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Auftaktveranstaltung zur Lesereise von Donna Rosenthal am 8.10.07 in der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt. Die amerikanische Autorin stellte ihr Buch "Die Israelis - Leben in einem außergewöhnlichen Land" vor.
Ein Bericht von Meggie Jahn
Fotos von Margrit Schmidt, Silvia Patt-Muth, Fritz Zimmermann und Meggie Jahn



"Über die politische Situation im Nahen Osten haben schon weisere Menschen geschrieben als ich. Mir ging es darum,
den Durchschnitts-Israeli zu Wort kommen lassen, darunter 50 % Frauen."


Am 8. Oktober 2007 war die amerikanische Journalistin und Publizistin Donna Rosenthal auf Einladung der DIG Berlin und Potsdam sowie der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt zu Gast in Berlin. Dabei handelte es sich um die Auftaktveranstaltung zu einer mit Hilfe der Israelisch-Deutschen Gesellschaft (IDG), des
C.H. Beck-Verlags und des Bildungsreisenunternehmens Keshet Israel zustande gekommenen Lesereise durch acht Städte der Bundesrepublik. Gemeinsam mit Jan-Samson Altman-Schevitz, der auch als Übersetzer fungierte, stellte die Autorin bei den DIG-Arbeitsgemeinschaften Berlin, Bremen, Bielefeld, Bonn, Erfurt, Weimar, München und Augsburg - meist in Kooperation mit örtlichen Buchhandlungen - ihr im Februar 2007 in deutscher Sprache erschienenes Buch "Die Israelis - Leben in einem außergewöhnlichem Land" vor und diskutierte im Anschluss mit den Gästen über ihre Motivation beim Schreiben und Reaktionen auf das Buch.

Donna Rosenthal schrieb für die New York Times, die Washington Post, die Los Angeles Times und für Newsweek. Sie war viele Jahre TV-Produzentin in Israel, Reporterin für das israelische Radio sowie die Jerusalem Post. Auch lehrte sie an der Hebrew University und erhielt den Lowell Thomas Award für die beste investigative Berichterstattung und Reiseberichte, u.a. aus dem Iran, dem Libanon, Ägypten und Jordanien.



Staatssekretär Dr. Michael Schneider konnte als Hausherr ca. 150 Gäste in der Landesvertretung in Berlin-Mitte begrüßen.


Der Leiter der Landesvertretung von Sachsen-Anhalt, Dr. Michael Schneider, dankte der DIG Berlin und Potsdam für die Möglichkeit einer ersten Kooperationsveranstaltung. Im Zusammenhang mit dem Thema des Abends verwies er auf den am 14. November 2007 geplanten Projekttag "
Israel - anders kennen lernen" in der Landeshauptstadt Magdeburg, der unter der Schirmherrschaft von Ministerpräsident Prof. Dr. Wolfgang Böhmer steht. Mit diesem wie auch dem heutigen Abend wolle man "einen Blick hinter die Kulissen" der üblichen Israel-Berichterstattung werfen und Beiträge dazu leisten, einen Einblick in das Leben "des modernen und alten heiligen Landes" zu erhalten. Im (vermeintlich) sicheren Deutschland und Europa sei nur wenig vermittelbar, was es bedeute, täglich mit der Angst vor Terroranschlägen und vor der angekündigten atomaren Bedrohung aus dem Iran zu leben, so Schneider. Er freue sich, dass die Autorin Dank der Vermittlung von DIG Berlin und Potsdam gerade in ihrem Hause ihr Buch einer interessierten Öffentlichkeit vorstellen wolle.

Der DIG-Vorsitzende Jochen Feilcke lobte die spontane Bereitschaft von Herrn Dr. Schneider, bei dieser auch für uns außergewöhnlichen Veranstaltung erstmals zusammen zu arbeiten und brachte seine Hoffnung zum Ausdruck, dass dies nicht die letzte ihrer Art sein möge.



Jan Samson Altman-Schevitz


Nach den Grußworten der Veranstalter ging Jan Samson Altman-Schevitz - selbst in Deutschland und den USA aufgewachsen und erst vor ca. einem Jahr nach Israel eingewandert - auf die Vorgeschichte dieser Lesereise ein: Nachdem er "Donna" sofort nach Erscheinen des Buches "The Israelis - Ordinary people in an extraordinary country" in den USA gefragt hatte, ob und wann eine Übersetzung ins Deutsche geplant sei, habe er Ende 2006 erfreut von ihr erfahren, dass der Beck-Verlag demnächst eine deutsche Übersetzung vorlegen werde. Grund genug, so Altman-Schevitz, gemeinsam mit Donna Rosenthal zu überlegen, wie man ihr Buch möglichst vielen deutschen Lesern nahebringen könne. Bei Meggie Jahn sei er sofort auf Unterstützung für das Projekt gestoßen, wofür er sich auch an dieser Stelle herzlich bedankte. Sein Hauptmotor für die Organisation der Lesereise sei die Erkenntnis gewesen, dass die tägliche Berichterstattung in deutschen Medien der "Heterogenität Israels" in keiner Weise gerecht werde. Nachdem die Bundeszentrale für politische Bildung in Bonn das Buch inzwischen in hoher Auflage für Multiplikatoren angekauft habe, hoffe er, dass es in Deutschland bald zu einem "Standardwerk" über Israel werden möge.





"Wie viele Kalorien verbraucht ein amerikanischer Mann beim Liebesakt? Zehn. Ein Engländer? Zehn. Ein Israeli? Hundert - zehn für den Liebesakt und neunzig, um zu allen seinen Freunden zu laufen und ihnen davon zu erzählen."


Als Einstieg in die Lesung wählte Altman-Schevitz einen populären Witz über das israelische Machogehabe aus, der dem Kapitel über "Partnersuche und Paarungsverhalten in der israelischen Gesellschaft" voran gestellt ist. Es folgten kurze Ausschnitte aus dem Kapitel über die "Misrahim - die anderen Israelis" (Juden aus islamischen Ländern), über die Muslime, Beduinen und Christen als Minderheiten im Land, aber auch Passagen das mehrheitlich säkulare Israel. Unter dem Titel "Schwerter zu Wertpapieren" stellte er das "Hightech-Land" Israel vor, ohne das es heute keine Handys, Mailboxen und andere technische Finessen bei uns gäbe. Als reines Herkunftsland der Jaffa-Orangen habe Israel lange ausgedient.



1. Reihe, 1. v. links: Jochen Feilcke, 3. Meggie Jahn, 4. der Gatte von Donna Rosenthal, 5.die Partnerin von Jan Samson Altman-Schevitz sowie der neue Presseattaché der Israelischen Botschaft.




"Die Menschen brannten darauf, mir ihre Geschichten zu erzählen"


Der lebendige Vortrag von Donna Rosenthal - kurzweilig, intelligent und mit vielen Annekdoten gespickt - lieferte einen Vorgeschmack auf ihr unterhaltsames und äußerst lehrreiches Buch. Alltagsprobleme und -sorgen werden mit Humor und Anteilnahme kommentiert und zeigen die Sympathie Rosenthals für ihre Interview-Partner.

Als TV-Produzentin habe sie gelernt, so Rosenthal, dass 30 bis 45 Minuten nicht ausreichten, um eine wirkliche Botschaft "rüber zubringen". Auch wenn über Israel - allein durch die Anzahl der Korrespondenten im Land - mehr Nachrichten in die Welt hinaus gingen als über China, Indien und ganz Afrika zusammen, ergebe sich noch lange kein realistisches Bild von der Lage vor Ort. Ganz im Gegenteil: Durch die Materialfülle ergäben sich stets neue Fragen, die eigentlich beantwortet werden müßten. Deutsche stellten die größte Gruppe von Touristen in Israel. Dennoch wüßten hier wie anderswo nur wenige, dass Israel von der Fläche nicht größer als das Bundesland Hessen und von der Einwohnerzahl gerade mal doppelt so groß sei wie Berlin. "Ganz Israel ist so breit wie die Einfahrt zu einem Haus in Texas", so die Autorin.

Doch nicht nur Unwissenheit wolle sie mit ihrem Buch entgegenwirken, sondern vor allem weit verbreiteten Stereotypen. Nicht um berühmte Leute sei es ihr gegangen, sondern um den Austausch mit ganz normalen Menschen, davon die Hälfte Frauen, da diese meist am wenigsten zu Worte kämen, so Rosenthal. Nur 78 % der israelischen Bevölkerung sei jüdisch, so Rosenthal, 50 % davon kämen heute aus orientalisch-islamischen Ländern im Gegensatz den früher mehrheitlichen Ashkenazim aus europäischen Ländern. Täglich gäbe es Nachrichten über Terroranschläge im Irak, doch niemand wisse, dass im Jahr 1917 noch 40 % der Bevölkerung Juden gewesen seien. Gleiches gelte für die Tatsache, dass es noch heute eine große jüdische Gemeinde im Iran gebe. Nicht nur der frühere Staatspräsident Moshe Katzav, über den man inzwischen lieber schweige, sondern auch bedeutende israelische Schriftsteller, kämen ursprünglich aus heute islamischen Ländern. In Europa wisse man kaum davon, dass Israel das einzige Land auf der Welt sei, in dem Frauen Militärdienst leisteten und weibliche Offiziere als Ausbilder für Rekruten fungierten. Ein Israeli gehöre zu den Mitbegründern der Suchmaschine "Google" und an einer Highschool in den USA seien 7 von 10 Preisen in Physik und Mathematik an Israelis gegangen. Einige arabische Israelis, so Donna Rosenthal, wüßten mehr über jüdische Traditionen als Juden in der Diaspora. So habe sie bei einem Besuch in einer Synagoge in den USA erlebt, bei dem sie von einem befreundeten arabischen Israeli begleitet wurde, dass nicht einer der fast 400 (jüdischen) Gäste wußte, was "Lag ha Omer" bedeute, woraufhin ihr Freund allen Anwesenden erklären mußte, dass es sich dabei um das jüdische Erntedankfest handele.


Diskussion:

Nach dieser beachtlichen Reihe von Beispielen, die manche Vorurteile ins Wanken brachten, fragte ein Herr aus dem Publikum, ob denn das Buch schon ins Arabische übersetzt worden sei, was ihm besonders wichtig erschien. "Das wäre wunderbar", so die Autorin, doch sei es sehr schwer, dafür einen Verleger zu finden. Immerhin werde ihr Buch demnächst ins Japanische und Chinesische übersetzt, was sie natürlich sehr freue.

Auf die "100 000-Dollar-Frage" eines Herrn, der wissen wollte, wie er seinen Lesern die Frage beantworten solle, warum es bis heute keinen Frieden zwischen Israelis und Palästinensern gebe, bekam er wohl keine befriedigende Antwort, denn dies sei nicht mit zwei Sätzen zu beantworten, so Rosenthal. Er möge doch ihr Buch kaufen. Es war offensichtlich, dass die Politik an diesem Abend bewußt außen vor bleiben sollte. Tatsächlich fiel dann aber am Ende ihrer Ausführungen ein Name, über den es sich lohnt, im Epilog ihres Buches mit dem Titel "Shalom-Salaam" Genaueres nachzulesen: Stef Wertheimer.

Rosenthal bezeichnete den Unternehmer deutscher Herkunft, Gründer des ersten israelischen Industrieparks in Tefen und inzwischen Großunternehmer, als den "weisesten Mann Israels". In ihrem Buch wird er mit den Worten zitiert: "Israel wird viel mehr Sicherheit haben, wenn die Menschen in unserer Region mehr Futter auf dem Teller haben. Ich wünsche mir, dass sie (die Palästinenser) Erfolg haben und etwas besitzen, das sie nicht verlieren wollen. Wenn die Region sich nicht wirtschaftlich entwickelt, wird sie auf unabsehbare Zeit eine Brutstätte des Terrors bleiben." Die zweite Intifada im September 2000 begann eine Woche vor dem von
Wertheimer initiierten ersten Spatenstich für die Erschließung eines Gewerbeparks in Rafah im südlichen Zipfel des Gaza-Streifens: "Der Gewerbepark neben dem Flughafen Gaza hätte Hunderte Arbeitsplätze schaffen, für Wirtschaftswachstum sorgen und die Koexistenz befördern sollen. Geplant war die Errichtung eines Berufsbildungszentrums und die Ansiedlung von rund 30 palästinensischen Firmen, von Werken für die Montage von Auto- und Flugzeugteilen bis zu Chipfabriken. 30 ausgewählte Palästinenser standen bereit, in betriebswirtschaftlichen Studiengängen in Israel das Rüstzeug zum Unternehmer zu erhalten ..der israelische Visionär ... hatte sich schon die Unterstützung von Regierungen in Nordamerika, Europa und Asien sowie privater Investoren gesichert. Palästinensische und israelische Amtsträger, darunter Präsident Arafat und die israelischen Regierungschefs Netanjahu bzw. Barak, standen hinter dem Projekt. Verträge waren unterschrieben .." (Rosenthal, S. 403/04). Wertheimer wich auch nach dem Scheitern seines Plans nicht von seiner Überzeugung ab, dass Israel den Palästinensern beim Aufbau ihrer staatlichen Existenz helfen muss, so Donna Rosenthal im gleichen Kapitel. Man möchte hinzufügen: "wenn sie sich denn helfen lassen!"

Nach Lesung und Diskussion konnte man das Buch erwerben und von der Autorin signieren lassen. Und wer es vorher noch nicht wußte, jetzt war allen klar: Das kleine Land im Nahen Osten bietet mehr als Terror und Gewalt: eine lebendige Streitkultur, beeindruckende High-Tech-Entwicklungen und eine unglaublich vielfältige Gesellschaft und Kultur, die im Nahen Osten Schule machen könnten.



Donna Rosenthal und Jan Samson Altman-Schevitz waren ein "starkes Team".


Links: Jochen Feilcke im Gespräch mit Staatssekretär Dr. Christian Schneider. Rechts die katholische Buchhandlung "Sonnenhaus Ziegler" in Berlin-Mitte mit einem Büchertisch. Ca. 30 Bücher wurden verkauft.



Links: Der Andrang war groß, eine Signatur der Autorin zu ergattern. Rechts: Annegret Mielke im Gespräch mit Donna Rosenthal.



Rechts: Der Bauhistoriker und Publizist Michael S. Cullen traf an dem Abend seinen Freund Hellmut Stern,
langjähriger 1. Geiger der Berliner Philharmoniker.


Im Anschluss an den Vortrag lud der Hausherr noch zu einem kleinen Empfang mit Wein und frisch gewärmten Laugenbrezeln ein, wofür wir uns auch an dieser Stelle noch mal herzlich bedanken möchten. In Gesprächen mit den Tischnachbarn wurde das Gehörte noch mal zum Diskussionsgegenstand. Die Resonanz auf die Autorin und ihr Buch war äußerst positiv.


Links: die Vorstandsmitglieder Annegret Mielke mit Mirko Freitag, rechts daneben unser langjähriges Mitglied Ruth Recknagel.



Links: Jan Samson Altman-Schevitz und Renate Bernard, die sich im Mai auf unserer Israelreise kennen gelernt hatten. Rechts unser Neumitglied bu Matuk, ursprünglich aus dem Libanon.



Links: Das Ehepaar Schwabe, langjährige Mitglieder. Rechts: Die Lebensgefährtin von Jan-Samson Altman-Schevitz und unser Mitglied Nitza Thobi, die immer zur Stelle ist, wenn die Geschäftsstelle Unterstützung braucht.



Links: Anne Dreske, Andreas Goeschen und unser früheres Vorstandsmitglied Georg Härpfer. Rechts: Jochen Feilcke und Meggie Jahn mit Donna Rosenthal und Jan Samson Altman-Schevitz. Sie freuen sich über einen gelungenen Abend.




Bereits vor Beginn der Veranstaltung hatte sich Donna Rosenthal im Beisein von Staatssekretär Dr. Schneider ins
Gästebuch der Landesvertretung eingetragen.

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