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Dr. Jochen Müller am 14. Juni 2004 bei der Hanns-Seidel-Stiftung zum Thema Feindbild Israel? Die Rolle der arabischen Medien im Nahost-Konflikt Ein Bericht von Meggie Jahn

Dr. Rainer Glagow bei der Begrüßung in der Hanns-Seidel-Stiftung, Mitte: Dr. Jochen Müller, rechts: Jochen Feilcke
Im Rahmen der gemeinsamen Reihe Islam und Israel der DIG Berlin mit der Hanns-Seidel-Stiftung konnten dessen Leiter, Dr. Rainer Glagow, der im März 2004 die Reihe eröffnet hatte, und der Vorsitzende der DIG Berlin, Jochen Feilcke, am 14. Juni 2004 vor ca. 100 Gästen den Direktor des Berliner Büros von MEMRI, Dr. Jochen Müller in Berlin-Schöneweide begrüßen.
Seit Gründung des Middle East Media Research Institutes (MEMRI) im Jahr 1998 stellen Sprachbarrieren kein prinzipielles Hindernis mehr dar. Das Institut sammelt, übersetzt und analysiert Originalstimmen aus arabischen und iranischen Medien und stellt auf seiner Website www.memri.de das Material kostenlos zur Verfügung. Grund genug, den Islamwissenschaftler und Direktor von MEMRI Berlin, Dr. Jochen Müller, einzuladen, die Arbeit des Instituts vorzustellen und über die "Die Rolle der arabischen Medien im Nahost-Konflikt“ referieren zu lassen. Folgt man seiner Analyse, kann zwar weitgehend einheitlich von einem "Feindbild Israel" in den arabischen Medien gesprochen werden, doch gebe es auch verhalten selbstkritische, ja konstruktive Stimmen, die nach eigenen Anstrengungen der arabischen Welt und der Palästinensischen Autonomiebehörde riefen, Demokratie und Rechtsstaatlichkeit voran zu bringen.
Dr. Rainer Glagow erinnerte in seiner Einführung an seine 6-jährige Beobachtung der ägyptischen Presse in den Jahren 1979-1985, die ein äußerst einseitiges Bild von Israel, den Juden und des Verantwortlichen im Nahost-Konflikt gezeichnet hatte. Besonders dringlich erscheine ihm dabei die Überarbeitung der Schulbücher, die bis heute nicht stattgefunden habe. Vergleichbar ähnlichen bilateralen Schulbuchkommissionen (s. Georg-Eckert-Institut Braunschweig) forderte er denn auch eine israelisch-ägyptische Schulbuchkommission zur Aufarbeitung der gegenseitigen Images. (Hier sei darauf hingewiesen, dass über das Institut bereits eine israelisch-palästinensische Schulbuchkommission eingesetzt wurde). Er sei gespannt, so Dr. Rainer Glagow, was Dr. Jochen Müller, Islamwissenschaftler wie er, heute Abend zu berichten habe.
Jochen Feilcke verwies in seinen Begrüßungsworten auf den großen Einfluss der Medien. Als langjähriger aktiver Politiker habe er gelernt, wie wichtig es sei, in der Zeitung zu stehen, denn - so die Meinung der meisten Leser - "was nicht in der Zeitung steht, hat auch nicht statt gefunden". Was die Berichterstattung über Israel angehe, so verhalte es sich genau umgekehrt: Die Leser meinten, alles, was man in der Zeitung finde, müsse so auch stattgefunden haben. Er appellierte an uns alle, Medienberichte und -bilder stets kritisch zu hinterfragen, verschiedene Quellen heranzuziehen und nicht alles zu glauben, was schwarz auf weiß zu lesen sei. MEMRI, dessen Newsletter er seit kurzem beziehe, eröffne uns endlich Möglichkeiten, mehr darüber zu erfahren, was in der arabischen Welt getan, gedacht und berichtet werde und dafür gebühre ihm Dank. Er freue sich mit allen Anwesenden auf einen anregenden Abend.
Die arabische Medienlandschaft stellt sich vielfältiger dar als erwartet

"Wir müssen uns mit den Grundpositionen des arabischen Nationalismus auseinandersetzen, in dessen Zentrum der Palästina-Konflkt steht."
Dr. Jochen Müller dankte den Veranstaltern für die Gelegenheit, bei uns zu sprechen. Mit der Gründung von MEMRI im Jahr 1998 habe man Sprachbarrieren überwinden wollen, die vielen Interessierten eine kritische Auseinandersetzung, aber auch Verständigung mit der arabischen Welt bisher schwer machten. Büros seien zunächst in Washington, dann in Jerusalem, London und Berlin gegründet worden. Unter www.memri.de könne inzwischen der etwa drei Mal wöchentlich erscheinende Newletter mit ins Englische und Deutsche übersetzten Artikeln aus der arabischen und iranischen Presse kostenlos abonniert werden.
Die Medien seien in der arabischen Welt wie anderswo „nicht nur ein Spiegel gesellschaftlicher Diskurse, sondern auch ein Faktor von Veränderungen, so Dr. Jochen Müller. In ihnen drücke sich in der Gesamtheit aus, was „auf der arabischen Straße gedacht und diskutiert“ werde. Unser westliches Bild von den arabischen Medien sei häufig immer noch durch das traditionell nichtssagende Staatsfernsehen (z.B. Empfänge und Verabschiedungen von Staatsgästen mit musikalischer Untermalung ohne jede politische Aussage) und die staatlich dominierte Presselandschaft geprägt. Medien gelten damit als als reines Propagandainstrument. Doch trotz Zensur und Repression sei eine gewisse Vielfalt in der Berichterstattung nicht zu übersehen. So würde von den Organen oppositioneller Strömungen schon seit langem immer wieder auch scharfe Kritik an mangelnder politischer Partizipation, Korruption oder Menschenrechtsverletzungen geübt. Einzelne Stimmen hätten sogar den US-Krieg im Irak begrüßt oder würden Araber und Palästinenser auffordern, sich ein Beispiel an der pragmatischen Politik der Zionisten zu nehmen. Wenn sie dies täten, hätten sie längst einen palästinensischen Staat.
Neben der klassischen Presse- und TV-Landschaft hätten vor allem Internet und Satellitenfernsehen eine Entwicklung zu mehr Meinungspluralismus in den Medien befördert. Mit regional extrem großen Schwankungen - etwa zwischen den Golfstaaten auf der einen und Ländern wie Ägypten, den palästinensischen Gebieten (8-10%) oder Syrien auf der anderen Seite - hätten mittlerweile durchschnittlich 3-5% der Bevölkerung im Mittleren Osten Internetzugang.Wie bei allen anderen Medien spielten natürlich auch hier Faktoren wie Infrastruktur, Bildungsgrad und verfügbares Einkommen die entscheidende Rolle bei der Nutzung des Internets. Über Nachrichtenseiten, Diskussionforen und auch religiöse Seiten finde allerdings bereits ein lebhafter Austausch statt, der die nationalen Grenzen überschreite.
Mehr Einfluß auf die Masse der Bevölkerung habe aber bisher das Satellitenfernsehen. Weit über 100 arabische Kanäle, so Müller, gingen in der Region bereits auf Sendung. Etwas 30% der Bevölkerung hätten etwa in Syrien oder in den palästinensischen Gebieten Zugang zum Satellitenfernsehen, was sich unschwer an der "Schüsselkultur" auf den Dächern der größeren Städte erkennen ließe. Natürlich sei hier - wie überall auf der Welt - auch "eine Menge Schrott" zu sehen, so Müller. Er verwies dabei auf arabische Versionen von "Staracademy" oder "Big Brother", die lebhafte Diskussionen auslösten, verwies aber auch auf den Sender der libanesischen Hizbollah, Al-Manar, der hochprofessionell antiisraelische und antisemitische Propaganda in der arabischen Welt und weit darüber hinaus verbreite. Die junge Generation spiele bei Nutzung dieser Sender eine entscheidende Rolle, die in den kommenden Jahren das Bild der arabischen Gesellschaften prägen und verändern werde.
Bei den Satellitenkanälen seien es insbesondere Nachrichtenkanäle wie Al Djasira, die für eine neue Qualität im Fernsehen gesorgt hätten. So sei zwar insbesondere Al Djasira für seine arabisch-nationalistisch gefärbte Berichterstattung immer wieder zu Recht angegriffen worden. Im Mittelpunkt der Kritik stehe dabei die Berichterstattung übr die Auseinandersetzungen zwischen Israel und den Palästinensern sowie über den Irak-Krieg. Auch hier gelte aber, so Müller, dass Al-Djasira Mehrheitspositionen in der arabischen Welt widerspiegele und dies aus Sicht des Senders auch tun müsse, denn auch hier zählten letztlich Quoten. Außerdem - und hier sieht Müller die neue Qualität des Senders - hätte der Sender bis dahín in der arabischen Medienwelt weitgehend unbekannte Formate hoffähig gemacht, in denen Meinung und Gegenmeinung artikuliert und ausgefochten würden. So würden die Interviews, die Al-Djasira etwa mit dem Gründer von MEMRI, dem Israeli Yigal Carmon, desöfteren geführt habe, zwar sicher nicht für einen Umschwung in der arabischen Sicht auf Israel sorgen - aber Pluralismus und Diskussionskultur nähmen auf diese Weise zu, so Müller.
Am äußersten Rand: Zwei Haltungen in der Berichterstattung über Israel und den Nahost-Konflikt
Anhand von Karikaturen und Textpassagen aus diversen arabischen Zeitungen stellte der Referent dann die beiden Extrempositionen in Berichterstattung und Analyse des Nahost-Konflikts vor.

Eine israelfeindliche Karikatur aus "Al Ayam", einer paläst. Tageszeitung.
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"Al-Gumhuriya", ägyptische Tageszeitung: Sharon im Gleichschritt mit Hitler, Bildunterschrift: "Wer einen Nachfolger hat, stirbt nicht."
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Agressive Feindseligkeit gegen Israel und Antisemitismus: Immer wieder käme in den arabischen Medien, so Müller, über die Kritik an der israelischen Besatzungspolitik ein offenbar weit verbreiteter Hass auf den Staat Israel und die Juden im Allgemeinen zum Ausdruck. Beispiele dafür seien z.B. die "Dämonisierung von Israel oder von einzelnen Politikern etwa durch den Vergleich mit dem deutschen Nationalsozialismus und dessen Vernichtungspolitik. Außerdem würden in einer Vielzahl von Verschwörungstheorien antisemitische Stereotype reproduziert. Das spiegele sich etwa im wiederholten Bezug auf die sog. Protokolle der Weisen von Zion, die "jüdische Weltverschwörung", die mittels der "jüdischen Medien" die innere Zersetzung von Moral, Sitten und Ethik der arabisch-muslimischen Gesellschaften betreibe. Araber und Muslime würden hier als Opfer übermächtiger Machenschaften dargestellt, die politischen Akteure im Nahost-Konflikt seien demnach nur "Schachfiguren in den Händen der Juden".

Buchcover von zwei Ausgaben der in der arabischen Welt immer noch kursierenden "Protokolle der Weisen von Zion" (Ägypten/Jordanien).
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Bild aus der linken Oppositionszeitschrift "Al-Ahali" (Ägypten), Bildunterschrift: "Israel fährt fort, das palästinensische Volk zu vernichten." Schildaufschrift: "Zum Schlachthof".
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Am anderen Ende der Spannbreite von Auseinandersetzungen in der arabischen Presse mit Israel und dem Nahost-Konflikt sieht Müller solche Positionen, die eben jene antisemitischen Stereotype und Verschwörungstheorien dezidiert angreifen. Dazu zitierte er Passagen aus Kommentaren diverser arabischer Zeitungen, die das arabisch-palästinensischen Opferbewußtsein kritisieren, welches zu den abstrusesten Vorstellungen über "die Juden" führe. Die Autoren träten für Demokratie und einen nicht-ideologischen, sondern pragmatischen Umgang mit dem Nahost-Konflikt ein. In diesen palästinensischen Medien werde auch die arabisch-palästinensischen Doktrin des "Alles oder Nichts" kritisiert und für einen friedlichen Ausgleich und für Kompromisse mit Israel plädiert. So etwa eine Stimme aus der Zeitung "Al-Ayam": "Warum stoppen wir nicht das Blutvergießen? und mit Blick auf die Selbstmordattentäter: "Warum lieben wir nicht die, die das Leben wollen, sondern huldigen denen, die den Tod wollen?"
Bild aus der liberal-bürgerlichen Oppositionszeitschríft "Al Wafd", Ägypten
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Buchcover "Krieg der Prostituierten. Jüdische Frauen und arabische Politiker" (Kairo)
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Auseinandersetzung mit dem arabischen Nationalismus wichtiger als die Focussierung auf den Islamismus
Im Kern dieser beiden Haltungen - der radikalen Positionen wie ihrer Kritiker - steht Müller zufolge die Auseinandersetzung um Grundpositionen des Arabischen Nationalismus, in dessen Zentrum der Konflikt um Palästina stehe. Müller kritisierte, dass sich der Focus der Aufmerksamkeit heute eher auf die Gefahr durch den islamistischen Terror reduziere. Dabei seien es Denkmuster der Ideologie des Arabischen Nationalismus, die auch hinter der Ideologie der radikalen Islamisten stünden. Nur diese sorgten dafür, dass der Islamismus auch für Menschen attraktiv sei, die ansonsten nicht viel von der Verknüpfung von Politik und Religion hielten. Im Zentrum dieses arabischen Nationalismus stehe das "Bedürfnis nach kollektiver Stärke. Dies käme auch in den gezeigten Bildern zum Ausdruck, in denen Paläsinenser im besonderen und Araber und Muslime im allgemeinen immer wieder als "ohnmächtige Opfer" dargestellt würden. Das Bedürfnis nach Stärkung des Kollektivs der Araber und Muslime erwachse aus einer Realität, die vielen Menschen in der Region "als Ausdruck von Schwäche und kollektiver Demütigung" wahrnähmen. Laut Müller hat diese Perzeption ihre Wurzeln in der Zeit des Kolonialismus - einer Epoche, die noch gar nicht lange her sei, in der hiesigen Analyse aber allzuoft ignoriert werde. In der Auseinandersetzung mit den Kolonialmächten sei das nationalistische Bild vom Kollektiv der Araber und Muslime erst entstanden. Und dieses "Wir-Gefühl" sei eben von Beginn an mit einem Bild der Araber und Muslime als "Kollektiv der Bedrohten und Unterdrückten" einhergegangen.
Als Ursache der Unterdrückung würden heute vor allem Israel und die USA gesehen, die als Feindbild das "Erbe der Kolonialmächte" angetreten hätten. Insbesondere die Niederlage im Sechstagekrieg 1967 habe auf arabischer Seite ein "Trauma" hinterlassen - war hier doch entgegen aller Hoffnungen auf gesellschaftliche und machtpolitische Entwicklungen im eigenen Lager nach der Unabhängigkeit der arabischen Staaten erneut die Unterlegenheit gegenüber Israel zum Ausdruck gekommen. Vor diesem Hintergrund sei eine ständig sich bedroht fühlende "Defensivkultur" (Bassam Tibi) entstanden. Salman Rushdie habe dafür den Begriff des "paranoiden Islam" geprägt, so Müller, der auf einem weit verbreiteten Minderwertigkeitskomplex innerhalb der arabischen Gesellschaften basiere. Müller bezeichnete dies und den verbreiteten Hass auf Israel und die Juden als "falsche Antwort auf Unterdrückungserfahrungen", die die Menschen im Mittleren Osten in Wirklichkeit in ihren eigenen Gesellschaften machten. Der Palästinakonflikt und das Feindbild Israel dienten dazu, von der Beschäftigung mit dieser Unterdrückungserfahrung abzulenken. Dies werde auch von einigen arabischen Oppositionelllen inzwischen erkannt.
Funktionen des Palästina-Konflikts in den arabischen Medien
Ausgangspunkt dieser Ablenkung sei zunächst das Gefühl von Zusammengehörigkeit als in ihrer Gesamtheit bedrohter Araber und Muslime. Die arabische "Solidarität mit den Palästinensern" wie sie in Medien und Politik immer wieder hervorgehoben werde, spiele hier die Hauptrolle. Als Beispiel der dabei eingenommenen Opferrolle wies Müller auf die Form der Berichterstattung über den Tod des kleinen palästinensischen Jungen Mohammed al-Dura hin, der 2001 am Checkpoint Netzarim (Gaza) erschossen worden war (s. Bericht von Esther Schapira auf dieser Seite). Eine ähnliche Funktion nehme inzwischen aber auch der Irak-Krieg ein. Insbesondere die Folterungen von irakischen Häftlingen in Abu Greib würden in der arabischen Welt als "Verletzung der arabischen Würde" wahrgenommen, so Müller. Ein renommierter ägyptischer Autor habe dazu formuliert, er habe das Gefühl, tagtäglich "Backpfeifen" zu erhalten, wenn er lese, was in Palästina und dem Irak wieder geschehen sei. Jenseits einer begründeten und begründbaren Kritik etwa an israelischer und US-amerikanischer Politik sei es das hier immer wieder zum Ausdruck kommende Empfinden kollektiver Demütigung, welches in aggressive Ideologien und Feindbilder münde, so der Referent.
Die israelische Forderung nach Sicherheit finde in dieser Sichtweise keinen Platz. Vielmehr erfülle der israelisch-palästinensische Konflikt eine Art „Ventilfunktion“. Denn mit dem Palästinakonflikt werde von Krisenerscheinungen in den eigenen Gesellschaften abgelenkt - dort, wo die Menschen wegen der politischen und sozialen Lage tatsächlich jeden Tag "Backpfeifen" erhielten. In dieser Ablenkungsfunktion werde der Konflikt und das Feindbild Israel immer wieder auch von den arabischen Regimen genutzt. Der Konflikt habe aber auch eine "Kittfunktion", sei doch die vielbeschworene arabische Einheit nur ein "Papiertiger". Dementsprechend würde die Arabische Lige von den meisten Kommentatoren scharf kritisiert und nicht ernst genommen. Die einzige und letzte Bastion des Einheitsdenkens sei - so scheint es - die gemeinsame Haltung im Nahost-Konflikt. Allein dessen Existenz und das Feindbild Israel halte die Konstruktion des arabisch-muslimischen Kollektivs zusammen, so die Formulierung von Dr. Jochen Müller.
Optionen zum Umgang mit dem arabischen Nationalismus
Zum Abschluss seines Vortrages skizzierte Dr. Jochen Müller die Optionen, die seiner Meinung nach derzeit die westliche Auseinandersetzung mit möglichen Reformen in den arabischen Gesellschaften prägten. Zugespitzt unterschied er dabei zwei Varianten: Die sog. "US-Variante": Die USA wollten vor allem Druck auf die arabischen Regime ausüben, damit diese Reformen einführten, die Feind- und Hasspropaganda gegen den Westen und speziell gegen Israel stoppten. In Grenzen halte er Druck für durchaus sinnvoll, so Müller. Die Gefahr dabei aber liege auf der Hand: Zunehmender Druck von außen bestätige genau jene Weltsicht, die die arabische Welt und ihre politischen Repräsentanten ohnehin "als Erfüllungsgehilfen westlicher Machtpolitik in der Region" begriffen.
Die sog. EU-Variante": Hier sollten vor allem die arabischen Zivilgesellschaften gestärkt werden. Die Unterstützung von arabischen Intellektuellen und Organisationen solle einen Reformdruck erzeugen, der langfristig nachhaltiger wirken werde, als die Konzentration auf äußeren Druck. Auch hier gelte in abgeschwächter Form aber der gleiche Einwand: Individuen und Organisationen, die von außen gestützt würden, stünden in der Gefahr, ihre Glaubwürdigkeit in den eigenen Gesellschaften zu verlieren. Von arabischer Seite werde dabei, so Müller, in verschiedenen Formen immer wieder eine Auseinandersetzung "auf gleicher Augenhöhe" eingefordert.
Fazit:
Was die westliche Haltung zur arabischen Welt anginge, so unterstrich Dr. Jochen Müller, dass das Feindbild Israel nur bedingt und die Ideologie des Antisemitismus prinzipiell gar nichts mit dem konkreten Verhalten der Israelis und Juden zu tun habe. Dennoch könnten "der Westen" und Israel im Besonderen mit ihrer Politik durchaus Einfluss auf die Konjunkturen dieser Ideologien in den arabischen Gesellschaften nehmen. So wünsche er sich, dass auf der einen Seite die radikalen Stimmen scharf kritisiert und bekämpft würden, auf der anderen Seite aber die in den arabischen Gesellschaften und speziell in der palästinensischen Gesellschaft vorhandenen "Kräfte der Vernunft" stärker registriert und politisch ernst genommen würden.

Dr. Jochen Müller im Gespräch mit Nomi Amitay aus Israel, Mitte: Vorstandsmitglied Steffen Hagemann
Hier geht es weiter: Diskussion und Bilder vom anschließenden Empfang im Weinkeller der Stiftung.
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