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Eröffnung der Ausstellung "Das hat's bei uns nicht gegeben - Antísemitismus in der DDR" und Gesprächsrunde zu "Juden in der DDR und der Antisemitismus von Partei und Regierung" am 02.06.2008 Bericht von Meggie Jahn, Fotos von Fritz Zimmermann, Peter Schmiedel und Meggie Jahn Am 2. Juni wurde vom Kunstamt Tempelhof-Schöneberg unter bewährter Leitung von Katharina Kaiser im Schöneberger Rathaus die Ausstellung der Amadeu-Antonio-Stiftung "Das hat's bei uns nicht gegeben! Antisemitismus in der DDR" eröffnet - nach Neukölln übrigens zum zweiten Mal im Westteil Berlins. Die Stiftung zeigte sich hocherfreut, dass es auf Initiative der DIG Berlin und Potsdam mit der anschließenden Gesprächsrunde zum Thema "Juden in der DDR - Der Antizionismus von Partei und Regierung" erstmals eine Begleitveranstaltung gab. Mit der Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit (GCJZ) fanden DIG und Kunstamt einen weiteren Kooperationspartner für die Runde.
 Ausstellungseröffnung "Das hat's bei uns nicht gegeben! Antisemitismus in der DDR" im Foyer des Schöneberger Rathauses
Dieter Hapel und Heike Radwan
Nach einem Grußwort des Stellv. Bezirksbürgermeisters von Tempelhof/Schöneberg, Dieter Hapel, führte Heike Radwan von der Amadeu-Antonio-Stiftung ausführlich in die Ausstellung ein, die bis 22. Juni im Foyer des Rathauses zu besichtigen war. Nach einem kleinen Empfang des Kunstamts mit kalten Getränken konnten sich die Gäste die Forschungsergebnisse der 76 Jugendlichen ansehen, die in 8 ostdeutschen Städten recherchiert hatten.
In der Ausstellung werden u.a. die guten Kontakte zwischen Walter Ulbricht und Gamal Abdel Nasser dargestellt und die zunehmende Abkehr der DDR-Regierung von der kurz nach der Staatsgründung durch die UdSSR vorgegebenen Unterstützung des Judenstaates. Die Kritik an Israel seit dem Sinai-Feldzug stand denn auch im Mittelpunkt der anschließenden Gesprächsrunde. Auch der Osten Deutschlands war Teil des nationalsozialistischen Täterlandes, somit hätte sich die DDR wie der Westen mit diesem Erbe auseinandersetzen müssen. Doch der Staat erklärte seine Bevölkerung zu einem Volk von Antifaschisten. So blieb der Bodensatz des Antisemitismus unangetastet. Bis heute hält sich der Mythos, in der DDR hätte es keinen Antisemitismus gegeben. Tatsächlich reduzierte sich im Sozialismus alles auf die Klassenfrage, dies zeigte sich bald auch im Umgang mit Israel. So sah das DDR-Regime wie die Sowjetunion in Israel nach anfänglicher Begeisterung für die sozialistische Kibbuzbewegung den „Klassenfeind“, nachdem das Land für sie zum „imperialistischen Vorposten“ der USA und des Westens mutiert war. Antizionismus gehörte fortan zur offiziellen Staatsdoktrin, die DDR unterstützte sogar die militärische Ausbildung von PLO-Kämpfern.
Diesem Aspekt der Ausstellung widmete sich unter dem Motto "Juden in der DDR und der Antizionismus von Partei und Regierung" die Gesprächsrunde nach der Eröffnung. Diskutiert wurde, wie das offizielle Israel-Bild in der DDR aussah, welchen Blick die Teilnehmerinnen selbst auf Israel hatten und wie die Präsentation des Judenstaates in Politik und Medien auf sie wirkte.

In einem klimatisierten Raum direkt hinter der Ausstellung begrüßte Meggie Jahn, Stellv. Vorsitzende der DIG Berlin und Potsdam (oben), die rund 120 Gäste sehr herzlich. Dem Moderator Jürgen Rennert, geb. 1943 in Berlin-Neukölln und 1953 in die DDR übergesiedelt, dankte sie ausdrücklich im Namen aller Veranstalter für seine Bereitschaft, die Runde zu leiten. Als Lyriker, Essayist, Nachdichter und Mitbegründer der "Tage der jiddischen Kultur in Berlin-Ost" sowie seit 1980 Mitglied des deutschen PEN-Zentrums habe Rennert die politische Kultur der DDR und die Haltung zu Israel stets mit Interesse verfolgt und sei deshalb besonders geeignet, die Runde zu moderieren. Tatsächlich bestätigte sich diese Hoffnung nach wenigen Minuten, machte er doch gleich zu Beginn deutlich, dass man sich versammelt hatte, um von vier "Zeitzeuginnen" der ehemaligen DDR ihre ganz persönlichen Lebensgeschichten zu hören, die keinen Anspruch auf Allgemeingültigkeit erhöben. Bei diesem nicht einfachen Thema sei es wie so oft im Leben: Es gebe nicht nur Schwarz und Weiß, sondern selbstverständlich auch Zwischentöne. Es gehe darum, einander zuzuhören und sich über das Erlebte auszutauschen. Das Publikum sei im Anschluss herzlich dazu aufgerufen, sich in diesem Sinne an der Diskussion zu beteiligen.
 Jürgen Rennert moderierte die Gesprächsrunde. Links Regina Scheer und Salomea Genin, rechts Eva Nickel und Dr. Susanne Galley-Talarbardon.
Dies sei auch das Anliegen von Eva Nickel gewesen, auf deren Anregung diese Begleitveranstaltung zur Ausstellung zustande kam, so Rennert, der diese wie auch die anderen drei Gesprächsteilnehmerinnen auf sehr persönliche und sympathische Weise vorstellte.
 Dr. Susanne Galley-Talabardon, seit kurzem Professorin für Judaistik an der Otto-Friedrich-Universität in Bamberg
Dr. Susanne Talabardon, selbst keine Jüdin, aber als evangelische Theologin immer interessiert am jüdischen Leben, eröffnete die Runde. Geboren 1965 in Ostberlin und als Studentin der Theologie im Arbeitskreis DDR-Israel aktiv, der nach der Wende geschlossen der DIG beitrat, verwies auf die "Parallelwelten", die es in der DDR gegeben habe. Während sie an der Humboldt-Universität studierte, habe sie mit anderen Kommilitonen eine Studie zum Israelbild in der DDR gemacht und dabei die DDR-Medien kritisch unter die Lupe genommen. Selbst aktiv in einem Zirkel vornehmlich evangelischer Christen habe sie beobachtet, was in der DDR über Israel an falschen Informationen verbreitet worden war. Zuhause habe man die "Tagesschau" oder das "Heute-Journal" gesehen, um sich zu informieren - in der Öffentlichkeit den in der DDR verbreiteten Antizionismus meist schweigend zur Kenntnis genommen. Später analysierte Talabardon auch die Schüler- und Jugendzeitschrift "Die Trommel" von 1948 bis 1989, weil sie wissen wollte, was Kindern und Jugendlichen in dieser Zeit über das Judentum und Israel vermittelt worden sei. Das Ergebnis: 1948 und kurz danach bemühte sich die DDR noch um Neutralität und versuchte, arabischen wie jüdischen Ansprüchen gerecht zu werden. Es sei um "die Freundschaft zwischen allen Menschen" gegangen, Israel war ein Randthema. Dies habe sich Anfang der 50er Jahre geändert. Nun wurde Stalin gefeiert, in der UdSSR kam es mit den Slansky-Prozessen zu einer antisemitischen Welle, die auch auf die DDR abfärbte. Bis 1955 habe die Nazizeit kaum eine Rolle gespielt. Mit der Wiederaufrüstung bzw. Wiederbewaffnung "Westdeutschlands" im Jahr 1955 aber sei die Bundesrepublik zum "imperialistischen Vorposten der USA" avanciert und die jüdisch-kommunistische Verfolgungsgeschichte gegen Adenauer instrumentalisiert worden. Dabei wurde dieser sogar als der "Hitler von heute" bezeichnet. Nach dem Sinai-Feldzug 1956 konnte man zunehmend "antizionistische" Propaganda in den Medien finden, Israel wurde zum "Bösen" schlechthin. 1970 konstatierten einige DDR-Autoren einen Widerspruch darin, dass man Naziopfern eine Unterstützung zukommen ließ, Israel aber schlecht machte, obwohl viele Opfer dorthin geflohen waren. "Aus Juden wurden plötzlich Menschen", so Talabardon. Während des israelischen Libanon-Feldzuges 1982 habe man sich einer Naziterminologie bedient, um Israels Vorgehen anzuprangern, "die einem eine Gänsehaut über den Rücken jagen konnte". Sie selbst habe mit ihren Freunden immer eine Nische gefunden und nichts von dem geglaubt, was den Schülern damals in der DDR vermittelt werden sollte. Der Konfirmandenunterricht habe ihr Gelegenheit geboten, kritisch zu diskutieren, was ihr sonst mit Erwachsenen kaum möglich gewesen sei.

Regina Scheer
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Salomea Genin
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Salomea Genin, geboren 1932 in Berlin, schilderte ihre Odyssee nach der Vertreibung durch die Nazis aus Deutschland im Mai 1939, die sie und ihre Familie nach Australien führte. Dort wurde sie zur glühenden Jungkommunistin und war überzeugt, dass in der DDR ein antifaschistischer Staat aufgebaut werde, in dem es keinen Antisemitismus geben könne. 1951 nahm sie mit Begeisterung an den Weltjugendfestspielen in der DDR teil. Folgerichtig kehrte sie 1954 nach Berlin (West) zurück, durfte aber erst 1963 nach Ostberlin übersiedeln, wo sie dabei mithelfen wollte, ein besseres, antifaschistischen Deutschland aufzubauen. Als Geschichtslehrerin wollte sie Kindern eine bessere Welt lehren und ihre Werte beibringen. Getreu dem Motto "Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus" habe sie alles geglaubt, was dazu in den DDR-Zeitungen gestanden hatte. Nach und nach erkannte sie, "dass sie einer schöngefärbten Propaganda auf den Leim gegangen war" und viele Jahre später, dass sie als Kind durch die Vertreibung aus Berlin sowohl traumatisiert war als auch viel Angst verdrängt hatte.
Während des Sechs-Tage-Krieges fiel ihr auf, dass in den DDR-Medien "Zionismus" und "Jude" als Synonyme benutzt und stellenweise die Politik Israels und des NS-Staates gleichgesetzt wurden. Auch wenn sie selbst anfangs nicht der Meinung war, dass Juden einen eigenen Staat brauchten, so wuchs durch diese und andere Erfahrungen doch ihre Überzeugung, dass ein solcher nötig sei. Es schien ihr abstrus, dass der Judenstaat allein als "Instrument jüdischer Bourgoisie" dargestellt wurde. Schlüsselerlebnis war wohl ein FDJ-Nachmittag an der Humboldt-Universität. Provoziert durch das antizionistische Gerede habe sie darauf verwiesen, dass sie als Jüdin "in Rauch aufgegangen" wäre, wenn sie damals nicht mit ihrer Familie nach Australien geflüchtet wäre. Die Antwort des FDJ-Sekretärs sei "unglaublich dumm und ignorant" gewesen und habe sie verstärkt am DDR-Regime zweifeln lassen.
Das Thema Juden sei, so Genin, bis 1988 in der DDR tabuisiert worden. Niemand habe darüber gesprochen. Dadurch seien antisemitische Vorurteile und die Nazi-Ideologie im Konkreten bei vielen niemals hinterfragt worden. Das Wort "Jude" sei einfach nicht vorgekommen. Sie habe sechs Jahre gebraucht um zu begreifen, warum nicht. "In den Bäuchen der Menschen" sei es noch immer ein Schimpfwort gewesen. Niemand wollte wissen, dass sie nicht nur Kommunistin, sondern auch Jüdin war. 1982 habe sie verstanden, dass sie mitgeholfen hatte, einen Polizeistaat aufzubauen, mit "Scheindl und Salomea" ein Buch über ihre Familie geschrieben, aber erst im Mai 1989 den Mut gefunden, aus der Partei auszutreten und im "Neuen Forum" mitzuwirken. Regina Scheer studierte Theater- und Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität, arbeitete als freie Journalistin („Weltbühne“, „Sonntag“), als Redakteurin (beim „FORUM“, Zeitung für geistige Probleme der Jugend und beim Literaturalmanach „Temperamente“) sowie als Herausgeberin und Schriftstellerin. Seit Ende der 80er breschäftigt sie sich verstärkt mit Themen zur deutsch-jüdischen Geschichte.
In ihrem privaten Umfeld, so Regina Scheer, sei eine jüdische Herkunft, Emigrationserfahrung oder antifaschistische Tätigkeit und eine grundsätzlich positive Einstellung zur DDR normal gewesen. Galleys "Parallelwelten“ bezeichnete sie als „unterschiedliche Milieus“, die es selbstverständlich in der DDR gegeben habe. Erst allmählich habe sie die Brüche in den Erfahrungen der Älteren gespürt, "das Unausgesprochene, Tabuisierte". Erst als Jugendliche habe sie verstanden, wie lückenhaft das in der Schule gelehrte Geschichtsbild war, wie groß die Kluft zwischen Realität und Anspruch. Sie glaubte, die Kinder der ehemaligen Emigranten und Verfolgten, aus denen auch ihr Freundeskreis sich zusammensetzte, fanden nicht über ihr Jüdischsein zusammen, sondern über das gemeinsame Milieu und über geteilte politische Ideale, die sie natürlich allmählich in Konflikt mit der DDR-Wirklichkeit brachten. Sie selbst habe sehr unterschiedliche Lehrer kennengelernt, auch sehr gute, aufrichtige Pädagogen. Dass das Wort „Jude“ bis in die achtziger Jahre hinein vielen als "anrüchig, ja peinlich" galt, hat auch sie beobachtet.
Erwähnt seien hier nur einige ihrer wichtigsten Publikationen: Das Buch „Ahawah - Das vergessene Haus“, ein Buch über ein jüdisches Kinderheim in der Auguststraße, Berlin-Mitte, über Vergessen und Verdrängen, über das Wiederfinden der Erinnerung, und "Im Schatten der Sterne", 2004 im Aufbau-Verlag erschienen - eine umfangreiche Darstellung über die Geschichte der Herbert-Baum-Gruppe, einer jüdischen Widerstandsgruppe.
 Regina Scheer und Salomea Genin
Eva Nickel, geboren 1948 in Berlin, war wohl die einzige "Zeitzeugin", die bewußt am jüdischen Gemeindeleben in Berlin teilgenommen und sich dort engagiert hatte, u.a. in der Zentralen Wohlfahrtsstelle. Heute arbeitet sie im Seniorenzentrum der Jüdischen Gemeinde und betreut auch ältere Mitglieder der Jüdischen Gemeinde von Ost-Berlin. Nach einer Lehre als Gewandschneiderin beim Fernsehen der DDR arbeitete sie später beim SGB Textilwaren als Schreibkraft, "Wirtschaftskaufmann" und bildete sich im Fernstudium zum Ökonompädagogen an der Fachschule in Aschersleben fort. Sie fungierte zudem als Ausbilder und Lehrmeister für verschiedene bürotechnische und kaufmännische Berufe. Bei der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin war sie als Leiter der Kindergruppe und zwischendurch auch ehrenamtlich tätig.
 Eva Nickel
Sie habe in der eigenen Familie, aber auch bei den Mitgliedern der Gemeinde, immer den Druck gespürt, dem sich diese ausgesetzt fühlten, in die SED einzutreten. Als Kind sog. "Verfolgter des Naziregimes" habe sie kein Problem damit gehabt. In ihrer beruflichen Stellung sei dies selbstverständlich gewesen. Die antizionistischen Prozesse in der UdSSR und in der DDR (Slanski und Merker) Anfang der 50er Jahre hätten ihre Eltern aber mit Sorge verfolgt. Sie verleugnete nie, dass sie Mitglied der jüdischen Gemeinde war (damals 206 Mitglieder), wo jeder jeden kannte. Was das Israelbild der DDR-Bürger anging, so sei dieses bis 1991/92 sehr verzerrt gewesen, so Nickel. Nach der Wende stellte sie fest, dass es nicht nur im Osten, sondern auch im Westen "viele verkorkste Vorurteile" gegenüber Israel und den Juden gab. In der DDR sei "aus der Rassenfrage der Nazis eine Klassenfrage" geworden. Die Einteilung in die "guten Juden", die für den Sozialismus gekämpft hatten, und die "schlechten Juden" - "Ausbeuter" und "jüdisches Finanzkapital" - hätten ihre Zweifel am DDR-Sozialismus wachsen lassen. Sollte das die Lehre aus der Nazizeit sein? Das schien ihr doch zu einfach.
Diskussion:
 Jürgen Rennert moderierte auch die anschließende Diskussionsrunde auf die ihm eigene Art glänzend.
Das Publikum stellte im Anschluss an die Gesprächsrunde kaum Fragen, sondern ergänzte die Diskussion um individuelle Geschichten, die das Bild abrundeten und den Abend bereicherten.
So berichtete ein Gast, dass die FDJ in den 50er Jahren im Wismut-Werk das Horst-Wessel-Lied angestimmt hatte, was in der antifaschistischen DDR eigentlich hätte verpönt sein müssen. Erstaunlich auch, dass der diskriminierende Gebrauch des Wortes "Judenschwein" im SED-Staat keinerlei rechtliche Konsequenzen hatte, der Angreifer nicht mal gefeuert wurde. Der Fall Ingo Hasselbach zeige, so ein anderer Diskussionsteilnehmer, dass man durch den Aufenthalt in einem DDR-Gefängnis sogar zum Neonazi werden konnte.

Eine Teilnehmerin berichtete von dem Besuch eines Ärztekongresses mit dem israelischen Psychologen Dan Bar-On ("Die Last des Schweigens"), der sich mit der Wirkung des Holocaust auf die zweite Generation der Täter und Opfer beschäftigt und diese zusammen gebracht hat. Sie habe damals erkannt, dass NS-Ärzte wie Mengele mit dem gleichen Enthusiasmus wie sie studiert haben mußten. Erst Ende der 80er Jahre habe man in Deutschland begonnen, dieses Thema aufzuarbeiten und dabei festgestellt, "je weiter sich Auschwitz entferne, desto näher rücke es". Als Jude könne man der Erinnerung nicht entkommen, die meisten Überlebenden hätten sich immer wieder die Frage gestellt, warum gerade sie überlebt, ihre Familie und Freunde dagegen umgekommen seien. Eine andere Dame freute sich über eine Bürgerinitiative, die sich erfolgreich dafür eingesetzt hatte, eine Schule in Berlin nach Viktor Klemperer umzubenennen. Ihr war wichtig zu betonen, dass auch in der Nazizeit nicht alle Deutschen Antisemiten gewesen seien, vielmehr habe es auch "andere Deutsche" gegeben.
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Maria Haendtke-Hoppe-Arndt, langjähriges Mitglied der DIG und viele Jahre als Juristin bei der Gauck-Behörde tätig, berichtete von ihren Studien der Stasi-Akten, die gezeigt hätten, dass zu DDR-Zeiten zahlreiche faschistische bzw. rechtsextreme Aktionen bewußt unter dem Deckel gehalten wurden.
Auch eine Psychotherapeutin - selbst Mitglied der 68er Generation - meldete sich zu Wort, deren Fragen an die Eltern nicht beantwortet wurden. Sie habe nie verstehen können, wie es zum Holocaust gekommen war. Das "Schweigen" auf Seiten der Opfer und "Verschweigen" auf Seiten der Täter mache zwar einen Unterschied, führe aber zum gleichen Ergebnis - zur Sprachlosigkeit. Darum sei es so wichtig, das Erlebte zu thematisieren und auch die Geschichten "der anderen" zu hören.. Nur dann könne das Unfaßbare aufgearbeitet und ein Weg zur Verständigung gefunden werden, wie es auch Dan Bar-On versucht habe.

Spannend war auch der Beitrag einer inzwischen nach Berlin zurückgekehrten Israelin, die in Israel in einem sozialistischen Kibbutz gelebt hatte und mit der kommunistischen Partei in die DDR gereist war, um eine LPG zu besichtigen, die sie sich ähnlich wie ihren Kibbutz vorgestellt hatte. Ihre Freunde in der DDR rieten ihr damals, sich nicht allzu klar für Israel zu positionieren, da die offizielle Politik antizionistisch sei. Nach dem Besuch kehrte sie enttäuscht nach Israel zurück. Die LPG habe so gar nicht ihren positiven Erwartungen entsprochen.
Frappierend für den aufmerksamen Zuhörer von Gesprächsrunde und Diskussion war, dass sich erstaunliche Parallelen zwischen Ost- und Westdeutschland auftaten. So gab es hier wie dort zunächst ein Tabu, über die Nazi-Zeit zu reden, was in der Bundesrepublik erst durch die 68er-Generation aufgebrochen wurde. Lange Zeit wurde in Ost wie West über die Nazizeit geschwiegen - sei es aus Schuldgefühlen, aus Angst, familiäre Gefühle zu verletzen oder das enge Verhältnis zu den nächsten Verwandten zu beschädigen. Hier wie dort wurde das Wort "Jude" - aus Scham, Unsicherheit oder da es noch als Schimpwort galt - nicht in den Mund genommen. Naziterminologie fand sich während der Zeit des "Libanon-Feldzugs" 1982 nicht nur im Osten, sondern auch im Westen. So gab es in den späten 1980er Jahren eine Ausstellung in der Essener Synagoge über das Israelbild des SPIEGEL, wo 1982 von der "Endlösung der Palästinenserfrage" oder der "Vernichtungspolitik der Israelis" die Rede war. Nicht nur im Osten, sondern auch im Westen hatte es in den 80er Jahren Abwehr gegeben, wenn Geschichtsinitiativen Zeitzeugen befragen wollten, um die Geschichte vor Ort aufzuarbeiten und natürlich hing es auch in der Bundesrepublik vom Lehrer ab, ob die NS-Geschichte ausführlich und sensibel thematisiert wurde oder nicht. Am Ende der Veranstaltung hatten wohl alle das Gefühl, viel Neues gelernt zu haben. Eine Besucherin meinte: "Solche Veranstaltungen müßte man viel öfter machen."
Weiterführende bzw. Hintergrundinfos: Gregor Gysi: Die deutsche Linke und der Staat Israel, Rede des Fraktionsvorsitzenden der Partei "Die Linke" bei einer Tagung der Rosa-Luxemburg-Stiftung zum 60. Jubiläum des Staates Israel am 14. April 2008. An Israels Seite. Lesen Sie einen spannenden Artikel von Sebastian Voigt, Mitglied von "Shalom", einem Arbeitskreis innerhalb der Jugendorganisation der Parteilinken, vom 20.05.2008 im TAGESSPIEGEL. Linkspartei - Ein Problem namens Israel. Artikel von Jan-Phillip Hain im STERN vom 23.05.2008.http://www.glasnost.de/autoren/behrend/sedjuden.htmlManfred Behrend, Zwischen Wertschätzung und Diskreditierung - SED-Führung und Juden, Beiträge zur Geschichte, Glasnost-Archiv 2001Report München: Die Linke und IsraelForum: Gesprächsrunde im Inforadio von rbb zum Thema "60 Jahre Israel" mit Jochen Feilcke, Ilan Mor u.a.Ausstellung der Amadeu-Antonio-Stiftung in Trier mit anschließender Veranstaltungsreihe "Der neue Antisemitismus ist nicht neu", 16 vor - Nachrichten aus Trier vom 18. August 2008
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