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DER TAG, AN DEM ICH INS PARADIES WOLLTE - Der Weg einer lebenden Bombe Filmvorführung und Diskussion mit Esther Schapira am 16. Januar 2006 im Centrum Judaicum Ein Bericht von Meggie Jahn

Aus dem Dokumentarfilm von Esther Schapira. Mehr ..
Der Film- und Diskussionsabend mit Esther Schapira, Redakteurin für Politik und Gesellschaft sowie Ressortleiterin Zeitgeschichte beim Hessischen Rundfunk, im Centrum Judaicum bildete den Auftakt des DIG-Jahresprogramms 2006. Die Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit fungierte erneut als Mitveranstalter. 2003 war Esther Schapira schon einmal auf unsere Einladung zu Gast im Centrum Judaicum gewesen.
Die Veranstaltung hatte ihre Vorgeschichte: Ende September 2005 war der Film „Paradise Now“ des im Exil lebenden Palästinensers Hany Abu-Assad über zwei Selbstmordattentäter in deutschen Kinos angelaufen, der nicht nur den Europäischen Filmpreis, sondern auch den Amnesty-International-Menschenrechtspreis gewonnen hatte und inzwischen mit dem Golden Globe ausgezeichnet wurde.
Bei aller verständlichen unterschiedlichen Bewertung der politischen und filmischen Qualität des Films hatte vor allem das von der Bundeszentrale für politische Bildung herausgegebene Begleitheft Protest ausgelöst, da es zur Behandlung des Themas im Schulunterricht dienen sollte. Sowohl der Vorstand der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit, als auch der Präsident der DIG, Prof. Manfred Lahnstein, hatten sich deshalb mit der Bitte an den Präsidenten der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, gewandt, das Begleitheft für Multiplikatoren zurückzuziehen. Als Begründung wurde unter anderem genannt, dass wesentliche Fakten wie das weitreichende Angebot von Ehud Barak bzw. Präsident Clinton an Palästinenserpräsident Arafat in Camp David im Jahr 2000 verschwiegen, der Grund für den Ausbruch der intifada auf den Besuch von Ariel Scharon auf dem Tempelberg reduziert werde, obwohl inzwischen bekannt sei, dass die palästinensische Seite bereits zuvor (nach dem Rückzug der Israelis aus dem Libanon) fest dazu entschlossen gewesen seien, wieder auf das Mittel des Terrors zu setzen und dass das Begleitheft einseitig auf die palästinensische Perspektive verengt bleibe.
Am 7. November 2005 waren Film und Begleitheft Gegenstand unseren „Runden Tisches“. Dort kam der Vorschlag, den im Rahmen des Jugendforums bereits gezeigten Film von Esther Schapira „Der Tag, an dem ich ins Paradies wollte - Der Weg einer lebenden Bombe“, der bereits in verschiedenen Fernsehsendern gelaufen war, zu zeigen und die Filmemacherin Esther Schapira dazu einzuladen. Wenn "Paradise Now" schon an deutschen Schulen gezeigt und diskutiert werde, so unser Wunsch, dann sollte auch dieser Film als als sehenswerte Alternative bekannt gemacht und damit eine Diskussion über Sinn und Unsinn von Selbstmordattentaten, aber auch den israelisch-palästinensischen Konflikt im Allgemeinen angestoßen werden.

Esther Schapira mit Maya Zehden
Maya Zehden moderierte den Abend und ergänzte die einführenden Worte der Verfasserin insofern, als für sie persönlich bei der Kritik an "Paradise Now" nicht die fehlende Erwähnung der politischen Ereignisse entscheidend gewesen sei, sondern „dass emotional so viel fehlte“. Dem Publikum werde beispielsweise nicht klar, warum Said die Bombe letztlich gezündet habe. Auch zeige der Film am Ende weder den Selbstmordanschlag, noch das Leid der Opfer, vielmehr starre man auf einen weißen Bildschirm, der alles bedeuten könne.
Der 60minütige Dokumentarfilm von Esther Schapira dagegen zeichnet den Weg des 16jährigen Palästinensers Mohammed nach, der dazu auserwählt wurde, am 2. August 2001 zur lebenden Bombe zu werden. Schapira befragt den jungen Attentäter nach seinen Beweggründen, der von einem mutigen israelischen Busfahrer an der Verwirklichung seines Vorhabens und damit der Ermordung von 52 Israelis gehindert wurde, spricht mit dessen Familie und widerlegt die Mär von verzweifelten Lebensumständen als Begründung für Selbstmordanschläge.
Zur Vorgeschichte des Fernsehfilms ergänzte die Autorin: Auslöser für ihren Film sei die Frage gewesen, wie junge Menschen im Alter von Mohammed - nicht älter als 16 - zu Selbstmordattentätern werden könnten. Ihr Film sei völlig unabhängig von "Paradise Now" entstanden. Er unterscheide sich von diesem durch Authentizität, während "Paradise Now" nur vorgebe, dokumentarisch zu sein, in Wahrheit die Realität aber verfälsche. Auch wenn der Film „interessante Passagen“ enthalte, die auch palästinensische Selbstkritik einschließe, sofern es um die Wahl der Mittel zur Erreichung ihres Zieles ginge, fänden sich doch mehrheitlich „Agit-Prop-Elemente“ in dem Film. In Ramallah, wo der Film bereits gezeigt wurde, sei der Film durchaus kritisch diskutiert worden. Dass der Film aber nicht für ein palästinensisches, sondern für ein deutsches und europäisches Publikum gemacht worden sei, zeige ihr die Tatsache, dass in der als Videobotschaft aufgezeichneten Abschiedsrede eines Selbstmordattentäters von „Israel“ die Rede sei und die Bereitschaft zu einer Kompromißlösung mit Israel angedeutet werde, obwohl die Hamas den Namen "Israel" nie in den Mund nehme und stattdessen von einem „zionistischen Gebilde“ bzw. der „Befreiung von ganz Palästina“ rede. Insofern sei in Europa in Wahrheit "die politische Botschaft des Films" durch zahlreiche Preise "bejubelt“ worden. Ihrer Meinung nach habe Hany Abu-Assad zuvor viel bessere Filme produziert, dieser zeige die Palästinenser eher aus der Sicht „kolonialer Herablassung“, was "den Palästinensern als dem am besten gebildeten Volk in der gesamten arabischen Welt" nicht angemessen sei. Der Film bleibe mit seinen Botschaften weit hinter der innerpalästinensischen Diskussion zurück. Warum Said letztlich zum Selbstmordattentäter werde, sei nicht Thema des Films, vielmehr habe man den Eindruck, er handle "in Hypnose".

Fast 100 Gäste hatten ins Centrum Judaicum gefunden, vorne: Meggie Jahn beim Mitschreiben für diesen Bericht.
Laut Esther Schapira hat die Erfahrung von Gewalt in der 2. Intifada die Menschen in den palästinensischen Gebieten verroht. Mohammed habe einen seiner Cousins bei einer gezielten Tötung der Israelis verloren, da er einer terroristischen Gruppe angehört hatte. Dass es aber bis heute im palästinensischen Fernsehen und Radio auch antijüdische Propaganda gibt und in den von Europa mitfinanzierten Schulbüchern Israel nicht auftauche, werde bewußt verschwiegen. Bis vor kurzem sei der arabische Sender "Al Manar" mit islamistischer Propaganda noch in Frankreich zu empfangen gewesen. Mit der totalitären Ideologie des radikalen Islamismus betreibe man „Kindesmißbrauch“, so Shapira, indem man sie in den Tod schicke. Die Freitagspredigten fänden auch heute noch statt, daran habe sich nichts geändert seit den Dreharbeiten zu vorletzten Film „Wer erschoss Mohammed al Dura“. Seine Geschichte werde bis heute für propagandistische Zwecke genutzt, obwohl sie nachgewiesen habe, dass er wahrscheinlich nicht von Israelis, sondern im Schusswechsel von Palästinensern erschossen worden war. Ein Grund für die Verführung Jugendlicher zu Selbstmordattentaten liege auch in der sexuellen Repression ihrer Umgebung. Ein Rekrutierungselement sei die Verlockung, im Paradies von Jungfrauen verwöhnt zu werden. Die Versprechungen seien deshalb "nicht nur eine abstrakte Idee", die Illusion auf sexuelle Erfüllung werde von den Verführern genährt und instrumentalisiert.
Mit ihrem Film, so Schapira, wolle sie zeigen, dass es Begegnungen zwischen Israelis und Palästinensern gebe, so habe der Vater von Mohammed für einen Israeli gearbeitet, sei sogar mit ihm befreundet gewesen. Er habe die Kinder beider Familien zusammen gebracht und zeigte sich deshalb entsetzt über das Verhalten seines Sohnes, sicher auch deshalb, da dieser nicht dem Wort des Vaters, sondern anderer Lehrer gefolgt war – eine "Kränkung der Patriarchenehre", so Schapira. Sie habe mit ihrem Dokumentarfilm versucht, alle Seiten differenziert darzustellen, so nicht nur den Selbstmordattentäter und dessen Familie, sondern auch die Ängste, Hoffnungen und Gefühle des Busfahrers und seiner Familie. Darin verflochten ist auch die Geschichte einer jungen Israelin, die einem Selbstmordattentat in einer Disko zum Opfer gefallen war. Ihre Eltern können bis heute den Tod der Tochter nicht verkraften, womit der Irrsinn des Terrors besonders deutlich wird. Ebenfalls in die Handlung verwoben waren Interwies mit arabischen Israelis, die Selbstmordanschläge überlebt hatten und keinerlei Verständnis dafür aufbrachten.
Diskussion:

Esther Schapira mit Amit Gilad, Israelische Botschaft, der erläuterte, warum Mohammed von einem Militär- und keinem Zivilgericht verurteilt wurde.
- Überrascht waren die Zuschauer von den Bildern aus dem israelischen Gefängnis, wo das Interview mit Mohammed gemacht wurde. Auch sie sei erstaunt gewesen über die Improvisation und Offenheit im Militärgefängnis, so Esther Schapira. Als Ort für das Interview mit Mohammed sei nach langem Suchen die Waschküche bestimmt worden, wo sicher keine Wanzen angebracht worden waren; auch seien sie mit dem Filmteam in die Zelle gelassen worden, wo die Gefangenen mit ähnlichen Vorgeschichten eng zusammen lebten, fast wie in einer studentischen Wohngemeinschaft. Sie durften selbst kochen, miteinander diskutieren. Die Interview-Atmosphäre sei entspannt und unproblematisch gewesen. Den Übersetzer habe sie selbst mit gebracht. Früher sei es auch möglich gewesen für junge Straftäter, im Gefängnis Abitur zu machen, heute sei das schwieriger, weil kaum noch palästinensische Lehrer gefunden werden könnten, die bereit seien, in Gefängnisse zu gehen. Amit Gilad, Pressesprecher der israelischen Botschaft, wies darauf hin, dass dies heute wieder häufiger passiere.
- Überrascht war das Publikum auch über die Offenheit der palästinensischen Eltern, beide hätten sehr deutlich gesagt, dass sie Selbstmordattentate schon aus Gründen des Glaubens ablehnten, da sie gegen den Koran verstießen. Der ältere Bruder dagegen sei ihnen gegenüber feindlich eingestellt gewesen und habe ein Interview mit den Eltern abgelehnt. Er zeigte Verständnis für die verhinderte Tat des Bruders.
- Von Interesse war auch, welche Folgen verhinderten Selbstmordattentätern in der eigenen Gemeinschaft drohten. Es werde als „Wille Gottes“ akzeptiert, so Schapira, wenn ein Attentat misslinge. Insofern drohten den Terroristen keine Folgen. Das Paradies folge dann eben später und ihre Eltern dürften sie gleich mitnehmen.
Mohammed habe sich ihr gegenüber nie ganz geöffnet, so habe er seine Tat offiziell nie bereut, doch seine Anwältin Lea Zemel machte in dem Film deutlich, dass er ganz sicher erleichtert sei, noch zu leben.
Am Ende des Abends bot Esther Schapira interessierten Lehrern, aber auch anderen Interessenten an, ihnen den Film auf Wunsch als DVD zuzuschicken, sofern Interesse bestehe, den Film zu zeigen. Sie habe bereits gute Erfahrungen gemacht, zum Beispiel in einer Schulklasse mit jungen Musliminnen; die positiv reagiert hätten. Eine wichtige Erfahrung für sie sei gewesen, dass Israelis hier nicht als "Monster" - also Besatzer und Soldaten -, sondern als Menschen gezeigt würden. Maya Zehden zeigte sich stellvertretend für uns alle tief beeindruckt von dem Film und empfahl dem Publikum, unbedingt auf das Angebot von Frau Schapira einzugehen. Der Kontakt kann über uns hergestellt werden.

Gerlinde Gerber (Jugendforum), Meggie Jahn, Esther Schapira und Maya Zehden freuen sich über einen gelungenen Abend.
Mehr Infos zum Film:
"Der Schrei nach Liebe" - Ein ausführlicher Bericht von Martin Schneider über den Abend mit Esther Schapira im Centrum Judaicum.
Mehr Infos zur Diskussion um "Paradise Now" (s. unter frühere Termine, Runder Tisch am 7.11.06):
Lesen Sie hier einen Kommentar von Clemens Wergin im "Tagesspiegel" vom 13.10.2005. Anmerkungen von Clemens Wergin zu einem Diskussionsabend der Heinrich-Böll-Stiftung zum Thema "Paradise Now". Auf der Seite finden sich auch weitere interessante Kommentare.
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