History Archive von
Stephen Spielberg ein

Bericht von Meggie Jahn, Fotos von Meggie Jahn und Friedrich W. Zimmermann





Dr. Apostolopoulos bei der Begrüßung im Seminarraum der FU


Rund 65 Gäste fanden am 22. Januar auf Einladung der Freien Universität und der DIG Berlin in die Habelschwerder Allee, um mehr über das seit November 2006 erstmals an einer deutschen Universität verfügbare digitale Archiv der Shoah-Foundation von Stephen Spielberg zu erfahren, inzwischen eingegangen in das von Spielberg angeregte "Shoah Foundation Institute for Visual History and Education“ an der University of Southern California von der University (USC).


Prof. Dr. Werner Väth, Vizekanzler der Universität, spannte in seinem Grußwort einen weiten Bogen von der US-amerikanischen Unterstützung bei der Gründung der Universität bis zur Bereitschaft der USC, der FU Berlin als erster außeramerikanischer Universität durch einen Lizenzvertrag Zugang zu ihrem Archiv zu verschaffen. "Das Kollegium war erstaunt und erfreut", so Väth, „wie groß das Interesse von Seiten der Öffentlichkeit, der Medien, von Politik und Schulen war“. Die heutige Veranstaltung sei die erste dieser Art nach der offiziellen Vorstellung des Archivs am 4. Dezember. Selbst das italienische Fernsehen habe sich dafür interessiert.




Prof. Dr. Werner Väth, Vizekanzler der FU Berlin, sprach ein Grußwort zu den Gästen


Jochen Feilcke schilderte in seiner Einführung den großen Eindruck, den der Eröffnungsabend bei ihm hinterlassen hatte. Noch am selben Abend habe er mit Dr. Nicolas Apostolopoulos, dem Leiter des "Centers für digitale Systeme" an der FU einen Termin für die DIG Berlin ins Auge gefaßt. Er dankte den Organisatoren für die schnelle Umsetzung seines Anliegens in die Realität. Der Abend sei von Anfang an bei den Mitgliedern der DIG auf großes Interesse gestoßen, am Ende habe man ca. 40 Interessenten aus Platzgründen absagen müssen. Wünschenswert sei deshalb ein zweiter Abend dieser Art.





Jochen Feilcke bei seiner Einführung



Dr. Nicolas Apostolopolousbrachte seine Freude darüber zum Ausdruck, dass die DIG ein solches Interesse an dem Archiv zeige. Zum Jahreswechsel habe man bereits zwei Workshops angeboten und seit Januar häuften sich die Kooperationsanfragen von Schulen und Universitäten. Als vorrangiges Ziel nannte er, durch die Transkription der Interviews soziale Netzwerke zu schaffen, d.h. eine Vernetzung mit Gedenkstätten, Museen, Bibliotheken, Universitäten und Schulen zu schaffen. Dr. Apostolopolous bedankte sich ausdrücklich bei seinem Team, Michael Baur, Wolfram Lippert, Verena Lucia Nägel und Dr. Doris Tausendfreund für ihren unglaublichen Einsatz in den letzten Monaten. Mit dem Projekt wolle das Center für Digitale Systeme (CeDiS) an der FU Berlin der jetzigen und künftigen Generation(en) alle Möglichkeiten einer multimedialen Anwendung des Visual History Archive in Lehre, Ausbildung und Forschung anbieten.

 

Letztere präsentierten uns im Anschluss in einer Power-Point-Präsentation Entstehung und Nutzungsmöglichkeiten des "weltweit größte Video-Archiv mit seinen umfangreichen Recherchemöglichkeiten“.

 




Dr. Doris Tausendfreund glänzte trotz unauffindbaren Vortragskonzepts mit einer kurzweiligen Vorstellung des Projekts.




Mit dem Beamer unterstützt wurde Dr. Doris Tausendfreund von ihrer Kollegin Verena Lucia Nägel (links)



Spielberg hatte in den Jahren 1995 bis 1999 von ausgewählten Interviewern ca. 52 000 Interviews in verschiedenen Ländern der Welt durchführen lassen, die durchschnittlich 2,5 Stunden dauerten, das längste dauere 17 Stunden. Das Archiv sei insgesamt 127 000 Stunden lang, 51 000 Interviews seien bereits dokumentiert. Darin schildern sie ihr Leben vor, während und nach dem Holocaust/2. Weltkrieg. Befragt worden seien 49 000 jüdische Überlebende, 1 100 Retter und Helfer, 400 Sinti und Roma („Gypsies), 360 Befreier und Zeugen, 260 Politische Häftlinge, 80 Zeugen Jehovas, 70 Teilnehmer an Kriegsverbrecherprozessen, 13 Überlebende der Euthanasieprogramme und 8 überlebende Homosexuelle.

Die FU interessierte sich insbesondere für Befragungen in Deutschland. Die meisten Befragungen seien in Berlin (154), in Hessen (150), in NRW (94) und in Bayern (93) durchgeführt worden, bedauerlich sei, dass gerade in den neuen Bundesländern nur wenige Interviews gemacht worden seien (19 in Thüringen, 11. in Sachsen, eines in Sachsen-Anhalt) und kein einziges in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Da die Interviews biografische, historische, kulturell-soziale und emotionale Aspekte berücksichtigten, seien sie in vielerlei Hinsicht wertvoll für Bildungs- und Forschungszwecke, die bei der Erstellung und Bewahrung des Visual History Archives im Mittelpunkt stünden.

Ehe die FU Berlin eine Kooperationsvereinbarung mit dem Shoah-Institut an der University of Southern California geschlossen hatte, verfügten nur vier amerikanische Universitäten (University of Michigan, Yale University, University of Southern California und Rice University) über den vollen Zugang zu der unglaublich wertvollen Quelle.

 

Nachdem die Interview-Phase abgeschlossen war, habe sich die Shoah-Foundation um eine „Indexierung“ über einminütige Segmente der Interviews und eine „Verschlagwortung“ einzelner Sentenzen bemüht. Der dafür verwendete Thesaurus umfasse ca. 50 000 geografische und inhaltlich verknüpfte Begriffe.


Diskussion:



In der anschließenden Diskussion wurde die Frage gestellt, warum die Interviews im Jahr 1999 abgebrochen wurden, obwohl sicher auch heute noch Zeitzeugen verfügbar seien. Gefragt wurde auch, ob die Interviewer ausreichend geschult und die Interviewten psychologisch betreut worden seien. Von Interesse war auch, ob die Interviews in irgendeiner Weise später bearbeitet oder den Interviewten die Möglichkeit eingeräumt worden sei, ihre Aussagen später zu ändern bzw. zurückzuziehen. Eine weitere Anfrage bezog sich darauf, ob es zu Missbrauch des Archivs beispielsweise von Neonazis kommen könne.

Dr. Apostolopolous räumte ein, dass die Aufzeichnung weiterer Interviews wünschenswert wäre, doch habe Spielberg das zeitlich begrenzte Projekt bereits 150 Mio. Dollar gekostet. Nun wolle er „mal wieder Filme produzieren“. Hier müsse wohl ein zweiter Spielberg her", so eine Stimme aus dem Publikum. Die Interviewer seien weitestgehend auf ihre Aufgabe vorbereitet, manche aber auch abgelehnt worden. In der Tat sei aber nicht von Anfang eine psychologische Betreuung von Interviewten, aber auch Interviewern vorgesehen gewesen.Sie sei aber später eingeführt worden. Die Interviews seien bewusst nicht redigiert worden, könnten aber vom Urheber jederzeit zurückgezogen werden, so Apostolopoulos. Auch sei es zu einigen zweifelhaften Anfragen gekommen, denen aber nicht entsprochen worden sei, so der CeDis-Leiter. Wer mit dem Archiv arbeiten wolle, müsse sich über die Universität anmelden, um Mißbrauch vorzubeugen. Während man selbst um Authentizität der Interviews bemüht sei, versuchten Rechtsextreme gerade diese Objektivität für ihre dunklen Zwecke zu nutzen. Selbstverständlich könne keine Garantie gegeben werden, doch müsse jeder ein wissenschaftliches, aber auch persönliches Interesse an dem Datenmaterial glaubhaft machen. Die Befragten seien sich des Risikos aber bewusst gewesen und hätten dennoch mit gemacht.



Jochen Feilcke und Judith Schwieder (hinter ihm rechts) beteiligten sich an der Diskussion.


Da die FU Berlin in den letzten Monaten die Kosten für das Projekt selbst tragen mußte und mit kleinem Personalbestand arbeite, bitte er um Verständnis, dass ein weiterer Vortragsabend augenblicklich ihre Kapazitäten überschreite. Zur Zeit bemühte sich das Alumni-Büro der FU in New York, die „Friends of Freie Universität“, das auch den ersten Kontakt zur Shoah-Foundation hergestellt hatte, um Fund-Raising für die weitere Arbeit mit dem Visual History Archive an der FU in Deutschland.




Zum Abschluss des Abends brachte Dr. Apostolopolous nochmals seine große Freude über das Interesse am Visual History Archive zum Ausdruck und bot an, auch den Mitgliedern der DIG auf Nachfrage Zugang zum Archiv zu verschaffen.


Auch dankt er seinem Team für die hervorragende Arbeit und ihren überdurchschnittlichen Einsatz. V.l.: V.l.: Katja Egli (Öffentlichkeitsarbeit), Michael Baur (Systemmanagement), Dr. Apolopolopous (Projektleitung), Verena Nägel (Wissenschaftliche Betreuung), Dr. Doris Tausendfreund (Wissenschaftliche Betreuung) und Wolfram Lippert (Projektmanagement).


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