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Diskussion nach dem Vortrag von Dr. Jochen Müller:



An die 100 Gäste hatten in die Hanns-Seidel-Stiftung nach Berlin-Schöneweide gefunden.
Im Hintergrund: U.F. Krüger, DIG-Vorstandsmitglied



Die Fragen aus dem Publikum bezogen sich u.a. auf die Haltung zu den USA in der arabischen Welt, die Bewertung der gegenwärtigen israelischen Politik, das Deutschlandbild in den arabischen Medien und auf die Rolle des Islamismus.

Das Verhältnis zu den USA sei sehr ambivalent, so Müller. Tatsache sei, dass zwar häufig lauthals gegen die Vereinigten Staaten agitiert werde, gerade unter jungen Leuten aber sei der Wunsch groß, in den USA zu studieren oder sogar dorthin auszuwandern. Das Land habe für die Araber „eine große Faszination“. Sicher hätten der Irak-Krieg und zuletzt vor allem die Folterungen in Abu Greib verschärfend auf die antiamerikanische Propaganda gewirkt, dennoch habe das Land selbst an Ansehen nicht verloren.

Zur israelischen Politik meinte Müller, dass er vor dem Hintergrund von Geschichte und Gegenwart großes Verständnis für das ausgeprägte Sicherheitsbedürfnis der Israelis habe. Dieses würde gerade in Deutschland häufig übersehen. Dennoch sei das Vorgehen in den palästinensischen Gebieten in einzelnen Punkten zu Recht umstritten und nicht immer angemessen - sofern das von hier aus überhaupt zu beurteilen sei. Grundsätzlich, so Müller, führe es aber seiner Meinung nach nicht weiter, wenn die palästinensische wie die israelische Seite fortwährend mit dem Finger auf die jeweils andere zeige. Vielmehr seien auf beiden Seiten tiefgreifende innergesellschaftliche Auseinandersetzungen erforderlich, in denen jede Seite für sich zu klären habe, welche Kompromisse sie für einen Frieden eingehen wolle. Als Beispiele dafür nannte Müller das palästinensische Rückkehrdogma und die israelische Siedlungspolitik. Beide Gesellschaften stünden hier vor Zerreißproben. Trotz einer Reihe umstrittener Punkte halte er die sog. Genfer Initiative in dieser Hinsicht für einen "guten Ansatzpunkt".


Zum Deutschlandbild in der Region meinte Müller, die ablehnende und kritische Haltung Deutschlands, aber auch Frankreichs zum Irak-Krieg sei in den arabischen Medien begrüßt worden. Ähnliches wiederhole sich jetzt vor dem Hintergrund der US-Initiative für einen "Greater Middle East". Diese werde schon deshalb stark kritisiert, weil die arabische Seite gar nicht dazu befragt worden sei. Die EU dagegen gelte vielen als Vorbild für eine arabische Vereinigung.


Der radikale Islamismus, so Müller, habe sicher eine neue Dimension in die Entwicklung der Region gebracht. Seiner Medienanalyse zufolge sei aber z.B. die oft durchklingende "klammheimliche Freude" über den Anschlag vom 11.9.2001 in der Regel nicht gleichzusetzen mit Sympathien für Bin Laden oder den radikalen Islamismus. Vielmehr beschränke sich die Bewunderung für Bin Laden darauf, dass dieser es "den Großen dieser Welt" endlich einmal gegeben habe. Vor diesem Hintergrund betrache er den terroristischen Islamismus in weiten Teilen als "radikalste Zuspitzung der Ideologien des arabischen Nationalismus". Zustimmung erhalte dieser für seine Demonstration der eigenen Stärke und nicht für traditionalistische islamistische Positionen etwa zur Rolle der Frau in der Gesellschaft.


Vor dem gleichen Hintergrund halte er jene Anteile im Antisemitismus von Muslimen, die sich auf religiöse Quellen bezögen, für nicht bedeutend, so der Referent. Wie in Europa oder Deutschland spiele der traditionelle oder religiöse Antisemitismus im Vergleich zu den modernen Charakteristika antisemitischer Ideologie eine untergeordnete Rolle. In diesem Zusammenhang verwies Müller noch einmal auf seine Hauptthese von der Gemeinschaftsideologie des arabischen Nationalismus als Hauptquelle des aktuellen Feindbilddenkens in den Gesellschaften des Mittleren Ostens.

Im Anschluss an den Vortrag lud die Hanns-Seidel-Stiftung - wie gewohnt - zu einem kleinen Imbiß in den hauseigenen Weinkeller ein, wo die Gespräche fortgesetzt wurden. An dieser Stelle bedanken wir uns nicht nur bei dem Referenten für einen wirklich anregenden Vortrag, sondern auch bei der Dr. Rainer Glagow und der Hanns-Seidel-Stiftung für die erneut bewiesene große Gastfreundschaft.


Wir danken Dr. Jochen Müller für die freundliche Überarbeitung dieses Textes.

Einige Schnappschüsse vom Empfang im Weinkeller der Hanns-Seidel-Stiftung:



Dr Jochen Müller, Steffen Hagemann, Meggie Jahn



Müller im lebhaften Gespräch mit DIG-Mitgliedern.



Müller mit Bernhard Krane, Vizevorsitzender
der DIG Berlin



Amit Gilad, Pressesprecher der Israelischen Botschaft,
mit Dr. Rainer Glagow

Mehr Infos:

Memri bietet übersetztes arabisches Fernsehmaterial im Internet an

  • Unter www.memriTV.org sind jetzt täglich neue Sequenzen aus Programmen der wichtigsten Fernsehsender im arabischen und iranischen Raum zu sehen und zu hören. Die Passagen aus politischen Magazinen, Predigten oder Expertenrunden sind englisch untertitelt. Wie im Bereich der arabischen Printmedien legt www.memri.de auch im TV-Monitoring den Schwerpunkt auf die Wiedergabe von liberalen und moderaten Stimmen auf der einen und radikalen Positionen auf der anderen Seite. Für Fernsehjournalisten stellt www.memri.de Bildmaterial auch ohne Untertitel und in sendefähiger Qualität zur Verfügung. Für weitere Informationen: memritv@memri.org oder memri@memri.de. (Newsletter der israelischen Botschaft vom 23.08.2004)
  • Lesen Sie unter dem Titel DIE RÜCKKEHR DER WEISEN VON ZION einen Artikel im TAGESSPIEGEL vom 14.10.2004 von Jochen Müller, dem sich die arabische Welt auf der Frankfurter Buchmesse 2004 "auch antisemitisch" zeigte: Die Juden sind die Mörder der Propheten und der größte Feind der Menschheit." Oder: "Die Religion der Juden fordert die Vernichtung aller anderen Völker." Derlei Behauptungen erfüllen nach deutschem Recht den Tatbestand der Volksverhetzung und sollten strafrechtlich verfolgt werden. Nicht so in Frankfurt: Dort wurden der Öffentlichkeit während der Buchmesse gleich eine ganze Reihe Bücher mit diesen und anderen antisemitischen Inhalten präsentiert – und zwar unter dem Dach der weltweit größten Bücherschau.

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