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Weil ich ein Märtyrer sein will Von Esther Schapira In: Tribüne, Heft 176, 4. Quartal 2005 Die Verführung ist jung. Sie ist hübsch. Sie heißt Suha. Er hat sie geküsst, aber dann hat er widerstanden. Auch der Held ist jung und hübsch. Er heißt Said und ist vermutlich jungfräulich bei seinem bevorstehenden Eintritt ins Paradies. 72 junge Frauen werden den Märtyrer im heiligen Krieg dort erwarten. Aber davon ist im Film „Paradise Now“ keine Rede. Mohammed Besharat dagegen spricht unmittelbar nach seiner Festnahme viel vom Paradies und von den Jungfrauen, die „sie“ ihm versprochen haben als „sie“ ihn auf seine Mission schickten. 16 war er damals. Zu jung, um zu sterben. Zu jung, um zu töten. Aber genau im richtigen Alter für „sie“. Idealistisch, begeisterungsfähig, naiv. Unschuldig? Mohammed Besharat stammt aus dem Westjordanland genau wie die Filmhelden Khaled und Said im preisgekrönten Spielfilm „Paradise Now“ des palästinensischen Regisseurs Hany Abu-Assad, der bei seinem Kinostart Ende September in Deutschland begeistert gefeiert wurde. Doch die Wirklichkeit hat mit dem Spielfilm wenig zu tun, denn warum ein junger Mann bereit ist, sich und andere unschuldige Zivilisten zu töten, wer ihn wie rekrutiert, wie also jemand zum willigen Mordwerkzeug wird – all das wird im Kino nicht gezeigt. Die Stimme der Vernunft, sagt der Regisseur, habe er bewusst einer Frau übertragen. Die Stimme der Vernunft wäre demnach auch die Stimme der Verführung und sie wäre nicht in Palästina zuhause. Suha nämlich lebt im Westen und ist nur kurz zu Besuch. Eine von außen, die eben nicht verstehen kann, was es heißt, in einem besetzten Land zu leben. Eine also, die kein Gehör findet und der es deshalb folgerichtig auch nicht gelingt, Said, den Helden, von seinem Weg abzubringen. „Ich lehne diese Sachen von Grund auf ab. Das bringt gar nichts, ob es nun um meinen Sohn geht oder um den Sohn von anderen Leuten oder irgendeinen Sohn, diese ganze Idee des Märtyrertums, ich lehne das ab.“ Die Stimme der Vernunft. Auch sie gehört einer Frau, aber sie kommt nicht von außen. Fatheye Besharat ist Mohammeds Mutter und sie stellt sich vor unsere Kamera und sagt: „Wenn ich so einen von denen erwischen würde, dann würde ich ihn wahrscheinlich umbringen, auch wenn ich eine Frau bin.“ Damit begibt sie sich in offenen Widerspruch zur offiziellen arabischen Propaganda. „Eine Frau, die ihren Sohn mit den Worten verabschiedet: “Möge Allah Dein Märtyrertum annehmen, mein Sohn”, produziert wahre Männer“, sagt Dr. Ibrahim Al-Kilani, der ehemalige jordanische Minister für religiöse Angelegenheiten, im September 2004 im saudi-arabischen Fernsehen. Immerhin ein hoher politischer Vertreter eines Staates, mit dem Israel einen Friedensvertrag hat. Auch Mohammeds Vater, Said Abdallah Besharat, widerspricht dem Religionsminister: „Unser Glaube lehnt so etwas ab. Gott hat verboten, dass man das Geschöpf tötet, das er geschaffen hat. Das, was ihr macht, sind verbrecherische Akte.“ Was für Mohammeds Eltern so klar ein Verbrechen ist, ist es für viele Zuschauer von „Paradise Now“ keineswegs und für viele in der arabischen Welt schon gar nicht. Jungs wie Mohammed sind Märtyrer. Je mehr Menschen bei der „Operation“ getötet wurden, umso größer der Heldenstatus. So gesehen ist Mohammed Besharat nur ein kleiner Held, denn er war zwar bereit zu sterben, sein junges Leben zu opfern für die große Sache, aber er lebt. „Gott dem Allmächtigen, Gott dem Herrn der Welten, sei Dank, dass nichts passiert ist, dass mir mein Sohn geblieben ist und er keinem Menschen Schaden zugefügt hat, keinen Menschen getötet hat“, sagt Mohammeds Vater. Wenn alles wie im Kinofilm „geklappt“ hätte, dann wäre Mohammed Besharat am 2. August 2001 gestorben und mit ihm 53 Menschen, die im Bus der Linie 963 Jerusalem – Kiriat Schmonei sitzen. Die meisten von ihnen sind Jugendliche, die zu einem Festival am See Genezareth fahren wollen. Doch der Busfahrer Menashe Nuriel spürt instinktiv, dass mit diesem jungen Mann, der an der Haltestelle Beth Shean zusteigen will etwas nicht stimmt. Er antwortet nicht auf Nuriels Frage, wohin er wolle, und er trägt auf seinen Armen vorsichtig einen schweren Rucksack. Menashe Nuriel wirft sich auf ihn, drängt ihn aus dem Bus und rettet so 54 Leben: Seines, das seiner Passagiere und das des Attentäters. In Israel wird der Busfahrer ein Held. Der verhinderte Anschlag wird am selben Abend groß in allen Nachrichtensendungen Israels gezeigt. Außerhalb Israels aber macht ein verhinderter Anschlag keine Schlagzeilen. Der 2. August 2001 ist der letzte Tag Mohammeds in Freiheit. Vier Jahre ist das her. Vier Jahre lang wollte ich diesen offenkundig verstörten, ängstlichen Jungen kennen lernen, den ich nur kurz im israelischen Fernsehen gesehen hatte. Und nun sitzt er mir tatsächlich gegenüber. Ein junger Mann mit kurz geschnittenem Bart und braunen Augen, die mich abweisend mustern. Er trägt ein dunkles T-Shirt und einen braunen dünnen Baumwollanzug. Die Jacke ist offen. Gefängniskleidung. Ist das wirklich Mohammed Besharat? Ich bin unsicher, erkenne ihn nicht wieder. Die Aufnahmen, die ich von dem 16jährigen kenne, zeigen einen anderen, einen weichen Jungen mit warmen Augen und einem schüchternen Lächeln. Sicher, vier Jahre sind eine lange Zeit, aber der 20jährige vor mir ist ein anderer. Hart, verschlossen, eisig. Alles in ihm signalisiert mir Abwehr. Eigentlich will er nicht mit mir sprechen. Dann erzähle ich von Tamun, seinem Dorf nahe Jenin. Von seiner Familie, seinen Freunden. „Wen habt ihr gesprochen?“ fragt er und ich zähle die lange Liste auf. Sein Vater, seine Mutter, sein Bruder, seine Schwester, sein Cousin, onkel und Tante, der Schuldirektor, der Imam. Er fragt nach Namen, danach wie Tamun heute aussieht. Noch immer misstrauisch, jetzt aber auch neugierig. Dann erzähle ich ihm, dass seine Mutter gesagt hat, dass sie wütend auf die ist, die ihn, ihren geliebten Sohn, verführt hätten, dass sie gesagt habe, wenn sie jetzt nicht schon tot wären, würde sie sie eigenhändig umbringen wollen. Da lacht er und es passiert Erstaunliches. Der verschlossene junge Mann, der so gut in das Fahndungsraster in meinem Kopf passt, verwandelt sich von einer Sekunde zur anderen in den liebenswerten, sensiblen, unschuldigen 16jährigen Teenager, den mir seine Eltern beschrieben haben und den ich von Fotos kenne. Er hat ein bezauberndes Lächeln. Charmant und schüchtern zugleich. Und jetzt, da er meinen Blick erwidert, sind auch seine Augen, die des 16jährigen. Also gut, er werde mit mir sprechen. Was ich denn wissen wolle? Ich will verstehen, warum er getan hat, was er getan hat. Aber kennt er selbst die Antwort auf diese Frage? Und so bitte ich ihn als erstes, mir in seinen eigenen Worten zu sagen, was er getan hat, warum er hier ist. „Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen. Natürlich bin ich hier als Gefangener, wie alle anderen Gefangenen auch. Ich bin festgenommen worden aufgrund einer Aktion gegen Israel, gegen die Besatzung.“ Die ersten Sätze sind knapp, wirken phrasenhaft einstudiert. Im Verlauf des Gesprächs aber wird er offener und erzählt klar in einfachen Worten seine Geschichte. „Am Anfang der Intifada war ich jung. Wir lebten in Frieden und es ging alles seinen Weg. Ich war 16 als die Intifada anfing und wir ganze neue Erfahrungen machten. Wir erlebten erstmals das Töten. Mit Beginn der Intifada haben wir nur noch daran gedacht, der ist als Märtyrer gefallen, der andere ist getötet worden.“ Nicht die grundsätzliche Situation der Besatzung also hat das Leben des Teenagers aus der Bahn geworfen, sondern die gewaltsame Eskalation im Zuge der Intifada. Mohammeds Erinnerung aber reicht weiter zurück in die Zeit vor der Intifada. Die Zeit, in der nach den Verhandlungen in Madrid und Oslo auf höchster Ebene Ungeheuerliches gesagt wurde: friedliche Nachbarschaft. Aus Feinden sollten Partner werden zum Wohl der kommenden Generationen. „Vor der Intifada haben wir uns immer getroffen und haben zusammen was unternommen. Dann haben wir natürlich auch darüber geredet, was wir werden wollen. Einer sagte, er wolle Arzt werden, der andere wollte Ingenieur werden und einer sagte, er will mehr den literarischen Weg wählen, der andere sagte, nee, ich ziehe den naturwissenschaftliche Zweig vor.“ Mohammed träumte von einer Zukunft als Arzt oder Ingenieur. Warum nicht? Er war gut in der Schule. Und sein Vater brachte ausreichend Geld nach Hause. Geld, das er in Israel verdient hatte als Arbeiter bei Mosche Weiß, dem Bauunternehmer. Auch Mohammeds Vater erinnert sich gern an diese Zeit. „Meine Beziehung zu dem Juden, mit dem ich zusammen gearbeitet habe, zu Mosche, das war kein Arbeitsverhältnis, wir waren Freunde“, erzählt er und dass er Mohammed einmal mitgenommen habe nach Israel zur Familie Weiß, „um ihm zu zeigen, wie die Kinder der Juden leben, dass wir sie mögen. Ich habe ihn mit auf die Arbeit genommen. Er hat mit den Kindern der Juden gespielt. Dieser Mohammed unternimmt den Versuch, Juden zu ermorden? Unmöglich!“ Der Vater mag nicht glauben, dass seine Erziehung gescheitert ist, dass andere mehr Einfluss auf seinen Sohn hatten als er. Und er ist wütend über diese Missachtung seiner väterlichen Autorität. Wer also sind jene, deren Wort mehr zählt als das des Vaters? Wenn Mohammed die Vorgeschichte jenes 2. August 2001 schildert, jenes Tages also, der ihn nach dem Willen seiner Auftraggeber zum Märtyrer hätte machen sollen, dann steht ganz am Anfang ein Name: Mohammed Al Dura. „Schauen sie sich doch Mohammed Al Dura an, das war im selben Jahr, in dem ich festgenommen wurde. Ist das zu fassen, ein kleiner Junge von 7 Jahren wird ermordet und keiner greift ein.“ Mohammed Al Dura, der kleine Junge, der mit seinem Vater hinter einem Betonfass kauert und dort vergeblich Schutz sucht vor den israelischen Kugeln, er wurde zum Symbol des Kampfes der Palästinenser. Hier das unschuldige, wehrlose Kind, das um sein Leben fleht und vor laufender Kamera erschossene wird. Dort eine brutale, hochgerüstete Armee, die mit Maschinengewehren auf Kinder zielt. Das Bild ging um die Welt und wurde zur vielleicht meist gezeigten und zitierten Anklage gegen Israel. Mehrfach kommt Mohammed Besharat im Verlauf unseres Gesprächs auf dieses Bild zu sprechen, dass ihn und seine Freunde so erschüttert habe. „Schau mal, wie kann man das ausdrücken. Das bin nicht nur ich, es geht um meine ganze Generation, was haben sie gefühlt angesichts der Dinge, die geschehen sind. Und zwar genau das, was ich gefühlt habe. Du kommst daher und tötest meinen Bruder? Einen kleinen Jungen vor meinen Augen. Ich hatte das Gefühl, dass ich mitten im Katastrophengebiet lebe, dass die Erde bebt und ich wollte einfach etwas tun, eh das Haus über unseren Köpfen einstürzt.“ So eindringlich er die Wirkung dieser Szene für sich beschreibt, so sehr geraten ihm die Fakten durcheinander. Mohammed Al Dura war nicht 7 sondern 12 Jahre alt und tatsächlich ereignete sich der tragische Vorfall keineswegs im selben Jahr, sondern fast ein Jahr zuvor, am 30. September 2000. Die Szene steht am Beginn der zweiten Intifada. Sie ist ihr Fanal. Wenn Mohammed Besharat sie vordatiert, dann nicht, weil er lügt oder weil er ein schlechtes Gedächtnis hat. Es zeigt vielmehr, wie präsent das Bild des verzweifelten, angstverzerrten Kindes hinter dem Betonfass auch Monate später noch war. Kein Wunder, es wurde bewusst von der Propaganda wach gehalten. Täglich liefen Videoclips im palästinensischen Fernsehen. Wieder und wieder wurde der kleine Mohammed erschossen: In Musikvideos, in vermeintlichen Nachrichtenfilmen, Dokumentationen, Spielszenen. In den palästinensischen Schulen lernten die Kinder Englisch mit dem Satz: „The Israeli army killed our friend. Shame on them“. Und sie malten Bilder und Wandzeitungen mit der berühmten Szene. Diese Filmszene wurde zum wichtigsten PR-Erfolg der Palästinenser, weil es so archaisch, so eindeutig, so überzeugend war. Es war endlich der Fernsehbeleg für das Bild im Kopf von Millionen Zuschauern weltweit. Das Problem aber ist, dass das Bild keineswegs eindeutig ist. Im Gegenteil. Als ich 2001 die wahre Geschichte dieser Szene recherchierte, stieß ich auf eine ganze Reihe bemerkenswerter Indizien, dass Mohammed Al Dura sehr viel eher durch palästinensische als durch israelische Kugeln getötet worden sein dürfte. Während der Recherche und Dreharbeiten zu dieser Dokumentation („Drei Kugeln und ein totes Kind – Wer erschoss Mohammed al Dura“) sah ich Mohammed Besharats gescheitertes Attentat im israelischen Fernsehen. Damals wusste ich nicht, welche Bedeutung die berühmte Szene an der Netzarim Kreuzung im Gaza-Streifen für palästinensische Kinder und Jugendliche hat. Ich ahnte nur, dass sie zum politischen Kindesmissbrauch diente, denn ich kannte einige der Videoclips, die im palästinensischen Fernsehen gezeigt wurden. In einem ist mitten in die Originalszene ein Zwischenschnitt montiert, eine Nahaufnahme eines schießenden israelischen Soldaten, aufgenommen an einem völlig anderen Ort ohne jeden Zusammenhang. Fälschung im Dienst der höheren Propagandawahrheit. In einem anderen Musikvideo wird die Szene nachgespielt. Der Junge stirbt. Sein Blut tropft die Wand hinunter auf den Boden. Der Sänger singt: „Wie glücklich ist der Märtyrer, dessen Blut die Erde Palästinas tränkt.“ Dann erscheint die Inschrift. „Ich bin gestorben, um Euch zu sagen, dass ihr mir folgen sollt.“ Der Clip wurde vom palästinensischen Erziehungsministerium hergestellt und er war erfolgreich. Mohammed Besharat war bereit zu folgen. Er hatte seine Lektion gelernt. Auch die aus dem Schulbuch „Islamische Bildung für die 2. Klasse der Oberstufe“, Kapitel 4, „Die Ermutigung zum Dschihad“. Da heißt es: „Gott der Erhabene hat den Gläubigen befohlen zum Dschihad aufzubrechen unter allen Bedingungen. Das ist der Weg zum Glück im Diesseits und des Erfolgs im Jenseits. (…) Das bedeutet die tatsächliche Teilnahme an der Schlacht und die Opferung des Selbst für Gott den Erhabenen. Das ist das Höchste, was man dem Menschen abverlangen kann!“ Mohammed Besharat war ein guter Schüler, einer der besten. Er hatte begriffen, dass von ihm mehr erwartet wurde als gute Schulnoten. „Ich war ja in der zehnten Klasse, da gab es dann die Semesterexamina, ich habe mir diese überhaupt nicht angeguckt, obwohl ich gute Noten bekommen habe. Ich habe mich nur mit der Sache beschäftigt, die mich viel mehr belastet hat als die Prüfung, nämlich die Trauer.“ Trauer – das Schlüsselwort der unmittelbaren Vorgeschichte von Mohammeds Anschlag. Im Juli 2001 ist aus der Intifada längst ein schmutziger, brutaler Krieg geworden. Zwar gibt es sie noch immer, die eindrucksvollen Bilder der Kinder, die Steine auf Panzer werfen, aber der entscheidende Kampf findet längst im Geheimen statt. Die Hamas, die Al Aksa Märtyrerbrigaden und der Islamische Dschihad wetteifern darin, wer mehr Israelis hat töten können. Der Tourismus ist längst zum Erliegen gekommen. Zu groß ist die Gefahr, durch eine Bombe zerrissen zu werden beim Besuch von Cafés, im Bus, im Einkaufszentrum, auf der Straße. Längst fahren auch keine Touristen mehr auf die palästinensische Seite nach Jericho, Hebron oder Bethlehem. Die Grenze ist dicht und die Arbeitslosigkeit dramatisch. Auch Mohammeds Vater kann kein Geld mehr verdienen in Israel. Vorbei die Zeit als er bei Mosche Weiß auf dem Bau arbeiten konnte. Ariel Scharon hat die Wahl gewonnen mit dem Versprechen mit aller Härte gegen die Drahtzieher des Terrors vorzugehen und er hält Wort – um jeden Preis. Lang ist die Liste der von Israel Verhafteten oder gezielt Getöteten. Im Juli 2001wird sie wieder um drei Namen länger. Auf einer Landstraße nahe Tamun wird ein Wagen aus der Luft von israelischen Raketen beschossen und brennt völlig aus. Alle drei Männer im Wagen waren Mitglieder der Gruppe “Islamischer Dschihad”. Zwei von ihnen stammen aus Tamun und sind mit Mohammed verwandt. Vor allem mit seinem Cousin Walid war Mohammed eng verbunden. Jetzt ist Walid tot. Für die israelische Armee eine notwendige und erfolgreiche Operation mit der nicht nur ein, sondern sieben Anschläge verhindert worden seien, wie mir Sharon Feingold, die Sprecherin der israelischen Armee, versichert. Beweise für diese Behauptung legt sie der Öffentlichkeit nicht vor. Kann sie vielleicht auch nicht, denn es sind Geheimdienstinformationen, auf die sie sich stützt. Doch wie sähe die „Erfolgsbilanz“ aus, wenn nicht die Geistesgegenwart des Busfahrers Nuriel Mohammeds Anschlag vereitelt hätte? Für den damals 16jährigen nämlich ist der Anblick der verkohlten Leichen ein Schock, den er nicht verkraftet. „Von diesem Zeitpunkt an wurde ich immer depressiver. Da hat es angefangen. Ich hab auch gesagt, wir sollten was machen und da haben sie gesagt, gut, dann kannst du ja eine Märtyreroperation machen und ich war einverstanden“, sagt er heute. Aber wie frei war er in seiner Entscheidung wirklich? „Er war natürlich traurig, als sie gefallen sind, aber doch nicht so, dass er so weit geht“, erklärt seine Mutter vehement. „Er hätte sich nie auf so etwas eingelassen, wenn nicht andere ihm das eingetrichtert hätten.“ Unmittelbar nach der Festnahme gibt er zu Protokoll, dass es sein bester Freund, Ramsi, Walids jüngerer Bruder, gewesen sei, der ihn gefragt habe, ob auch er jetzt Mitglied im Islamischen Dschihad werden wolle. Keine Situation ist so passend wie die Beerdigung, kein Ort so geeignet wie das Haus der Familie des „Märtyrers“, um lebende Bomben zu rekrutieren. Im Chor der Racheschwüre fallen jene auf, die besonders erschüttert sind und sie werden angesprochen von denen, denen sie vertrauen, von Familienmitgliedern, von Älteren, von Vorbildern, von revolutionären Helden. Helden wie Khaled Besharat, ein anderer Verwandter Mohammeds. „Bei einem unserer Treffen fragte mich Khaled Besharat, was ich fühle, wenn ich höre, dass sich jemand in die Luft jagt. Ich antwortete Khaled, dass es davon abhängt, wer derjenige ist.“ Sie stellen ihm einen weiteren Funktionär des Islamischen Dschihad vor, der sich besser auskenne mit Märtyreroperationen und der ihn schließlich fragt, ob er selbst dazu bereit sei. „Ich glaubte damals, dass er mit mir Witze macht. Und ich sagte, dass ich es nicht mag, wenn man über so ein Thema Witze macht.“ Aber dann begreift er, wie ernst es den Männern ist. „Man sagte mir, es sei geheim, das heißt, ich werde gehen ohne zurück zu kommen und man sagte mir auch, dass ich für diese Sache sehr geeignet sei, weil ich fünf Brüder habe, die mich ersetzen könnten. Das war’s. Ich verstand, dass ich zu einer Selbstopferungsaktion gehen sollte.“ Sicher, sie geben ihm Bedenkzeit, aber sie lassen ihn in dieser Zeit nicht allein. Sie beten mit ihm, sie beschreiben ihm das Paradies, sie hören zusammen Musik. Es sind Lieder über Märtyrer, wie wir sie im Haus von Walids Familie hören: „Grüßt den Märtyrer ihr Leute auf seinem Hochzeitsmarsch./ Er hat sein Blut geopfert und Rache genommen. /Wo ist der Ruhm, wo ist die Rache? Wo sind die Revolutionäre? Jerusalem braucht sie.“ Ist es da noch möglich, nein zu sagen? „Es ist keine Überredung. Es geht nicht darum, dass sie einen überreden oder gar zu etwas zwingen, dass sie sagen, geh und spreng dich in die Luft, mach einen Anschlag. So ist es nicht. Also, sie sagen dir, möchtest du denn einen Anschlag durchführen? Und du sagst ja. Das ist kein Zwang, dass sie dir dann zusetzen und ständig sagen, komm, geh, geh, geh.“ Nein, zu diesem Zeitpunkt ernten sie, was sie Jahre zuvor gesät haben. „Das war ein Gefühl, dass mich umfangen hielt, in dem Alter, in dem ich war. Dass ich das Gefühl hatte, ich muss etwas tun, ich muss etwas zu Stande bringen.“ Überall hat Mohammed die Botschaft gehört, hat verstanden, dass es keine Alternative gibt, für einen, der ein Held sein will. Längst ist er überzeugt, dass er keine Wahl mehr hat. Der Feind bringt jeden um, der ihm nicht zuvor kommt. „Ich hatte das Gefühl, ich stehe in einer Reihe und ich werde jetzt, wie alle anderen auch, den Hals abgeschnitten bekommen.“ Also wird er sich wehren. Also wird er sich einreihen in die Schar der Märtyrer, deren Namen mit Ehrfurcht genannt werden. Er wird einziehen ins Paradies und dort fröhlich weiterleben. Längst hat er seine Lektion gelernt, die Lektion des Hasses. Alle Zukunftspläne aus der Zeit vor der Intifada sind Makulatur. Vor dem 16jährigen liegt nicht das Leben, sondern der Tod. Die einzige Wahl, die ihm bleibt, davon haben sie ihn überzeugt, ist zu entscheiden, wie er sterben will. Wann entscheiden sie. Und so stimmt er zu, gibt ihnen sein junges Leben. Ab jetzt läuft die Uhr. Drei, vier Wochen bleiben ihm noch. Solange bräuchten sie, bis die Bombe bereit, die Aktion organisiert sei. Drei, vier Wochen bis zu seinem Tod. Sie versichern ihm, dass er nur der erste von ihnen sei, der erste, der ins Paradies komme. Wie gern wären sie an seiner Stelle und sie schärfen ihm ein, dass er jetzt nicht mehr umkehren dürfe, so wie andere vor ihm, die schwach geworden seien. Mohammed, der junge Held, verspricht ihnen, sie mit Gottes Hilfe nicht zu enttäuschen. Doch nicht Gott führt die Regie, sondern sie. Sie schreiben ihm das Testament, das er vor der Kamera verlesen muss und in dem er sich vorstellt als „ich, der lebende Tote, Mohammed Said Besharat“. Sein eigenes Testament versteckt er im Haus. Es ist für seine Eltern bestimmt. Was genau er geschrieben hat, mag er uns nicht erzählen. Tröstliches eben, denn er weiß, wie traurig seine Eltern sein werden. Und er selbst? War er traurig, als er sich an diesem Abend von seiner Mutter verabschiedet hat? „Natürlich war ich traurig, es war ja das letzte Mal, dass ich sie sehen würde. Aber ich habe halt so gedacht wie ein Junge von 16 Jahren, dass ich sie dann im Jenseits sehen würde, im Paradies. Dass ich sie mitnehmen werde ins Paradies.“ Auch das haben sie ihm gesagt, dass der Märtyrer für 70 weitere Familienangehörige den Weg ins Paradies bereitet. So, wie er es heute erzählt, so distanziert, scheint von diesem Glauben nicht mehr viel übrig zu sein. Fast scheint er selbst verwundert zu sein über die Naivität des Jugendlichen, den er da beschreibt. Und doch wirbt er um Verständnis für ihn, erklärt mit weltlichen Worten der westlichen Besucherin, was er einst fühlte als der Tag immer näher rückte, der ihn ins Paradies bringen sollte. „Also, schauen sie mal, alles, was passiert ist folgendes: du konzentrierst dich auf das, was du tun willst. Nehmen wir mal einen Studenten, der freut sich darüber, dass er endlich die Universität absolviert. Ich habe mich auf die Freude konzentriert, die mich erwartet. Diese Freude hat meinen ganzen Körper durchströmt. Schau mal, stell dir vor, man sagt dir, morgen wird man dich feiern. Sie werden eine Feier für dich ausrichten, dass du erfolgreich gewesen sein wirst und man dich deshalb feiern wird. Einen Monat lang wartest du auf diesen Tag, an dem du eben gefeiert wirst. Das färbt diese ganzen Tage mit Freude, auch wenn du manchmal melancholisch wirst, dann ist die Erwartung dieses großen Tages so, dass sie auch diese Trauer besiegt. Ich lebe in Erwartung der Freude, die mir zuteil werden wird. Was für ein Tag ist das? Das ist der Tag, an dem sie mich feiern werden.“ Täglich treffen sie ihn in der Moschee und beten mit ihm vor allem jene Verse, die vom Heiligen Krieg handeln. Täglich beschreiben sie ihm, wie sie ihn feiern werden, was für ein Held er sein wird. Und schließlich bestimmen sie den Zeitpunkt, an dem sein Leben enden soll. Früher als gedacht. „Ich habe nicht erwartet, an diesem Tag geschickt zu werden, aber dann kam jemand und sagte: So, jetzt musst du raus. Ich hatte mir nicht vorgestellt, dass das alles so schnell gehen würde“, erzählt er lakonisch und lässt uns die Selbstverständlichkeit spüren, mit der sich dieser 16jährige, der er war, gefügt hat. An keiner Stelle spricht er von Zweifeln, von der Überlegung, doch noch „nein“ zu sagen. Vielleicht hat er bis zu diesem Moment noch immer geglaubt, es sei ein schlechter Witz, konnte sich nicht vorstellen, dass sie tatsächlich meinten, was sie sagten, dass sein eigener Verwandter, Khaled, ihn in den Tod schicken würde. Aber Khaled ist sogar dabei als sie ihn dann nachts über die Grenze bringen und in einem Wald auf der israelischen Seite aussetzen. Sie haben ihm Kleidung eingepackt, die er anziehen soll, um auszusehen wie ein israelischer Jugendlicher: kurze Hosen, ein T-Shirt, eine Baseballkappe. Sie haben ihm ein altes Fahrrad mitgegeben, um die Bombe zu transportieren. Der Sprengstoff ist zu schwer für ihn zum Tragen. Er weiß nicht genau, wo er ist. Längst hat er die Orientierung verloren. Er weiß auch nicht, wie spät es ist, als sie sich von ihm verabschieden. „Sie haben mich da gelassen und ich habe dann gewartet, bis es morgen wurde. Ich habe nur dagesessen“, erzählt er und ich versuche, mir vorzustellen, wie er sich gefühlt hat in jener Nacht. Tamun, sein Dorf, sein Zuhause, war nur 30 Kilometer entfernt, aber für ihn unerreichbar. Selbst wenn er in diesem Moment Zweifel bekommen hätte, selbst wenn er hätte umkehren wollen, welche Möglichkeiten hätte er gehabt? Den Weg nach Hause hätte er kaum gefunden. Und anders als im Spielfilm „Paradise Now“ gab es kein Mobiltelefon, mit dem er sein Taxi zurück ins Leben hätte rufen können. Und sich stellen, Hilfe holen? Das hätte bedeutet, sich dem Feind auszuliefern, vor allem aber zu versagen, zum Verräter zu werden. In dem Moment, in dem sie ihn ausgesetzt hatten, hatten sie die lebende Bombe scharf gemacht. Für ihn gab es jetzt keinen Weg zurück mehr und deshalb auch keinen mehr nach vorn. Für ihn gab es nur noch den Weg ins Paradies, also in den Tod. Jetzt wurde wahr, was er vor der Kamera hatte vorlesen müssen. Er war ein lebender Toter. Dreimal geht er zum Restaurant, um sich dort in die Luft zu sprengen. Dreimal findet er es verschlossen vor. Aber auch jetzt kommt ihm der Gedanke zur Umkehr nicht. „Also, ich sehe diesen Jungen von 16 Jahren. Er soll das machen und er wird das auch machen. Er soll das Glas zerbrechen, er wird es zerbrechen. Wenn es beim ersten Wurf nicht kaputt geht, dann werde ich es aufheben und noch mal hinwerfen, bis es bricht. Diese Sache sollte ich machen und ich wollte sie auch machen.“ Und wieder ist da dieser merkwürdig distanzierte Ton. Der junge Mann vor mir redet von diesem 16jährigen, der er war, wie von einem vertrauten Freund, aber zugleich wie von einem anderen. Kennt er noch die Ängste, die dieser Junge ausgehalten hat? „Was soll ich Ihnen sagen? Wenn du diese Sache betrachtest, dann denke bitte immer daran, dass es sich um einen 16jährigen Jungen handelt. In diesem Alter, was soll er denn tun? Es geht nicht um Angst, er wollte diese Sache ganz einfach durchziehen. Er hat halt damit gerechnet, er drückt und es explodiert und fliegt überall herum. Der Schmerz, was ihm passiert, darum hat er sich nicht gekümmert oder vielmehr, er hat nicht daran gedacht.“ Immer wieder ist da dieses „er“, wenn der vor mir sitzende 20jährige Mann über den 16jährigen spricht, der er einst war. Um Verständnis werbend für diesen Jungen, der einen Auftrag und keine Wahl mehr hatte. Aber hatte er nicht letztlich doch gewählt und sich gegen seine Auftraggeber und für die Erziehung seiner Eltern entschieden? Immerhin hat er den Schalter nicht umgelegt, obwohl es dazu nur einer Sekunde bedurft hätte. Es gab diesen Moment der Entscheidung bevor Menashe Nuriel ihn aus dem Bus drängte. Was hat ihn zurückgehalten? „Die Juden sind Juden, ob links oder rechts, die Juden sind Juden. Sie müssen geschlachtet und getötet werden. Wie Gott der Allmächtige sagt: „Bekämpft sie!“ Habt keine Gnade mit den Juden, wo auch immer sie sind, in jedem Land. Bekämpft sie, wo auch immer ihr seid. Wo ihr sie trefft, tötet sie!“ ruft der Imam in der großen Moschee in Gaza den Gläubigen zu. Die Predigt wird im Palästinensischen Fernsehen übertragen. Sie ist Teil des heiligen Medienkriegs. Jedes palästinensische Kind kennt dessen Botschaften. Auch Mohammed kannte sie. Aber es ist eine Sache, abstrakt zu hassen und eine völlig andere, in einen Bus einzusteigen mit jungen Leuten und sie und sich zu töten. Als ich Mohammed Besharat nach diesem Unterschied frage, wirkt er ratlos, behauptet, meine Frage nicht zu verstehen. Aber als ich ihn frage, was denn gewesen wäre, wenn Mosche Weiß, der frühere Arbeitgeber seines Vaters mit dessen Kindern er einst gespielt hatte, im Bus gesessen hätte, lacht er verlegen und sagt: „Gott sei Dank ist es ja nicht passiert.“ Ich insistiere. Schließlich seine Antwort, zögernd und hilflos: „Vielleicht hätte sich was geändert, weil ich ihn persönlich kenne, ihn früher schon mal gesehen habe. Vielleicht verändert sich etwas für mich, wenn ich ihn sehe. Vielleicht hätte ich das, was ich vor hatte, einfach versteckt und wäre ausgestiegen, ohne etwas zu tun.“ Nicht „er“, sondern „ich“. Plötzlich spricht Mohammed nicht mehr abstrakt von dem Auftrag des 16jährigen, sondern von sich und seinen Gefühlen. Vier Jahre hat er bereits im Gefängnis gesessen. Das sind vier Jahre intensiver ideologischer Schulung durch die anderen Zellengenossen. Und doch erinnert er jetzt, da er so verlegen und ehrlich seine Hilflosigkeit eingesteht, von seinen Gefühlen spricht, die der menschenverachtenden Ideologie im Wege stehen, an den Jugendlichen, den ich aus dem Polizeivideo der Tatortbegehung kurz nach der Festnahme kenne. „Es tut mir leid, es war ein Fehler,“ sagte er damals. „Warum wolltest du diesen Anschlag durchführen?“ fragte ihn der Polizist. „Damit ich ein Märtyrer werde und ins Paradies komme.“ „Haben sie dir das versprochen?“ „Ja, aber es tut mir leid. Es tut mir leid, es war ein Fehler.“ Von Reue mag er heute nicht mehr sprechen, aber er ist froh, dass er lebt. Einige derjenigen, die Mohammed in den Tod schicken und zum Mörder machen wollten, sind inzwischen selbst gestorben. Einer von ihnen ist Mohammeds Verwandter Fuad Besharat, der sich beim Bau einer Bombe versehentlich selbst umbrachte. Ein Arbeitsunfall im Dienst der großen Sache, weshalb auch sein Name auf der langen Liste der Märtyrer steht. Sein Grabstein in Tamun trägt die Inschrift: „Diejenigen von uns, die in den Heiligen Krieg ziehen, die sollen uns Vorbild sein. Und Gott ist auf Seiten derjenigen, die Gutes tun. Bewegung Islamischer Dschihad in Palästina.“ Mohammeds Geschwister sind oft auf diesem Friedhof. Sie kannten Fuad, und sie kennen die Inschrift. Und wenn nun sein kleiner Bruder dem Vorbild folgen wollte? „Ich würde es ihm verbieten“, sagt Mohammed in aller Entschiedenheit. „Jede Sache braucht den richtigen Anlass. Man muss so handeln, wie es der Zeit entspricht, in der man lebt.“ Vor der Intifada hätte er es nicht für möglich gehalten, dass er selbst bereit sein könnte zu töten. Da wollte er leben und träumte von einer Zukunft als Arzt oder Ingenieur. Heute würde er seinen Bruder abhalten, seinen Weg einzuschlagen, weil die Zeit eine andere sei. Ist die Intifada vorbei? Verfangen die Parolen nicht mehr? Immerhin hat Mohammed wieder eine Antwort als ich ihn am Ende nach seiner Zukunft frage. „Ich stelle mir mein Leben so vor: Ich will raus. Ich will mein Studium beenden. Mein Ziel im Leben war, dass ich Ingenieur oder Arzt werde. Ich will mein Lebensprojekt fortsetzen.“ Dann verabschieden wir uns und er geht zurück in seine Zelle. Er war noch minderjährig als er ins Paradies wollte. Ins Leben entlassen wird er wohl erst mit 34 Jahren.
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