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Botschafter a.D., Dr. h.c. Franz Bertele, sprach im Rahmen der Botschafterreihe von DIG Berlin und Auswärtigem Amt am 11. April 2005 im Besucherzentrum des AA

Ein Bericht von Meggie Jahn


Alle Fotos auf dieser Seite sind von Friedrich W. Zimmermann

Jochen Feilcke, Meggie Jahn, Botschafter a.D., Dr. Franz Bertele und Ingo Herbert,
Stellv. Referatsleiter Naher Osten im Auswärtigen Amt


Dr. h.c. Franz Bertele war bereits der vierte Redner, den Jochen Feilcke im Rahmen der gemeinsamen Botschafterreihe von DIG Berlin und Auswärtigem Amt anlässlich des 40jährigen Jubiläums der diplomatischen Beziehungen zwischen Israel und der Bundesrepublik Deutschland begrüßen konnte. Mit dieser Reihe waren wir dem historischen Datum, das am 12. Mai 2005 gefeiert werden konnte, weit voraus, so Jochen Feilcke in seinen Begrüßungsworten. Im Januar 2004 hatte Botschafter a.D. Dr. h.c. Niels Hansen die Reihe eröffnet, ihm folgten Klaus Schütz und Dr. h.c. Wilhelm Haas. Durch einen glücklichen Zufall konnten wir im April 2004 mit Asher Ben Natan sogar den ersten Botschafter Israels in der Bundesrepublik Deutschland bei uns begrüßen, diesmal gemeinsam mit der Jüdischen Gemeinde zu Berlin. Auch Botschafter a.D. Avi Primor war schon mehrfach unser Gast gewesen. Als Hausherr begrüßte Ingo Herbert, Stellv. Referatsleiter Naher Osten im Auswärtigen Amt, Dr. Bertele und seine Gattin, die aus Bonn angereist waren, sowie die ca. 60 Gäste. Er tat dies mit großer Freude, zumal er mit dem ehemaligen Botschafter in seiner Zeit als Vertreter der deutschen Regierung in Tel Aviv zusammen gearbeitet hatte. Im Herbst 2005 erwarten wir mit Spannung den dann frisch aus Tel Aviv zurück gekehrten deutschen Botschafter, Rudolf Dressler, der auf vier Jahre Tätigkeit in Israel zurück blicken wird.


Bertele dankte beiden Veranstaltern für die Einladung und versprach, im Rahmen des Vortrags auch eine Bewertung der politischen Entwicklungen im Nahen Osten vorzunehmen. Von 1977 bis 1980 Stellvertreter des Ständigen Vertreters der Bundesrepublik Deutschland in Ostberlin, Günther Gaus, und von 1989 bis zum Zusammenbruch der DDR selbst Ständiger Vertreter, komme er immer wieder gern in das inzwischen wiedervereinigte Berlin, so der ehemalige Botschafter. Seine erste Aufgabe nach Eintritt in den Auswärtigen Dienst habe ihn als Leiter des dortigen "Wiedergutmachungsreferats" 1963 bis 1967 nach Kanada geführt, wo er sich mit Entschädigungsverfahren ehemaliger NS-Opfer beschäftigen sollte, die nicht nach Deutschland kommen konnten oder wollten. In zahlreichen Begegnungen mit Überlebenden erfuhr er hautnah, was für diese Verfolgung und Ausgrenzung, aber auch die „Hölle von Auschwitz, Treblinka, Majdanek und Sobibor“ bedeutet hatte.




Jochen Feilcke mit Botschafter a.D. Dr. Franz Bertele


Auf eigenen Wunsch hin nach dem Zusammenbruch der DDR als Botschafter nach Polen entsandt, wurde er bereits nach einem Jahr 1993 von seinem obersten Dienstherrn Klaus Kinkel nach Israel geschickt. Trotz anfänglichen Bedauerns, Polen so schnell wieder verlassen zu müssen, habe er es später nie bereut, dem Ruf nach Israel gefolgt zu sein, so Bertele.



Die deutsch-israelischen Beziehungen als Erfolgsgeschichte

Die Entwicklung der deutsch-israelischen Beziehungen charakterisierte Bertele wie alle seine Vorgänger als ausgesprochene „Erfolgsgeschichte“: Israel sei heute in den meisten Bereichen Deutschlands zweitwichtigster Partner. Schon 1989 habe die „Jerusalem Post“ konstatiert, dass Deutschland mit einem engen Geflecht wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, und persönlicher Beziehungen Israels engster Partner mit einer ungeheuren Dichte hochrangiger Besucher im Lande geworden sei. Durch den Holocaust, so Bertele, sei Deutschland „für immer und ewig mit dem Staat der Juden verbunden“, die bilateralen Beziehungen würden wohl immer „besondere“ bleiben. Alle deutschen Regierungen - egal welcher Couleur - hätten sich zur deutschen Vergangenheit, zur besonderen Verantwortung Deutschlands für den Staat der Juden bekannt und sich nie an einer einseitigen Kritik an Israel beteiligt. Stattdessen, so Bertele, würden sie bis heute auch im Rahmen der EU immer wieder um Verständnis für die Interessen und die schwierige Situation Israels werben. Die Außenhandelsbilanz zwischen beiden Staaten sei von anfangs 100 Mio. Dollar auf heute 4 Mrd. mit einer jährlichen Steigerung von 9% angewachsen. Dennoch sei der Saldo nicht ausgeglichen, so Bertele, Israel habe einen Negativsaldo zu verbuchen. Die enge Kooperation im Wissenschaftsbereich, beginnend mit der Zusammenarbeit zwischen Weizman-Institut in Rechovot und Max-Planck-Institut in den 60er Jahren, fortgesetzt über die DFG, Helmholtz-Gesellschaft, VW und Bertelsmann, lobte Bertele als „Glanzstück der Zusammenarbeit.“.Hier sei ein Netzwerk entstanden, von dem beide Seiten profitierten. Auch der Kulturaustausch - mit Konzerten, Theaterauftritten, Tanzgruppen und Chören aus beiden Ländern - sowie der Jugendaustausch gehörten zu den Erfolgsprojekten der bilateralen Zusammenarbeit. Gerade letzterer habe zwar unter der zweiten Intifada gelitten, die „amtlichen Beziehungen“ zwischen beiden Staaten seien aber nie ernsthaft gefährdet gewesen. Auch in schwierigen Zeiten seien sich Abgeordnete, Minister und Präsidenten begegnet. Der frühere Minister Yossi Beilin habe in den 90er Jahren in einem Gespräch mit einem hochrangigen deutschen Besucher unterstrichen, Israel werde zwar niemals vergessen, was Deutsche Juden angetan hätten, doch vielen Israelis sei auch bewußt, dass es für Israel in schwierigen Zeiten immer nur eine Handvoll Länder gegeben habe, auf die es sich habe verlassen können und die Bundesrepublik Deutschland sei stets darunter gewesen. Deren Stellenwert für Israel sei in den vergangenen Jahren weiter gewachsen und man solle sich angesichts der vorzüglichen Kooperation in vielen Bereichen heute auf die Zukunft konzentrieren.




Ca. 60 Gäste lauschten im Besucherzentrum des AA den Worten von Botschafter a.D. Dr. Bertele



Vor dem Hintergrund des Besuchs von Bundespräsident Horst Köhler in Israel in diesem Jahr erinnerte Bertele an den Besuch von Ezer Weizman im Januar 1996 in Bonn, der als erster israelischer Staaspräsident vor dem Deutschen Bundestag gesprochen hatte. Es habe damals enormer Überzeugungsarbeit bedurft, seine Umgebung in Israel davon zu überzeugen, dass dies eine gute Idee war. Auch in jenen Tagen habe sich die Frage gestellt, in welcher Sprache der Präsident reden solle, deutsch schien dem Präsidenten schon aus innenpolitischen Gründen ungeeignet. Für ihn, so Bertele, sei damals wie heute selbstverständlich, dass der Präsident in seiner Landessprache sprechen dürfe. „Ich finde es gut, so Bertele, „dass Köhler in Israel vor der Knesset deutsch geredet hat. Wenn dies in Israel für unerträglich gehalten worden wäre, hätte man ihn nicht einladen dürfen, so der ehemalige Botschafter.



Die Gegenwart der Vergangenheit


Dass trotz der überwältigenden Erfolgsgeschichte der deutsch-israelischen Beziehungen die Shoah immer präsent und Missverständnisse möglich seien, hätten ihm verschiedene Vorfälle gezeigt, so Bertele. Am Holocaust-Gedenktag 1995 sei er von der israelischen Regierung gebeten worden, den Minister eines deutschen Bundeslandes und dessen Delegation zu empfangen, die an einer einwöchigen internationalen Konferenz zu den Lehren des Holocaust in Jerusalem teilnehmen sollte. Die israelische Regierung selbst sei wegen des Holocaust-Gedenktages Yom Hashoah dazu nicht in der Lage gewesen. Durch erboste Nachbarn, die den Dienstwagen der israelischen Regierung bemerkt hatten, habe die Presse von dem Treffen in der Residenz des deutschen Botschafters erfahren. Bertele sei darauf hin öffentlich vorgeworfen worden, er habe den Shoah-Erinnerungstag „gröblichst missbraucht“. Die israelische Regierung habe ihn im Anschluss „im Regen stehen“ lassen und ihm empfohlen, den Vorfall nicht zu kommentieren. Wenn er schweige, sei die Sache „in einer Woche vergessen“. Bei einem Empfang einige Wochen später habe ihn eine israelische Lehrerin auf den Vorfall angesprochen und mit Erleichterung davon erfahren, dass er mit dem Empfang des Ministers einer Bitte der israelischen Regierung gefolgt sei. "Sie war tatsächlich der Überzeugung gewesen, so der deutsche Botschafter. "ich hätte den Abend absichtlich dazu genutzt, 'um die Opfer der Shoah zu verunglimpfen'". Für ihn sei dies bis heute unbegreiflich.


Ein anderes Beispiel zeige, wie alte Stereotypen und Wunden bis heute nachwirkten. Kurz vor einem Besuch in der Universität Tel Aviv hätten seine Frau und er von einem Selbstmordattentat auf einen Bus im Zentrum Tel Avivs erfahren. Sein Vorschlag, den Besuch zu verschieben, sei mit dem Hinweis zurückgewiesen worden, das Leben müsse in Israel trotz des Terrors weitergehen. Nachdem seine Frau Doris davon erfahren hatte, dass für die Behandlung der Opfer ihre Blutgruppe gesucht wurde, habe sie sich spontan zu einer Blutspende entschlossen, worüber ohne ihr Zutun anschließend im Fernsehen berichtet wurde. Wenige Tage später sei sie von einer Dame am Strand angesprochen worden, die sich bei ihr bedankte, dass sie „als Deutsche für Juden Blut gespendet“ habe. "Eine solche Selbstverständlichkeit lag offenbar außerhalb ihrer Vorstellungswelt", so Bertele.



Hoffnung auf Frieden in den neunziger Jahren


Mit Beginn des Oslo-Friedensprozesses, dem Gaza-Jericho-Abkommen und dem Friedensvertrag mit Jordanien sei in Israel eine Euphorie aufgekommen, die erwarten ließ, dass nach längstens fünf Jahren alle Probleme zwischen Israel und den Palästinensern gelöst werden könnten. Shimon Peres, damals israelischer Außenminister, habe im Nahen Osten für eine israelisch-arabische Wirtschaftsvereinigung nach dem Vorbild der EU geworben. Bei seinem Antrittsbesuch als künftiger deutscher Botschafter in Israel im Jahr 1993 habe Peres bei ihm flankierende Maßnahmen von Deutschland und der EU für den Friedensprozess in Nahost angemahnt. Leider seien die Friedensträume sehr bald von den harten politischen Realitäten eingeholt worden.


Aus heutiger Sicht zu kurz gedacht, so Bertele, habe man sich zuerst den leichteren Fragen gewidmet und die wirklichen Problemfelder wie Jerusalem, die jüdischen Siedlungen und die Flüchtlingsfrage vertagt, in der Hoffnung, so Bertele, dass sich der Lebensstandard der Palästinenser verbessern und die Sicherheit für Israelis wachsen würde. Man habe darauf gesetzt, durch die Zusammenarbeit in Teilbereichen werde das Vertrauen zwischen beiden Seiten wachsen. Doch die anhaltenden Terroranschläge ließen die Menschen in Israel zunehmend an der Friedensbereitschaft von Arafat und den Palästinensern zweifeln. Israel habe sich zunehmend als den „gebenden Teil“ im Friedensprozess gesehen, durch den Terror seien vor dem Hintergrund des Traumas der Shoah tief sitzende Ängste wieder hoch gekommen. Ein wachsender Lebensstandard der Palästinenser habe sich als Illusion erwiesen, zumal die Grenzen infolge der Terroranschläge immer wieder dicht gemacht werden mussten und die palästinensischen Arbeiter nicht zu ihren Arbeitsplätzen in Israel kamen, wo immerhin 40% des BSP in Gaza erarbeitet wurde. Schon zu Lebzeiten von Yitzhak Rabin sei der Friedensprozess in eine tiefe Krise geraten, so Bertele. In Oslo und den Folgevereinbarungen habe es nie eine abgestimmte Rahmenvorgabe für die inhaltliche Lösung der Kardinalprobleme gegeben. Beiden Kontrahenten sei dadurch erlaubt worden, weiter an ihren Träumen eines Maximums des Erreichbaren festzuhalten. Ehud Barak habe in Camp David im Jahr 2000 einen letzten Vorstoß gemacht, der aber letztlich an der Halsstarrigkeit Arafats gescheitert sei.




"Die internationale Gemeinschaft muß klar definieren, wie für sie eine faire, ausgewogene
und umfassende Lösung im Nahen Osten aussehen soll."



Die Rolle Deutschlands und der EU


Deutschland, so Bertele, habe von Anfang an versucht, den Friedensprozess positiv zu begleiten, so sei die Bundesrepublik Deutschland das erste EU-Land gewesen, das in Jericho ein Verbindungsbüro eingerichtet hatte. Während dies vom israelischen Militärrundfunk mit den Worten kommentiert wurde "Müssen die Deutschen denn immer die ersten sein, wenn es um eine für Israel nachteilige Entwicklung geht?", sei es in Wahrheit die israelische Regierung gewesen, die mit dem Büro den Autonomieprozess der Palästinenser unterstützt wissen wollte. Auch wenn die deutsche Vertretung nach außen als selbständige Auslandsvertretung agiere, habe sie der deutschen Botschaft in Tel Aviv unterstanden und von dort Unterstützung erfahren.


Was die 2003 von den Vereinten Nationen, den USA, Russland und der EU entwickelte Road Map angehe, so bedauerte Bertele, dass auch dieser wie den Oslo-Vereinbarungen ein „Stufenmodell“ zu Grunde läge, bei dem man sich zwar über die zeitlichen Abläufe verständigt habe, die Inhalte aber von den politischen Kontrahenten zu füllen seien. Das Ansehen Israels habe in den letzten Jahren durch die Fernsehbilder von israelischen Panzern stark gelitten, so Bertele. Kritik aus Deutschland werde in Israel „besonders schmerzlich“ empfunden. Das Verhältnis zwischen Israel und der EU habe sich verschlechtert, Kritik aus Europa werde in Israel sehr schnell als Antisemitismus wahrgenommen. Er halte dies nicht immer für berechtigt, denn auch die Freunde Israels machten sich Sorgen wegen Israels Politik gegenüber den Palästinensern. Für ihn trügen beide Seiten Verantwortung für den Konflikt. Zwar habe sich bei Sharon die Erkenntnis durchgesetzt, dass der Rückzug aus Gaza unvermeidbar sei, doch der Konflikt könne damit nicht als beendet betrachtet werden. Seiner Meinung nach, so Bertele, seien die Europäer in der Pflicht, die Beteiligten auf beiden Seiten zu unterstützen, Amerika allein könne keine Lösung herbeiführen. Die internationale Gemeinschaft müsse den Kontrahenten, die zu sehr in ihrer eigenen Position erstarrt seien, deutlich aufzeigen, wie für sie eine faire, ausgewogene und umfassende Lösung aussehe. Dann würden Israelis und Palästinenser auch eher in der Lage sein, Kompromisse zu akzeptieren.


Die Sicherheit Israels sei unabdingbare Voraussetzung für einen Frieden in Nahost. Die Palästinenser müssten gemäß der Oslovereinbarungen das Existenzrecht Israels uneingeschränkt anerkennen, was von vielen Israelis heute bezweifelt werde. Für diese richteten sich die Selbstmordattentate nicht gegen die Besatzungspolitik Israels, sondern gegen die Existenz des israelischen Staates überhaupt. Israel dagegen müsse verstehen, dass nur ein lebensfähiger Palästinenserstaat bei der eigenen Bevölkerung Anerkennung finden könne und deshalb die meisten Siedlungen aufgelöst werden müssten. Andererseits: Wer die Rückkehr der palästinensischen Flüchtlinge von 1948, ihrer Kinder und Kindeskinder propagiere, verlange sehenden Auges von den Israelis, eine arabische Mehrheit im Judenstaat zu akzeptieren. Den Palästinensern müsse deshalb eine Kompensation angeboten werden. Was Jerusalem angehe, so habe sich mit der Zusage eines arabischen Teils an die Palästinenser in Camp David bereits eine Lösung abgezeichnet. Die großen Siedlungsblöcke würden an Israel gehen, als Ausgleich sollten die Palästinenser andere Gebiete erhalten. Einen Flickenteppich aber dürfe es im Staat der Palästinenser, der von einer Mehrheit der Israelis seit langem akzeptiert werde, nicht geben. Seine Frau und er, so Bertele, wünschten sich nichts mehr, als dass Israel und seine Bürgerinnen und Bürger in Frieden und Sicherheit mit seinen Nachbarn leben könnten.

Nur "Staatsmänner" könnten die eigene Bevölkerung zu schmerzlichen Kompromissen bewegen. Sharon, früher zu Recht als „Vater der Siedlungen“ tituliert, habe sich mit dem Gaza-Abzugsplan und der Bereitschaft zum Rückzug aus vier kleinen Siedlungen in der Westbank bereits als solcher zu erkennen gegeben. Nun bleibe zu hoffen, dass auch Machmud Abbas mit seinen Taten den hohen Ansprüchen, die an ihn gestellt würden, gerecht werde.


Jochen Feilcke dankt Dr. Bertele mit einem Buch über Yitzhak Rabin für seinen Vortrag.

Diskussion

Jochen Feilcke dankte dem ehemaligen Botschafter für die faszinierende Schilderung seiner persönlichen Eindrücke und für seine politischen Einschätzungen. Er selbst fühle sich an einen Besuch in Israel während des Yom HaShoah zur Zeit von Botschafter Theodor Wallau erinnert, als dieser zu der Gedenkstunde im Parlament vom Sprecher der Knesset noch keine Einladung erhalten hatte. Als Staatsgast aus Deutschland war er im Einvernehmen mit Wallau schließlich der Einladung des Präsidenten gefolgt. Inzwischen, so Feilcke, seien die deutschen Botschafter jedes Jahr beim Festakt anlässlich des Holocaust-Gedenktags in der Knesset dabei.


Das Publikum interessierte sich u.a. für den künftigen Einfluss Deutschlands in einer zunehmend europäischer werdenden Außenpolitik, die „zwielichtige Rolle“ der politischen Stiftungen insbesondere mit ihrer Förderung linker Israelis, die Einstellung der jungen Generation in Israel zu Deutschland sowie die Einschätzung des latenten Antisemitismus "in der Mitte der Gesellschaft" in Deutschland. Von Interesse war auch, warum die deutsche Botschaft ihren Sitz bisher nicht von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt habe.


Er sei überzeugt davon, so der ehemalige Botschafter, dass Deutschland ein zuverlässiger Verbündeter und Anwalt Israels innerhalb der EU bleiben und deshalb versuchen werde, in allen Fragen einen Konsens der europäischen Position im Sinne Israels herbeizuführen, auch wenn andere Länder wie z.B. Frankreich näher an arabischen Positionen seien. Er selbst habe mit seinem französischen Botschafterkollegen in den Jahren 1993 bis 1996 gut zusammen gearbeitet, zumal gemeinsame Berichte nach Brüssel gemeldet werden mußten.

Er glaube nicht, so Bertele, dass die politischen Stiftungen „eine zwielichtige Rolle“ spielten. Alle - egal welcher Couleur - seien bemüht, den Friedensprozess in Nahost voran zu bringen. Wenn ihre Programme und Zielgruppen von einzelnen als zu „araberlastig“ wahrgenommen würden, so liege dies daran, dass man die politische Bildung zu denen bringen wolle, bei denen Nachholbedarf bestehe. Israel, so Jochen Feilcke, sei eine pluralistische Demokratie und so werde niemandem, auch nicht Uri Avnery oder Moshe Zimmermann, im Ausland ein Maulkorb verpasst. Sicher sei, dass ihre Meinungen, die in Israel keine Mehrheit fänden, auf Seiten der israelischen Regierung nicht gern gehört würden, da sie das einseitige Israel-Bild in den Medien verstärkten. Dennoch gehörten sie zu einem differenzierten Israel-Bild dazu, das auch die DIG vermitteln wolle, die sich dennoch als "Freund Israels ohne wenn und aber“ verstehe. Er, so Bertele, habe Prof. Zimmermann trotz seiner kritischen Position gegenüber der Palästinenserpolitik der Israelis in Gesprächen immer für das Existenzrecht Israels und sein Recht auf Verteidigung streiten hören.

Bertele bestätigte den Eindruck, dass junge Israelis oft mehr Vorbehalte gegenüber Deutschland hätten als die Überlebenden selbst. Die Summe seiner Erfahrungen zeige ihm, dass mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand das Verständnis füreinander nicht leichter, sondern manchmal schwieriger werde. Die Älteren hätten trotz schrecklicher Erfahrungen auch „gute“ Deutsche erlebt; für die Jungen dagegen gebe es kaum „Grautöne“. Deshalb sei es so wichtig, so der ehemalige Botschafter, bei jungen Israelis Interesse an Deutschland zu wecken, die ihnen „ein anderes Deutschland“ als Nazideutschland vermitteln könnten. Der größte Feind einer Verständigung auch in den kommenden Generationen sei nicht Hass, sondern Gleichgültigkeit.

Bertele konzedierte, dass es auch heute einen latenten Antisemitismus in der deutschen Bevölkerung gebe, dies dürfe aber nicht dazu führen, dass eine Kritik an Teilen der israelischen Politik gleich als Antisemitismus interpretiert und deshalb nicht möglich sei. Wir alle müssten deutlich aufstehen, um die schwierige Situation Israels im Nahen Osten zu erklären und zurückweisen, wenn von „den Juden“ oder „dem Juden“ gesprochen werde, eine Verallgemeinerung dürfe es vor dem Hintergrund der geschichtlichen Erfahrung nicht geben. Was eine Kritik an der israelischen Politik angehe, so käme es auf die Form und den Ton an. Er habe es immer vorgezogen, statt in der Öffentlichkeit im Vier-Augen-Gespräch kritische Punkte anzusprechen und sei damit erfolgreich gewesen.

Was die Frage nach einer Verlegung des Sitzes der deutschen Botschaft angehe, so habe Deutschland aus prinzipiellen, völkerrechtlichen Gründen, denen zufolge es sich bei Jerusalem um einen „corpus separatum“ handele, diesen bisher nicht von Tel Aviv nach Jerusalem verlegen wollen. Nur 3-4 von 140 Ländern hätten sich bis heute zu einem solchen Schritt entschlossen. Sobald es einen Frieden zwischen den Konfliktparteien im Nahen Osten gebe, werde man diese Position gern überdenken.


(Fotos: Meggie Jahn)


Mehr zum Thema:

  • Asher Ben Natan/Niels Hansen (Hg.), Israel und Deutschland. Dorniger Weg zur Partnerschaft. Die Botschafter berichten über vier Jahrzehnte diplomatischer Beziehungen (1965-2005), Böhlau Verlag Köln Weimar Wien 2005
  • "Let's just dump that roadmap". Artikel von Yossi Beilin in der International Herald Tribune vom 4.06.2005.

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