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Am 15. Mai 2006 traf sich die DIG Berlin mit dem Vorsitzenden der Jüdischen Gemeinde
zu Berlin, Dr. Gideon Joffe

Bericht und Fotos von Meggie Jahn




Dr. Gideon Joffe mit Jochen Feilcke, der den Abend moderierte.

Anknüpfend an unsere Begegnungen mit früheren Gemeindevorsitzenden wie Dr. Alexander Brenner und Dr. Albert Mayer freuten wir uns diesmal über einen anregenden Meinungsaustausch mit dem Vorsitzenden Dr. Gideon Joffe, der seit Ende 2005 im Amt ist.


Da die Interessen von DIG Berlin und Jüdischer Gemeinde insbesondere bezogen auf Israel verwandt sind, wies der Vorsitzende der DIG Berlin in seinem Eingangsstatement darauf hin, dass von den ca. 510 Mitgliedern der DIG Berlin vermutlich nur 5 bis 10 Prozent Juden seien. So als wolle er Joffe damit mobilisieren, auch in der Gemeinde Werbung für uns zu machen, fügte Jochen Feilcke hinzu: „Es könnten mehr sein.“ Tatsächlich ist es unser Ziel, am 2. November 2006 – am 40. Geburtstag der DIG Berlin! – das 550ste Mitglied in unseren Reihen begrüßen zu können. Da ist uns jede Unterstützung willkommen.


Die Anfänge der Jüdischen Gemeinde zu Berlin




"Die Juden im Nachkriegsdeutschland hatten meist keinerlei Bindung an Deutschland"



Dr. Gideon Joffe warf zunächst einen Blick zurück in die Geschichte der Gemeinde, deren Zusammensetzung nach dem Zweiten Weltkrieg eine andere gewesen sei als vor 1933. Die aus den Ostgebieten, Polen, dem Baltikum und der Sowjetunion hier gestrandeten „Displaced Persons“ seien Überlebende gewesen, die eigentlich nach Palästina oder in die Vereinigten Staaten gehen wollten, dann aber "hier hängen geblieben" seien. Auch nach der Staatsgründung Israels hätten sie lange "auf gepackten Koffern gesessen", wären dann aber langsam hier heimisch geworden.


Die Jüdische Gemeinde in der Fasanenstraße - entstanden am Ort der 1938 zerstörten Synagoge - sei das erste Haus gewesen, das nach dem Krieg in Berlin wieder aufgebaut worden sei, als noch nicht an ein israelisches Konsulat zu denken war, es habe damit auch "Statthalterfunktion" übernommen. Waren Israelis zu Gast in Berlin, hätten sie stets einen Besuch dort gemacht. Der Kontakt zum späteren Generalkonsulat bzw. inzwischen zur Botschaft sei für die Gemeinde „immer sehr eng“ gewesen.

Nach der Wende und dem Zusammenbruch des Ostblocks bzw. Öffnung der Grenzen Osteuropas habe sich die Jüdische Gemeinde in ganz Deutschland sehr verändert. Sie sei binnen kurzem von 30 auf 60 000 Mitglieder angewachsen, wobei die Berliner Gemeinde die größte sei. In Israel habe „Kopfzerbrechen bereitet“, dass zeitweise mehr Juden aus der Sowjetunion nach Deutschland, denn nach Israel gekommen seien. Dort habe man sich die Frage gestellt: „Kann das Land der Täter denn attraktiver sein als die neue Heimat Israel?“


Die Jüdische Gemeinde heute




"Wir wollen den Gemeindemitgliedern ein positives Israel-Bild vermitteln."



Heute identifizierten sich viele Juden mit Deutschland, nur ein kleiner Teil der Gemeindemitglieder komme aus Israel. Während sie sich in Deutschland zuhause fühlten, hätten sie doch auch ein besonderes Verhältnis zu Israel und zu ihrer alten Heimat. Doch „warum soll in Deutschland nicht möglich sein, was in den USA z.B. bei den irischen Einwanderern am "St. Patrick's-Day" möglich sei? Sie feierten die Verbundenheit mit der Heimat ihrer Vorväter, seien aber dennoch amerikanische Patrioten. Juden in Deutschland feierten mit Israel den "Yom Ha Sikaron", den Gedenktag für die gefallenen Soldaten, und den "Yom Ha'azmauth", den israelischen Unabhängigkeitstag, da Israel für sie eine besondere Bedeutung habe und ihnen Sicherheit gebe.


Die Aufgabe der Gemeinde sehe er darin, so Joffe, ihren Mitgliedern die jüdische Religion, jüdische Geschichte und Kultur, aber auch die deutsche Sprache und demokratische Grundwerte beizubringen, um sie in die deutsche Gesellschaft zu integrieren. Bei der Eingliederung gebe es ähnliche Probleme wie in Israel, aber keine, die unüberwindbar seien. Die Jüdische Oberschule biete seit 2004 Hebräisch als Pflicht- und Leistungsfach an. Dies sei das „Tor zum Judentum“, Israel – Thora - Jüdische Gemeinde ein Dreiklang. Israel gegenüber empfänden die meisten Gemeindemitglieder – bis auf Ausnahmen - , „uneingeschränkte Solidarität“, was sich insbesondere nach Terroranschlägen zeige.


Mit der DIG sehe sich die Jüdische Gemeinde vor der Aufgabe, Sympathie für Israel zu gewinnen. Das Israel-Bild in den deutschen Medien sei doch oft „stark verzerrt“. Auch teileer die Meinung von Jochen Feilcke, dass die Gemeinde aus Angst vor Antisemitismus oft zu leise gewesen sei, statt Einfluss auf die Politik zu nehmen und sich lautstark am Kampf gegen Rechtsextremismus und Islamismus zu beteiligen, wie zuletzt bei der Demonstration gegen Ahmadinejad vor der iranischen Botschaft im vergangenen Jahr, wo man sich allerdings mehr Zuspruch gewünscht hätte. „Bei einer Demonstration gegen Bush wäre der Zuspruch sicher größer gewesen“, so Joffe etwas bitter. Hier gäbe es noch viel zu tun, gerne auch in Kooperation mit der DIG. Bisher habe man solche Aktivitäten eher dem Zentralrat der Juden in Deutschland überlassen.

Als wichtige gemeinsame Projekte mit Israel nannte Joffe einen Lehreraustausch mit dem Leo-Baeck-Institut in Haifa, der durch einen umfangreichen Nachlaß aus der Gemeinde möglich geworden sei, sowie einen geplanten Schüleraustausch.


Diskussion:

Bei der anschließenden Diskussion interessierten Fragen wie "Fühlt sich die jüdische Gemeinde ausreichend im Rundfunk- und Fernsehrat vertreten und sollten nicht auch jüdische Gottesdienste übertragen werden?", "Wie sieht's aus mit Militärdienst für Juden, wird er in Deutschland oder in Israel abgeleistet?" oder "Besteht die Gefahr einer Parallelgesellschaft durch die jüdischen Einwanderer? und "Wie steht's mit Ihrem russisch, Herr Joffe?", oder aber "Wer ist für die Jüdische Gemeinde ein Jude?". Zum Schluss wurde der Wunsch geäußert, mit jüdischen Neueinwanderern über ihr Schicksal unter Stalin und anderen Diktatoren ins Gespräch zu kommen.

Joffe sah die jüdischen Interessen in Rundfunk- und Fernsehrat ausreichend vertreten, gab aber zu, dass man sich seit einiger Zeit Gedanken mache, wie man darauf hinwirken könne, dass sich das Israel-Bild in der deutschen Berichterstattung verbessere. Militärdienst habe die erste und zweite Generation der jüdischen Überlebenden nicht leisten müssen, die dritte gehe unbefangener damit um. Viele junge Juden gingen heute schon freiwillig zur Bundeswehr, dazu gezwungen werde aber auch heute niemand. Militärdienst in Israel sei jedem selbst überlassen.

Die Gefahr einer Parallelgesellschaft durch die jüdischen Einwanderer sehe er, so Joffe, nicht. Sein Russisch sei ausreichend, um zu verstehen und sich zu verständigen, auch wenn seine russische Mutter schon starb, als er fünf Jahre alt war. Ein Jude sei für ihn, wer eine jüdische Mutter habe (nach der Halacha), aber auch, wer sich als Jude fühle. Gemeinde- und DIG-Vorstandsmitglied Maya Zehden ergänzte, dass in der Sowjetunion nicht die Mutter, sondern der Vater entscheidend dafür sei, ob man als Jude (an-)erkannt würde, dies mache die Sache so schwierig. Da man oft - ohne es zu wollen - zum Juden "gestempelt" würde, sei auch die eigene Definition über die jüdische "Schicksalsgemeinschaft" ganz entscheidend. Zehden wies in ihrem Statement auch darauf hin, dass jüdische Soldaten inzwischen einen eigenen Seelsorger in der Bundeswehr hätten, was Gideon Joffe dazu herausforderte, angesichts der Zahl der muslimischen Immigranten in Deutschland einen solchen auch für Muslime anzuregen.

Zum Schluss bedankte er sich für die Anregung, über die Jüdische Volkshochschule Kontakte zu den jüdischen Neueinwanderern herzustellen, was er gerne versuchen werde. Er freue sich über das signalisierte Interesse.




Jochen Feilcke bedankte sich bei Dr. Gideon Joffe für das offene Gespräch und die erwiesene Gastfreundschaft in seinem Hause.




Ca. 60 Gäste hatten in die Fasanenstraße gefunden.

Vorstandsmitglied U.F. Krüger nutzte die Gelegenheit, um auf auch von der DIG unterzeichneten Aufruf gegen die Kreuzberger Buchmesse hinzuweisen.



Jochen Feilcke, Maya Zehden, Meggie Jahn, Annegret Mielke und Monika Kern freuen sich mit Dr. Joffe über einen interessanten Abend.

 

Mehr:

Beitrag von Lutz Lorenz in der Jüdischen Zeitung vom Juni 2006

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